Das Magazin der Ärztekammer Steiermark September 2026 Ethik. Leiterin Sonja Fruhwald über Aufgaben und Entwicklung des Ethikkomitees. Einsamkeit. Warum junge Frauen besonders belastet sind, weiß Eva Reininghaus. Engagement. Patrizia Constantini-Kump über Führungsverantwortung und Frauenförderung. Österreichische Post AG MZ 02Z033098 M Ärztekammer für Steiermark, Kaiserfeldgasse 29, 8010 Graz, Retouren an PF555, 1008 Wien Neue Jobbörse eHealth-Update Foto: envato/drazenphoto „Das Lebensende ist von Übertherapie geprägt. Die müssen wir reduzieren.“ Palliativmediziner Andreas Köck im Gespräch
Soll Ihr Arzt mehr Zeit für Bürokratie aufwenden müssen als für Ihre Behandlung? Eine Initiative der Ärztekammer für Steiermark Ihre steirischen Ärztinnen und Ärzte Bilden Sie sich Ihre Meinung
Produziert gemäß Richtlinie UZ24 des Österreichischen Umweltzeichens, Medienfabrik Graz, UW-Nr. UZ24-812 Logo für Druck, 4c, dt.: Unten finden Sie das Österreichische Umweltzeichen Druckprodukt. Dabei müssen unbedingt folgende Ric – Platzieren Sie dieses PDF in Ihrem Layout mit 100 % dass nur die von Ihnen gewünschte Logo-Variante im Blume einen Durchmesser von 17 mm und die Schri – Das Umweltzeichen muss genügend Abstand zu and das Logo als eigenständiges grafisches Objekt wiede Hintergrund abgebildet werden. Fotos, detaillierte G – Man kann den Text rechts von der Blume auch ins Im (mit 17 mm Durchmesser!). VERWENDUNG D UMWELTZEICHE MEDIENFABRIK GRAZ, Dreihackengasse 20, 8020 Graz ,T +43 (0)316/8 BUCHTIPP Medizin im Klimawandel Ein Leitfaden für die Praxis Österreichische Ärztekammer (Heinz Fuchsig) 1. Auflage, 96 Seiten ISBN: 978-3-99052-255-4 Hitze, neue Erreger und veränderte Krankheitsbilder fordern den medizinischen Alltag zunehmend heraus. Dieser kompakte Leitfaden bietet Ärzt:innen fundiertes Basiswissen zu den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels sowie praxisnahe Tipps: von der patientenzentrierten Prävention bis hin zu Maßnahmen für einen klimafreundlichen Praxis- und Spitalsbetrieb. Ein unverzichtbarer Wegweiser für die Zukunft. Auch als E-Book erhältlich. DATUM 21. September Der Welt-Alzheimertag am 21. September betont auch die Schlüsselrolle der Ärzteschaft: Eine frühe Differenzialdiagnose, präventive Lebensstilberatung und das Management vaskulärer Risikofaktoren sind zentral, um den Progress zu verzögern und die Lebensqualität von Patient:innen und Angehörigen möglichst lange zu erhalten. LINK: Der menschliche Zell-Atlas im Browser The Human Protein Atlas ist ein frei zugängliches schwedisches Großforschungsprojekt, das sämtliche menschliche Proteine in Geweben, Zellen und Organen auf hochauflösenden mikroskopischen Bildern und 3D-Karten kartiert. Es lässt sich bis auf Einzel- zellebene hineinzoomen, um die exakte Lokalisation von Proteinen im direkten Vergleich zwischen gesundem und krankem Gewebe zu visualisieren – visuell beeindruckend und wissenschaftlich auf höchstem Niveau. www.proteinatlas.org ZAHL 3:1 In Österreich sterben jährlich rund dreimal so viele Menschen durch Suizid wie im Straßenverkehr (ca. 1.200 Suizidtote stehen rund 400 Verkehrstoten gegenüber). Eine Tatsache, der nicht nur im Monat des Welttags der Suizidprävention durch Entstigmatisierung und Früherkennung verstärkte Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Foto: the human protein atlas, Verlagshaus der Ärzte FORTBILDUNGSTIPP Grazer Fortbildungstagen - Vorsymposium „Zukunft des Gesundheits- und Forschungsstandorts Österreichs“ Unter der Leitung der beiden Kammerpräsidenten Dr. Michael Sacherer (Ärztekammer) und Ing. Josef Herk (Wirtschaftskammer) werden mit hochkarätigen Expertinnen und Experten Themen wie „Innovation ermöglichen, Versorgung sichern: Gesundheitspolitische Weichenstellungen“ und „Vom Labor zum Markt zum Patienten: Wertschöpfungsketten im Life-Science-Standort Österreich“ diskutiert. Mittwoch, 7. Oktober 2026, 17.00 Uhr, Congress Graz Anmeldung & Programm: www.med.or.at/vorsymposium UPDATE IM SEPTEMBER SCHLAGZEILE Rekordhitze stellt Spitäler vor Herausforderungen „Es braucht flächendeckend in allen unseren Spitälern ausreichend Kühlung“, fordert Gehard Posch, Kurienobmann Angestellte Ärzte, im ORFInterview. ORF TV Aktuell nach fünf, 5. August 2026 IMPRESSUM: Medieninhaber (Verleger): Ärztekammer für Steiermark, Körperschaft öffentlichen Rechts | Redak- tionsadresse: 8010 Graz, Kaiserfeldgasse 29, Tel. 0316 / 8044-0, Fax: 0316 / 81 56 71, E-Mail: presse@aekstmk.or.at | Chefredaktion: Mag.a Beate Mosing | Redaktion: Mag.a Edith Preiß, Verena Viehmann, M.A., Thomas Zenz | Produktion: CONCLUSIO PR Beratungs GmbH, Schmiedgasse 38, 8010 Graz | Anzeigen: Gernot Zerza, Tel.+43 664 2472673, E-Mail: zerzagernot@gmail.com; Mit „Promotion“ gekennzeichnete Texte sind entgeltliche Veröffentlichungen im Sinne § 26, Mediengesetz. | Druck: Stmk. Landesdruckerei GmbH, 8020 Graz | Abonnements: Eva Gutmann, Ärztekammer Steiermark, Tel. 0316 / 804440, Fax: 0316 / 81 56 71. Jahresabonnement (11 Ausgaben) EUR 25,–. ÆRZTE Steiermark || 09|2026 3
THEMEN Fotos: envato/IrinaG1504, evnato/o1559kip THEMEN „Das Reden über das Sterben hat noch niemanden umgebracht“ 8 Hospizverein Steiermark 11 Ethikkomitee: Unterstützung in komplexen Situationen 12 Novelle zum Sterbeverfügungsgesetz 14 Onlineberatung – schnell, rechtlich sicher und unkompliziert 15 Start eines neuen Formats: Der TÄ-Fortbildungsmonat 17 Neurodermitis: Neue Wege zur gezielten Behandlung 18 Verleihungen 24 Darmkrebsvorsorge: Neues Institut in Weiz eröffnet 25 Gerne Ärztin. Mit viel Forscherdrang und Faszination 29 GFT. Gut gerüstet durch die ersten 100 Tage 31 Verkürzte Basisausbildung: 6 Monate seit August 33 Arzt im Besonderen Dienst: Mein Rezept für Bewegung 34 „Safe Hearts Allianz“ will Vorsorge neu aufstellen 37 Erlesen. Spannung, Steiermark und Sanitatis 38 Rechtsfragen bei Werbung 40 Wirtschaft & Erfolg. Investments von Fußball bis Vatikan 42 Angehörige abgesichert: Unterstützung durch Sterbegeld 44 Zwischen Tech-Boom, Zinsen und Teuerung 45 Med Uni Graz. Koffein kann junge Herzen gefährden 46 Med Uni Graz. Fettstoffwechsel als neuer Ansatz bei HFpEF 47 ANGESTELLTE ÄRZTINNEN UND ÄRZTE Volle Ambulanzen sind kein Naturgesetz 50 Starker Standort: Vorteile der Ausbildung auf der Stolzalpe 52 Zeit für Weiterbildung: Die neuen Modelle 54 Service News 56 NIEDERGELASSENE ÄRZTINNEN UND ÄRZTE Richtiger Einsatz von KI-Tools in Ordinationen 58 Kassenverhandlungen 2026: Jetzt muss verhandelt werden 61 Neues Handbuch für die Diagnosendokumentation 62 Achtung: Unregelmäßige ÖGK-Zahlungen 63 Voraus- und Restzahlungen – Regelungen bei der ÖGK 64 Debatte 6 News 49 Kleinanzeigen 66 Personalia 71 Cartoon 77 Ad Personam 80 KAISERSCHNITT-RATE Mit 38,5 % Kaiserschnitt-Quote liegt die Steiermark an der Spitze. Ein Blick auf Ursachen, Haftungsfragen und den Wunsch nach Planbarkeit. Seite 20 EINSAMKEIT Einsamkeit trifft immer öfter junge Menschen: 53 % der Frauen unter 35 fühlen sich isoliert. Eva Reininghaus analysiert Ursachen und Folgen. Seite 22 4 ÆRZTE Steiermark || 09|2026
THEMEN Wir haben den steirischen Ärzt:innen in diesem Monat die Frage gestellt, wie sie die Gesundheitskompetenz ihrer Patient:innen im Schnitt einschätzen. Der Befund war klar: 50,7 % der Teilnehmer:innen sind der Meinung, dass in sehr vielen Fällen kaum Gesundheitskompetenz vorhanden ist. Weitere 38,8 % sagen, dass die Patient:innen im Schnitt eher mäßig informiert sind und gesundheitliche Informationen kaum einordnen können. Die Ursache sehen einige Ärzt:innen klar bei Internet und Social Media, die Corona-Zeit habe hier tiefe Spuren hinterlassen. Bei Google, KI und Co. würden sich viele Patient:innen (falsche) Informationen holen, was dazu führt, dass die Ärzt:innen mehr Zeit für Aufklärung verwenden müssen, um Falsches zu korrigieren und von medizinischen Fakten zu überzeugen. Vielfach würden Lappalien zu Dramen hochstilisiert. Der Wunsch, den die Ärzt:innen formulieren, ist klar, Gesundheitsbildung müsse in den Lehrplänen verankert werden. Der größte Reformbedarf im Gesundheitssystem: Die Menschen müssen lernen, selbst Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen. EPIKRISE Kurze Nachrichten aus der Redaktion Soziale Medien: X/Twitter: www.twitter.com/ AERZTE_NEWS Facebook: www.facebook. com/aerztekammer.stmk/ und Facebook-Gruppe für steirische Ärztinnen und Ärzte Youtube: AERZTE_NEWS Instagram: www.instagram. com/aerztekammerstmk Foto: Ärztekammer Steiermark KI - Chance oder Ende der Gesundheitskompetenz? DAS BILD DES MONATS. Die Tarifsituation im niedergelassenen Bereich, Gesundheitsreformbestrebungen, Kassenarztsituation und Spitalswesen waren Themen beim Austausch deutschsprachiger Ärzteorganisationen bei der Konsultativtagung in Bad Gögging. Mit dabei von der ÄK Steiermark: Gerhard Posch, Dietmar Bayer und Gerd Wonisch (v. l.). ÆRZTE Steiermark || 09|2026 5 AERZTE-Frage des Monats: Wie schätzen Sie die Gesundheitskompetenz Ihrer Patient:innen im Schnitt ein? Sie sind gut informiert. Im Schnitt eher mäßig informiert. In sehr vielen Fällen ist kaum Gesundheitskompetenz vorhanden. Weiß nicht. Antworten: 134 50,7 % 38,8 % 9 %
INTRA KONT A 6 ÆRZTE Steiermark || 09|2026 DEBATTE Elisabeth Meixner Schule, die gut tut Mit dem Schulstart beginnt mehr als ein neues Unterrichtsjahr. Schule ist ein Ort des sozialen Miteinanders, vermittelt Wissen, hilft, Begabungen zu entdecken, und stärkt junge Menschen auf dem Weg zum gesunden und selbstbestimmten Leben. Gesundheitskompetenz ist deshalb als übergreifendes Thema in den Lehrplänen verankert. Dazu gehört, Gesundheitsinformationen zu verstehen und gute Entscheidungen zu treffen. Das reicht von ausgewogener Ernährung und Bewegung bis zum psychischen und sozialen Wohlbefinden. Auch über Smartphones und den Konsum digitaler Medien müssen wir offen sprechen. Digitalisierung ist kein Selbstzweck: Ein Bildschirm oder Display allein ist nicht pädagogisch wertvoll. Digitale Werkzeuge können den Unterricht bereichern. Wo jedoch Erreichbarkeit, Vergleichsdruck und Reizüberflutung Konzentration, Schlaf oder seelisches Gleichgewicht beeinträchtigen, braucht es klare Regeln, Medienkompetenz und Freiräume sowie eine bewusste Stärkung des analogen Miteinanders. Bewegung stärkt den Körper, die Konzentration und das Gemeinschaftsgefühl. Ebenso unverzichtbar sind musischkreative Fächer: Musik und kreatives Gestalten schaffen Ausdrucksräume, in denen es keine vorgefertigten Lösungen oder Multiple-Choice-Antworten gibt. Schule muss Talente erkennen und fördern und junge Menschen auf ihren eigenen Lebensweg vorbereiten. Zu guter Bildung gehört auch Herzensbildung: Empathie, Respekt, Verantwortung und ein fairer Umgang miteinander. Diese Fähigkeiten lassen sich nicht „herunterladen“, sondern sie wachsen in einer Schulkultur, in der jedes Kind gesehen, gefördert und gefordert wird. Unsere Schulärztinnen und Schulärzte leisten dazu einen unverzichtbaren Beitrag. Sie erkennen Auffälligkeiten, beraten vertraulich und bilden eine wichtige Schnittstelle zwischen jungen Menschen, Eltern, Schule und Gesundheitssystem. Gerade bei physischen und psychischen Belastungen ist ihre Arbeit besonders wertvoll. Gesunde Schule gelingt durch das Zusammenwirken von Pädagogik, Medizin, Schulpsychologie, Eltern und Unterstützungssystemen. Denn gute Bildung fragt nicht nur, was ein Kind weiß, sondern auch, wie es ihm geht und was es für ein gesundes Aufwachsen braucht. HRin Elisabeth Meixner, BEd Bildungsdirektorin Gerhard Posch In den Spitälern geht es (zu) heiß her Heiß her geht es in den steirischen Spitälern derzeit vor allem wegen der Temperaturen. Der heurige Sommer hat es gezeigt, dass der Klimawandel im Spitalsalltag angekommen ist. Er gefährdet die Patientensicherheit und belastet die Ärzt:innen körperlich und psychisch. Umso unverständlicher, dass die Dienstgeber dieses langfristige Thema noch immer nicht mit der nötigen Konsequenz behandeln. Ventilatoren und Lüftungsappelle reichen nicht. Unsere Spitäler müssen hitzeresistent werden, die Dienstgeber sind gefordert - nicht irgendwann, sondern jetzt. Heiß her geht es aber nicht nur bei den Temperaturen. Auch bei den unkontrollierten Patientenströmen wiederholt sich Jahr für Jahr dasselbe Bild. Überfüllte Ambulanzen im Herbst und im Winter sind vorhersehbar und werden trotzdem seit Jahren als unabänderlich hingenommen. Wer weiß, dass mit der Infektsaison der Druck auf das System steigt, muss daraus auch Konsequenzen ziehen: Patientenwege müssen sich verändern, nicht nur die Fallzahlen. Information, wie sie die Ärztekammer seit Jahren bietet, ist ein erster wichtiger Beitrag zur Gesundheitsbildung. Sie hilft jenen, die ihr Anliegen selbst einordnen können. Wo das nicht gelingt, braucht es den nächsten Schritt: die verbindliche Patientenlenkung. Der erste Weg für Patient:innen muss – abgesehen von Notfällen – in den niedergelassenen Bereich führen. Dafür allerdings müssen niedergelassener Bereich, Bereitschaftsdienste, Primärversorgungseinheiten und Spitäler als ein System gedacht werden, mit regional passenden statt pauschalen Lösungen – und tragfähigen Rahmenbedingungen für jene, die diese Versorgung tragen. Die Lehre aus beidem ist ähnlich: Gute Konzepte sind kein Ersatz für konsequente Umsetzung. Ob Hitzeschutz oder Patientenlenkung, am Ende zählt, was bei Patient:innen und Personal tatsächlich ankommt. Dr. Gerhard Posch Obmann der Kurie Angestellte Ärzte Fotos: Oliver Wolf, Furgler
Im Gesundheitswesen geht es nicht darum, Mängel schönzureden oder Wartezeiten zu rechtfertigen. Es geht mitunter darum, richtig zu priorisieren und zu lenken. Akutes und Dringliches muss rasch versorgt werden. Planbares darf geplant werden. Nur auf diese Weise werden Ressourcen so genutzt, wie sie wirklich gebraucht werden. Patientinnen und Patienten haben Anspruch auf verlässliche Versorgung. Um diese langfristig sicherzustellen gehört auch dazu, medizinische Notwendigkeit von Erwartung zu unterscheiden. Eine Vorsorgeuntersuchung kann rechtzeitig vereinbart werden, nicht jede von Patientenseite gewünschte Untersuchung ist medizinisch sinnvoll. Medizin ist kein Bestellkatalog. Wer Ressourcen sinnvoll einsetzen will, muss sagen dürfen, was notwendig ist und was nicht. Auch für Ärztinnen und Ärzte gibt es Grenzen. Einsatz, Flexibilität und Verantwortung gehören zu unserem Beruf. Dauerhafte Überstunden, zusätzliche Aufgaben und immer mehr Bürokratie dürfen aber nicht zur Normalität werden. Wer ärztliche Verantwortung permanent als Reserve des Systems einplant, überstrapaziert jene, die es tragen. Auch das System selbst ist nicht unbegrenzt belastbar. Medizinischer Fortschritt, demografische Entwicklung und steigender Versorgungsbedarf erhöhen den Druck. Deshalb braucht es ausreichende Kapazitäten, zusätzliche Kassenarztstellen in der Steiermark, und das bei weniger Bürokratie und einer klaren Patientenlenkung. Zumutbarkeit heißt, das richtige Maß zu finden. Medizinisch Notwendiges muss verfügbar sein, Ärztinnen und Ärzte brauchen tragfähige Arbeitsbedingungen und das System muss außerdem richtig finanziert werden. Wir können uns glücklich schätzen, über ein gutes Gesundheitssystem zu verfügen, das in vielen Ebenen stark belastbar ist. Aber es darf von keiner Seite überstrapaziert werden. Dafür braucht es klare Prioritäten, Verantwortung und natürlich auch eine Portion Hausverstand. Dr. Michael Sacherer Präsident der Ärztekammer Steiermark ÆRZTE Steiermark || 09|2026 7 Eine starke Interessenvertretung beginnt nicht erst am Verhandlungstisch. Sie beginnt dort, wo wir wissen, was Ärztinnen und Ärzte in ihrem Berufsalltag tatsächlich beschäftigt. Genau deshalb ist der Service für unsere Mitglieder ein wesentlicher Teil der Arbeit der Kurie der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. Ob Niederlassung, Verträge, Abrechnung oder Praxisführung: Wer konkrete Fragen hat, braucht rasch verlässliche Antworten und fundierte Expertise. Diese Expertise entsteht nicht von heute auf morgen. Viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügen über Spezialwissen, das über Jahre gewachsen ist. Wenn erfahrene Kolleginnen und Kollegen etwa aufgrund von Pensionierungen ausscheiden, darf dieses Wissen nicht verloren gehen. Deshalb sorgen wir frühzeitig für eine strukturierte Übergabe und arbeiten neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gezielt ein. So sichern wir Qualität und Kontinuität. Die tägliche Beratung leistet dabei weit mehr als Unterstützung im Einzelfall. Im direkten Austausch mit unseren Mitgliedern zeigt sich unmittelbar, wo Probleme entstehen, welche Regelungen in der Praxis nicht funktionieren und wo Veränderungen notwendig sind. Dieses Wissen fließt direkt in unsere standespolitische Arbeit ein. Service und Interessenvertretung gehören daher untrennbar zusammen. Wer die Herausforderungen der Kolleginnen und Kollegen aus der täglichen Praxis kennt, kann ihre Anliegen gezielter und glaubwürdiger vertreten. Eine starke Kurie braucht beides: Durchsetzungskraft bei den großen berufspolitischen Fragen und Kompetenz bei den konkreten Anliegen des ärztlichen Alltags. Denn gute Standespolitik muss am Ende dort ankommen, wo sie gebraucht wird – bei den Ärztinnen und Ärzten in ihren Ordinationen. Prof. Dr. Dietmar Bayer Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte EXTRA Dietmar Bayer Service, der ankommt STANDORTBESTIMMUNG Michael Sacherer Das Maß an Zumutbarkeit DEBATTE Fotos: Schiffer (2)
8 ÆRZTE Steiermark || 09|2026 COVER Foto: envato/simonapilolla „Das Reden über das Sterben hat noch niemanden umgebracht“ Wenn man „nichts mehr machen kann“, wie es oft heißt, dann ist noch viel zu tun, weiß Andreas Köck. Der Arzt leitet die Koordination der Hospiz-/Palliativbetreuung und integrierten Versorgung der KAGes. Palliativmedizin – ein Thema, bei dem er immer wieder mit Missverständnissen konfrontiert ist. „Palliativmedizin ist Lebensmedizin. Eines der größten Missverständnisse ist, dass es im Palliativbereich nur um Leiden, Tod und Sterben geht.“, betont Andreas Köck. Außerdem gehen viele davon aus, dass sich Palliativmedizin vorwiegend an onkologische Patient:innen richtet. Dabei sollte jeder Mensch am Ende seines Lebens, wenn es notwendig ist, Zugang dazu haben, betont der Intensivmediziner. Aus diesem Grund müsse Hospiz- und Palliativmedizin auch besser in der Grundversorgung etabliert werden, meint Köck: „Überall dort, wo Menschen versterben, braucht es Zeit für Gespräche und das Wissen um Symptomlinderung.“ Es geht dabei um Punkte, wie das offene Ansprechen von Lebensbegrenzungen bis hin zur Dokumentation des Patientenwillens im Sinne von „Was will ich und was will ich nicht mehr“. Das frühzeitige Handeln ist in der Palliativmedizin wesentlich. Doch was heißt frühzeitig und was ist rechtzeitig? Köck verweist auf die „Surprise Question“ als allgemeine Annäherungsfrage: „Wären Sie überrascht, wenn Ihr Patient in 6 Monaten versterben würde? “ Im Fall einer Verneinung wäre eine Palliativversorgung wahrscheinlich sinnvoll. Übertherapie reduzieren „Wenn Palliativ-Teams hinzugezogen werden, gibt es anfangs immer wieder Vorbehalte und eine gewisse Hemmschwelle gegenüber einer Mitbetreuung. Diese werden in der Regel nach den ersten Kontakten abgebaut. Wenn wir frühzeitig palliativmedizinisch ansetzen, kann es bei vielen fortgeschrittenen unheilbaren Krankheitsbildern zu einer deutlichen Steigerung der Lebensqualität kommen, in manchen Fällen sogar zu einer Lebensverlängerung“, das zeigen Studien und das weiß Köck aus der langjährigen Erfahrung. Problematisch ist für ihn vor allem ein Punkt: „Es ist ein Faktum, dass das Ende des Lebens von einer Übertherapie geprägt ist. Die müssen wir unbedingt reduzieren und in den Griff bekommen, um den Patient:innen und ihren Wünschen gerecht zu werden. Die meisten wollen zum Beispiel zu Hause sterben. Wir müssen erst nachfragen, was jemand will, ihn begleiten und das auch mit dem betreuenden Umfeld der Patient:innen kommunizieren – das Reden über das Sterben hat noch niemanden umgebracht.“
ÆRZTE Steiermark || 09|2026 9 Oft würden die Patient:innen versuchen, ihre Angehörigen zu schützen – und umgekehrt. Wird das Thema Lebensende aber zwischen ihnen offen angesprochen, dann kann man sich erst wirklich gegenseitig unterstützen. Abgestuftes Modell Die Strukturen der Hospiz/ Palliativversorgung bilden sich im abgestuften Modell ab. (siehe Grafik) Jeder Hausarzt und jede Hausärztin kann hier in die jeweilige Versorgungsebene zuweisen. Im Krankenhaus steht der Palliativkonsiliardienst zur Verfügung– „letzterer muss auch noch stärker in die Köpfe der Kolleg:innen, um schon frühzeitig die palliativmedizinische Sichtweise einzubringen und im besten Fall entsprechend dem Patientenwillen unnötige Krankenhauseinweisungen zu verhindern“. In sehr komplexen Situationen und das ist nur bei 20 % aller Versterbenden der Fall, sollte die spezialisierte Versorgung im Sinne des abgestuften Modells zum Tragen kommen, so Köck. Das Team ist übrigens immer multiprofessionell unterwegs, die Interdisziplinarität ist ein wesentlicher Faktor – Ärzt:innen, Pflegende, Sozialarbeiter:innen, Hospizmitarbeiter:innen und teilweise auch Seelsorgende sind Teil des Teams. Leuchtturmprojekt Andreas Köck leitet die Koordinationsstelle, die bei der KAGes angesiedelt ist und in enger Abstimmung mit dem Land und dem Gesundheitsfonds Steiermark arbeitet. „Wir stimmen uns mit den Trägern ab und treiben den Aus- und Aufbau voran. Wir sind Servicestelle für sämtliche Anfragen für die Hospiz- und Palliativversorgung sowie den laufenden Betrieb und zuständig für Qualitätssicherung, Fortbildung und Öffentlichkeitsarbeit.“ Leuchtturmprojekt ist die flächendeckende mobile Palliativversorgung in der Steiermark. Ausbaubedarf gibt es bei stationären Erwachsenenhospizen, Tageshospizen und Kinderhospizen. 18 Hospizbetten sind derzeit in Graz vorhanden, 30 wären der Planwert laut RSG. Mit dem Hospiz- und Palliativfondsgesetz hat der Bund 2022 eine Finanzierungslücke in diesem Bereich geschlossen – die Gelder in diesem Fonds sind zweckgewidmet und stehen den Ländern für den Aus-und Aufbau zur Verfügung. Lebensqualität Ärzt:innen, die nicht im Palliativbereich tätig sind, müssen bestmöglich unterstützt werden hinsichtlich Symptomlinderung und Schmerztherapie am Lebensende, Zeitressourcen für Gespräche und rechtliche Sicherheit in Bezug auf Therapiezieländerung und Dokumentation des Patientenwillens. Im Vordergrund steht immer die Lebensqualität. Vorsorgegespräch Doch wie soll ein gutes Vorsorgegespräch aussehen? „Man muss die Patient:innen in ihrer Situation sehen und anhören – sie müssen das Gefühl haben, dass sie in ihrer Gesamtheit wahrgenommen werden, nicht nur in der Diagnose. Wichtig ist auch das Miteinbeziehen der An-und Zugehörigen“, erklärt Köck. Medizinische Wünsche, persönliche Werte, sind wichtiger Teil eines guten Vorsorgegesprächs, aber auch der Wert COVER „Es ist ein Faktum, dass das Ende des Lebens von einer Übertherapie geprägt ist. Die müssen wir unbedingt reduzieren.“ Andreas Köck Leitung Koordination Hospiz-/Palliativbetreuung Foto: privat
COVER von Vorsorgeinstrumenten wie Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht müssen erklärt werden. Nach dem Ableben von Patient:innen werden in der spezialisierten Versorgung die Angehörigen in ihrer Trauer begleitet und Nachsorgethemen besprochen. Mehr Bewusstsein „Die drei wichtigsten Punkte im Zusammenhang mit der Palliativmedizin sind Kommunikation, Kommunikation und Kommunikation“, betont der Arzt. „Dafür braucht es aber auch Zeit und die muss den Hausärzt:innen auch abgegolten werden.“ In der Ärzteausbildung wünscht sich Köck mehr palliativmedizinische Inhalte, mehr Offenheit für die Geriatrie und mehr Ärzt:innen für die Palliativbetreuung. Insgesamt brauche es in unserer Gesellschaft mehr Bewusstsein: „Wir müssen Leben, Tod und Sterben immer wieder als Themen reinholen und uns damit auseinandersetzen: „Was will ich, und was will ich nicht mehr.“ Denn im Endeffekt geht es um ein würdevolles Leben.“ Webinare Die Themen Hospiz und Vorsorgevollmacht werden am 21. Oktober (17.30 Uhr) und am 5. November (18.15 Uhr) in den neuen Webinaren der Ärztekammer für Steiermark behandelt. Mehr Infos unter Themen rund um die Palliativmedizin im ärztlichen Alltag Ärzt:innenUmfrage JETZT TEILNEHMEN! Hospiz- und Palliativversorgung Grundversorgung Einrichtung/Dienstleister:innen Krankenhäuser stationäre Pflege und Betreuung (Wohn- und Pflegeheime, Betreuungseinrichtungen) niedergelassener Bereich (Fach-)Ärzt:innen, Primärversorgungseinheiten, mobile Betreuungs- und Pflegedienste, Therapeut:innen etc. einfache Situationen (80 bis 90% der Sterbefälle) komplexe Situationen, schwierige Fragestellungen (10 bis 20% der Sterbefälle) Akutbereich Langzeitbereich Familiebereich, Zuhause begleitende/unterstützende Angebote betreuende Angebote spezialisierte Hospiz- und Palliativversorgung Palliativkonsiliardienste Palliativstationen stationäre Hospize Tageshospize Mobile Palliativteams Hospiz -teams 10 ÆRZTE Steiermark || 09|2026
Foto: envato/Pressmaster HOSPIZVEREIN ÆRZTE Steiermark || 09|2026 11 Hospizverein Steiermark Ergänzend dazu bietet der Hospizverein eine Vielzahl von Aus-, Fort- und Weiterbildungen zu Themen wie Schmerztherapie, Symptomkontrolle, Trauerarbeit - nicht nur für Betroffene, sondern auch für die interessiert Öffentlichkeit an, was die Bewusstseinsbildung und Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu diesen Themen entscheidend verbessert. Klienten:innen Der Hospizverein Steiermark betreut chronisch-unheilbar kranke Erwachsene und Kinder ergänzend zu den professionellen Dienstleistern in Krankenanstalten, Pflegeeinrichtungen sowie im häuslichen Umfeld. Dies geschieht in Form psychosozialer Unterstützung, durch entlastende Gespräche mit den Betroffenen sowie ihren An- und Zugehörigen. Die Betreuung inkludiert auch die Begleitung Trauernder nach dem Versterben eines Klienten bzw. einer Klientin. Mitarbeiter:innen Der Großteil der Mitarbeiter:innen arbeitet ehrenamtlich und mit hohem Engagement sowohl in der unmittelbaren Begleitung der Klient:innen als auch in der Organisation der einzelnen Teams in den verschiedenen Regionen der Steiermark. Eine entsprechende Kompetenz der Mitarbeiter:innen wird durch die verpflichtenden Grundseminare sowie Weiterbildungsangebote des Vereins sichergestellt. Organisation In regionalen Teams wird die Begleitung Betroffener koordiniert, aber auch entsprechende Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit vor Ort geleistet. Niedergelassene aber auch angestellt tätige Ärzt:innen treten mit den Teamkoordinator:innen in Kontakt, wenn sie dieses Unterstützungsangebot für ihre Patient:innen nutzen möchten. Darüber hinaus gibt es spezielle Schwerpunktsetzungen mit Projekten wie „Hospiz und palliative care im Pflegeheim“ oder „Hospiz macht Schule“, in denen unterschiedliche Zielgruppen angesprochen werden. Finanzen Der Hospizverein Steiermark bemüht sich kontinuierlich um Spendengelder, da die öffentlichen Mittel nicht ausreichen würden. Diese Mittel der öffentlichen Hand sind an bestimmte Bedingungen geknüpft und erfordern eine genaue Dokumentation, um deren Verwendung überprüfbar zu machen. Der Verein ist daher auf Spendengelder angewiesen und stellt eine wesentliche Säule des Gesundheitswesens in Bezug auf die Betreuung chronisch kranker und sterbender Menschen dar, was wegen der vorhersehbaren Zunahme Betroffener und der Ressourcenknappheit im öffentlichen Bereich an Bedeutung gewinnen wird. Weitere Informationen unter www.hospiz-stmk.at Der Hospizverein Steiermark besteht seit 1993 als eigenständiger, gemeinnütziger, überparteilicher und religionsunabhängiger Verein. Mehr als 800 ehrenamtliche Mitglieder betreuen jährlich etwa 4.000 Schwerkranke und sterbende Menschen kostenlos.
Anlass für die Gründung des Klinischen Ethikkomitees des LKH-Univ. Klinikum Graz war es, die Behandlungsteams bei schwierigen Entscheidungsprozessen zu unterstützen, um eine dem Patientenwillen entsprechende, ethisch vertretbare Lösung zu finden. Denn durch die zunehmenden Möglichkeiten der modernen Medizin wurde und wird es in Grenzbereichen immer schwieriger, unter Berücksichtigung ethischer Gesichtspunkte, die nutzbringendste Behandlung für Patient:innen zu finden. Anforderung 30 bis 50 Konsile finden pro Jahr statt, daneben gibt es viele Anfragen, die auch ohne Konsil gelöst werden können, erklärt Sonja Fruhwald, Vorsitzende des Klinischen Ethikkomitees: „Angefordert wird ein Konsil elektronisch vom behandelnden Arzt bzw. der Ärztin. Angeregt kann es aber von jeder Person werden, die in die Betreuung der Patient:in involviert ist oder auch von deren Angehörigen.“ Je nach Problematik werden Expert:innen für die juristischen, medizinischen oder psychologischen Fragestellungen gesucht – beim Konsil kommen sie mit allen, die in die Betreuung des Patienten bzw. der Patientin eingebunden sind, zusammen. „Ein Konsil dauert 1 bis 2 Stunden, dazu kommt für uns die Vorbereitungszeit, die sehr häufig in der Freizeit stattfindet.“ Meist kann ein Konsil innerhalb von 2 bis 3 Tagen nach Anfrage stattfinden, in dringenden Fällen auch innerhalb von 24 Stunden. Im Fokus „Man hat vor über 20 Jahren begonnen, sich zu überlegen, ob man angesichts der zunehmenden Behandlungsmöglichkeiten immer alles einsetzen muss, was medizinisch machbar ist, auch wenn es nicht nutzbringend für die Patient:innen ist und man oft nur die unabwendbare Sterbephase verlängert“, so die Universitätsprofessorin. Aktuell ist das Team des Ethikkomitees ein interdisziplinäres und multiprofessionelles Team, die Mitglieder weisen eine Ausbildung zu klinischen Ethikberater:innen auf oder streben sie zeitnah an. Das Komitee steht bei Bedarf auch Ethikgruppen an anderen KAGes-Standorten beratend zur Verfügung. Ablauf „Anfangs haben die Behandlungsteams erwartet, dass sie uns die Befunde hinlegen und wir ihnen aufschreiben, was sie tun sollen. Sie waren verwirrt, weil sie sich von uns, wie in einem Konsil, eine ärztliche Anordnung erwartet haben. Als Ethikkomitee ist es aber unsere Aufgabe Gespräche zu moderieren und mit dem Behandlungsteam ein für alle Beteiligten tragbares Vorgehen zu erarbeiten und dieses als Empfehlung zu dokumentieren“, erklärt Sonja Fruhwald. Unterstützt werden die Behandlungsteams bei eigenen Entscheidungen auch mit einem Therapiezieländerungsdokument im Medocs. Durch den interak12 ÆRZTE Steiermark || 04|2026 ETHIKKOMITEE Ethikkomitee: Unterstützung in komplexen Situationen Vor 20 Jahren wurde das Klinische Ethikkomitee des LKH-Univ. Klinikum Graz gegründet, um die Behandlungsteams bei schwierigen Entscheidungsprozessen zu unterstützen. Seitdem wurde viel Know-how aufgebaut. Geleitet wird das Komitee von Sonja Fruhwald. Steiermark || 09|2026 Foto: envato/dekddui1405, Opernfoto Graz „Unsere Aufgabe ist es, das Bewusstsein unserer Kolleg:innen für Probleme und Fragestellungen zu schärfen, die ein ethisches Abwägen und Handeln erfordern und sie zu unterstützen.“ Sonja Fruhwald Vorsitzende des Klinischen Ethikkomitees
ETHIKKOMITEE tiven Aufbau werden die Entscheidungen sehr ausführlich dokumentiert – und damit auch juristisch besser abgesichert. Nicht nur die Denkweise, auch das Wording ist wesentlich: Von einem Therapieabbruch wird nicht mehr gesprochen: „Die Angehörigen müssen verstehen, dass die Patient:innen weiter begleitet werden, nur steht bei einem palliativen Therapieziel die Symptomkontrolle im Vordergrund und nicht mehr die kurative Therapie, aber niemand wird alleine gelassen.“ Entwicklung Heute ist das Ethikkomitee vor allem mit sehr komplexen Themen befasst wie Übertherapie, Spezialbehandlungen, Konflikten im Behandlungsteam oder mit Angehörigen. Aber Fruhwald wird auch von sich aus aktiv: „Wenn ich in der präoperativen Ambulanz auf Patient:innen aufmerksam werde, die vor einem sehr großen Eingriff zu uns kommen, kann es sein, dass ich das Behandlungsteam zusammenhole, um in einer klinischen Perspektivenkonferenz zu besprechen, ob das geplante Vorgehen wirklich der nutzbringendste Weg ist, oder ob es weniger belastende aber ebenso nutzbringende Maßnahmen gibt – z. B. anstelle einer großen sehr komplexen Herzoperation ein interventionelles Vorgehen anzustreben.“ Weitere Schritte Neu wurde auf der Intensivstation der Herzchirurgie eine Ethik-Visite eingeführt: „Die Pflege darf die Patient:innen benennen, die besprochen werden sollen.“ So sollen klinisch-ethische Konflikte im Behandlungsalltag frühzeitig und niederschwellig identifiziert werden. Eines ist Sonja Fruhwald besonders wichtig: „Für die gute Funktion eines Ethikkomitees ist die Unterstützung der Klinikleitung notwendig. Zeit für Vorbereitung und Durchführung der Konsile muss zur Verfügung gestellt und die Aus- und Weiterbildung des Teams muss unterstützt werden.“ ÆRZTE Steiermark || 09|2026 13 Foto: envato/AnnaStills FORTBILDUNG Am 10. Dezember 2026 findet ab 14 Uhr die nächste Fortbildung des Ethikkomitees statt. Neben der Vorstellung des Komitees und des Konsils stehen z. B. auch der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit am Lebensende und der assistierte Suizid als Themen auf dem Programm. Anmeldung: Für Kolleg:innen des Klinikums über den Bildungskalender. Für alle anderen per E-Mail an petra.thier@uniklinikum.kages.at
14 ÆRZTE Steiermark || 09|2026 GESETZESNOVELLE Novelle zum Sterbeverfügungsgesetz Mit der Novelle wird dem Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes vom 12. Dezember 2024 (G 229-230/202357) Rechnung getragen. Jene Regelung, die vorsah, dass eine Sterbeverfügung nach einem Jahr unter Einhaltung des festgeschriebenen Prozederes des Erstantrags erneuert werden muss, wurde aufgehoben (Verstoß gegen den verfassungsrechtlichen Gleichheitsgrundsatz). Neuer § 8a StVfG: Nun gelangt ein vereinfachtes Verfahren zur Erneuerung abgelaufener Sterbeverfügungen innerhalb von fünf Jahren ab ihrer Errichtung zur Anwendung. Anstelle einer umfassenden ärztlichen Aufklärung ist eine ärztliche Bestätigung* beizubringen, um die Sterbeverfügung um ein Jahr zu verlängern. Die Ärzt:innen müssen dabei neuerlich überprüfen und mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass die sterbewillige Person nach wie vor entscheidungsfähig ist, ihr Entschluss, sich selbst zu töten, nach wie vor frei und selbstbestimmt gefasst und aufrecht ist und nach wie vor an einer unheilbaren, zum Tod führenden Krankheit oder einer schweren, dauerhaften Krankheit mit anhaltenden Symptomen leidet, deren Folgen die betroffene Person in ihrer gesamten Lebensführung dauerhaft beeinträchtigen. In weiterer Folge hat die Erneuerung der Sterbeverfügung vor einem/-r Notar/-in oder einem/-r rechtskundigen Mitarbeiter/-in einer Patientenvertretung zu erfolgen, oder sie kann auch direkt vor dem Arzt / der Ärztin erledigt werden, wenn dieser / diese bereit ist, die Erneuerung der Sterbeverfügung in das Sterbeverfügungsregister einzutragen. Die Erneuerung von einem Arzt/ einer Ärztin ist nur dann möglich, wenn dieser / diese über einen Zugang zum Sterbeverfügungsregister verfügt und diese Eintragung vornimmt. Wenn die Erneuerung vor einem Arzt / einer Ärztin erfolgt, dann ergeben sich für diese keine besonderen Verwahrungspflichten, weil die Erneuerung ohnedies aus dem Sterbeverfügungsregister ersichtlich ist. Die Erneuerung von Sterbeverfügungen vor einer ärztlichen Person gemäß § 8a ist ab 1. Februar 2027 zulässig (erforderliche Vorarbeiten im Zusammenhang mit der Anbindung an das Sterbeverfügungsregister). Die (mehrmalige) Erneuerung ist innerhalb von fünf Jahren ab Errichtung der Sterbeverfügung möglich und gilt jeweils für ein Jahr. Foto: envato/PedaltotheStock INFO Assistierter Suizid ist in Österreich seit 2022 zulässig. Vor der Errichtung der Sterbeverfügung – Erstantrag – hat eine Aufklärung durch zwei selbständig berufsberechtigte Ärzt:innen zu erfolgen, von denen zumindest eine/-r eine palliativmedizinische Qualifikation aufzuweisen hat. Die beiden Ärzt:innen müssen unabhängig voneinander die Entscheidungsfähigkeit und den freien Sterbewillen bestätigen. Bestehen diesbezüglich seitens der aufklärenden Ärzt:innen Zweifel, so können sie eine psychologische oder psychiatrische Abklärung zur Feststellung der Entscheidungsfähigkeit veranlassen. Mag. Isabell Polanec, Abteilung Rechts-, Beschwerde- und Disziplinarsachen in der Ärztekammer für Steiermark *Ärzt:innen, die solche Bestätigungen ausstellen, benötigen dafür keine speziellen palliativmedizinischen Qualifikationen.
ÆRZTE Steiermark || 09|2026 15 Fotos: Schiffer, Furgler, envato/digiezstudio SERVICE Was tun bei einem Betrugsversuch an Ordinationen? Wie funktioniert eine Pflegefreistellung, wenn Angehörige plötzlich zu betreuen sind? Welche Ordinationen müssen Tourismusbeitrag bezahlen und wie wird er berechnet? Und was gilt für die Behandlungspflicht und die Behandlungsablehnung? Neues Service aufgebaut Um Ärzt:innen in diesen und vielen anderen Fragen kompetent zu unterstützen, wurde nun ein Onlineberatungs-Service der Ärztekammer für Steiermark aufgebaut. Auf der einen Seite können alle Ärzt:innen nun über ein Online-Tool schnell und unkompliziert Beratungstermine mit den Mitarbeiter:innen der Ärztekammer vereinbaren: Man klickt das gewünschte Thema an – beispielsweise Elternkarenz oder Ärztliche Dokumentation und Aufbewahrungspflicht – und wählt im Kalender den gewünschten freien Termin aus, an dem man dann vom zuständigen Mitarbeiter bzw. der zuständigen Mitarbeiterin ausführlich beraten und rechtlich kompetent informiert werden will. Viele Themen Sowohl für den niedergelassenen Bereich als auch für angestellte Ärzt:innen werden zahlreiche wichtige Themen abgedeckt – und das Informationsangebot soll auch noch weiter wachsen und um aktuelle Themenbereiche erweitert werden. „Zu Ihren Fragen liefern wir Antworten und Lösungen“, freut sich Michael Sacherer, Präsident der Ärztekammer für Steiermark, über das umfassende, neu strukturierte Serviceangebot für alle steirischen Ärzt:innen. Neue Webinare Neben den individuell buchbaren Terminen wartet nun außerdem eine ganze Reihe von neuen Webinaren auf die Ärzt:innen, bei denen sie von unterschiedlichen Referent:innen informiert werden. Das Honorarabrechnungsservice für Kassenärzt:innen (HBS4Ordi), der Urlaubsanspruch (in KAGes- und Non-KAGesHäusern) und vieles mehr stehen laufend auf dem Programm. Übersicht über die aktuellen Webinare: Onlineberatung – schnell und unkompliziert Im ärztlichen Alltag ergeben sich immer wieder wesentliche Fragen, auf die Ärzt:innen eine rechtlich sichere Antwort benötigen. Das neue Onlineberatungs-Service der Ärztekammer deckt genau das ab – mit einem Online-Termin-Buchungstool und Webinaren. „Die meisten Themen, die Sie im ärztlichen Alltag bewegen, können wir online beraten.“ Michael Sacherer Präsident der Ärztekammer für Steiermark „Hochwertig aufbereitete Themen, keine Anfahrtszeit, kompetente Expert:innen, das ist unser neues Beratungsservice.“ Stefan Kaltenbeck Kammeramtsdirektor
16 ÆRZTE Steiermark || 09|2026 WERBUNG Fotos: S&S Conny Leitgeb Labor Dr. Petek, Resselgasse 9/9a, 8020 Graz Tel.: 0316 67 13 31, institut@medlabor.at www.medlabor.at Modernstes Blutprobenmanagement Sicheres Etikettieren der Röhrchen mittels Barcode Schnellere Bearbeitung Übersicht aller verfügbaren Laborbestimmungen inkl. Hinweisen zu Verrechnung, Material und Lagerung Kompatibel mit allen Ordinationssoftware-Systemen PC und Mac Kostenfreies Abnahmebesteck und Verbrauchsmaterial Sie möchten die Vorteile von ELLA auch in Ihrer Ordination nutzen? Kontaktieren Sie uns – wir beraten Sie gerne persönlich! Tel.: 0316 / 67 13 31 www.medlabor.at PROBENABHOLUNG steiermarkweit GRATIS inkl. kostenfreies Abnahmebesteck und Verbrauchsmaterial Elektronische Laboranforderung Einfach etikettiert – sicher verarbeitet: Wir installieren unsere Laborsoftware und den Etikettendrucker in Ihrer Ordination und begleiten Ihr Team mittels ELLA. Röhrchen und Etiketten fordern Sie kostenfrei über unseren Online-Shop an. ELLA Analysen-Verzeichnis und Befundserver auf unserer Website WERBUNG
ÆRZTE Steiermark || 09|2026 17 GERHARD WIRNSBERGER Gerade am Beginn der ärztlichen Tätigkeit ist Fortbildung besonders wertvoll, wenn sie unmittelbar in den klinischen Alltag übertragen werden kann. Ergänzend zum bestehenden Fortbildungsangebot startet die Ärztekammer für Steiermark daher im November 2026 mit einem neuen, speziell auf junge Ärzt:innen zugeschnittenen Format: dem Turnus- und AssistenzarztFortbildungsmonat. Das Konzept ist bewusst praxisnah ausgerichtet. Im Mittelpunkt stehen klinische Fragestellungen und praktische Fertigkeiten, die im Krankenhaus ebenso wie später in der fachärztlichen Tätigkeit benötigt werden. Das Format soll künftig mindestens einmal jährlich stattfinden und zu einem fixen Bestandteil des Fortbildungsprogramms für junge Kolleg:innen werden. Start: 12. November Den Auftakt bildet am Donnerstag, 12. November 2026, von 16:00 bis 20:00 Uhr eine Radiologische Befundbesprechung im Hörsaal der Universitätsklinik für Radiologie. Im Mittelpunkt stehen die strukturierte Interpretation radiologischer Befunde, das Erkennen relevanter Veränderungen und deren klinische Einordnung. Einführung Sonographie Am Samstag, 21. November 2026, von 09:00 bis 18:00 Uhr folgt eine Einführung in die Sonographie. Ultraschall ist aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken. Gerade für junge Ärzt:innen ist ein früher strukturierter Einstieg besonders wertvoll. Neben den technischen Grundlagen steht daher vor allem die praktische Anwendung im Vordergrund. Nahtkurse Abgeschlossen wird der Fortbildungsmonat am Freitag, 27. November 2026, mit zwei Nahtkursen „Kleine Chirurgie“ im Skills Center der Universitätsklinik für Chirurgie. Kurs 1 findet von 16:00 bis 18:00 Uhr, Kurs 2 von 18:30 bis 20:30 Uhr statt. Grundlegende chirurgische Versorgung der häufigsten chirurgischen Pathologien (Schnittführung und Umgang mit Weichteilgewebe, Abzeßversorgung, Keilexzision, korrekte Entfernung suspekter Hautveränderungen) werden praktisch trainiert. Gezielte Förderung Mit dem neuen Turnus- und Assistenzarzt-Fortbildungsmonat möchte die Ärztekammer für Steiermark gezielt jene Kompetenzen fördern, die junge Ärzt:innen im klinischen Alltag benötigen. Praxisnähe, unmittelbare Anwendbarkeit und persönliches Training in überschaubaren Gruppen stehen dabei im Vordergrund. Unser Ziel ist es, jungen Kolleg:innen nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern ihnen zusätzliche Sicherheit für den ärztlichen Alltag mitzugeben. Das Format soll deshalb auch in den kommenden Jahren weiterentwickelt und um zusätzliche praxisrelevante Themen ergänzt werden. TAFF: Der Turnus- und Assistenzarzt-Fortbildungsmonat Praxiswissen für den ärztlichen Alltag zugeschnitten auf junge Ärzt:innen bietet die Ergänzung zum bestehenden Fortbildungsangebot der Ärztekammer für Steiermark, die im November erstmals über die Bühne geht. DIE TERMINE IM ÜBERBLICK 12. November 2026 | 16:00–20:00 Uhr Radiologische Befundbesprechung Universitätsklinik für Radiologie 21. November 2026 | 09:00–18:00 Uhr Einführung in die Sonographie Skills Center der Universitätsklinik für Chirurgie 27. November 2026 | 16:00–18:00 Uhr Nahtkurs „Kleine Chirurgie“ – Kurs 1 Skills Center der Universitätsklinik für Chirurgie 27. November 2026 | 18:30–20:30 Uhr Nahtkurs „Kleine Chirurgie“ – Kurs 2 Skills Center der Universitätsklinik für Chirurgie AUSBILDUNG „Das neue Turnus- und AssistenzarztFortbildungsformat ist auf die speziellen Bedürfnisse zugeschnitten.“ Michael Sereinigg Obmann Sektionsausschuss Turnusärzte Foto: Ärztekammer
Neurodermitis: Neue Wege zur gezielten Behandlung Bei Neurodermitis wirken Hautbarriere, Immunsystem, Mikrobiom und Umwelt zusammen. Peter Wolf untersucht an der Med Uni Graz, wie dieses Zusammenspiel für gezieltere Therapien genutzt werden kann. Neurodermitis ist mehr als eine Erkrankung der Haut: Sie gehört zum atopischen Formenkreis, zu dem auch Heuschnupfen, allergisches Asthma und Nahrungsmittelallergien zählen. „Atopie“ bezeichnet eine angeborene Neigung zu überschießenden Immunreaktionen. Peter Wolf, Vorstand der Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie der Med Uni Graz, beschäftigt sich intensiv mit atopischen Hauterkrankungen. Ein Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf der Photodermatologie und Photoimmunologie: „Wir untersuchen, was auf molekularer und zellulärer Ebene passiert, wenn Licht auf die Haut trifft – und wie sich dieser Effekt gezielt für das Immunsystem nutzen lässt.“ Sein Ziel: wirksamere und langfristig sichere Behandlungsmöglichkeiten für entzündliche Erkrankungen wie Neurodermitis – von der Grundlagenforschung bis zur klinischen Anwendung. Veranlagung trifft auf Umwelt Wer an Neurodermitis erkrankt, bringt häufig eine familiäre Veranlagung mit. Entscheidend ist oft die Hautbarriere: Bei einem Teil der Betroffenen finden sich Veränderungen im FilaggrinGen (FLG). Filaggrin stabilisiert die Hautbarriere – fehlt es, verliert die Haut leichter Feuchtigkeit und wird anfälliger für Reizstoffe und Allergene. Hinzu kommen äußere Einflüsse: Luftverschmutzung und ein gestörtes Mikrobiom können Schübe begünstigen. „Es ist auffällig, dass Neurodermitis in Städten nachweislich häufiger auftritt als auf dem Land und als möglicher Erklärungsansatz wird oft die Hygiene-Hypothese herangezogen. Letztendlich konnten die Ursachen in der Forschung noch nicht vollständig geklärt werden“, erklärt Wolf. Auch der Klimawandel mischt mit: Längere Pollensaisonen, Hitzewellen, stärkeres Schwitzen und Trockenperioden setzen der Haut zunehmend zu. UV-Licht moduliert Mikrobiom Natürliches UV-Licht kann unter bestimmten Bedingungen aber auch entzündungshemmend wirken – ein Zusammenhang, dem Wolf in seiner Arbeit nachgeht. „Wir konnten zeigen, dass UV-Strahlung das Mikrobiom moduliert und die Bildung antimikrobieller Peptide anregt. Das stärkt die mikrobielle Homöostase und schützt vor Infektionen.“ Ein vielversprechender Ansatz für eine neue Therapie bei Neurodermitis, der gezielter Einsatz bestimmter antimiNEURODERMITIS „Neurodermitis lässt sich heute besser und individueller kontrollieren als je zuvor.“ Peter Wolf Facharzt für Dermatologie und Venerologie 18 ÆRZTE Steiermark || 09|2026 Foto: Med Uni Graz
krobieller Peptide als topische Therapieoption wird an der Med Uni Graz bereits erprobt. Zielgerichtete Therapien Kaum ein Bereich der Dermatologie hat sich in den letzten zehn Jahren so rasant verändert wie die Neurodermitis-Behandlung. Früher dominierten Glukokortikoide, UV-Therapie und klassische Immunsuppressiva – heute stehen zahlreiche zielgerichtete Medikamente zur Verfügung. Dazu zählen Biologika wie Dupilumab: gentechnologisch hergestellte Antikörper, die punktgenau einzelne Entzündungsbotenstoffe blockieren und die Behandlung mittelschwerer bis schwerer Neurodermitis grundlegend erweitert haben. Eine weitere Entwicklung sind orale JAK-Hemmer wie Baricitinib, Upadacitinib und Abrocitinib. Sie greifen gezielt in Entzündungsprozesse ein und können Juckreiz oft rasch lindern. Wegen möglicher Nebenwirkungen erfordern sie eine sorgfältige Auswahl und engmaschige ärztliche Überwachung. Der Mensch im Mittelpunkt „Für mich liegt die eigentliche Revolution nicht allein in neuen Wirkstoffen, sondern in einem grundlegenden Perspektivwechsel, den wir durch eine zunehmende Individualisierung der Therapie eingenommen haben“, so Wolfs Resümee. Beim sogenannten Treat-to-TargetAnsatz fließen Schweregrad und Verlauf ebenso in die Behandlung ein wie Alter, betroffene Körperregionen, Begleiterkrankungen – etwa Asthma oder Heuschnupfen – und die persönlichen Ziele der Patient:innen. Gemeinsam wird festgelegt, welches Behandlungsergebnis erreicht werden soll. Seit einigen Jahren orientiert man sich dabei an einem internationalen Konsens: Als zentrale Messgrößen dienen der Eczema Area and Severity Index (EASI) für den Hautbefund und die Peak-Pruritus-Numerical-Rating-Scale (pp-NRS) für den Juckreiz. Je nach Therapieziel reicht die Bandbreite von Verbesserungen wie EASI-50/75 oder einer deutlichen pp-NRS-Reduktion bis zu EASI-90 oder einem ppNRS-Wert von höchstens 1. Neue Therapien, neue Perspektiven Neurodermitis bleibt eine höchst individuelle Erkrankung – auch Stress kann Schübe befeuern. Umso wichtiger ist eine Behandlung, die eng mit den Patient:innen abgestimmt wird, statt nach Schema F zu verlaufen. „Was vor wenigen Jahren noch nach einer begrenzten Auswahl an Möglichkeiten aussah, ist heute ein differenziertes Spektrum moderner Therapien. Da kann man schon von einer Therapierevolution sprechen“, so Wolf. Eine Botschaft, die Betroffenen zum Welt-Neurodermitis-Tag am 14. September Mut macht: „Die Erkrankung ist zwar (noch) nicht heilbar, aber sie lässt sich heute besser und individueller kontrollieren als je zuvor.“ Foto: envato/MarishkaTR NEURODERMITIS ÆRZTE Steiermark || 09|2026 19
GEBURTEN 20 ÆRZTE Steiermark || 09|2026 Spurensuche zur hohen Kaiserschnitt-Rate in der Steiermark Die Zahlen der aktuellen Geburtenstatistik zeichnen ein eindeutiges Bild: Fast 4 von 10 Kindern kamen 2025 in der Steiermark per Kaiserschnitt zur Welt. Damit übertrifft das Bundesland nicht nur den österreichweiten Durchschnitt von 32,8 % deutlich, sondern liegt weit entfernt von historischen Werten (1995: 12,4 %) oder europäischen Benchmarks wie Schweden und den Niederlanden (ca. 16 bis 17 %). Doch wie ist dieser Anstieg medizinisch zu bewerten – und welche Faktoren treiben die Quoten in der Praxis tatsächlich nach oben? Herbert Fluhr, Vorstand der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des LKH Univ.-Klinikum Graz, kennt die Gründe. Qualität an erster Stelle In der fachlichen Bewertung steht primär das Outcome für Mutter und Kind im Vordergrund. Die wesentliche Qualitätskennzahl der modernen Geburtshilfe bleibe schlicht die Rate an Geburten, nach denen es beiden gut geht. „Diese Quote ist in Österreich verglichen mit anderen europäischen Ländern sowie auch dem Rest der Welt auf einem extrem hohen Niveau – eine Errungenschaft der vergangenen Jahrzehnte, die allerdings nicht als selbstverständlich zu betrachten ist“, betont Herbert Fluhr. Welche Sectio-Quote dabei als ideal anzusehen ist, ließe sich streng medizinisch kaum fixieren. Fest steht jedoch: Der weltweite wie auch regionale Trend nach oben ist multifaktoriell bedingt. Alter allein nicht relevant Einer der wesentlichen Treiber für die Indikationsstellung zur Sectio ist das steigende Erstgebärenden-Alter (2025 in Österreich bei durchschnittlich 31,7 Jahren) im Zusammenspiel mit Vorerkrankungen. Entscheidende Risikofaktoren in der Schwangerschaft sind dabei ein Schwangerschaftsdiabetes, eine Bluthochdruckerkrankung oder auch andere mütterliche Grunderkrankungen, die den Schwangerschaftsverlauf an sich oder auch die Geburt verkomplizieren können. Denn, so stellt Fluhr klar: „Das Alter allein ist kein Faktor für sich genommen, in der Summe mit gesundheitlichen Handicaps sowie unterschiedlichen Erwartungshaltungen hinsichtlich Selbstbestimmung, Lebensplanung sowie geplanter Familiengröße jedoch ein nicht zu vernachlässigender Faktor.“ Prädispositionen Zu den prädisponierenden Risikofaktoren zählt zudem auch der Status nach vorangegangener Sectio: „Ein erfolgter Kaiserschnitt führt in einer Folgeschwangerschaft zu einem leicht erhöhten Risiko für Geburtskomplikationen, stellt jedoch keine Kontraindikation für eine vaginale Geburt dar“, so der Leiter der Klinischen Abteilung für Geburtshilfe. Zudem gilt: Auch bei primär unauffälligem Verlauf kann unter der Geburt jederzeit eine Dynamik entstehen, die im Interesse von Mutter oder Kind das akute Umsteigen auf einen Kaiserschnitt erzwingt. Unterschiede in Versorgung Interessant ist der Blick auf die innersteirische Verteilung. Mit einer Kaiserschnittrate von 34,9 % liegt die Klinische Abteilung für Geburtshilfe am LKH Univ.- Klinikum Graz als Maximalversorger durchaus im Bereich des landesweiten Mit 38,5 % Sectio-Quote lag die Steiermark 2025 österreichweit an der Spitze. Während die WHO 10 bis 15 % empfiehlt, herrscht in der Praxis das Spannungsfeld aus Risikoschwangerschaften, Haftungsfragen und dem Wunsch nach absoluter Planbarkeit. Foto: envato/SeDmi
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