AERZTE Steiermark 09 2026

ÆRZTE Steiermark || 09|2026 65 NIEDERGELASSENE ÄRZTINNEN UND ÄRZTE Der ganz normale Praxiswahnsinn PRAKTISCH TÄGLICH Von Ulrike Stelzl Was läuft falsch im Moment? Es ist ein herrlicher Sommertag, die Sonne lacht von einem strahlend blauen Himmel, die Vögel singen und ein leichter Wind raschelt mit den grünen Blättern. Einfach perfekt für eine schöne, große Runde Nordic Walking bevor die Nachmittags-Ordi losgeht. Ich stochere also gut gelaunt durch die Gegend, als drei ca. Zwölfjährige auf E-Bikes an mir vorbei surren. „In dem Alter könnte man noch treten und sich anstrengen“, denke ich mir. Danach begegnen mir zwei blasse Teenager. Die eine erklärt der anderen, dass sie morgens früher aufsteht, damit sie all ihre Nahrungsergänzungsmittel schlucken kann. Es wird ihr zwar übel davon, aber das geht dann mit dem Frühstück weg. „Was ist aus dem guten alten ausgewogenen Essen geworden?“ Später im Wald rennt mir ein Typ hinterher, der lautstark in sein Smartphone brüllt. Stille, Natur, Abschalten, Loslassen ist offenbar out. Ich weiß, dass das Leben sich ändert, ändern muss. Sonst gibt es kein Wachstum, keine Verbesserung, keinen Fortschritt. Und in den Jahrzehnten, die ich nun in meinem Job bin, hat sich sehr vieles verändert. Zum Besseren? In vielen Bereichen sowohl diagnostisch als auch therapeutisch ohne Frage. In anderen hab‘ ich aber schwere Zweifel. Allein wenn ich ans Essen denke, könnte mir schon übel werden. Früher hatten wir Salmonellen, CED, ein paar Allergien, Anorexie und gelegentliche Magengeschwüre. Heute erleben wir ein fast unendliches Spektrum an Ernährungsstilen, Nahrungsmittelintoleranzen und Panik vor giftigen, fetten und krankmachenden Inhaltsstoffen. Glücklicherweise gibt’s dafür eine unüberschaubare Masse an Nahrungsergänzungsmitteln. Cui bono? Frage ich mich manchmal ganz leise. Bewegen tut man sich entweder mit ausgeklügelten Trainingsplänen oder gleich überhaupt nicht mehr. Selbst treten, laufen, auf Bäume klettern oder Bällen hinterherrennen war gestern. Die Koordinationsfähigkeiten der meisten meiner jüngeren Patienten sprechen nicht gerade für die motorische Weiterentwicklung unserer Spezies. Und psychisch scheinen wir endgültig im Eimer zu sein. Gut möglich, dass früher das eine oder andere PTBS unterdiagnostiziert oder ein Trauma oder ADS übersehen worden war. Dafür geht meine Praxis jetzt über mit jungen PTBS- oder ADHS-Patienten. Antidepressiva verschreibe ich mehr als Hustenzuckerln. Viele brauchen sie wirklich. Aber oft beschleicht mich die Vermutung, dass PTBS inflationär geworden ist. Denn alles ist mittlerweile Trauma! Damit ist niemandem gedient. Die „Echten“ gehen unter und den anderen möchte ich manchmal gerne sagen: Leute, das ist das Leben! Es ist nicht immer lustig, oft unfair und manchmal mühsam. Aber ein anderes haben wir nicht. Also lebt ein bisschen! Dr. Ulrike Stelzl ist niedergelassene Fachärztin für Allgemeinmedizin. Mehr von ihr gibt es im Buch „Hallo Doc! 2 Der ganz normale Praxiswahnsinn“ (erhältlich bei Amazon) Abwesenheitsmeldungen bei Ordinationsschließung (Urlaub, Krankheit etc.) – via Ärztekammer-Homepage Abwesenheitsmeldungen können einfach und unbürokratisch über unsere Homepage erfolgen. • Bitte loggen Sie sich auf www.aekstmk.or.at in den internen Bereich ein. • Sie finden unter der Rubrik „Niederlassung“ – „Allgemeines“ den Button „Abwesenheiten verwalten“. • Sobald Sie Ihre Eintragung auf der Homepage vorgenommen haben, wird die Meldung an die Ärztekammer und an die Österreichische Gesundheits- kasse durchgeführt. • Alle Abwesenheits- und Vertretungsmeldungen werden in der Ärztinnen- und Ärztesuche (www.aekstmk.or.at/46) sowie auf www.styriamed.net (bei styriamed.net-Mitgliedern) veröffentlicht und an das Rote Kreuz weitergeleitet (zur Auskunftserteilung durch das Gesundheitstelefon 1450 sowie zur Veröffentlichung auf der Website www.ordinationen.st). Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an: Informations- und Mitgliederservice Tel. 0316-8044-0 Kassenvertragsärzt:innen müssen Abwesenheiten laut Kassenvertrag bzw. Honorarordnung melden. Eine Bekanntgabe der Abwesenheiten im Internet auf der Website der Ärztekammer ist im Sinne des Patient:innenservice nötig und sinnvoll. Foto: Furgler, envato/Espectrograma

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