AERZTE Steiermark 09 2026

ÆRZTE Steiermark || 09|2026 23 braucht das Alleinsein, es kann eine notwendige Ruhephase und Zeit für sich selbst sein. Es ist aber bei jedem anders, wie viel Zeit allein man braucht.“ Einsamkeit beginnt dort, wo Zugehörigkeit fehlt. „Einsam kann ich mich auch in einer Gruppe fühlen, wenn ich mich nicht zugehörig fühle“, führt Reininghaus aus. Dann wird aus einem Zustand ein Belastungsfaktor. Wer keine Strategien hat, um dieses Gefühl zu verändern, kann dann durchaus in eine psychische Erkrankung rutschen. Besonders problematisch wird es, wenn Menschen kaum noch positive Erlebnisse haben, die ihnen Energie geben und sie inspirieren. Wer sich einsam fühlt, kann oft nichts mehr als positiv erleben. Strategien zu haben, um das Gefühl und in Folge die Situation zu verändern, sei ein zentrales Resilienzthema, so die Spezialistin. Symptome Bei Hausärzt:innen in der Ordination kann sich das unterschiedlich darstellen: „Patientinnen kommen mit Symptomen wie Schlafstörungen, Gedankenkreisen, Angstzuständen, Panikattacken, Gefühlen von Hoffnungslosigkeit, Energielosigkeit oder anhaltender Erschöpfung. Auch sozialer Rückzug oder deutliche Gewichtsveränderungen können Hinweise sein. Frauen können sich, wenn man die Studienergebnisse anschaut, eher besser mitteilen als Männer. Allerdings werden sie auch oft nicht ernst genommen. Es wird als Jammern abgetan und gemeint, dass man eben durchhalten müsse.“ Dabei ist die Mehrfachbelastung real. Viele Frauen versuchen, Anforderungen von außen zu erfüllen und es möglichst allen recht zu machen – „das ist schon ein typisches Thema von Frauen, wobei man es natürlich nicht generell allen zuschreiben darf“. Auswege Therapie kann für Betroffene der Ausweg sein, muss es aber nicht immer sein. Manchmal helfen Lebens- und Sozialberatung oder der Weg zurück in soziale Räume: in Sportgruppen, Vereine, kulturelle Aktivitäten, Kochgruppen ... Gerade der erste Schritt dorthin kann jedoch schwer sein – manchmal braucht es dafür professionelle Unterstützung, weiß Reininghaus. Auch Männer sind von Einsamkeit und psychischer Belastung keineswegs ausgenommen. Sie zeigen Belastungen aber häufig anders. Während Frauen öfter unter Angststörungen und Depressionen leiden, steht bei Männern häufiger Alkohol- oder anderer Substanzmissbrauch im Vordergrund. Auch der Druck unterscheidet sich je nach Lebensphase. Im Zusammenhang mit Familiengründung und Vereinbarkeit trifft er Frauen oft früher und stärker, während Männer in jungen Jahren gesellschaftlich eher auf Karriere fokussieren dürfen. Verlorene Lebenserwartung Die Datenlage zeigt jedenfalls deutlich: Das Thema psychische Gesundheit ist kein Nebenthema. Österreich liegt bei der durchschnittlich verlorenen Lebenserwartung in Gesundheit und verlorener Lebenserwartung insgesamt für die Jahre 2025 bis 2050 durch psychische Erkrankungen nach Schweden (minus 3,37 Jahre) an zweitletzter Stelle. Bei uns sind es im Durchschnitt 3,33 Jahren weniger Lebenserwartung in Gesundheit. Im EU-27Durchschnitt sind es 2,5 Jahre. PSYCHE Foto: Privat „Die Bekannten auf Social Media sind nicht real. Wenn ich abends nach Hause komme, ist da trotzdem niemand, mit dem ich den Alltag wirklich teilen kann.“ Eva Reininghaus Vorständin der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

RkJQdWJsaXNoZXIy Mjg3NzQ1MQ==