Das Magazin der Ärztekammer Steiermark Februar 2026 Stark. Akos Heinemann über den guten Standort der Med Uni und aktuelle Themen. Schulisch. Gesundheitsbildung gehört dringend in die Lehrpläne, sagt Daisy Kopera. Selten. Nicolas Verheyen befasst sich mit seltenen Herzerkrankungen und neuen Therapien. Österreichische Post AG MZ 02Z033098 M Ärztekammer für Steiermark, Kaiserfeldgasse 29, 8010 Graz, Retouren an PF555, 1008 Wien Bestes Gehaltsschema Hausarzt-Plus-Modell Foto: envato/MaplesImages Ärztinim Dienst in Karenz Wie organisiert man (Kassen-)Praxis und Karenz? Erfahrungsberichte von steirischen Ärztinnen mit Praxis und im Angestellten-Verhältnis
Mit ihrer langjährigen Erfahrung, hoher fachlicher Kompetenz und großem Verantwortungsbewusstsein für ganzheitliche Rehabilitation übernimmt Primaria Dr. Gislind Döhrn seit Jänner 2026 die ärztliche Leitung der Privatklinik Laßnitzhöhe. Sie bringt frische Impulse und neue Perspektiven in eine Einrichtung, die seit Jahrzehnten für exzellente medizinisch-therapeutische Rehabilitation steht. Die Privatklinik Laßnitzhöhe steht für Spitzenmedizin, und modernste Therapie. Die Schwerpunkte liegen in der neurologischen Rehabilitation, etwa nach Schlaganfällen oder bei Verletzungen des Gehirns und Rückenmarks und in der orthopädischen Rehabilitation – insbesondere nach Hüft-, Knie- und Schulteroperationen sowie nach Unfällen und Verletzungen. Gemeinsam mit dem multiprofessionellen Team setzt Primaria Dr. Döhrn den ganzheitlichen Ansatz konsequent fort. Ziel ist es, Programme zu entwickeln, die weit über reine Symptombehandlung hinausgehen. Dabei stehen die Lebensziele, Selbstständigkeit und Lebensqualität der Patienten im Mittelpunkt. Mit Beginn des Jahres 2026 übernimmt Primaria Dr. Gislind Döhrn, Fachärztin für Neurologie, die ärztliche Leitung der Privatklinik Laßnitzhöhe und bringt neue Perspektiven in die medizinisch-therapeutische Rehabilitation. „Ganzheitliche, interdisziplinäre rehabilitative Behandlung schafft die Grundlage, auf der nachhaltige Genesung entstehen kann.“ Ambulante Leistungen für Selbstzahler Stationäre Akutversorung VVO & private Zusatzversicherung Private Angebote für Zusatzversicherte & Selbstzahler 1. 2. 3. Ein Unternehmen der Privatklinik Laßnitzhöhe Miglitzpromenade 18 8301 Laßnitzhöhe +43 (0) 3133 / 2274 office@privatklinik-lassnitzhoehe.at Primaria Dr. Döhrn betont: „Rehabilitation bedeutet für mich, medizinische Kompetenz und modernste Ausstattung mit Menschlichkeit zu verbinden. Unser gemeinsames Ziel ist es, Patient:innen auf ihrem Weg zu größtmöglicher Selbstständigkeit, Teilhabe und Lebensqualität bestmöglich zu begleiten.“ Foto: Carolin Bohn Menschlichkeit, Kompetenz & neue Impulse ZUSÄTZLICHE MEDIZINISCHE SPEZIALISIERUNGEN Wir bieten neben der orthopädischen und neurologischen Rehabilitation auch individuelle Aufenthalte an:
BEREICH THEMEN Produziert gemäß Richtlinie UZ24 des Österreichischen Umweltzeichens, Medienfabrik Graz, UW-Nr. 812 Logo für Druck, 4c, dt.: Unten finden Sie das Österreichische Umweltzeichen Druckprodukt. Dabei müssen unbedingt folgende Ric – Platzieren Sie dieses PDF in Ihrem Layout mit 100 % dass nur die von Ihnen gewünschte Logo-Variante im Blume einen Durchmesser von 17 mm und die Schri – Das Umweltzeichen muss genügend Abstand zu and das Logo als eigenständiges grafisches Objekt wiede Hintergrund abgebildet werden. Fotos, detaillierte G – Man kann den Text rechts von der Blume auch ins Im (mit 17 mm Durchmesser!). VERWENDUNG D UMWELTZEICHE MEDIENFABRIK GRAZ, Dreihackengasse 20, 8020 Graz ,T +43 (0)316/8 ÆRZTE Steiermark || 02|2026 3 BUCHTIPP Weniger Pillen, mehr vom Leben Peter Weiler, Wolfgang Bauer 1. Auflage, 144 Seiten ISBN: 978-3-99052-161-8 Viele ältere Patient:innen nehmen 6, 7 oder noch mehr Arzneien zu sich – und das täglich. Mediziner:innen sprechen von Polypharmazie. Abgesehen von der Frage nach möglichen Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten geht das Buch der Frage nach, ob es überhaupt sinnvoll ist, ältere Patient:innen mit den gleichen strengen Richtlinien zu beurteilen wie jüngere Personen. Ist die Gabe von weniger Pillen denkbar? So weiß man etwa, dass Medikamente im Körper älterer Menschen wegen des langsameren Stoffwechsels länger verweilen. Muss man also nicht niedriger dosieren? Und kann man leichte Überschreitungen von Grenzwerten nicht auch durch eine ausgewogene Ernährung oder ausreichend Bewegung ebenso wirksam in den Griff bekommen? DATUM 28. Februar Der erste „Tag der seltenen Erkrankungen“ wurde am 29. Februar 2008 begangen – also bewusst an einem sehr seltenen Tag. Heuer wird am 28. Februar auf die Betroffenen von seltenen Erkrankungen aufmerksam gemacht. Rund eine halbe Million Menschen lebt in Österreich mit einer solchen Erkrankung. Die Definition dafür lautet übrigens, dass weniger als 500 von einer Million Menschen betroffen sind. LINK: Kompakte Infos aus der Forschung Vom „Code zum Jungbleiben“ bis zur Frage, warum in Graz Tumore gezüchtet werden, reichen die Themen bei „Med Uni Graz kompakt“. Im neuen Radio-Format auf Antenne Steiermark werden aktuelle medizinische (Forschungs-)Themen kurz und knackig für die Bevölkerung aufbereitet. ZAHL 56.546 Auf 56.546 wird die Zahl an Krebs-Neuerkrankungen in Österreich im Jahr 2045 steigen. Das bedeutet einen Anstieg um ein Fünftel, so eine Berechnung der Statistik Austria im Auftrag des Gesundheitsministeriums. Grund dafür ist auch, dass die Lebenserwartung steigt. Foto: Verlagshaus der Ärzte FORTBILDUNGSTIPP „Medizinische Innovationen zwischen Wissenschaft und Praxis“ stehen beim Abendsymposium im Rahmen der „Seminare im März“ im Mittelpunkt. Konkret geht es um den klinischen Nutzen und die Limitationen der Liquid Biopsy, Innovationen in der Hämatologie und Onkologie sowie in der Demenztherapie und aktuelle Entwicklungen in der kardiovaskulären Medizin. Am 25. März 2026 um 19 Uhr im Steiermarkhof, EkkehardHauer-Straße 33, 8052 Graz. Die Anmeldung ist möglich unter www.med.or.at/innovationen UPDATE IM FEBRUAR SCHLAGZEILE „Steirer warten zu lange auf Arzttermine“ „Eine Lösung kann nur ein fairer und moderner Leistungs- und Honorarkatalog sein, der die Versorgung für unsere Patientinnen und Patienten sicherstellt“, sagt ÄK-Präsident Michael Sacherer betreffend Verbesserung der Versorgungssituation in puncto Kassenstellen. Kleine Zeitung, 23. Jänner 2026 IMPRESSUM: Medieninhaber (Verleger): Ärztekammer für Steiermark, Körperschaft öffentlichen Rechts | Redak- tionsadresse: 8010 Graz, Kaiserfeldgasse 29, Tel. 0316 / 8044-0, Fax: 0316 / 81 56 71, E-Mail: presse@aekstmk.or.at | Chefredaktion: Mag.a Beate Mosing | Redaktion: Mag.a Edith Preiß, Thomas Zenz | Produktion: CONCLUSIO PR Beratungs GmbH, Schmiedgasse 38, 8010 Graz | Anzeigen: Gernot Zerza, Tel.+43 664 2472673, E-Mail: zerzagernot@gmail.com; Mit „Promotion“ gekennzeichnete Texte sind entgeltliche Veröffentlichungen im Sinne § 26, Mediengesetz. | Druck: Stmk. Landesdruckerei GmbH, 8020 Graz | Abonnements: Eva Gutmann, Ärztekammer Steiermark, Tel. 0316 / 804440, Fax: 0316 / 81 56 71. Jahresabonnement (11 Ausgaben) EUR 25,–.
BEREICH THEMEN Fotos: Sebastian Atzler, Arterego Studio - stock.adobe.com(Generiert mit KI) THEMEN Cover. Große Lücke: Ein Karenz-Modell für Kassen- ärztinnen gibt es nicht 8 „Mut könnten wir noch mehr gebrauchen 12 Die Liebe hat heilsame Effekte 15 Gesundheitsbildung gehört in die Lehrpläne 16 Die Onkologie in der Steiermark ist im Wandel 18 Mehr Therapien für seltene Herzerkrankungen 20 Der Wohlfahrtsfonds: Stabilität in unsicheren Zeiten 22 Updates und Innovationen aus der Notfallmedizin 24 Das war der österreichische Impftag 2026 26 Erlesen. Der „büchersegler“ lädt zu einem literarischen Ausflug 30 Recht. Unternehmerische Möglichkeiten der Ordinationsgemeinschaft 32 Das Wochengeld des Wohlfahrtsfonds 34 Med Uni Graz. Forschung zu Blasenkrebs 43 CIRSmedical. Fall des Monats 44 Experten-Tipp: Rasterzeugnisse und Diplombeantragung 44 ANGESTELLTE ÄRZTINNEN UND ÄRZTE Steirische Ärzt:innen haben nachweislich das beste Gehaltsschema 46 Mitgestalten! Ausbildungsevaluierung startet im März 48 Pensionssplitting – so funktioniert‘s 50 Infotag Recht, Infonachmittag „Schwangerschaft & Kind“ sowie weitere Termine 52 NIEDERGELASSENE ÄRZTINNEN UND ÄRZTE Kurie stellt sich schützend vor bewährtes Wahlärzte-System 54 Hausarzt-Plus-Modell als „Quick Win“ für die Versorgung 56 Substitutionsbehandlung richtig verrechnen 58 Praktisch täglich. The Circle of Life 61 Debatte 6 News 45 Kleinanzeigen 62 Personalia 67 Cartoon 69 Ad Personam 70 TEAMWORK PUR Jürgen Mandl war 10 Jahre lang Leitender Teamarzt von Sturm Graz – ein „Hobby“, in dem er die Verantwortung für einen Spielerkader im Wert von 60 Mio. Euro trug. Seite 28 SEMINARE IM MÄRZ Moderne diagnostische Verfahren, individualisierte Therapien und interdisziplinäre Versorgung – bei der diesjährigen Fortbildung stehen die Innovationen in der Medizin im Fokus. Seite 36 Innovationen in der Medizin 20. bis 28. März 2026 I Graz Ärztekammer für Steiermark, Fortbildungsreferat, Haus der Medizin, Kaiserfeldgasse 29, 8010 Graz Tel.: 0316/8044-37, Fax: 0316/8044-132, fortbildung@aekstmk.or.at, www.seminareimmaerz.at SiM26_Inserat.indd 1 04.11.25 14:44 4 ÆRZTE Steiermark || 02|2026
BEREICH ÆRZTE Steiermark || 02|2026 5 THEMEN Wir haben die Ärzteschaft gefragt, was sie vom aus Wien kommenden Vorschlag hält, Österreich künftig in 4 großräumige Gesundheitsregionen einzuteilen, die gemeinsam geplant und finanziert werden, statt wie bisher am System der 9 Bundesländer festzuhalten. 43,3 % der Teilnehmenden halten Regionen mit gemeinsamer Planung und Finanzierung für eine gute Idee. 41 % befürworten nicht dieses Modell, aber prinzipiell Planungen über Bundesländergrenzen hinweg. Nur 8,1 % der Ärzt:innen, die an der Umfrage teilnahmen, bevorzugen das bestehende Bundesländer-System und 7,6 % sind unentschieden. Bei den freien Antworten wurde mehrfach der Wunsch nach einer einzigen Gesundheitsregion für ganz Österreich und nach einer einheitlichen Tarifregelung, intra- und extramural, angegeben. EPIKRISE Kurze Nachrichten aus der Redaktion Soziale Medien: X/Twitter: www.twitter.com/ AERZTE_NEWS Facebook: www.facebook. com/aerztekammer.stmk/ und Facebook-Gruppe für steirische Ärztinnen und Ärzte Youtube: AERZTE_NEWS Instagram: www.instagram. com/aerztekammerstmk Foto: Jakob Grill/Land Steiermark Was halten Sie von 4 Gesundheitsregionen? AERZTE-Frage des Monats: Was halten Sie vom Vorschlag, Österreich in 4 großräumige Gesundheitsregionen einzuteilen? Eine gute Idee Planung über Bundesländergrenzen hinweg ist prinzipiell sinnvoll. Ich bevorzuge das bestehende System. Ich bin unentschieden. Teilnehmer:innen: 210 DAS BILD DES MONATS. Bewusstseinsbildung stand bei den Gesundheitstagen im Murpark in Graz kürzlich im Fokus. Die Ärztekammer für Steiermark nutzte die Kontakte, um über Patientenlenkung und Laienreanimation zu informieren. Mit dabei: Gerhard Postl, Magdalena Rusch, Neshat Quitt und Landesrat Karlheinz Kornhäusl (v. l.). 41 % 8,1 % 7,6 % 43,3 %
6 ÆRZTE Steiermark || 02|2026 BEREICH INTRA KONT A DEBATTE Martin Lux Vorsorge braucht Klarheit Vertrauen braucht es dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen und Entscheidungen vorausschauend vorbereiten. Ärztinnen und Ärzte wie auch Notarinnen und Notare begegnen Menschen oft in sensiblen Lebenssituationen – dabei geht es auch um Selbstbestimmung, Würde und Sicherheit. Gerade in solchen Momenten braucht es Orientierung und verlässliche Strukturen. Zentrale verbindende Elemente unserer beiden Berufsgruppen sind die Patientenverfügung und die Vorsorgevollmacht. Sie stehen exemplarisch für einen präventiven Zugang, der Verantwortung nicht aufschiebt, sondern bewusst vorwegnimmt. Ärztinnen und Ärzte tragen im Ernstfall eine besondere Verantwortung: Sie müssen rasch entscheiden, medizinisch richtig handeln und zugleich den Willen der Patientinnen und Patienten respektieren. Liegt eine klare Patientenverfügung und/oder eine Vorsorgevollmacht, die auch eine Vollmacht für den medizinischen Bereich enthält vor, schafft das Sicherheit – für Betroffene ebenso wie für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte. Notarinnen und Notare sorgen dafür, dass dieser Wille rechtlich eindeutig formuliert, nachvollziehbar dokumentiert und dauerhaft abgesichert ist. Erst dieses Zusammenspiel macht Vorsorge wirksam und praktikabel. Es reduziert Unsicherheiten, entlastet Angehörige und verhindert Konflikte – medizinisch wie rechtlich. Dabei geht es nicht um Formalismus, sondern um Klarheit. Vorsorge schafft Struktur in Situationen, in denen schnelle und verantwortungsvolle Entscheidungen notwendig sind. Genau darin liegt ihr präventiver Wert – für Patientinnen und Patienten ebenso wie für jene, die sie begleiten und behandeln. Gemeinsam mit der Ärzteschaft tragen Notarinnen und Notare dazu bei, Selbstbestimmung zu sichern und Handlungssicherheit zu schaffen. Vorsorge ist ein Ausdruck von Weitsicht. Und genau diese Haltung verbindet Ärztinnen, Ärzte und Notarinnen, Notare in der Steiermark. Martin Lux Präsident der Notariatskammer Steiermark Gerhard Posch Mit der Gehaltsreform ist etwas Wichtiges gelungen Zweieinhalb Jahre intensive Verhandlungsarbeit, unzählige Gespräche mit unterschiedlichen Trägern, viele Stunden am Verhandlungstisch – all das hat sich ausgezahlt. Mit der Umsetzung der Gehaltsreform ist uns als Kurie Angestellte Ärzte etwas gelungen, das weit über eine reine Gehaltserhöhung hinausgeht: Wir haben für die angestellten Ärzt:innen in der Steiermark eine neue, gerechtere und zukunftsfähige Vergütungsstruktur etabliert – unabhängig vom jeweiligen Arbeitgeber. Diese Reform war ein großes Ziel. Und sie ist nun überall Realität. Heute profitieren Ärzt:innen in allen steirischen Spitälern von einem Gehaltsschema, das faire Bezahlung sicherstellt und ein starkes Zeichen der Wertschätzung gegenüber unserer Berufsgruppe ist. Dass dieses Modell rückwirkend mit 1.9.2023 in Kraft trat, war uns besonders wichtig – denn so konnten alle gleichzeitig profitieren, unabhängig davon, wann die formale Umsetzung im jeweiligen Haus erfolgte. Der Weg dorthin war herausfordernd – aber auch ein Beweis dafür, was eine starke Standesvertretung alles leisten kann. Nach dem erfolgreichen Start mit der KAGes folgten mit Beharrlichkeit weitere Etappen: die Med Uni Graz, die Barmherzigen Brüder, die Elisabethinen, das Diakonissen-Krankenhaus Schladming und das Marienkrankenhaus Vorau. Was die Reform konkret bedeutet? Eine jährliche automatische Valorisierung auf Basis eines deutlich höheren Grundgehalts. Wir wissen: Die Umsetzung fairer Bedingungen ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Mit der Gehaltsreform haben wir etwas Wichtiges für unsere Mitglieder erreicht, das laufend spürbar ist. Aber wir werden weiterhin konsequent arbeiten – im Interesse der angestellten Ärzt:innen in der Steiermark. Dr. Gerhard Posch Kurienobmann der Kurie Angestellte Ärzte Fotos: KANIZAJ photography, Furgler
BEREICH Für niedergelassene Ärztinnen ist eine Karenz organisatorisch und finanziell eine enorme Herausforderung. Die Erfahrungen, von denen die steirische Ärztinnen in unserer aktuellen Cover-Story berichten, zeigen, wie hoch die Hürden sind – und wie dringend wir neue Lösungen brauchen. Im Jahr 2024 bezogen in der Steiermark lediglich 14 niedergelassene Ärztinnen Wochengeld – im Vergleich zu 73 angestellten Ärztinnen. Das spricht eine deutliche Sprache. Dieser deutliche Unterschied ist kein Zufall, sondern zeigt, dass das System mit der Lebensrealität der Ärztinnen nicht Schritt hält. Wer in Karenz gehen möchte und gleichzeitig eine Kassenordination führt, hat nicht nur organisatorisch viel zu stemmen, sondern auch in vielen Fällen das Problem, überhaupt keine passende Vertretung zu finden. Es ist an der Zeit, eigene Modelle für das Kassensystem zu entwickeln, die Ärztinnen echte Wahlfreiheit und Flexibilität ermöglichen. Ein Kassensystem, das Lebensrealitäten ignoriert, verliert an Attraktivität – gerade für junge Ärztinnen. Dabei müssten wir doch alle Möglichkeiten zur Attraktivierung von Kassenstellen nutzen. Und hier liegt ein zentraler Hebel, um die Kassenpraxis zukunftsfit zu machen. Wenn wir diese Stellen künftig schneller besetzen wollen, müssen wir Karenz nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil einer ärztlichen Laufbahn begreifen. Die Politik spricht regelmäßig von der Attraktivierung der Kassenstellen. Wenn sie es ernst meint, dann muss sie hier ansetzen. Denn der Anspruch sollte für alle gelten, also auch für jene, die in der Gesundheitsversorgung eine so wichtige Rolle spielen: Wir müssen die Rahmenbedingungen so gestalten, dass Familie und Beruf vereinbar sind. Denn nur ein flexibles, familienfreundliches Kassensystem ist auch ein zukunftsfähiges. Die Zahl der Ärztinnen steigt – und damit auch die Verantwortung, ein System zu schaffen, das Platz für Familie lässt. Dr. Michael Sacherer Präsident der Ärztekammer Steiermark ÆRZTE Steiermark || 02|2026 7 Der aktuelle SPÖ-Vorstoß, Wahlärzt:innen verpflichtend zum Kassentarif arbeiten zu lassen, ist brandgefährlich. Wer glaubt, ein überlastetes und unterfinanziertes Kassensystem zu sanieren, indem man ein funktionierendes Wahlarztsystem zerstört, irrt fundamental – und gefährdet damit die medizinische Versorgung. „Nicht genügend, setzen“ – anders kann man diesen Vorschlag wirklich nicht bewerten, denn er ignoriert, wie wichtig die Rolle der Wahlärzt:innen in unserem bestehenden Gesundheitssystem ist. Wahlärzt:innen leisten einen wichtigen versorgungswirksamen Beitrag und den dürfen wir nicht in Gefahr bringen. Außerdem ist eine Verpflichtung auch rechtlich fragwürdig – geradezu ein Frontalangriff auf die freie Berufsausübung. Die Politik ist offensichtlich nicht in der Lage, zwischen angestellter Arbeit und Freiberuflichkeit zu unterscheiden. Das Wahlarztsystem ist eine tragende Säule, die dort entlastet, wo das Kassensystem längst an seine Grenzen stößt. Anstatt diesen funktionierenden Teil der Versorgung zu schwächen, wäre es zielführender, das Kassenwesen so zu gestalten, dass es für junge Ärzt:innen wieder eine Option wird – fachlich wie wirtschaftlich. Anstatt Zwang braucht es Reform: faire Verträge, echte finanzielle Planungssicherheit, moderne Rahmenbedingungen für Kassenordinationen. Nur so wird das öffentliche System wieder attraktiv – für Ärzt:innen wie für Patient:innen. Als Ärzteschaft sind wird durchaus bereit, der Politik bei der Ideenfindung unter die Arme zu greifen. Die Hand der Ärzteschaft ist ausgestreckt – wir sind gerne dabei, wenn es darum geht, sinnvolle Vorschläge zu diskutieren und effiziente Lösungen zu schaffen. Denn als Gesellschaft werden wir diese dringend brauchen. Vizepräsident Prof. Dr. Dietmar Bayer Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte EXTRA Dietmar Bayer Nicht genügend, setzen! STANDORTBESTIMMUNG Michael Sacherer Ohne Kinder keine Zukunft DEBATTE Fotos: Schiffer (2), Icon: Flaticon
BEREICH 8 ÆRZTE Steiermark || 02|2026 Fotos: envato/Artranq Kann man sich als Ärztin mit Praxis auf die „Auszeit“ während der Schwangerschaft und Karenz vorbereiten? „Nein, auch wenn man selbst Gynäkologin ist, weiß man ja nicht, wie die Schwangerschaft genau verlaufen wird“, schmunzelt Ina Suppan. Für ihre Wahlarztpraxis konnte sie zwar für ein paar Stunden eine Vertretung organisieren, jedoch nicht in vollem Umfang: „Es war sehr schwierig, überhaupt jemanden zu finden.“ Während der Schwangerschaft hat sie mit der Suche nach einer Vertretung begonnen, „aber man kann ja nicht vorhersagen, wie alles klappt, eine Schwangerschaft ist nicht gleich absehbar wie eine geplante Reise“. Patientinnen hat Suppan zum Glück keine verloren, sagt sie: „Manche mussten länger auf ihren Termin warten, aber es besteht zum Glück ein gutes und enges Vertrauensverhältnis. In manchen Fällen konnte eine Patientin auch zu einer der beiden Kolleginnen gehen, mit denen ich mir die Praxisräumlichkeiten teile.“ Kolleg:innen zu haben, die etwas abdecken können, sei wichtig, betont Suppan, die auf das Thema Brustkrebs spezialisiert ist. Die Wahlarztpraxis sollte weiterlaufen Eine Sprechstundenhilfe teilt sich die Gynäkologin ebenfalls mit den beiden Kolleginnen: „Sie war eine große Unterstützung und hat in der Zeit, in der ich nicht da war, sehr viel koordiniert, da sie die Patientinnen und uns gut kennt.“ Für die Ärztin waren das natürlich ebenso wie die Miete und die Vertretung laufende Kosten, die sie weiter tragen musste, obwohl gerade bei der Sprechstundenhilfe viele Minusstunden anfielen. Die Entscheidung, eine Wahlarztpraxis während der Karenz weiterlaufen zu lassen, müsse jeder selbst treffen: „Es ist finanziell vielleicht nicht perfekt, aber mir war es sehr wichtig, dass für die Patientinnen jemand erreichbar ist.“ Als angestellte Ärztin sei eine Karenz leichter zu organisieren, meint Suppan, doch sie kann auch von ihren Erfahrungen aus der Schweiz berichten: „Ich habe 8 Jahre lang in der Schweiz gearbeitet und dort gibt es keine Karenz im österreichischen Sinn, sondern 14 Wochen gesetzlichen Mutterschaftsurlaub – ich kannte das also nur so.“ Deshalb war Suppan auch überrascht, dass man in Österreich in der Kinderkrippe eher schief angeschaut wird, wenn man sein Kind mit 5 oder 6 Monaten in die Betreuung geben möchte. Das Organisationstalent von berufstätigen Müttern wird nicht umsonst oft mit „Erfahrung im gehobenen Management“ umschrieben. Wir haben nachgefragt, vor welchen Herausforderungen steirische Ärztinnen mit Wahlarzt- oder Kassenpraxis stehen und wie sie diese (für sich) gelöst haben. Und wir haben einen Blick auf Erfahrungen zu Karenz und Väterkarenz im angestellten Bereich geworfen. Für Ärztinnen mit Praxis gibt es kein eigenes Karenz-Modell COVER
„Ich kenne auch eine Kollegin, die nach 8 Wochen wieder zu arbeiten begonnen hat und bei der das Kindermädchen das Baby zum Stillen in die Praxis gebracht hat“, beschreibt sie, wie jede niedergelassene Ärztin versucht, das für sie beste Modell zu finden – ein Standardmodell, das für alle passt, gibt es eben nicht. Heute organisiert die Gynäkologin die Kinderbetreuung zusätzlich zur Krippe mit einem Au-pair: „Schließlich können die Kinder ja auch mal krank sein.“ Ihr Tipp: „Auf jeden Fall vorher mit anderen Ärztinnen sprechen und sich austauschen, damit man weiß, wie andere das organisieren und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Ich hätte vor den Kindern auch nicht gedacht, wie wenig planbar das alles ist.“ Kein Back-up als Kassenärztin Kassenvertrag und Karenz sind eine wirklich schwierige Kombination, wie man im Gespräch mit Allgemeinmedizinerin Katja Tritscher erfährt: „Bis einen Tag vor der Geburt habe ich gearbeitet und nach 3 Wochen war ich wieder zurück in der Ordination“, beschreibt Tritscher, die als Kassenärztin für Allgemeinmedizin eine Ordination in Bärnbach betreibt, wie es bei ihr abgelaufen ist. Nicht, weil sie es genau so wollte, sondern weil sie keine andere Wahl hatte. Dass es ihr in der Schwangerschaft so gut ging und sie keine Probleme hatte, war natürlich die – unplanbare – Voraussetzung dafür. „Ein Back-up hätte ich nicht gehabt. Vor der Geburt habe ich niemanden gefunden, der in der Kassenordination für mich eingesprungen wäre.“ Danach hatte sie Glück, sagt sie: „Ein Studienkollege und langjähriger Freund hat, weil er mir helfen wollte, seine Karriereplanung so geändert, dass ich ihn anstellen und er einen großen Teil der Arbeit für mich übernehmen konnte.“ Trotzdem war die Allgemeinmedizinerin jeden Tag in der Ordination, „aber wenigstens nicht ab 7 Uhr Früh, sondern dann, wenn die Kinder versorgt waren“. Ein großer Vorteil in diesem Fall, dass die Ärztin direkt über ihrer Ordination wohnt. „Einfach war es sicher nicht. Allerdings würde ich auch nicht ein ganzes Jahr weg sein wollen, denn Medizin ist sehr personenbezogen und ich habe eine Verantwortung gegenüber meinen Patient:innen“, betont Katja Tritscher. Foto: Meister Elke, die Abbilderei COVER „Man kann ja nicht vorhersagen, wie alles klappt. Eine Schwangerschaft ist nicht gleich absehbar wie eine geplante Reise.“ Ina Suppan ÆRZTE Steiermark || 02|2026 9 „Einfach war es nicht. Allerdings würde ich auch nicht ein ganzes Jahr weg sein wollen. Ich habe eine Verantwortung gegenüber meinen Patient:innen.“ Katja Tritscher
COVER 10 ÆRZTE Steiermark || 02|2026 Für Kassenstelle die Karenz verkürzt Dass immer alles anders kommen kann, als „frau“ es sich gedacht hat, sieht man am Beispiel der Ärztin Katharina Reinbacher-Stering: „Mein Vater hatte eine Kassenarztstelle und ich habe bei ihm vertreten. Unser Plan war eine Nachfolge-Praxis“, erzählt die Allgemeinmedizinerin. Weil sie dann aber schwanger wurde und sich während dieser Karenz für eine andere Kassenstelle bewarb, um Punkte zu sammeln, kam alles ganz anders: „Alle haben mir gesagt, dass ich diese Kassenstelle sowieso nicht bekommen werde, deshalb war es eine riesige Überraschung, als ich nur 3 Monate nach der Geburt meines Kindes die Zusage bekam.“ Alles musste also kurzfristig und schnell organisiert werden. Der Partner von Katharina Reinbacher-Stering ging in Karenz, „damit ich in die Ordination konnte“. Denn die Ärztin nahm die Kassenstelle, die sich so überraschend ergeben hatte, an: „Eine Kassenstelle war immer mein Traum und ich habe mir gedacht, entweder nehme ich an oder ich verpasse meine Chance.“ Ein großes Danke gebühre ihrem Partner und den Eltern, sagt Katharina ReinbacherStering: „Sonst hätte ich das nicht durchziehen können; man braucht unbedingt ein gutes Netz. Es war insgesamt herausfordernd, aber ich bin auch unendlich froh über die Kassenstelle – für mich war es der richtige Weg!“ Eines betont die Allgemeinmedizinerin aber auch: „Ein zweites Kind geht sich mit der Kassenstelle nicht aus. Ich würde allen Ärztinnen, die eine Kassenstelle anstreben, raten, Kinder davor zu bekommen.“ Ein eigenes Modell, das eine Karenz auch während eines Kassenvertrags möglich mache, wäre deshalb wünschenswert, sagt sie. Eigene Modelle für Kassensystem gefordert „An den Beispielen sieht man, dass eine Karenz für viele Ärztinnen mit Praxis extrem schwierig zu organisieren ist. Es braucht definitiv eigene Modelle, vor allem im Kassensystem, damit Ärztinnen einfacher in Karenz gehen können. Die Attraktivierung der Kassenstellen ist – auch von Seiten der Politik – immer wieder Thema – und hier haben wir eine wichtige Stellschraube, mit der wir Kassenstellen für Ärztinnen attraktivieren können“, betont Michael Sacherer, Präsident der Ärztekammer für Steiermark. Im Angestellten-Verhältnis Im Vergleich zu den Ärztinnen, die eine eigene Kassen- oder Wahlarztpraxis haben, sind für angestellte Ärztinnen wie Birgit Wolff Mutterschutz und Karenz natürlich gesetzlich klar geregelt. Sie ist als Fachärztin für Gynäkologie am LKH Oststeiermark in Hartberg in Karenz gegangen, erzählt sie: „Im Angestellten-Verhältnis ist das für eine Ärztin ja verhältnismäßig unkompliziert – wie für andere Angestellte eben auch. Man macht die Meldung der Schwangerschaft, der Beginn Fotos: beigestellt, istock/fotostorm „Ein großes Danke an meinen Partner und meine Eltern. Sonst hätte ich das nicht durchziehen können; man braucht unbedingt ein gutes Netz.“ Katharina Reinbacher-Stering
BEREICH COVER ÆRZTE Steiermark || 02|2026 11 Ärztinnen in Karenz Laut Statistik des Wohlfahrtsfonds der Ärztekammer haben insgesamt nur 14 niedergelassene Ärztinnen in der Steiermark im Jahr 2024 Wochengeld bezogen, für in Summe 1.595 Tage. Bei den angestellten Ärztinnen waren es im Vergleich 73 Ärztinnen und 9.486 Bezugstage im selben Zeitraum. des Mutterschutzes ist entsprechend des berechneten Geburtstermins festgelegt, außer es gibt Gründe für eine Frühkarenz.“ Die Oberärztin hat dann das 1-Jahres-Modell für die Karenz in Anspruch genommen. „Dass es für angestellte Ärztinnen klare gesetzliche Regelungen gibt, ist schon ein großer Vorteil gegenüber dem niedergelassenen Bereich.“ „Wir sind in Hartberg ein tolles Team – da sind alle füreinander da und wir unterstützen uns gegenseitig“, betont Birgit Wolff. Seit der Geburt ihrer Tochter arbeitet die Gynäkologin und Mutter von 2 Kindern nicht mehr Vollzeit, sondern ist zu 75 % angestellt: „Damit habe ich zumeist einen freien Tag pro Woche. Auch unseren Dienstplan machen wir gemeinsam, was die Organisation des Familienalltags deutlich erleichtert.“ Option Väterkarenz Eine weitere Möglichkeit in Bezug auf die Karenz, ist die so genannte Väterkarenz: Die Inanspruchnahme dieser Option ist bei angestellten Ärzten weit verbreitet, weiß Jürgen Prattes. Der an der Universitätsklinik für Innere Medizin tätige Facharzt hat die Zeit mit dem Nachwuchs ebenfalls genossen und war selbst im Papamonat und für 2 Monate in Väterkarenz. „Dafür gibt es ja auch einen Rechtsanspruch, daher funktioniert das organisatorisch mit dem Arbeitgeber alles gut.“ Viele Ärzte wählen das Modell 12+2, meint er; bei diesem Modell ist ein Elternteil 12 und der andere Elternteil 2 Monate in Karenz. „Wichtig ist es auf jeden Fall, was die Meldung beim Arbeitgeber betrifft, alle Fristen einzuhalten – und wenn man eine gute Gesprächsbasis hat, macht man sich die Details gemeinsam aus.“ Rechtlich Rechtlich sieht das folgendermaßen aus: Im Angestelltenverhältnis können Eltern nach dem Mutterschutz grundsätzlich abwechselnd in Elternkarenz gehen, wenn es einen gemeinsamen Wohnsitz mit dem Kind gibt und man für zumindest 2 Monate zu Hause bleibt. Der Elternteil, der unmittelbar im Anschluss an die Schutzfrist in Karenz gehen will, muss dem Arbeitgeber Beginn und Dauer innerhalb von 8 Wochen bzw. 12 Wochen nach Geburt des Kindes bekanntgeben. Bei einem späteren Antritt hat die Meldung mindestens 3 Monate vorher zu erfolgen. Einen Anspruch auf die volle Karenzdauer bis zum vollendeten 2. Lebensjahr des Kindes gibt es nur, wenn jeder Elternteil mindestens 2 Monate in Karenz geht. Ausnahmen gibt es für Alleinerziehende, wenn kein zweiter Elternteil vorhanden ist oder dieser keinen Anspruch auf Karenz hat (was für Selbständige, Studierende oder Arbeitslose gilt). Sonst endet die Karenz mit Ende des 22. Lebensmonats des Kindes. Ebenso endet die Karenz mit Ende des 22. Lebensmonates des Kindes, wenn nur einer der beiden Elternteile Karenz in Anspruch nimmt. „Dass es für angestellte Ärztinnen klare gesetzliche Regelungen gibt, ist schon ein großer Vorteil gegenüber dem niedergelassenen Bereich.“ Birgit Wolff Foto: Schiffer
„Mut könnten wir noch mehr gebrauchen“ Vizerektor Akos Heinemann, der an der Med Uni Graz den Bereich Forschung verantwortet, spricht im Interview über wichtige Impulse, die Bedeutung der Wissenschaftskommunikation und die Nachwuchsförderung, die ihm besonders am Herzen liegt. Die Med Uni Graz ist in vielen Forschungsbereichen tätig und auch international sichtbar. Welche Themenfelder sind für die Zukunft besonders vielversprechend? Akos Heinemann: Vielen Dank, dass Sie das sagen, diese Sichtbarmachung ist genau meine Aufgabenstellung. Die Antwort auf die Frage ist aber sehr schwierig, weil es viele wichtige Themen gibt und wir leider keine Kristallkugel haben, um vorherzusagen, welche Felder am Ende die wichtigsten sein werden. Zukunftsträchtig ist im klinischen Bereich sicher das Neuro-Imaging, also alles, was mit Schlaganfällen und entzündlichen, degenerativen und Tumorerkrankungen des ZNS zusammenhängt. Die angewandte Stoffwechsel- und Diabetesforschung ist ebenso zu nennen wie die Entwicklung der Krebsforschung in Richtung Präzisionsmedizin. Aging und Metabolismus sind wichtige Themen, außerdem die Bereiche Mikrobiom-, Lungen- und Herz-Kreislauf-Forschung. Das müssen wir noch weiter aufbauen und sichtbarer machen, aber gleichzeitig müssen wir natürlich offen sein für jegliche neue Initiativen, die hoffentlich zusätzlich daherkommen und sicher manche Themen überholen werden. Forschung ist kompetitiv und das ist auch so gewünscht – aber noch wichtiger ist die Kollaboration. Wie wichtig ist der internationale Aspekt? Wenn man wirklich relevante Forschung machen will, dann muss sie in internationalen Netzwerken stattfinden. Mit den lokalen oder nationalen Netzwerken alleine kommt man nicht aus. Aus diesem Grund müssen die Forscher:innen auch unterstützt werden, auch für eine Zeit ins Ausland zu gehen und dort zu forschen. Welche inhaltlichen Schwerpunkte wollen Sie als Vizerektor setzen? Nachwuchsförderung ist sicher eines meiner wichtigsten Themen. Das beginnt schon bei der Ausbildung der Diplomstudierenden im Bereich Humanmedizin, die die Grundlage für wissenschaftliche Karrieren darstellt. Dieser Bereich ist am nachhaltigsten, denn die Ausbildung von jungen Forscher:innen wird in 20 Jahren Früchte tragen und in 40 Jahren hoffentlich richtig strahlen. Man muss das passende Umfeld für Forschung und für Innovation schaffen, um Exzellenz zu erzielen. Was können wir von anderen Unis, anderen Ländern und Kulturen lernen? Die meisten Top-Universitäten, die man in den Rankings sieht, haben uns eines voraus – und das weiß jeder, der als Forschender einmal eine Zeit lang an einer dieser Universitäten war: Sie gehen mutig an große Fragen heran, schauen nicht auf das Risiko. Sie geben ihren Forscher:innen mit: Beschäftigt euch wirklich nur mit risikoreichen, mit gewagten Themen. Das, was einfach geht, die sogenannten „low hanging fruits“ könnt ihr euch sparen. Das fehlt in Österreich. Auch wenn sich die österreichische INTERVIEW Foto: Schiffer Ärztekammer-Präsident Michael Sacherer und Vizerektor Akos Heinemann 12 ÆRZTE Steiermark || 02|2026
INTERVIEW Foto: Schiffer Wissenschaft in den letzten 30 Jahren extrem gut entwickelt hat, sind noch die althergebrachten Muster vorhanden, möglichst viel und möglichst konstant zu publizieren, sich eher auf die sicheren kleineren Projekte zu konzentrieren. Mut könnten wir noch mehr gebrauchen – aber nicht nur von Seiten der Universitäten, sondern auch von der öffentlichen Hand, von der Politik. Wir sind auf sehr hohem internationalem Niveau unterwegs und dafür braucht es die entsprechenden Finanzmittel. Wir hinken unserer eigenen Exzellenz ein bisschen hinterher und müssen immer rechtfertigen, warum zusätzliche Mittel notwendig sind, anstatt dass Freude herrschen würde, weil wir gut unterwegs sind und deshalb die nächste Stufe an Finanzierungsmöglichkeiten benötigen. Was sind derzeit die größten Herausforderungen für die Med Uni Graz? Die Drohung aus der Politik, dass wir sparen und den Staat sanieren müssen, sorgt generell in allen Forschungseinrichtungen in Österreich für eine herausfordernde Situation. Forscher:innen und Ärzt:innen sind nicht die, die auf die Straße gehen und protestieren, aber wir müssen uns Gehör verschaffen. In erster Linie geht das nur durch Wissenschaftskommunikation. Wir müssen die Bedeutung der Forschung, aber auch den lustvollen Aspekt mitkommunizieren, dass Forschung spannend und zukunftssichernd ist. Der Bevölkerung, den Steuerzahler:innen müssen wir zeigen, wie viel Potenzial die Forschung für unsere Zukunft hat. Dabei muss man durchaus auch Infotainment betreiben, denn auch Grundlagenforschung kann unterhaltsam sein. Es gibt große Herausforderungen im Gesundheits- system. Kann die Ausbildung an der Med Uni die künftigen Ärzt:innen darauf vorbereiten? Die Ausbildung kann und sie muss darauf vorbereiten. Der Arztberuf wird einfach immer akademischer, weil die Reproduktionsrate des relevanten Wissens so hoch ist. Wir müssen noch viel schneller lernen und viel häufiger wieder alles über Bord werfen und überdenken. Das geht nur, wenn man akademisch so geschult ist, dass man Wissenschaft lesen kann. Praktisch jeder Arzt und jede Ärztin ist gezwungen, die neuesten wissenschaftlichen Daten zu kennen, zu verstehen und dementsprechend die neuen diagnostischen Verfahren und Behandlungsmöglichkeiten umzusetzen. Wie spielen KI und Digitalisierung da hinein? Digitalisierung muss man – quasi als externe Festplatte – permanent nutzen, um das ganze Spektrum des Wissens jederzeit zur Verfügung zu haben. Ausbildung, Wissenschaft und klinische Arbeit greifen ganz eng ineinander. Die Verknüpfung von präklinischer und klinischer Forschung ist Ihnen ein Anliegen. Wie wollen Sie hier Impulse setzen? Die Grundlagenforscher:innen, die klinischen Forscher:innen und die Kliniker:innen müssen miteinander in engem Austausch stehen. Das braucht räumliche Nähe, wie sie bei der Campus-Planung mitgedacht wurde. Da spielen auch zufällige Begegnungen eine Rolle. Man sagt immer, dass Forschung viel vom Zufall lebt und das stimmt auch auf dieser Ebene: Mit wem trifft man zusammen und mit wem spricht man über welches Thema? So entstehen Kollaborationen, auch wenn das banal klingt. Zusätzlich braucht es Impulse auf der nächsten Ebene, organisatorisch und dienstrechtlich: geteilte Affiliationen, Grundlagenforscher:innen, die in der Lehre und auf der Klinik vernetzt sind – das ist nicht neu, wie man zum Beispiel am ZMF (Zentrum für medizinische Forschung) sieht. Das kann aber durchaus noch weiter intensiviert werden. Wir sind räumlich und ressourcenmäßig sehr gut aufgestellt. Wenn wir die Sichtbarkeit weiter erhöhen und Ausbildung und Nachwuchsförderung konsequent weiter betreiben, sind wir zum Erfolg verurteilt. Was motiviert Sie persönlich an Ihrer Aufgabe als Vizerektor für Forschung? Die Unterstützung der Forschenden. Ich sehe mich selbst auch als Forscher, kenne den ÆRZTE Steiermark || 02|2026 13
INTERVIEW 14 ÆRZTE Steiermark || 02|2026 • Begrüßung (M. Sacherer) • Einleitung & Einführung zum Thema (G. Wirnsberger) • Klinischer Nutzen und Limitationen der Liquid Biopsy (B. Liegl-Atzwanger) • Von der Grundlagenforschung zur personalisierten Krebstherapie (A. Heine) • Neue Wege gegen das Vergessen: Med. Innovationen in der Demenztherapie (S. Seiler) • Von Statinen bis Senolytika: Akt. Entwicklungen i. d. kardiovaskulären Medizin (M. Abdellatif) Anmeldung: www.med.or.at/innovationen E-Mail: fortbildung@aekstmk.or.at Fax (0316) 8044-132 Abendsymposium Medizinische Innovationen zwischen Wissenschaft und Praxis Mittwoch, 25. März 2026, Beginn 19.00 Uhr Steiermarkhof, Ekkehard-Hauer-Straße 33, 8052 Graz 3 Med. DFP-Punkte ID: 824200 Eintritt frei Mit Unterstützung von: 24. SEMINARE IM MÄRZ DER ÄRZTEKAMMER FÜR STEIERMARK Alltag der Forscher:innen und weiß, was sie motiviert. Die Forschenden in ihren Möglichkeiten maximal zu unterstützen ist eine sehr lohnende und nachhaltige Aufgabe. Man bekommt auch sehr viel zurück – nicht unbedingt an Dankbarkeit aber an Forschungsergebnissen. Wenn man spürt, dass die Forschenden glücklich sind und sich geschätzt fühlen, weiß man, man hat etwas richtig gemacht. Und was sind Ihre persönlichen Ziele als Forscher? Mit meiner derzeitigen Position ist eine aktive, ernsthafte Forschungstätigkeit leider nicht vereinbar, muss man ganz ehrlich sagen. Was mir persönlich über die letzten 25 Jahre sehr am Herzen gelegen ist, ist die Lungenforschung. Dieser Bereich war in Graz vor 25 Jahren noch nicht existent, dementsprechend war die Betreuung bei Behandlung von Lungenkranken bei weitem nicht optimal. Hier hat sich sehr viel getan, es sind fruchtbare Kollaborationen mit der Grundlagenforschung entstanden, deren Früchte man heute ernten kann. Das zeigt auch, dass man langfristig, also in der Dimension von Jahrzehnten denken muss. Schneller geht es einfach nicht. Was braucht es dafür? Wir haben einen tollen Standort, das muss man betonen. Um das Beste herauszuholen brauchen wir die Zusammenarbeit mit dem Land und mit der KAGes. Wesentlich ist das Bekenntnis der Landespolitik zur Forschung und auch die Förderung der Wissenschaftskommunikation geht nur in der Zusammenarbeit. Foto: Schiffer
BEREICH VALENTINSTAG Zum Valentinstag dreht sich alles um Blumen, Pralinen und romantische Gesten. Doch hinter all den Zeichen der Zuneigung verbirgt sich ein medizinisch messbarer Effekt: Zärtlichkeit kann buchstäblich unter die Haut gehen – und dort die Heilung beschleunigen. Das zeigt eine neue, international beachtete Studie unter Leitung der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg und des Universitätsklinikums Heidelberg, die kürzlich im Fachjournal JAMA Psychiatry veröffentlicht wurde. Studie der Uni Heidelberg Dass enge soziale Beziehungen gesundheitsfördernd sind, ist bekannt, jedoch nicht genau, wie sich Nähe, Zuwendung und Intimität auf unseren Körper auswirken. In einer großangelegten Untersuchung eines internationalen Forschungsteams der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg und des Universitätsklinikums Heidelberg, sowie weiteren Wissenschaftler:innen aus Deutschland, der Schweiz und Chile wurde dies nun genauer unter die Lupe genommen. 80 junge Paare nahmen an der Studie teil, deren Ziel es war, das Zusammenspiel von sozialer Zuwendung, dem „Kuschelhormon“ Oxytocin und der Wundheilung zu untersuchen. Die Studienteilnehmenden – durchschnittlich 28 Jahre alt – erhielten über eine Woche hinweg entweder Oxytocin oder ein Placebo über ein Nasenspray. Zusätzlich wurde die Hälfte der Paare zu positiven Gesprächen angeregt, um den Austausch von Nähe zu fördern. Kombination aus Oxytocin und Zuwendung Das Ergebnis war eindeutig: Nur die Kombination aus Oxytocin und gelebter Zuwendung sowie körperlicher Nähe im Alltag hatte einen signifikanten Effekt: Die Paare wiesen eine schnellere Wundheilung sowie niedrigere Stresshormonwerte auf. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Zuwendung im Alltag messbare Effekte auf den Körper hat. Sie beschleunigt in Kombination mit Oxytocin sogar die Heilung kleiner Wunden. Das verdeutlicht, wie eng Verhalten und Hormonsystem zusammenarbeiten und wie stark dieses Zusammenspiel die körperliche Gesundheit in nahen, liebevollen Beziehungen beeinflussen kann“, so die Studienleiterin Beate Ditzen. Kein eigenständiges Heilmittel Die Studie stellt erstmals den Zusammenhang dar, dass Berührungen und körperliche Nähe sich nicht nur gut anfühlen, sondern biologische Heilungsprozesse beeinflussen können. Jedoch weisen die Forscher:innen darauf hin, dass es sich bei der Studie einerseits um gesunde, junge Proband:innen handelte und die Effekte moderat waren. Oxytocin sei also kein eigenständiges Heilmittel. Für klare klinische Empfehlungen brauche es größere Studien. Der Link zur Veröffentlichung im Fachjournal „JAMA Psychiatry“ von Schneider E, Hernández C, Brock R et al. Intranasal Oxytocin and Physical Intimacy for Dermatological Wound Healing and Neuroendocrine Stress: A Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry: Gute Nachrichten passend zum Valentinstag am 14. Februar: Eine neue Studie der Universität Heidelberg zeigt, dass die Kombination aus Nähe und dem Hormon Oxytocin die Wundheilung bei Paaren fördert, kleine Hautwunden also schneller verheilen. Die Liebe hat heilsame Effekte Foto: envato/Polinalebed ÆRZTE Steiermark || 02|2026 15
Gesundheitsbildung gehört in die Lehrpläne GESUNDHEITSBILDUNG Gesundheitsbildung von Anfang an: Gesundheitskompetenz muss dringend bereits in Kindergarten und Schule vermittelt werden, wenn unser Gesundheitssystem nicht unfinanzierbar werden soll, fordert Daisy Kopera, Professorin an der Med Uni Graz. In einer Zeit, in der chronische Erkrankungen und ungesunder Lebensstil zunehmen, und ein Mangel an Gesund- heitsbewusstsein bereits bei jungen Menschen sichtbar werden, spricht sich die Ärztin Daisy Kopera eindringlich für eine flächendeckende Verankerung von Gesundheitsbildung in Bildungsplänen aus – beginnend im Kindergarten bis hin zur Oberstufe: „Gesundheit geht alle Altersstufen an! Je früher man beginnt, umso erfolgreicher und leichter ist das Ziel zu erreichen.“ Zuerst geht es darum, gesund „groß zu werden“ und in weiterer Folge auch gesund zu altern. „Ungesunde“ Generation? Wesentlich ist für sie, dass es dabei nicht um einen frommen Wunsch geht, sondern hier dringender Handlungsbedarf besteht. Denn insbesondere die Situation der jungen Erwachsenen ist laut Daisy Kopera besorgniserregend: „Eine ganz wichtige Gruppe sind die heute 20-Jährigen, denn sie hatten noch nie so etwas wie Gesundheitserziehung.“ Und gerade hier werde der ungesunde Lebensstil und das mangelnde Gesundheitsbewusstsein deutlich. Bei ihnen müsse man also genauso ansetzen und es sei auch „nie zu spät“, um mit Gesundheitsbildung zu beginnen, aber klar sei auch: „Anfangen muss man natürlich bei den Jüngsten.“ Bereits im Kindergarten könne man laut Daisy Kopera „grundlegende Inhalte spielerisch vermitteln“, in den ersten Schuljahren würden sich erste Zusammenhänge erschließen und ab dem zehnten Lebensjahr könne auch die Komplexität gesundheitsrelevanter Faktoren aufgegriffen werden. Was in die Lehrpläne gehört Doch welche Fähigkeiten fehlen, was genau muss überhaupt vermittelt werden? Gesundheitskompetenz ist, so Daisy Kopera, „ein Zustand, der angibt, dass eine Person die grundlegenden Voraussetzungen für eine gesunde Lebensweise kennt, diese im Tun beherzigt und sich entsprechend verhält. Im Fokus steht, möglichst ohne selbstverschuldete Krankheiten gesund alt zu werden, also vor allem vermeidbare Zivilisationskrankheiten wie Adipositas, daraus resultierend Diabetes mellitus, kardiovaskuläre Erkrankungen und Gelenksbeschwerden durch Übergewicht und Bewegungsmangel durch entsprechende Lebensführung zu minimieren.“ Gesundheitskompetenz sei also auch kein „Add-on“, sondern ein zentrales Element, sowohl für das Individuum als auch für die gesamte Gesellschaft. Foto: envato/LightFieldStudios 16 ÆRZTE Steiermark || 02|2026
GESUNDHEITSBILDUNG ÆRZTE Steiermark || 02|2026 17 Die Ärztin fordert daher eine systematische und altersadäquate Integration von Gesundheitsbildung in den Lehrplan. Dazu zählen für sie vor allem die Bereiche „Ernährung, Bewegung und die Zusammenhänge der Krankheitsentstehung, damit man das Verständnis für eine gesunde Lebensführung generiert.“ Darüber hinaus plädiert sie für einen gesunden Pragmatismus im Umgang mit Alltagswissen: „Soweit man gesunden Menschenverstand vermitteln kann, dürfen logische ‚Hausmittel‘ auch zur Sprache kommen.“ Die Rolle der Ärzteschaft Daisy Kopera sieht die Ärzteschaft beim Thema Gesundheitsbildung in einer aktiven Rolle – insbesondere in der Qualifizierung von Gesundheitstrainer:innen, die die entsprechenden Inhalte dann in den Bildungseinrichtungen als Multiplikator:innen vermitteln sollen: „Das muss ein ganz zentrales Anliegen einer Initiative ‚Gesund groß Werden‘ sein: Es müssen Personen ausgebildet werden, die genau das machen. Die Med Uni Graz, als Gesundheitsuniversität, bietet in ihrer Postgraduate School einen genau auf diese Inhalte fokussierten 2-semestrigen Lehrgang an. Der Ausbildung steht also nichts im Wege.“ Der Impuls für die Integration der Gesundheitsbildung in die Lehrpläne könne nur von oben kommen. Gefordert seien Gesundheitspolitik, Bildungspolitik, die Ärzteschaft und die Sozialversicherungsträger gleichermaßen, die zusammenarbeiten müssen, um diese große Idee umzusetzen. Denn der Hintergrund ist ernst: „Volkswirtschaftlich wird das der einzige Weg sein, um unser Gesundheitssystem vor dem Bankrott zu retten.“ Ein Appell an alle Mit deutlichen Worten mahnt Daisy Kopera die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels ein: „Das nicht existierende Gesundheitsbewusstsein bei Kindern und Jugendlichen ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.“ Wenn nicht gegengesteuert werde, drohen in den nächsten Jahren dramatische Entwicklungen: „Das Gesundheitssystem wird unfinanzierbar und dadurch einfach zusammenbrechen.“ Ihr Appell ist daher klar: „Fangen wir endlich alle gemeinsam damit an!“ Fotos: privat, envato/LightFieldStudios „Gesundheitsbildung gehört in die Lehrpläne. Volkswirtschaftlich wird das der einzige Weg sein, um unser Gesundheitssystem vor dem Bankrott zu retten.“ Daisy Kopera Professorin an der Med Uni Graz
WELTKREBSTAG 18 ÆRZTE Steiermark || 02|2026 Die Onkologie in der Steiermark ist im Wandel Rund 7.000 Krebsneuerkrankungen pro Jahr, etwa 3.200 Krebstodesfälle und ein Plus von rund 15 Prozent bis 2030: Spezialist Peter Krippl beschreibt, wie Demografie, Tumorboards und neue Therapien die Versorgung in der Steiermark prägen. Der 4. Februar – der Weltkrebstag – ist Anlass, die steirische Onkologie aus der Versorgungsperspektive zu beleuchten. Die Fallzahlen bleiben hoch, aber die Therapien werden präziser – und das System muss mehr Komplexität tragen. Peter Krippl, ärztlicher Direktor des LKH Oststeiermark sowie Leiter der Abteilung für Innere Medizin und Hämato-Onkologie am Standort Fürstenfeld, beurteilt die Versorgung derzeit als gut, warnt aber vor wachsenden Anforderungen durch die demografische Entwicklung und innovative Therapien mit hohem Kostenfaktor. Zahlen und Treiber Peter Krippl beziffert die Krebsneuerkrankungen in der Steiermark auf rund 7.000 pro Jahr; Männer seien etwas häufiger betroffen als Frauen (etwa 3.800 zu 3.200). Krebs bleibt nach Herz-KreislaufErkrankungen die zweithäufigste Todesursache: Rund 3.200 Menschen sterben jährlich an Krebs. Jeder 4. Österreicher erkrankt einmal in seinem Leben an Krebs, jede 8. Frau an Brustkrebs. Die erwartete Zunahme bis 2030 liege bei etwa 15 Prozent, erklärt Krippl mit Blick auf die Altersstruktur: Die
BEREICH ÆRZTE Steiermark || 02|2026 19 WELTKREBSTAG meisten Diagnosen betreffen Menschen ab 55 Jahren, und die Bevölkerung wird zunehmend älter. Öster- reich hat derzeit eine Bevölkerung von rund 9 Millionen Einwohner:innen. Vom Erstkontakt zum Tumorboard Im Versorgungsalltag sieht der Spezialist die Hausärzt:innen als entscheidende erste Schnittstelle – sowohl in der Prävention als auch in der frühen Tumordiagnostik. Sie seien häufig die ersten, die Warnsignale erkennen und die Diagnostik anstoßen würden. Die nächste Stufe seien Tumorboards: interdisziplinäre Konferenzen, in denen Fachdisziplinen (u. a. Bildgebung, Pathologie, Chirurgie, Radioonkologie, Systemtherapie) Diagnosen zusammenführen und leitlinienorientierte Behandlungspfade festlegen. Behandelt werde anschließend in den Schwerpunktstrukturen. In der Steiermark nennt Krippl dafür Graz, Fürstenfeld und Leoben. Prävention und Früherkennung Als Hauptursachen für Krebs nennt Krippl, ähnlich wie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die Lebensstilfaktoren. Er bringt es in einem Satz auf den Punkt: „60 Prozent aller Krebserkrankungen kann man verhindern, wenn Ernährung, Bewegung und Nikotinkonsum konsequent adressiert werden.“ Eine wichtige Ergänzung zur primären Prävention sei die sekundäre Prävention durch Vorsorgeuntersuchungen, die den Verlauf von Krebserkrankungen maßgeblich beeinflussen können. Als Beispiele nennt er Koloskopie, Prostatauntersuchung sowie Mammographie (jeweils ab 45 Jahren) sowie die frauenärztliche Untersuchung ab dem 19. Lebensjahr. Ergänzend sieht er Hautkrebs-Checks bei entsprechenden Risikokonstellationen als notwendige Präventionsmaßnahme. Für Lungenkrebs gebe es bislang noch keine breit etablierte RoutineVorsorge. Hinweise sprächen jedoch dafür, dass Low-DoseCT Unregelmäßigkeiten bei Risikogruppen früher sichtbar machen könne. Therapie: Personalisiert, neue Toxizitäten Rückblickend beschreibt Krippl den Paradigmenwechsel: Früher standen Operationen, Strahlentherapie und Chemotherapie im Vordergrund. Heute sei Onkologie in vielerlei Hinsicht individuell und biomarker-getrieben. Molekulare Marker ermöglichen eine gezielte Behandlung mit speziellen Medikamenten, teils gentechnologisch hergestellte biologische Verfahren und antikörper-basierte Therapien. Der Nutzen: passgenauere Strategien und potenziell weniger unspezifische Nebenwirkungen. Die Kehrseite: neue, spezifische Toxizitäten und hoher Ressourcenbedarf. Zudem seien viele Innovationen teuer; Krippl nennt Kostenordnungen im Durchschnitt von 100.000 Euro pro Patient:in im Jahr. Hilfsmittel KI Künstliche Intelligenz bewertet der Arzt als sinnvolle Unterstützung, etwa in der Diagnostik und Therapieplanung. Für die breite Anwendung brauche es jedoch verlässliche Zertifizierungen und klare Qualitätsstandards: „Ich muss mich als Arzt auf eine Zertifizierung des Verfahrens verlassen können – und die gibt es derzeit noch nicht.“ Ausblick: Mehr Patient:innen Weil Therapien besser werden, leben viele Patient:innen länger mit der Erkrankung oder erreichen Remission. Damit steigen die Anforderungen an Nachsorge, Rehabilitation und biopsychosoziale Betreuung. Peter Krippl ist überzeugt, dass die Psyche den Verlauf wesentlich mitprägt; entsprechend wichtig seien interprofessionelle Teams und strukturierte Begleitangebote. Die zentrale Frage für die nächsten Jahre lautet aus seiner Sicht, wie es gelingen kann, frühe Diagnosen über die Primärversorgung zu stärken, Tumorboards effizienter zu machen und zugleich die Ressourcen für hochkomplexe, teure Therapien nachhaltig zu sichern. „60 Prozent aller Krebserkrankungen kann man verhindern, wenn Ernährung, Bewegung und Nikotinkonsum konsequent adressiert werden.“ Peter Krippl Leiter der Abteilung für Innere Medizin und Hämato-Onkologie, Fürstenfeld Fotos: envato/seventyfourimages, Schiffer
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