AERZTE Steiermark 02 2026

BEREICH Für niedergelassene Ärztinnen ist eine Karenz organisatorisch und finanziell eine enorme Herausforderung. Die Erfahrungen, von denen die steirische Ärztinnen in unserer aktuellen Cover-Story berichten, zeigen, wie hoch die Hürden sind – und wie dringend wir neue Lösungen brauchen. Im Jahr 2024 bezogen in der Steiermark lediglich 14 niedergelassene Ärztinnen Wochengeld – im Vergleich zu 73 angestellten Ärztinnen. Das spricht eine deutliche Sprache. Dieser deutliche Unterschied ist kein Zufall, sondern zeigt, dass das System mit der Lebensrealität der Ärztinnen nicht Schritt hält. Wer in Karenz gehen möchte und gleichzeitig eine Kassenordination führt, hat nicht nur organisatorisch viel zu stemmen, sondern auch in vielen Fällen das Problem, überhaupt keine passende Vertretung zu finden. Es ist an der Zeit, eigene Modelle für das Kassensystem zu entwickeln, die Ärztinnen echte Wahlfreiheit und Flexibilität ermöglichen. Ein Kassensystem, das Lebensrealitäten ignoriert, verliert an Attraktivität – gerade für junge Ärztinnen. Dabei müssten wir doch alle Möglichkeiten zur Attraktivierung von Kassenstellen nutzen. Und hier liegt ein zentraler Hebel, um die Kassenpraxis zukunftsfit zu machen. Wenn wir diese Stellen künftig schneller besetzen wollen, müssen wir Karenz nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil einer ärztlichen Laufbahn begreifen. Die Politik spricht regelmäßig von der Attraktivierung der Kassenstellen. Wenn sie es ernst meint, dann muss sie hier ansetzen. Denn der Anspruch sollte für alle gelten, also auch für jene, die in der Gesundheitsversorgung eine so wichtige Rolle spielen: Wir müssen die Rahmenbedingungen so gestalten, dass Familie und Beruf vereinbar sind. Denn nur ein flexibles, familienfreundliches Kassensystem ist auch ein zukunftsfähiges. Die Zahl der Ärztinnen steigt – und damit auch die Verantwortung, ein System zu schaffen, das Platz für Familie lässt. Dr. Michael Sacherer Präsident der Ärztekammer Steiermark ÆRZTE Steiermark || 02|2026 7 Der aktuelle SPÖ-Vorstoß, Wahlärzt:innen verpflichtend zum Kassentarif arbeiten zu lassen, ist brandgefährlich. Wer glaubt, ein überlastetes und unterfinanziertes Kassensystem zu sanieren, indem man ein funktionierendes Wahlarztsystem zerstört, irrt fundamental – und gefährdet damit die medizinische Versorgung. „Nicht genügend, setzen“ – anders kann man diesen Vorschlag wirklich nicht bewerten, denn er ignoriert, wie wichtig die Rolle der Wahlärzt:innen in unserem bestehenden Gesundheitssystem ist. Wahlärzt:innen leisten einen wichtigen versorgungswirksamen Beitrag und den dürfen wir nicht in Gefahr bringen. Außerdem ist eine Verpflichtung auch rechtlich fragwürdig – geradezu ein Frontalangriff auf die freie Berufsausübung. Die Politik ist offensichtlich nicht in der Lage, zwischen angestellter Arbeit und Freiberuflichkeit zu unterscheiden. Das Wahlarztsystem ist eine tragende Säule, die dort entlastet, wo das Kassensystem längst an seine Grenzen stößt. Anstatt diesen funktionierenden Teil der Versorgung zu schwächen, wäre es zielführender, das Kassenwesen so zu gestalten, dass es für junge Ärzt:innen wieder eine Option wird – fachlich wie wirtschaftlich. Anstatt Zwang braucht es Reform: faire Verträge, echte finanzielle Planungssicherheit, moderne Rahmenbedingungen für Kassenordinationen. Nur so wird das öffentliche System wieder attraktiv – für Ärzt:innen wie für Patient:innen. Als Ärzteschaft sind wird durchaus bereit, der Politik bei der Ideenfindung unter die Arme zu greifen. Die Hand der Ärzteschaft ist ausgestreckt – wir sind gerne dabei, wenn es darum geht, sinnvolle Vorschläge zu diskutieren und effiziente Lösungen zu schaffen. Denn als Gesellschaft werden wir diese dringend brauchen. Vizepräsident Prof. Dr. Dietmar Bayer Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte EXTRA Dietmar Bayer Nicht genügend, setzen! STANDORTBESTIMMUNG Michael Sacherer Ohne Kinder keine Zukunft DEBATTE Fotos: Schiffer (2), Icon: Flaticon

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