AERZTE Steiermark 02 2026

BEREICH ÆRZTE Steiermark || 02|2026 19 WELTKREBSTAG meisten Diagnosen betreffen Menschen ab 55 Jahren, und die Bevölkerung wird zunehmend älter. Öster- reich hat derzeit eine Bevölkerung von rund 9 Millionen Einwohner:innen. Vom Erstkontakt zum Tumorboard Im Versorgungsalltag sieht der Spezialist die Hausärzt:innen als entscheidende erste Schnittstelle – sowohl in der Prävention als auch in der frühen Tumordiagnostik. Sie seien häufig die ersten, die Warnsignale erkennen und die Diagnostik anstoßen würden. Die nächste Stufe seien Tumorboards: interdisziplinäre Konferenzen, in denen Fachdisziplinen (u. a. Bildgebung, Pathologie, Chirurgie, Radioonkologie, Systemtherapie) Diagnosen zusammenführen und leitlinienorientierte Behandlungspfade festlegen. Behandelt werde anschließend in den Schwerpunktstrukturen. In der Steiermark nennt Krippl dafür Graz, Fürstenfeld und Leoben. Prävention und Früherkennung Als Hauptursachen für Krebs nennt Krippl, ähnlich wie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die Lebensstilfaktoren. Er bringt es in einem Satz auf den Punkt: „60 Prozent aller Krebserkrankungen kann man verhindern, wenn Ernährung, Bewegung und Nikotinkonsum konsequent adressiert werden.“ Eine wichtige Ergänzung zur primären Prävention sei die sekundäre Prävention durch Vorsorgeuntersuchungen, die den Verlauf von Krebserkrankungen maßgeblich beeinflussen können. Als Beispiele nennt er Koloskopie, Prostatauntersuchung sowie Mammographie (jeweils ab 45 Jahren) sowie die frauenärztliche Untersuchung ab dem 19. Lebensjahr. Ergänzend sieht er Hautkrebs-Checks bei entsprechenden Risikokonstellationen als notwendige Präventionsmaßnahme. Für Lungenkrebs gebe es bislang noch keine breit etablierte RoutineVorsorge. Hinweise sprächen jedoch dafür, dass Low-DoseCT Unregelmäßigkeiten bei Risikogruppen früher sichtbar machen könne. Therapie: Personalisiert, neue Toxizitäten Rückblickend beschreibt Krippl den Paradigmenwechsel: Früher standen Operationen, Strahlentherapie und Chemotherapie im Vordergrund. Heute sei Onkologie in vielerlei Hinsicht individuell und biomarker-getrieben. Molekulare Marker ermöglichen eine gezielte Behandlung mit speziellen Medikamenten, teils gentechnologisch hergestellte biologische Verfahren und antikörper-basierte Therapien. Der Nutzen: passgenauere Strategien und potenziell weniger unspezifische Nebenwirkungen. Die Kehrseite: neue, spezifische Toxizitäten und hoher Ressourcenbedarf. Zudem seien viele Innovationen teuer; Krippl nennt Kostenordnungen im Durchschnitt von 100.000 Euro pro Patient:in im Jahr. Hilfsmittel KI Künstliche Intelligenz bewertet der Arzt als sinnvolle Unterstützung, etwa in der Diagnostik und Therapieplanung. Für die breite Anwendung brauche es jedoch verlässliche Zertifizierungen und klare Qualitätsstandards: „Ich muss mich als Arzt auf eine Zertifizierung des Verfahrens verlassen können – und die gibt es derzeit noch nicht.“ Ausblick: Mehr Patient:innen Weil Therapien besser werden, leben viele Patient:innen länger mit der Erkrankung oder erreichen Remission. Damit steigen die Anforderungen an Nachsorge, Rehabilitation und biopsychosoziale Betreuung. Peter Krippl ist überzeugt, dass die Psyche den Verlauf wesentlich mitprägt; entsprechend wichtig seien interprofessionelle Teams und strukturierte Begleitangebote. Die zentrale Frage für die nächsten Jahre lautet aus seiner Sicht, wie es gelingen kann, frühe Diagnosen über die Primärversorgung zu stärken, Tumorboards effizienter zu machen und zugleich die Ressourcen für hochkomplexe, teure Therapien nachhaltig zu sichern. „60 Prozent aller Krebserkrankungen kann man verhindern, wenn Ernährung, Bewegung und Nikotinkonsum konsequent adressiert werden.“ Peter Krippl Leiter der Abteilung für Innere Medizin und Hämato-Onkologie, Fürstenfeld Fotos: envato/seventyfourimages, Schiffer

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