Das Magazin der Ärztekammer Steiermark März 2026 Hören. Wolfgang Luxenberger zum Welttag des Hörens über Gen-Therapie bei Taubheit. Hirn. Sandro Eustacchio zur Faszination der relativ jungen Disziplin Neurochirurgie. Hobby. Martina Freigassner erkennt viele Parallelen zwischen Orthopädie und Önologie. Österreichische Post AG MZ 02Z033098 M Ärztekammer für Steiermark, Kaiserfeldgasse 29, 8010 Graz, Retouren an PF555, 1008 Wien Spitalsärzteversammlung Honorarabschlüsse Foto: Deutsche Gesellschaft für ME-CFS Wie es in der Steiermark weitergeht PAIS-Konzept
Soll Ihr Arzt mehr Zeit für Bürokratie aufwenden müssen als für Ihre Behandlung? Eine Initiative der Ärztekammer für Steiermark Ihre steirischen Ärztinnen und Ärzte Bilden Sie sich Ihre Meinung
BEREICH THEMEN Produziert gemäß Richtlinie UZ24 des Österreichischen Umweltzeichens, Medienfabrik Graz, UW-Nr. 812 Logo für Druck, 4c, dt.: Unten finden Sie das Österreichische Umweltzeichen Druckprodukt. Dabei müssen unbedingt folgende Ric – Platzieren Sie dieses PDF in Ihrem Layout mit 100 % dass nur die von Ihnen gewünschte Logo-Variante im Blume einen Durchmesser von 17 mm und die Schri – Das Umweltzeichen muss genügend Abstand zu and das Logo als eigenständiges grafisches Objekt wiede Hintergrund abgebildet werden. Fotos, detaillierte G – Man kann den Text rechts von der Blume auch ins Im (mit 17 mm Durchmesser!). VERWENDUNG D UMWELTZEICHE MEDIENFABRIK GRAZ, Dreihackengasse 20, 8020 Graz ,T +43 (0)316/8 ÆRZTE Steiermark || 03|2026 3 BUCHTIPP Meine eigene Praxis Richtig starten als Hausärztin/ Hausarzt Bettina Ehrhardt-Felkl (Hg.) 1. Auflage, 216 Seiten ISBN: 978-3-99052-294-3 Die Übernahme oder Neugründung einer Hausarztpraxis bringt neben medizinischen auch viele organisatorische, rechtliche und wirtschaftliche Herausforderungen mit sich. Dieser Wegweiser durch den Informationsdschungel unterstützt junge Ärzt:innen auf diesem Weg mit praxisnahen Einblicken und wertvollen Tipps. Erfahrene Hausärzt:innen berichten aus ihrem Berufsalltag und zeigen Chancen sowie Herausforderungen auf. Expert:innen liefern verständliche Informationen zu Themen wie Standortwahl, Finanzierung, Recht, EDV, Personal, Marketing und Praxisorganisation. Ein umfassender Leitfaden, der Sicherheit gibt und Mut für einen der vielseitigsten und erfüllendsten Berufe macht. DATUM 25. April Zum zweiten Mal findet der „Styrian Run Against Cancer“ heuer statt. Am 25. April kann man sich beim Charity-Lauf zugunsten von Krebsforschung und Projekten, die Erkrankte und Angehörige unterstützen, auf die 5 Kilometer lange Laufstrecke durch die Grazer Innenstadt begeben. Infos und Anmeldung unter: www.run-against-cancer.at LINK: Aufnahmeverfahren zum Medizinstudium Neben einem kompakten Erklärvideo zum Aufnahmeverfahren für das Medizin- studium bietet die Website alle wichtigen Infos: Anmeldung, Termine, Studienplätze, Testinhalte, Vorbereitung, Ergebnisse sowie FAQs und aktuelle News für angehende Medizin-Studierende in Österreich. ZAHL 23 Österreich trinkt sich krank: Im Schnitt konsumieren wir 23 g Zucker täglich allein über Softdrinks – fast so viel wie die WHO als Tageshöchstmenge empfiehlt. Vor allem der Konsum von Energydrinks ist massiv gestiegen. foodwatch warnt vor Gesundheitsrisiken und fordert daher eine Zuckersteuer sowie eine Altersgrenze für Energydrinks. Foto: Verlagshaus der Ärzte FORTBILDUNGSTIPP ÖÄK-Diplom Substitutionsbehandlung Do. 7. Mai bis Sa. 9. Mai 2026, in Präsenz (Ort: Ärztekammer Steiermark). Kursbeitrag: € 250,-. Anmeldung: akademie@vorsorgemedizin.st Rückfragen: Mag. Sylvia Antrich (WAVM) Telefon: 0660 / 22 02 801 Zusätzlich zum Basismodul (20 UE in Präsenz) sind weitere 20 UE in Form eines E-Learnings zu absolvieren. Nähere Infos finden Sie unter: https://www.vorsorgemedizin.st UPDATE IM MÄRZ SCHLAGZEILE „Impfen in Apotheken wohl noch heuer möglich“ Im TV-Interview mit dem ORF Steiermark kritisierte Ärztekammer-Steiermark-Präsident Michael Sacherer den politischen Vorschlag zum Impfen in Apotheken scharf. „Rund 2.400 niedergelassen Ärzt:innen stehen 210 Apotheken gegenüber.“ Von einem Versorgungsmangel könne keine Rede sein. ORF Steiermark, 28. Februar 2026 IMPRESSUM: Medieninhaber (Verleger): Ärztekammer für Steiermark, Körperschaft öffentlichen Rechts | Redak- tionsadresse: 8010 Graz, Kaiserfeldgasse 29, Tel. 0316 / 8044-0, Fax: 0316 / 81 56 71, E-Mail: presse@aekstmk.or.at | Chefredaktion: Mag.a Beate Mosing | Redaktion: Mag.a Edith Preiß, Thomas Zenz | Produktion: CONCLUSIO PR Beratungs GmbH, Schmiedgasse 38, 8010 Graz | Anzeigen: Gernot Zerza, Tel.+43 664 2472673, E-Mail: zerzagernot@gmail.com; Mit „Promotion“ gekennzeichnete Texte sind entgeltliche Veröffentlichungen im Sinne § 26, Mediengesetz. | Druck: Stmk. Landesdruckerei GmbH, 8020 Graz | Abonnements: Eva Gutmann, Ärztekammer Steiermark, Tel. 0316 / 804440, Fax: 0316 / 81 56 71. Jahresabonnement (11 Ausgaben) EUR 25,–.
BEREICH THEMEN Fotos: privat, envato/africaimages THEMEN Cover. Update zum neuen Versorgungskonzept für „Long Covid“ und ME/CFS in der Steiermark 8 Aufholbedarf bei geschlechterspezifischen Aspekten 11 „Less is better“: Risikomengen bei Alkohol 14 Gemeinsam die österreichische Primärversorgung stärken 15 Von Technologie und Magie – die Neurochirurgie fasziniert 16 Die Masern sind zurück 18 Laufen gegen Krebs 21 Gerne Arzt. Kevin Brunnader, ein Arzt für alle Einsätze 22 Erlesen. Einblicke in völlig unterschiedliche Leben 26 Recht. Was Ärzt:innen über Patientenverfügungen wissen sollten 28 Wirtschaft & Erfolg. Ausblick auf die Finanzmärkte 2026 30 Wohlfahrtsfonds. Die Krankenbeihilfe bei Kur- oder Rehabilitationsaufenthalt 32 Rheumatologie-Report 34 Med Uni Graz. KI und Herzinfarktbehandlung bei Krebs 35 CIRSmedical. Fall des Monats 36 Experten-Tipp: Meldung von Angehörigendaten 36 ANGESTELLTE ÄRZTINNEN UND ÄRZTE Jetzt ist es so weit: Es geht um Ihre Meinung zur Ausbildung! 38 Spitalsärzteversammlungen 2026 – kommen Sie vorbei! 40 Sonderurlaub für Ärzt:innen der Stmk. KAGes 42 Großes Interesse am Webinar zur ärztlichen Aufklärung 45 Nur einen Klick von der erfolgreichen Zusammenarbeit entfernt 46 NIEDERGELASSENE ÄRZTINNEN UND ÄRZTE Vertretungsregeln von Vertragsärzt:innen 48 Mit BVAEB und SVS wurden Honorarabschlüsse erzielt 50 Codier-Tipp des Monats 51 Gefahrenzulage für Mitarbeiter:innen in Ordinationen 53 Großes Interesse am Thema Blaulicht-Genehmigungen 54 Praktisch täglich 56 Debatte 6 News 37 Kleinanzeigen 58 Personalia 64 Cartoon 69 Ad Personam 70 WELTTAG DES HÖRENS Hörminderungen betreffen rund 1,6 Mio. Menschen in Österreich. Wolfgang Luxenberger über Gen-Therapien und neue Risikofaktoren für Schwerhörigkeit. Seite 12 ÄRZTIN IM BESONDEREN DIENST Tagsüber Ordination, abends Rebschnitt – für Martina Freigassner ist das die ideale Ergänzung. Die Fachärztin für Orthopädie ist auch Hobby-Winzerin im slowenischen Familienweingarten. Seite 24 4 ÆRZTE Steiermark || 03|2026
BEREICH ÆRZTE Steiermark || 03|2026 5 THEMEN Ein sehr positives Bild zeichnet die aktuelle Umfrage. Wir haben gefragt: Fühlen Sie sich von Ihren Patient:innen wertgeschätzt? Und 28,3 % der Umfrageteilnehmer:innen haben geantwortet, dass sie sich sogar sehr wertgeschätzt fühlen, weitere 54,6 % haben geantwortet, dass dies meist der Fall sei, mit nur wenigen Ausnahmen. 15,1 % der Ärzt:innen sind hingegen nicht zufrieden und meinen, dass sie nur gelegentlich Wertschätzung wahrnehmen, die Patient:innen seien eher fordernd. 2,6 % fühlen sich nur selten oder nie wertgeschätzt. In den freien Antworten gaben Ärzt:innen an, dass die Wertschätzung in Ordinationen größer sei als im Krankenhaus und auch, dass auch das Verhalten der Ärzt:innen selbst die Haltung der Patient:innen beeinflusse. EPIKRISE Kurze Nachrichten aus der Redaktion Soziale Medien: X/Twitter: www.twitter.com/ AERZTE_NEWS Facebook: www.facebook. com/aerztekammer.stmk/ und Facebook-Gruppe für steirische Ärztinnen und Ärzte Youtube: AERZTE_NEWS Instagram: www.instagram. com/aerztekammerstmk Foto: Beigestelltw Fühlen Sie sich von Ihren Patient:innen wertgeschätzt? AERZTE-Frage des Monats: Fühlen Sie sich von Ihren Patient:innen wertgeschätzt? Ja, ich fühle mich sehr wertgeschätzt. Meistens ja, mit wenigen Ausnahmen. Nur gelegentlich. Die Patient:innen fordern eher. Nein, ich fühle mich sehr selten bzw. nie wertgeschätzt. Teilnehmer:innen: 152 DAS BILD DES MONATS. An gut frequentierten Orten wie dem Grazer Hauptbahnhof ist die Ärztekammer Steiermark derzeit präsent – Botschaft ist die Patientenlenkung, vermittelt werden Informationen zu Serviceangeboten wie unserem Leitfaden „Wohin mit welcher Krankheit?“. 28,3 % 2,6 % 15,1 % 54,6 %
6 ÆRZTE Steiermark || 03|2026 BEREICH INTRA KONT A DEBATTE Michael Kropiunig Vorbeugen ist besser als heilen Wenn Ärzt:innen in ihrer beruflichen Tätigkeit mit dem Recht in Konflikt geraten, geht es meist um die Frage der Einhaltung der ärztlichen Aufklärungspflicht. Kaum ein Thema wird im Verhältnis der Medizin zum Recht so heiß diskutiert. Unabhängig davon, ob die Vorgaben praxisnah erscheinen, geht doch oft ein Gerichtsprozess über einen behaupteten, aber nicht beweisbaren Kunstfehler nur deswegen verloren, da das Gericht von einer Verletzung der ärztlichen Aufklärungspflicht ausgeht und aus diesem Grund der Klage stattgibt. Es lohnt sich daher, sich mit dem rechtlichen Rahmen zu beschäftigen. Ausgangspunkt der ärztlichen Aufklärungspflicht ist das Selbstbestimmungsrecht des Patienten, in dessen körperliche Integrität durch die ärztliche Behandlung eingegriffen wird, sodass er in die Behandlung einwilligen muss. Voraussetzung für die Einwilligung ist eine Aufklärung durch den Arzt in einer Form, die dem Patienten eine sachgerechte Entscheidung erlaubt. Fehlt es daran, kann auch eine Behandlung, die lege artis durchgeführt wurde, rechtswidrig sein. Die ärztliche Aufklärungspflicht reicht umso weiter, je weniger der Eingriff aus der Sicht eines vernünftigen Patienten unbedingt erforderlich erscheint. Beweispflichtig ist im Übrigen ausschließlich der Arzt. Aus der anwaltlichen Praxis zeigt sich, dass Einträge in die Patientenkartei wie „Patient über die Risken der Behandlung aufgeklärt“ diesen Beweis nicht immer erbringen, wenn der Patient die Aufklärung bestreitet. Empfohlen werden Aufklärungsbögen, die vom Patienten zur Dokumentation zu unterschreiben und bestenfalls mit handschriftlichen Kommentaren des Arztes über das Gespräch zu ergänzen sind. Und – die Patientenkartei sollte so geführt werden, dass nachträgliches Dokumentieren ausgeschlossen ist, um gar nie in Verdacht zu geraten. Vorbeugen ist besser als heilen – dies gilt abgewandelt auch für rechtliche Fragen. Ein Check der Aufklärungsabläufe in der Ordination durch auf Medizinrecht spezialisierte Rechtsanwält:innen beruhigt und spart Ärger bei Konflikten mit Patienten. Michael Kropiunig Präsident der Steiermärkischen Rechtsanwaltskammer Gerhard Posch SPÄV sind gestartet – wir freuen uns auf Sie! Der Auftakt ist gelungen – mit engagierten Diskussionen, klaren Worten und einem spürbaren gemeinsamen Anliegen: Die Gesundheitsversorgung in der Steiermark aktiv mitzugestalten. Die Spitalsärzteversammlungen der Kurie Angestellte Ärzte sind bereits gestartet und werden uns laufend an die verschiedenen Spitalsstandorte in der Steiermark bringen. Gerade in bewegten Zeiten zeigt sich, wie wichtig eine starke, geeinte Vertretung ist. Die größte Gehaltsreform der Geschichte ist nur ein Beispiel für die wichtigen Ergebnisse, die durch die konsequente Interessensvertretung erreicht werden konnten. Doch Fortschritt entsteht nicht im Alleingang. Er entsteht im Dialog. Unter dem Motto „Gesundheitsversorgung gemeinsam gestalten“ sind die Spitalsärzteversammlungen bewusst als offene Plattform angelegt: für Ihre Fragen, Ihre Erfahrungen, Ihre Ideen sowie auch Ihre Kritik. Ob verbindliche Patientenlenkung, Bürokratieabbau, Arbeitsbedingungen oder standortspezifische Herausforderungen – was Sie vor Ort bewegt, sollte unbedingt angesprochen werden. Gerade der direkte Austausch vor Ort schafft Transparenz, Vertrauen und Geschlossenheit. Jede Wortmeldung, jede Perspektive stärkt die gemeinsame Position der angestellten Ärzt:innen in der Steiermark. Ich lade Sie herzlich ein – kommen Sie zur Spitalsärzteversammlung und nutzen Sie diese Plattform für Information, Diskussion und Mitgestaltung. Wir alle zusammen tragen im klinischen Alltag Verantwortung, gemeinsam können wir auch die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit in der Gesundheitsversorgung gestalten. Diskutieren wir gemeinsam! Ich freue mich auf Ihr Kommen! Dr. Gerhard Posch Kurienobmann der Kurie Angestellte Ärzte Fotos: Stmk. Rechtsanwaltskammer, Furgler
BEREICH Ein modernes Gesundheitssystem muss Orientierung bieten – gerade, wenn es mit vielen Angeboten und Zugängen breit aufgestellt ist. Stark und tragfähig ist diese Struktur, wenn sich die Patient:innen zurechtfinden und rasch und sicher dorthin gelangen, wo sie bestmöglich versorgt werden. Genau an dieser Schnittstelle treffen Gesundheitsbildung und Patientenlenkung aufeinander. Die Frage „Bin ich ein Notfall?“ mag bewusst einfach formuliert sein, aber sie muss gestellt werden. Denn es geht nicht darum, Verantwortung auf die Patient:innen abzuwälzen, sondern darum, zu hinterfragen. Es geht um Gesundheitskompetenz im Alltag. Und es geht darum, den gesunden Hausverstand zu stärken. Wenn Menschen wissen, wohin sie sich wenden können, wenn sie verstehen, wann etwas dringend ist und wann nicht, stärken wir nicht nur die Effizienz des Systems. Wir stärken Selbstbestimmung und Vertrauen. Und Vertrauen ist die Basis jeder medizinischen Beziehung. Die meisten Menschen können sehr wohl einschätzen, ob eine akute, lebensbedrohliche Situation vorliegt. Dennoch wird auch mit Bagatellen die Notaufnahme als erste Anlaufstelle gewählt – auch in Fällen, die im niedergelassenen Bereich besser und effizienter versorgt wären. Die Steiermark verfügt über einen leistungsfähigen niedergelassenen Bereich mit engagierten Hausärzt:innen und Fachärzt:innen. Diese Strukturen sind keine Ergänzung zum System – sie sind eine tragende Säule. Wo Lücken bestehen, müssen sie rasch geschlossen werden, damit die Patientenlenkung funktionieren kann. Die Steiermark verfügt über Kompetenz, Engagement und gewachsene Strukturen. Entscheidend ist nun der Mut zur Klarheit: klare Zuständigkeiten, klare Kommunikation, klare Orientierung. Denn letztlich entscheidet nicht die Komplexität eines Systems über seinen Erfolg, sondern ob sich die Menschen darin zurechtfinden. Eine funktionierende Gesundheitsversorgung entsteht im Zusammenspiel aller Beteiligten: eines starken niedergelassenen Bereichs, leistungsfähiger Spitäler, klarer politischer Verantwortung und informierter Patientinnen und Patienten. Dr. Michael Sacherer Präsident der Ärztekammer Steiermark ÆRZTE Steiermark || 03|2026 7 Die Krankenversicherungen haben eine neue Gebarungsvorschau vorgelegt. Nach dieser steigen die Verluste weiter an. Die ÖGK als größter der 3 gesetzlichen Versicherungsträger erwartet ein Minus von 454 Mio. Euro. Im Jahresvoranschlag war noch ein Defizit von 906 Mio. Euro eingepreist worden, doch auch dies war wohl nur durch den maßgeblichen Beitrag der Ärzt:innen möglich. Was wir bislang sehen, sind erste Auswirkungen von politischen Reformen und Änderungen bei Selbstbehalten – etwa bei Krankentransporten. Was wir nicht sehen, ist eine strukturelle, nachhaltige intrinsische Strategie zur Gesundung der Kasse. Kein klarer Sanierungsplan, keine transparente Roadmap. Bereits im April des Vorjahres habe ich als stv. Bundeskurienobmann darauf hingewiesen, dass die ÖGK einen externen Sanierer braucht und das kann ich jetzt nur erneut unterstreichen. Längst fällig ist die ehrliche Diskussion um Selbstbehalte auch für die ÖGK und soll mir keiner mit dem klassenkämpferischen Argument der Mindestpensionistin kommen. Die Eisenbahnerwitwen hatten und haben einen Selbstbehalt und nehmen ärztliche Versorgung in Anspruch, wenn sie diese brauchen. Ich bin mir sicher, dass sich mit Selbstbehalten die überbordende Frequenzsteigerung in den Ordinationen in den Griff bekommen lässt. Stattdessen erleben wir ein „Weiterwursteln“. Und das ist angesichts der Dimension des Problems nicht nur unzureichend, sondern fahrlässig. Seit 15 Jahren wird im Gesundheitssystem gespart – und dieser massive Sparkurs trifft vor allem niedergelassene Ärzt:innen. Wer hier weiter kürzt, löst kein strukturelles Problem, sondern schwächt die Versorgung. Wenn trotz absehbarer Defizite keine erkennbaren Sanierungsschritte gesetzt werden, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Verantwortung. Ein „Weiter wie bisher“ kommt einem kompletten Managementversagen gleich. Die Versicherten haben Anspruch auf Stabilität und Versorgungssicherheit. Die Leistungserbringer auf Planbarkeit. Und das Gesundheitssystem auf eine Führung, die Probleme nicht verwaltet, sondern löst. Vizepräsident Prof. Dr. Dietmar Bayer Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte EXTRA Dietmar Bayer „Weiterwursteln“ ist keine Sanierungsstrategie STANDORTBESTIMMUNG Michael Sacherer Wir brauchen mehr Orientierung DEBATTE Fotos: Schiffer (2), Icon: Flaticon
COVER Foto: Deutsche Gesellschaft für ME-CFS Wie sieht die Versorgung bei Krankheitsbildern wie dem Post-COVID-19-Syndrom oder Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS), die unter dem Begriff PAIS (postakutes Infektionssyndrom) zusammengefasst werden, künftig aus? Ende November 2025 wurde in der Steiermark dafür ein Konzept beschlossen. Dessen Ziel ist es, Betroffene schneller, strukturierter und somit besser zu versorgen. Ausgearbeitet wurde es von Josef Smolle, dem ehemaligen Rektor der Med Uni Graz, gemeinsam mit Vertreter:innen der Steirischen Akademie für Allgemeinmedizin und des Instituts für Allgemeinmedizin. Aktuell wird die zentrale Person für die Umsetzung gesucht. Dreistufiges Versorgungskonzept Das PAIS-Versorgungskonzept baut auf bestehenden Strukturen auf und will einen klaren Versorgungspfad über 3 abgestufte Ebenen schaffen. Der Aufbau der ambulanten Einheit (Versorgungsebene 2) ist für das heurige Jahr geplant und die weiteren Maßnahmen sollen damit Hand in Hand gehen. Versorgungsebene 1 Allgemeinmedizin bzw. Primärversorgung sind die erste Anlaufstelle sowie die kontinuierliche, zentrale Betreuung der Betroffenen. Hier werden standardisierte Instrumente verwendet, um die Diagnose zu erstellen und den Schweregrad zu erheben. Begleitend sollen Fortbildungsprogramme, digitale Dokumentationsinstrumente und telemedizinische Rücksprachemöglichkeiten mit Spezialist:innen eingeführt werden. Versorgungsebene 2 Als weitere Ebene soll eine ambulante Einheit und ein interprofessionelles Netzwerk geschaffen werden. Dieses wird in bestehende Spitalsambulanzen eingebettet, etwa an der Universitätsklinik für Innere Medizin des LKH-Univ. Klinikums Graz. Hier soll das Kern-Team tätig sein, das aus einer Ärztin oder einem Arzt und administrativem Fachpersonal besteht. Es soll mit anderen, in die Versorgung der Patient:innen eingebundenen, Berufsgruppen zusammenarbeiten. Aktuell: Personensuche Zurzeit ist man genau an diesem Punkt, um alles aufzubauen und in Bewegung zu bringen, erklärt Josef Smolle: „Derzeit läuft die Personensuche, also die Suche nach der zentralen Person, die die Ende 2025 wurde vom Land Steiermark ein Versorgungskonzept für Betroffene von „Long Covid“ und ME/CFS beschlossen. Wir haben mit Josef Smolle, dem ehemaligen Rektor der Med Uni Graz, über Details, den aktuellen Stand und die Auswirkungen auf die Allgemeinmedizin gesprochen. Update zum neuen Versorgungskonzept für „Long Covid“ und ME/CFS in der Steiermark 8 ÆRZTE Steiermark || 03|2026
ÆRZTE Steiermark || 03|2026 9 COVER Foto: Deutsche Gesellschaft für ME-CFS, Schiffer Akkordierung mit der Allgemeinmedizin einschließlich der strukturierten Ersteinschätzung implementieren soll. Außerdem wird diese Person dann die unmittelbare Ansprechperson für Patient:innen in der Versorgungsebene 2 sein.“ Abschließen will man die Suche noch im Quartal 1. Ansprechpartner:in und Netzwerker:in Finden will man jemanden mit einer einschlägigen fachlichen Qualifikation, der/die zudem auch bereit ist, sich in den nächsten Jahren genau dieser Personengruppe zu widmen, betont Smolle: „Neben der Fachkompetenz geht es außerdem darum, dass man die Fähigkeit besitzt, einerseits Netzwerke aufzubauen und andererseits dann auch in solchen Versorgungsnetzwerken aktiv zu sein.“ Auch wenn diese Ärztin bzw. dieser Arzt Ansprechpartner:in für die Patient:innen sein wird, werde es immer wieder Patient:innen geben, die wegen der Komplexität ihres Krankheitsbildes weitere Spezialexpertise brauchen würden, ist sich Smolle sicher: „Diese wird dann per Konsiliar- und Liaisondienst zugezogen.“ Aus diesem Grund ist im ersten Schritt auch die Versorgung durch „nur“ eine Person angedacht, „denn wir gehen davon aus, dass zwar viele andere Expertisen gebraucht werden, diese aber von den anderen Kliniken zur Verfügung gestellt werden können.“ Zentrale Anlaufstelle Für die Patient:innen sei es wesentlich, dass sie nicht im Kreis geschickt werden, sondern eine zentrale Anlaufstelle haben, die wiederum einschlägige Expert:innen hinzuzieht. Zugänglich sei diese Stelle nur über die Allgemeinmedizin und Primärversorgung, führt Smolle aus: „Viele Patient:innen werden ohnehin durch die Allgemeinmediziner:innen gut betreut werden können – nur wenn mehr nötig ist, erfolgt durch sie eine strukturierte Zuweisung an die Versorgungsebene 2.“ Wichtig ist dem Experten auch, dass von dieser zweiten Ebene eine Rücküberweisung der Patient:innen an die Versorgungsebene 1 erfolgen werde – aber eben mit einer zusammenfassenden Einschätzung und Empfehlung: „Wir wollen damit erreichen, dass sich die Allgemeinmediziner:innen nicht mit einem Wust einzelner Befunde konfrontiert sehen, sondern von der Expertisen-Ebene konkrete Behandlungsempfehlungen erhalten und diese umsetzen können“, erklärt er. Versorgungsebene 3 Die dritte Versorgungsebene laut Konzept ist schließlich ein interdisziplinäres spezialisiertes Netzwerk der Universitätskliniken, wobei stationäre Aufnahmen nur in Ausnahmefällen vorgesehen sind. Patient:innen mit besonders komplexem Krankheitsverlauf werden einer definierten „Für Patient:innen muss es in unserem Gesundheitssystem eine klare Orientierung und strukturierte Versorgungspfade geben – gerade Betroffene von Long Covid und ME/ CFS dürfen nicht im Kreis geschickt werden.“ Michael Sacherer Präsident Ärztekammer für Steiermark
10 ÆRZTE Steiermark || 03|2026 COVER Foto: Deutsche Gesellschaft für ME-CFS, ÖVP-Klub Sabine Klimpt Abteilung der Universitätsklinik für Innere Medizin zugewiesen, wo hochspezialisierte Diagnostik und Therapie erfolgen. Diagnose und Ersteinschätzung Für die Allgemeinmediziner:innen soll in Zukunft eine Plattform für eine telemedizinische Rücksprache und auch eine Ausbildung geschaffen werden. „Wenn wir die zentrale Person gefunden haben, wird an sie der Auftrag ergehen, aus den vorhandenen Angeboten für die Mediziner:innen, die sich zu diesem Thema committen, ein sinnvolles Paket zu schnüren. Denn österreichweit und international gibt es viel an Expertise zu ME/CFS – sollte in der Steiermark etwas fehlen, muss man das ergänzen.“ Auch Diskussionen, wie dieser Bereich im Honorarsystem abgebildet ist und ob Anpassungen notwendig sind, werde es noch geben, ist sich Smolle sicher. International abgesicherte Instrumente für eine Ersteinschätzung gebe es, sagt Smolle, doch man müsse dies in Strukturen gießen, um den Umfang auch praktikabel zu halten. Das Interesse bei den Ärzt:innen sei auf jeden Fall vorhanden: „Ich spüre von Seiten der Allgemeinmedizin eine große Aufgeschlossenheit, denn diese Patient:innen gibt es ja jetzt auch schon, sie kommen zu ihnen, verursachen einen Aufwand, aber man kann sie nicht passend versorgen, wie man möchte, oder die Patient:innen haben den Eindruck, dass sie nicht an der richtigen Stelle sind. Übergeordnetes Ziel dieses neuen Versorgungskonzeptes ist es, dass die Patient:innen innerhalb des solidarischen Gesundheitssystems Verständnis und Betreuung finden.“ Bereitschaft auf Situation einzugehen Eine Heilung gebe es für Krankheitsbilder wie das Post-COVID-19-Syndrom oder ME/CFS derzeit nicht, „aber viele kleinere und mittelgroße Schritte, mit denen man Symptome lindern und den Patient:innen helfen kann“, so Josef Smolle. Dazu braucht es ebenso die ärztliche Erfahrung wie auch die Bereitschaft, tatsächlich auf die Situation der einzelnen Patient:innen einzugehen. Eine Verbesserung der Situation für die Betroffenen erhofft sich Smolle auch hinsichtlich des Pflegegeld-Themas: „Man hat immer wieder gehört, dass Befunde, die aus privat- oder wahlärztlicher Hand stammen, von den Versicherungen nicht das Gewicht bekommen, das vielleicht gegeben wäre, wenn eine solche Einschätzung von einer Stelle der öffentlichen Hand kommt.“ Und er betont abschließend: „Ich glaube auch angesichts der Tatsache, dass diese Erkrankung vielfältig und komplex ist und nicht an einem einzelnen Laborbefund festgemacht werden kann, brauchen die Patient:innen eine verständnisvolle und kompetente Aufnahme in unserem Gesundheitssystem. Die Forschung schreitet voran – in einigen Jahren hoffe ich, dass wir auf einem besseren Versorgungsstand sind. Doch die Patient:innen gibt es hier und jetzt – und die brauchen uns.“ „Die Forschung schreitet voran – in einigen Jahren hoffe ich, dass wir auf einem besseren Versorgungsstand sind. Doch die Patient:innen gibt es hier und jetzt – und die brauchen uns.“ Josef Smolle
ÆRZTE Steiermark || 03|2026 11 Foto: Schiffer, envato/chormail WELTFRAUENTAG Kardiovaskuläre Erkrankungen sind weltweit sowohl bei Männern als auch bei Frauen die führende Todesursache. Bei kardiovaskulären Erkrankungen ist unbestritten, dass diese sich bei Frauen anders manifestieren als bei Männern. Das gilt für Anatomie, Prävalenz, Ätiologie, Pathophysiologie, Symptomatik sowie für Verlauf, Therapieansprechen und Prognose. „Die aktuellen Leitlinien für das Management dieser Erkrankungen berücksichtigen das jedoch nicht in ausreichendem Maß“, betont Michael Sacherer, Kardiologe und Präsident der Ärztekammer für Steiermark. Außerdem fehle die Evidenz, da Frauen in den Studien oft unterrepräsentiert sind. Mehr Frauen in Studien „Die Forschung muss hier unbedingt vorangetrieben werden, es braucht mehr Frauen als Probandinnen in wissenschaftlichen Untersuchungen.“ Dies gelte ebenso für klinisch-pharmakologische Studien als auch interventionelle und Device-Studien. Unterschiedliche Wirkungen Frauen sind zum Zeitpunkt, wenn bei ihnen kardiovaskuläre Erkrankungen diagnostiziert werden, älter und weisen mehr Komorbiditäten auf als Männer. Komplikationsrate und Krankenhaussterblichkeit sind daher meist erhöht. „Auch bei Medikamenten geht man von Standarddosierungen aus, obwohl es bei einigen durch geschlechterspezifische Unterschiede zu unterschiedlichen Wirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommt“, erklärt Sacherer und verweist auf die Auswirkungen auf die Therapie. „Hier besteht dringender Forschungsbedarf.“ Sensibilisierung bzw. Aus- und Fortbildung in Bereich der Gendermedizin braucht es in diesem Zusammenhang nicht nur für die Ärzt:innen, sondern auch für Rettungspersonal und medizinisches Fachpersonal, denn auch intial fehlinterpretierte Einschätzungen können relevante Zeitverzögerungen in der Diagnostik und Therapie zur Folge haben, betont man auch im Positionspapier der deutschen kardiologischen Gesellschaft, die in diesem Werk auch die vorhandene wissenschaftliche Evidenz zu geschlechterspezifischen Aspekten kardiovaskulärer Erkrankungen zusammengefasst und Empfehlungen abgegeben hat. Weitere Infos unter: Nicht nur der Weltfrauentag sollte Anlass sein, um darauf hinzuweisen, dass es im medizinischen Bereich ganz klar zu wenig Studien gibt, die geschlechterspezifische Aspekte berücksichtigen, betont Michael Sacherer – dies gelte ganz besonders in der Kardiologie. Aufholbedarf bei geschlechterspezifischen Aspekten „Die Forschung muss hier unbedingt vorangetrieben werden, es braucht mehr Frauen als Probandinnen in wissenschaftlichen Untersuchungen.“ Michael Sacherer Kardiologe
12 ÆRZTE Steiermark || 03|2026 WELTTAG DES HÖRENS Zum Welttag des Hörens wird international auf die Bedeutung der Hörgesundheit aufmerksam gemacht. Die Initiative ist aus medizinischer Sicht hoch relevant: Weltweit sind laut WHO rund 1,5 Milliarden Menschen von Hörminderungen betroffen, ein erheblicher Anteil davon ohne adäquate Versorgung. Auch in Österreich tragen Schätzungen zufolge bis zu 75 % der Personen mit bestehender Indikation kein Hörgerät. Ein wesentlicher Grund ist die oft schleichende Entwicklung der Schwerhörigkeit, die von Betroffenen lange kompensiert oder nicht wahrgenommen wird. Für Ärzt:innen kommt der frühzeitigen Diagnostik und gezielten Zuweisung eine zentrale Rolle zu. Folgen von Hörverlust Unbehandelter Hörverlust ist jedoch weit mehr als ein isoliertes Sinnesdefizit. „Studien belegen mittlerweile deutlich den Zusammenhang von Schwerhörigkeit und dem Verlust kognitiver Fähigkeiten. Die erhöhte Höranstrengung führt zu sozialem Rückzug, depressiven Symptomen sowie einer beschleunigten kognitiven Abnahme“, betont Wolfgang Luxenberger, Fachgruppenobmann Hals- Nasen und Ohrenheilkunde in der Ärztekammer für Steiermark. Zudem steigt das Sturzrisiko, insbesondere bei einseitigen oder asymmetrischen Hörverlusten, durch eingeschränkte räumliche Orientierung. Angesichts der alternden Bevölkerung gewinnt die Hörvorsorge zunehmend an Bedeutung. Formen der Schwerhörigkeit Klinisch werden 4 Hauptformen der Schwerhörigkeit unterschieden. Die Schallleitungsschwerhörigkeit beruht auf Störungen im Außen- oder Mittelohr, etwa durch Cerumen obturans, Paukenergüsse, Trommelfellläsionen oder Otosklerose, und ist häufig medikamentös oder chirurgisch behandelbar. Die Schall- empfindungsschwerhörigkeit betrifft das Innenohr bzw. die Haarzellen und entsteht durch chronische Lärmbelastung, Hörsturz, Infektionen oder ototoxische Substanzen, aber natürlich auch altersbedingt. Diese Form ist meist irreversibel und erfordert eine frühzeitige Versorgung mit Hörsystemen oder – bei hochgradigem Verlust – mit Cochlea-Implantaten. Seltener finden sich neurale oder zentrale Hörstörungen infolge vaskulärer, entzündlicher oder traumatischer Läsionen der Hörbahn. Mischformen sind klinisch häufig und bedürfen einer differenzierten Diagnostik. Hörminderungen betreffen rund 1,6 Millionen Menschen in Österreich – häufig unerkannt und unterversorgt. Mit der richtigen Diagnose beugt man medizinischen und psychosozialen Folgen vor, neueste GenTherapien machen bestimmte Formen von Taubheit sogar heilbar. Erste erfolgreiche Gen-Therapien bei Taubheit Foto: envato/africaimages
ÆRZTE Steiermark || 03|2026 13 WELTTAG DES HÖRENS Risikofaktoren Zu den wichtigsten modifizierbaren Risikofaktoren zählen chronische Lärmbelastung im beruflichen und privaten Umfeld. „Übernutzung ist in jedem Fall als negativ zu bewerten. Waren es aber vor 50 Jahren oft noch die Arbeitsbedingungen, die eine Schwerhörigkeit verursacht haben, so holen sich die Menschen ihre Schwerhörigkeit heutzutage tendenziell in der Freizeit“, so der Facharzt. Weitere Risikofaktoren sind kardiovaskuläre und metabolische Erkrankungen, Nikotinkonsum sowie die Exposition gegenüber ototoxischen Medikamenten wie Aminoglykosiden, Platinderivaten oder hochdosierten Schleifendiuretika. Präventiv wirksam sind konsequenter Lärmschutz, eine gute kardiovaskuläre Risikokontrolle sowie strukturierte Hörscreenings bei Risikopatient:innen und ab dem mittleren Lebensalter. Gen-Therapie Die gute Nachricht: Die Forschung schreitet voran, so auch bei der Otoferlin-Taubheit Diese, auf eine Gen-Veränderung zurückzuführende Form der Taubheit kann nun mittels Gentherapie behandelt werden. „Besteht der Verdacht auf Otoferlin-Taubheit und bestätigt sich dieser im Rahmen einer Gen-Analyse, wird über Viren das fehlende Gen in die Zellen einschleust und so ein (nahezu) normales Hören ermöglicht“, so Luxenberger. Der von dieser speziellen Form der Taubheit betroffene Personenkreis ist zwar verschwindend klein, für die Betroffenen – Kinder wie Erwachsene – ist die Therapie jedoch ein massiver Gewinn und zeigt das enorme Potential solch neuer Gentherapien. Wann zum HNO überweisen? Für die ärztliche Praxis sind klare Zuweisungskriterien entscheidend. Ein plötzlich auftretender einseitiger Hörverlust stellt eine HNO-Notfallindikation dar und sollte innerhalb von 48 Stunden abgeklärt werden. Progrediente Hörminderung, zunehmende Probleme beim Sprachverstehen oder persistierender Tinnitus erfordern eine fachärztliche audiologische Diagnostik inklusive Ton- und Sprachaudiometrie sowie Mittelohrdiagnostik. Bei neurologischen Begleit- symptomen oder Verdacht auf zentrale Ursachen ist eine interdisziplinäre Abklärung mit Bildgebung erforderlich. Wird eine versorgungsrelevante Hörminderung festgestellt, erfolgt die HNO-ärztliche Verordnung für Hörsysteme oder die Zuweisung an spezialisierte Implantatzentren. In der Steiermark stehen hierfür unter anderem spezialisierte HNOAbteilungen und Implantatprogramme an der Universitätsklinik Graz zur Verfügung. Hörvorsorge im Fokus Der Welttag des Hörens unterstreicht damit eine zentrale Botschaft für die klinische Praxis: Hörgesundheit ist ein wesentlicher Bestandteil der Präventions- und Altersmedizin. Eine frühzeitige Diagnose und Versorgung verbessert nicht nur die Kommunikationsfähigkeit, sondern kann auch kognitive, psychosoziale und funktionelle Folgeerkrankungen nachhaltig reduzieren. „Übernutzung ist in jedem Fall als negativ zu bewerten. Waren es aber vor 50 Jahren oft noch die Arbeitsbedingungen, die eine Schwerhörigkeit verursacht haben, so holen sich die Menschen ihre Schwerhörigkeit heutzutage tendenziell in der Freizeit.“ Wolfgang Luxenberger Foto: envato/africaimages
14 ÆRZTE Steiermark || 03|2026 Foto: HANDBUCH ALKOHOL „Less is better“: Risikomengen bei Alkohol 1/4 CATRO Im kürzlich aktualisiert erschienen „Handbuch Alkohol“ (Band 3: Ausgewählte Themen) der Gesundheit Österreich GmbH findet sich ein neues Kapitel zu den Grenzmengen eines risikoarmen Alkoholkonsums. Ein kurzer Überblick. Foto: evnato/FabianMontano Auch wenn man immer wieder vom „gesunden Glaserl Rotwein“ hört oder liest, sind sich Fachleute einig, dass ein hoher Alkoholkonsum der Gesundheit schadet und man auch geringe Alkoholmengen nicht als gesundheitsförderlich darstellen sollte, selbst wenn einzelne Studien bei älteren Bevölkerungsgruppen auf einen gewissen protektiven Effekt hinweisen. Da bei uns der Konsum von Alkohol ohnehin stark kulturell verankert ist, er zudem intensiv kommerziell vermarktet wird, erscheine es sinnvoll, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Alkoholkonsum und seinem Risiken zu fördern, betont man im Handbuch. Eine pauschale Dämonisierung von Alkohol birgt jedoch das Risiko, die Lebensrealitäten von Konsument:innen zu verkennen, womit die Warnungen an Glaubwürdigkeit verlieren. Folgende Empfehlungen werden im Handbuch abgeleitet (siehe Kapitel 4.2, Seite 101): • Personen, die regelmäßig größere Mengen Alkohol trinken, sollten sich selbstkritisch mit möglichen Abhängigkeits- symptomen auseinandersetzen und ihren Konsum deutlich reduzieren. Sie sollten keinesfalls mehr als 40 Gramm (Frauen) bzw. 60 Gramm (Männer) Reinalkohol pro Tag zu sich nehmen. • Personen, die regelmäßig und moderat Alkohol konsumieren, sollten darauf achten, ihre durchschnittliche Konsummenge unter 20 Gramm Alkohol pro Tag zu halten (grobe Orientierung: ein halber Liter Bier enthält ca. 20 Gramm Alkohol). Außerdem sollten auch regelmäßig konsumfreie Tage eingehalten werden, um das Risiko möglichst gering zu halten. • Personen, denen Abstinenz leichtfällt, tun ihrer Gesundheit etwas Gutes, wenn sie weitgehend auf Alkohol verzichten. Das bedeutet aber nicht, dass sie komplett abstinent leben müssen oder dass jeder Schluck Alkohol eine Gefahr darstellt. • Unabhängig davon gibt es Lebenssituationen (Schwangerschaft, bestimmte Erkrankungen, das Hantieren mit gefährlichen Maschinen etc.), in denen komplette Abstinenz zu fordern ist. Als sinnvolle allgemeine Konsumempfehlung für die breite Mehrheit der Alkoholkonsumierenden nennt man im Handbuch als Leitsatz: „less is better“. Zur Publikation: Wir suchen ab sofort für die Justizanstalt Graz-Jakomini einen Facharzt für Allgemeinmed./ Allgemeinmediziner (m/w/d) 10-38 Wochenstunden nur Tagdienste Mehr als nur ein Job www.jba.gv.at Details zum Stellenprofil
ÆRZTE Steiermark || 03|2026 15 Foto: PRIMARY HEALTH Seit der Gesundheitsreform 2013 hat sich in der österreichischen Primärversorgung viel getan. Neben Einzel- und Gruppenpraxen gibt es inzwischen auch 112 multiprofessionelle Primärversorgungseinheiten (PVE). Trotz vieler Gegensätze sind sich Politik, Sozialversicherung, Ärztekammer, Fiskalrat, Rechnungshof, Wissenschaft und andere Stakeholder einig: die österreichische Primärversorgung muss gestärkt werden. Mit 1.1.2026 wurde ein Gesundheitsreformfonds eingerichtet, der den Krankenversicherungsträgern (ÖGK, SVS, BVAEB) Finanzmittel für den Ausbau zur Verfügung stellt. Ziel ist es, bis 2030 bundesweit 300 PVEs zu realisieren. Diese Entwicklungen bieten viele neue interessante Tätigkeitsfelder für Ärzt:innen. Die Errichtung einer PVE ist spannend, jedoch auch herausfordernd. Im Universitätslehrgang „Primary Health Care“ (PHC) der Med Uni Graz können interessierte Ärzt:innen das erforderliche Wissen und die notwendigen Kompetenzen erwerben. Sie erlangen Fertigkeiten in der Planung, im Aufbau und im Management von PVE, sowie in der Durchführung epidemiologischer Beschreibungen, Bedarfserhebungen, Analysen und Bewertungen. Der Universitätslehrgang PHC bildet somit die ideale Grundlage für Führungsaufgaben in modernen, vernetzten und multiprofessionellen Primärversorgungseinrichtungen. Der nächste Universitätslehrgang PHC startet im Herbst 2026. Eine Anmeldung ist ab sofort möglich. Nähere Informationen finden Sie auf der zugehörigen Homepage: www. medunigraz.at/primary-healthcare Der nächste Online-Informationsabend findet am Donnerstag, dem 23. April 2026 von 18.30 bis 20 Uhr statt. Für Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung! Kontakt: Karin Petschk, MPH Helga Kreutzer, BA MA BA T: +43 316 385 73560 E-Mail: primary-care@medunigraz.at Gemeinsam die österreichische Primärversorgung stärken Med Uni Graz vegefox.com adobe.com UNIVERSITÄTSLEHRGANG PRIMARY HEALTH CARE Foto:envato/SUPITNAN
BEREICH Fotos: KK „Neurochirurgie hört sich für manche dramatisch an, aber man wird in der Ausbildung Schritt für Schritt an die alltäglichen Aufgaben herangeführt. Es hat sich nie so angefühlt, als würde man ins kalte Wasser geworfen werden“, erzählt Marcus Barth, Assistenzarzt an der Uniklinik für Neurochirurgie in Graz. Die Intention chirurgisch tätig zu sein, war Ausgangspunkt für sein Medizinstudium, im praktischen Jahr kam Barth dann – zuerst in Leipzig – mit der Neurochirurgie in Kontakt. „Anfangs sieht es wie Magie aus, aber die im Vergleich zu anderen chirurgischen Fächern filigrane Arbeit fand ich gleich sehr interessant. Spannend ist für mich vor allem der Zusammenhang zwischen der neurologischen Symptomatik und der chirurgischen Behandlung, also wie man am Nervensystem operiert, um neurologische Probleme zu lösen.“ Tiefe Hirnstimulation Highlight für Marcus Barth ist die tiefe Hirnstimulation: „Bei diesem Verfahren erfolgt durch Elektroden eine Stimulation im Gehirn von z. B. ParkinsonPatient:innen. Die Effekte werden dabei unmittelbar deutlich, da die Patient:innen meist im Wachzustand operiert werden. Teilweise brechen sie in Tränen aus, weil sie gleich auf dem OP-Tisch erleben, dass sie nicht mehr zittern. Und ebenso sieht der Chirurg sofort die funktionellen Effekte seiner Arbeit.“ Außerdem biete das Feld viel Forschungspotenzial, was für den jungen Arzt ebenso ein spannender Aspekt ist. Barth hat in der Neurochirurgie auch Praktika in anderen Ländern absolviert, etwa in Mexiko oder in Großbritannien am Queen Square Hospital in London. Dort beschäftigte er sich zum Beispiel mit Entlastungen bei Nervenkompressionssyndromen. „Auch dabei geht es um sofortige Verbesserungen, um die Patient:innen wieder alltagstauglich zu machen. Wird der sensible Gesichtsnerv entlastet, ist der Schmerz in aller Regel gleich nach der Operation weg.“ Technologisch und mikroskopisch Als Sandro Eustacchio, heute stellvertretender Vorstand der Universitätsklinik für Neurochirurgie, in den 1990erJahren mit seiner Ausbildung in diesem Fach begann, war es durchaus noch ein Sprung ins kalte Wasser. Zumindest insofern, dass „es damals noch kein Teil des Studiums war und ich beim Start wenig darüber wusste“. International war man im Bereich der Neurochirurgie in Graz sehr gut aufgestellt: „Wir hatten zum Beispiel das erste GammaKnife und ich habe sehr viel an technischer Entwicklung miterleben dürfen – die Verfeinerung der Technik, Innovationen. Wir sind schließlich in einem Fach tätig, das sehr auf technologische Unterstützung angewiesen ist. Wir operieren fast nur unter mikroskopischer Sicht, uns werden Navigationsdaten eingespielt. Auch verfügen wir über ein Monitoring, bestimmte Funktionen des Gehirns werden eingeblendet, damit man während des Eingriffs Auswirkungen austesten und die Patientensicherheit gewährleisten kann“, so Eustacchio. Hype durch Grey’s Anatomy Chirurgischer Alltag auf der Neurochirurgie sind zu rund 40 % Tumor-Operationen, dazu kommen „viele NotfallOPs nach Unfällen, bei denen man schnell handeln muss, Blutungsentleerungen, wenn also zum Beispiel Gefäße im Kopf platzen, und Wirbelsäulenerkrankungen“, sagt der Facharzt. Für manche jungen Ärzt:innen sei die Neurochirurgie respekteinflößend und eine gewisse Hemmschwelle vorhanden, weiß er aus Gesprächen. Großen Zulauf hatte das Fach vor allem Anfang der 2000er-Jahre: „Die Fernsehserie ,Grey’s Anatomy‘ hat tatsächlich einen Hype und großes Interesse ausgelöst bei den Studierenden.“ Zulauf gibt es auch aus Japan, Russland oder Italien – „viele ErasmusStudierende kommen zu uns und wollen sich das anschauen“. Bei manchen „funkt“ es. Gliomchirurgie Sila Karakaya hat ihre Facharztausbildung in der NeuDie Neurochirurgie ist eine relativ junge Disziplin. Sie beschäftigt sich mit operativ zu behandelnden neurologischen Erkrankungen. Ein Überblick über die Einsatzgebiete, die Motivation der Ärzt:innen und die Folgen der Serie „Grey’s Anatomy“ für das Fach. Von Technologie und Magie – die Neurochirurgie fasziniert NEUROCHIRURGIE „Anfangs sieht es wie Magie aus. Spannend ist für mich vor allem der Zusammenhang zwischen der neurologischen Symptomatik und der chirurgischen Behandlung.“ Marcus Barth 16 ÆRZTE Steiermark || 03|2026
rochirurgie 2023 begonnen. „Mich fasziniert die Neurochirurgie, weil sie eine Brücke zwischen klinischer Medizin und Neurowissenschaften schlägt – ein Fach, das sich ständig weiterentwickelt und in dem man nie auslernt“, erzählt sie. Ihre Schwester ist ebenfalls Neurochirurgin, wodurch sie schon früh Einblick in das Fach erhielt. Besonders interessant findet Karakaya die Gliomchirurgie: „Hier ist die präzise anatomische Planung entscheidend, weil die Grenze zwischen gesundem und tumorösem Gewebe nicht sichtbar ist.“ Außerdem lassen sich in der Neurochirurgie auch mit vergleichsweise kleinen Eingriffen, etwa bei chronischen Subduralhämatomen, Leben retten und die Lebensqualität nachhaltig verbessern. „Die Neurochirurgie lebt von Präzision, Konzentration und Feingefühl – Qualitäten, die viele Frauen mitbringen. Ich finde, das macht das Fach für uns besonders spannend“, betont sie. Voraussetzungen Und was sind die Voraussetzungen, um in der Neurochirurgie erfolgreich zu sein? „Eine ruhige Hand muss man schon mitbringen, da viel feinmikroskopisch gearbeitet wird. Geduld und Konzentrationsfähigkeit braucht es, da gerade Tumor-OPs oft Stunden dauern, wir dabei sitzen und man sich nicht viel bewegen kann. Und man muss sich die Neugier bewahren, schließlich gibt es ständig Innovationen“, zählt Sandro Eustacchio auf. Und last but not least: „Teamfähigkeit. Man muss gut mit anderen zusammenarbeiten und sich auch einmal zurücknehmen können.“ NEUROCHIRURGIE ÆRZTE Steiermark || 03|2026 17 „Die Neurochirurgie lebt von Präzision, Konzentration und Feingefühl – Qualitäten, die viele Frauen mitbringen. Ich finde, das macht das Fach für uns besonders spannend.“ Sila Karakaya „In der Neurochirurgie ist man sehr auf technologische Unterstützung angewiesen. Wir operieren fast nur unter mikroskopischer Sicht, uns werden Navigationsdaten eingespielt und Gehirnfunktionen eingeblendet.“ Sandro Eustacchio Foto: KK, LKH-Univ. Klinikum Graz_M_Kanizaj (2)
Die Masern sind zurück: Österreich hat den WHOEliminationsstatus verloren Der Kinder-Infektiologe Christoph Zurl von der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz über die Auswirkungen von Masern-Infektionen, klare Impfempfehlungen und die Situation in der Steiermark. Österreich wird aus WHOSicht derzeit nicht als Land bewertet, in dem Masern eliminiert sind. Nach den vielen Erkrankungen der vergangenen Jahre (Höchststand 2024) gelten Masern wieder als „etabliert“: Das Virus zirkuliert, sodass Ausbrüche jederzeit entstehen und sich fortsetzen können. „Das ist ein Warnsignal“, mahnt Kinder-Infektiologe Christoph Zurl von der Kinderklinik Graz. „Masern zählen zu den ansteckendsten respiratorischen Infektionen, können schwere Komplikationen verursachen und im schlimmsten Fall tödlich enden. Eine spezifische antivirale Therapie gibt es nicht: Behandelt wird nur unterstützend.“ Viele Fälle, viele Spitalsaufenthalte Laut AGES wurden 2024 österreichweit 542 Masernfälle erfasst. Bei den Fällen mit vorliegenden Angaben waren 22,8 Prozent hospitalisiert (120 von 527), 4 davon intensivmedizinisch. 2025 sank die Zahl auf 152 Fälle, dennoch mussten 24,8 Prozent (35 von 141) stationär behandelt werden. 2026 meldet die AGES (Datenstand 4.2.2026) bislang 2 Fälle in Österreich, in der Steiermark zu diesem Zeitpunkt keinen. Steiermark: Schwankende Lage 2023 wurden in der Steiermark 105 Fälle dokumentiert (die höchste Pro-Kopf-Rate in Österreich), 2024 waren es 59, 2025 noch 9. „Zuletzt war es eher ruhig, das kann sich aber schlagartig ändern“, weiß Zurl. Bei Masern genüge nämlich oft schon ein kurzer Kontakt: Durch die hohe Ansteckungsgefahr kann aus einem importierten Fall rasch ein Cluster werden. Und Zurls Warnung ist deutlich: Steigen die Fallzahlen wieder, „wird es leider irgendwann auch Todesfälle geben, das sagt schon die Statistik“. Frühphase schwer erkennbar Masern werden über Tröpfchen und Aerosole übertragen. Der Beginn ist oft unspezifisch (Fieber, Husten, Schnupfen, Konjunktivitis). Koplik-Flecken an der Mundschleimhaut können ein Hinweis sein. Nach initialer Krankheitsphase folgt 3 bis 7 Tage später das typische Exanthem. Für die Praxis entscheidend: Infizierte sind etwa 4 Tage vor bis 4 Tage nach Auftreten des Exanthems ansteckend, am stärksten in der Prodromalphase. Dadurch gehen zu Beginn häufig wertvolle Stunden verloren, während Betroffene noch im Wartezimmer sitzen und Kontaktpersonen erst später identifiziert werden. Komplikationen, auch Jahre später Akut drohen bakterielle Superinfektionen wie Otitis media und Pneumonie sowie selten neurologische Komplikationen (Enzephalitis). Christoph Zurl warnt außerdem vor Spätfolgen: Nach überstandener Erkrankung kommt es zu einer Immunschwäche, welche Jahre andauern kann. Selten kann es auch Jahre nach der Genesung zu einer SSPE kommen, einer schrittweise zerstörenden Gehirnentzündung. Ohne Therapiemöglichkeiten im schlimmsten Fall mit tödlichem Verlauf. Vor allem Kleinkinder können betroffen sein. Wenn Masern kaum mehr sichtbar sind, sinkt das Risikobewusstsein – in Ländern mit stärkerer Zirkulation, etwa Rumänien, werde die Schwere der Ausbrüche deutlicher. MASERN Foto: Med Uni Graz 18 ÆRZTE Steiermark || 03|2026 „Steigen die Fallzahlen wieder, wird es leider irgendwann auch Todesfälle geben, das sagt schon die Statistik.“ Chirstoph Zurl Kinder-Infektiologe
MASERN Foto: envato/bilanol Impflücken: Oft fehlt die zweite Dosis Nicht nur Impfskepsis spielt eine Rolle, sondern auch das Aufschieben von Impfungen. Manche Eltern lassen die erste MMR-Impfung geben, verzögern aber die zweite – und damit bleibt eine relevante Lücke. Alltagsgrund: Mit Eintritt in die Betreuungseinrichtung sind Kinder häufig krank, Termine werden verschoben und „gehen unter“. Zurls Rat: Man sollte den Impfstatus aktiv erheben und das Nachholen der Impfung niederschwellig anbieten – 2 Dosen bedeuten in der Regel einen lebenslangen Schutz. Ein leichter Schnupfen sei meist kein Grund, eine Impfung aufzuschieben: „Das Immunsystem kommt mit Impfungen sehr gut zurecht.“ Reguläre Arztkontakte sollten zur Überprüfung des Impfpasses genutzt werden, empfiehlt er. Risikogruppen schützen, rasch handeln Die MMR-Impfung ist ab dem vollendeten 9. Lebensmonat empfohlen. Säuglinge unter 9 Monaten, manche Schwangere und immunsupprimierte Patient:innen sind auf hohen Gemeinschaftsschutz angewiesen. Nach einem Kontakt zählt vor allem Geschwindigkeit: Infektiologe Zurl verweist auf ein 72-Stunden-Zeitfenster für die Impfung nach Exposition. Für Säuglinge und bestimmte Risikogruppen kann zudem eine passive Immunisierung mit Immunglobulinen erwogen werden. „Je früher man handelt, desto besser.“ Was im Patientengespräch hilft Der Spezialist versucht Ängste zu nehmen, aber eine klare Impfempfehlung auszusprechen. Er erlebt, dass ein großer Teil der Familien grundsätzlich aufgeschlossen ist. Nur eine kleinere Gruppe lehne Impfungen ab „und zieht eine Mauer hoch“, teils verbunden mit wissenschaftlicher Skepsis. Gerade das sei bei Masern riskant, weil sich die Infektion „schnell zur infektiologischen Katastrophe“ entwickeln könne, wenn der Bevölkerungsschutz nachlässt. Entscheidend sei, aufzuklären, Nebenwirkungen realistisch einzuordnen und den Vergleich zur Krankheit zu ziehen: Die Impfreaktionen seien im Verhältnis zur Erkrankung „verschwindend gering“. ÆRZTE Steiermark || 03|2026 19
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