BEREICH Ein modernes Gesundheitssystem muss Orientierung bieten – gerade, wenn es mit vielen Angeboten und Zugängen breit aufgestellt ist. Stark und tragfähig ist diese Struktur, wenn sich die Patient:innen zurechtfinden und rasch und sicher dorthin gelangen, wo sie bestmöglich versorgt werden. Genau an dieser Schnittstelle treffen Gesundheitsbildung und Patientenlenkung aufeinander. Die Frage „Bin ich ein Notfall?“ mag bewusst einfach formuliert sein, aber sie muss gestellt werden. Denn es geht nicht darum, Verantwortung auf die Patient:innen abzuwälzen, sondern darum, zu hinterfragen. Es geht um Gesundheitskompetenz im Alltag. Und es geht darum, den gesunden Hausverstand zu stärken. Wenn Menschen wissen, wohin sie sich wenden können, wenn sie verstehen, wann etwas dringend ist und wann nicht, stärken wir nicht nur die Effizienz des Systems. Wir stärken Selbstbestimmung und Vertrauen. Und Vertrauen ist die Basis jeder medizinischen Beziehung. Die meisten Menschen können sehr wohl einschätzen, ob eine akute, lebensbedrohliche Situation vorliegt. Dennoch wird auch mit Bagatellen die Notaufnahme als erste Anlaufstelle gewählt – auch in Fällen, die im niedergelassenen Bereich besser und effizienter versorgt wären. Die Steiermark verfügt über einen leistungsfähigen niedergelassenen Bereich mit engagierten Hausärzt:innen und Fachärzt:innen. Diese Strukturen sind keine Ergänzung zum System – sie sind eine tragende Säule. Wo Lücken bestehen, müssen sie rasch geschlossen werden, damit die Patientenlenkung funktionieren kann. Die Steiermark verfügt über Kompetenz, Engagement und gewachsene Strukturen. Entscheidend ist nun der Mut zur Klarheit: klare Zuständigkeiten, klare Kommunikation, klare Orientierung. Denn letztlich entscheidet nicht die Komplexität eines Systems über seinen Erfolg, sondern ob sich die Menschen darin zurechtfinden. Eine funktionierende Gesundheitsversorgung entsteht im Zusammenspiel aller Beteiligten: eines starken niedergelassenen Bereichs, leistungsfähiger Spitäler, klarer politischer Verantwortung und informierter Patientinnen und Patienten. Dr. Michael Sacherer Präsident der Ärztekammer Steiermark ÆRZTE Steiermark || 03|2026 7 Die Krankenversicherungen haben eine neue Gebarungsvorschau vorgelegt. Nach dieser steigen die Verluste weiter an. Die ÖGK als größter der 3 gesetzlichen Versicherungsträger erwartet ein Minus von 454 Mio. Euro. Im Jahresvoranschlag war noch ein Defizit von 906 Mio. Euro eingepreist worden, doch auch dies war wohl nur durch den maßgeblichen Beitrag der Ärzt:innen möglich. Was wir bislang sehen, sind erste Auswirkungen von politischen Reformen und Änderungen bei Selbstbehalten – etwa bei Krankentransporten. Was wir nicht sehen, ist eine strukturelle, nachhaltige intrinsische Strategie zur Gesundung der Kasse. Kein klarer Sanierungsplan, keine transparente Roadmap. Bereits im April des Vorjahres habe ich als stv. Bundeskurienobmann darauf hingewiesen, dass die ÖGK einen externen Sanierer braucht und das kann ich jetzt nur erneut unterstreichen. Längst fällig ist die ehrliche Diskussion um Selbstbehalte auch für die ÖGK und soll mir keiner mit dem klassenkämpferischen Argument der Mindestpensionistin kommen. Die Eisenbahnerwitwen hatten und haben einen Selbstbehalt und nehmen ärztliche Versorgung in Anspruch, wenn sie diese brauchen. Ich bin mir sicher, dass sich mit Selbstbehalten die überbordende Frequenzsteigerung in den Ordinationen in den Griff bekommen lässt. Stattdessen erleben wir ein „Weiterwursteln“. Und das ist angesichts der Dimension des Problems nicht nur unzureichend, sondern fahrlässig. Seit 15 Jahren wird im Gesundheitssystem gespart – und dieser massive Sparkurs trifft vor allem niedergelassene Ärzt:innen. Wer hier weiter kürzt, löst kein strukturelles Problem, sondern schwächt die Versorgung. Wenn trotz absehbarer Defizite keine erkennbaren Sanierungsschritte gesetzt werden, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Verantwortung. Ein „Weiter wie bisher“ kommt einem kompletten Managementversagen gleich. Die Versicherten haben Anspruch auf Stabilität und Versorgungssicherheit. Die Leistungserbringer auf Planbarkeit. Und das Gesundheitssystem auf eine Führung, die Probleme nicht verwaltet, sondern löst. Vizepräsident Prof. Dr. Dietmar Bayer Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte EXTRA Dietmar Bayer „Weiterwursteln“ ist keine Sanierungsstrategie STANDORTBESTIMMUNG Michael Sacherer Wir brauchen mehr Orientierung DEBATTE Fotos: Schiffer (2), Icon: Flaticon
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