2. März 2026
Steirische Ärzteschaft zur Impfdiskussion: Verkaufsräume sind kein Behandlungszimmer, Systemvergleich hinkt
Die steirische Ärzteschaft erteilt dem Impfen in Apotheken eine klare Absage. „Impfen ist Medizin – keine Handelsware“, stellt Kurienobmann Prof. Dr. Dietmar Bayer klar. „Wer medizinische Verantwortung in Verkaufsräume verlagern will, riskiert Qualität und Sicherheit.“ Michael Sacherer, Präsident der Ärztekammer Steiermark, verweist am Beispiel Deutschland auf den hinkenden internationalen Vergleich. Die mangelhafte Durchimpfungsrate hat andere Gründe: „Impfquoten steigen nicht durch zusätzliche Orte, sondern durch Information, Vertrauen und medizinische Begleitung.“
Impfen ist kein Schnellservice, sondern ein medizinischer Gesamtprozess – von Anamnese und Indikationsstellung über Aufklärung bis hin zum Management möglicher Notfälle wie einer anaphylaktischen Reaktion. „Patientensicherheit ist nicht verhandelbar. Dafür braucht es eine fundierte ärztliche Ausbildung und ein vollwertiges medizinisches Setting, diese Voraussetzungen fehlen den Apothekern gänzlich“, stellt Bayer mit Nachdruck fest.
Internationaler Vergleich greift zu kurz
Oft wird auf Länder verwiesen, in denen Impfungen in Apotheken stattfinden. Dieser Vergleich hinkt aus Sicht der steirischen Ärzteschaft deutlich. Ärztekammer-Präsident Sacherer betont: „Unser niedergelassenes System ist die tragende Säule der Gesundheitsversorgung. In der Steiermark stehen rund 2.370 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte etwa 210 Apothekenstandorten gegenüber. Von einem Versorgungsmangel kann keine Rede sein. Internationale Vergleiche mit Ländern, die völlig andere Versorgungsstrukturen haben, greifen daher zu kurz. „Wenn man nun unser hohes medizinisches Niveau auf den EU-Durchschnitt senkt, dann bedeutet das einen Qualitätsverlust“, so Bayer weiter, „diesen hat die Politik zu verantworten“.
Auch orten die beiden Vertreter noch weitere Ursachen für die niedrige Impfquote: „Wir haben kein Impfstellen-Problem, sondern Verbesserungsbedarf bei Logistik und Organisation. Wenn der Impfstoff nicht verfügbar ist, kann ich ihn weder in der Ordination noch in der Apotheke verimpfen. Die entscheidende Frage ist nicht der Ort des Stichs, sondern ob Impfstoffe rechtzeitig dort ankommen, wo medizinische Verantwortung getragen wird.“
Auch Daten aus Deutschland zeigen keinen klaren Effekt: Im Barmer-Arzneimittelreport wird darauf verwiesen, dass der überwiegende Teil der Impfungen weiterhin in Arztpraxen erfolgt und zusätzliche Apothekenangebote bislang keine messbare Steigerung der allgemeinen Durchimpfungsraten bewirkt haben.
Impfquote steigt durch Aufklärung – nicht durch zusätzliche Orte
Die steirische Ärzteschaft betont zudem, dass die Durchimpfungsrate nicht an zu wenigen Impfstellen scheitere, sondern an fehlender konsequenter Gesundheitsbildung. Das ist Aufgabe der Politik.
Präsident Sacherer: „Wir haben ausreichend Impfangebote. Was fehlt, ist eine nachhaltige Gesundheitsbildung und konsequente Aufklärung. Impfquoten steigen nicht durch zusätzliche Orte, sondern durch Information, Vertrauen und medizinische Begleitung.“
Vertrauen statt Schnellstich
Gerade impfskeptische Menschen bräuchten Beratung und Vertrauen – nicht einen „Stich im Vorbeigehen“. Kurienobmann Bayer: „Eine Impfausbildung ersetzt das Medizinstudium inkl. Facharztausbildung nicht. Die Apothekerschaft sollte aufhören, die Menschen zu verunsichern. Wer glaubt, man steigert Impfquoten durch Schnellservice im Verkaufsraum, greift zu kurz. Impfvertrauen entsteht im persönlichen Arzt-Patienten-Gespräch. Impfen ist ärztliche Verantwortung – und die gehört nicht an die Verkaufstheke.“