AERZTE Steiermark 09/2026

 

„Das Reden über das Sterben hat noch niemanden umgebracht“

Wenn man „nichts mehr machen kann“, wie es oft heißt, dann ist noch viel zu tun, weiß Andreas Köck. Der Arzt leitet die Koordination der Hospiz-/Palliativbetreuung und integrierten Versorgung der KAGes. Palliativmedizin – ein Thema, bei dem er immer wieder mit Missverständnissen konfrontiert ist.

„Palliativmedizin ist Lebensmedizin. Eines der größten Missverständnisse ist, dass es im Palliativbereich nur um Leiden, Tod und Sterben geht.“, betont Andreas Köck. Außerdem gehen viele davon aus, dass sich Palliativmedizin vorwiegend an onkologische Patient:innen richtet. Dabei sollte jeder Mensch am Ende seines Lebens, wenn es notwendig ist, Zugang dazu haben, betont der Intensivmediziner.

Aus diesem Grund müsse Hospiz- und Palliativmedizin auch besser in der Grundversorgung etabliert werden, meint Köck: „Überall dort, wo Menschen versterben, braucht es Zeit für Gespräche und das Wissen um Symptomlinderung.“ Es geht dabei um Punkte, wie das offene Ansprechen von Lebensbegrenzungen bis hin zur Dokumentation des Patientenwillens  im Sinne von „Was will ich und was will ich nicht mehr“.  Das frühzeitige Handeln ist in der Palliativmedizin wesentlich. Doch was heißt frühzeitig und was ist rechtzeitig? Köck verweist auf die „Surprise Question“ als allgemeine Annäherungsfrage: „Wären Sie überrascht, wenn Ihr Patient in 6 Monaten versterben würde? “ Im Fall einer Verneinung wäre eine Palliativversorgung wahrscheinlich sinnvoll.

Übertherapie reduzieren

„Wenn Palliativ-Teams hinzugezogen werden, gibt es anfangs immer wieder Vorbehalte und eine gewisse Hemmschwelle gegenüber einer Mitbetreuung. Diese werden in der Regel nach den ersten Kontakten abgebaut. Wenn wir frühzeitig palliativmedizinisch ansetzen, kann es bei vielen fortgeschrittenen unheilbaren Krankheitsbildern zu einer deutlichen Steigerung der Lebensqualität kommen, in manchen Fällen sogar zu einer Lebensverlängerung“, das zeigen Studien und das weiß Köck aus der langjährigen Erfahrung.

Problematisch ist für ihn vor allem ein Punkt: „Es ist ein Faktum, dass das Ende des Lebens von einer Übertherapie geprägt ist. Die müssen wir unbedingt reduzieren und in den Griff bekommen, um den Patient:innen und ihren Wünschen gerecht zu werden. Die meisten wollen zum Beispiel zu Hause sterben. Wir müssen erst nachfragen, was jemand will, ihn begleiten und das auch mit dem betreuenden Umfeld der Patient:innen kommunizieren – das Reden über das Sterben hat noch niemanden umgebracht.“

Oft würden die Patient:innen versuchen, ihre Angehörigen zu schützen – und umgekehrt. Wird das Thema Lebensende aber zwischen ihnen offen angesprochen, dann kann man sich erst wirklich gegenseitig unterstützen.

Abgestuftes Modell

Die Strukturen der Hospiz/Palliativversorgung bilden sich im abgestuften Modell ab. (siehe Grafik) Jeder Hausarzt und jede Hausärztin kann hier in die jeweilige Versorgungsebene zuweisen.  Im Krankenhaus steht der Palliativkonsiliardienst zur Verfügung– „letzterer muss auch noch stärker in die Köpfe der Kolleg:innen, um schon frühzeitig die palliativmedizinische Sichtweise einzubringen und im besten Fall entsprechend dem Patientenwillen unnötige Krankenhauseinweisungen zu verhindern“.

In sehr komplexen Situationen und das ist nur bei 20 % aller Versterbenden der Fall, sollte die spezialisierte Versorgung im Sinne des abgestuften Modells zum Tragen kommen, so Köck. Das Team ist übrigens immer multiprofessionell unterwegs, die Interdisziplinarität ist ein wesentlicher Faktor – Ärzt:innen, Pflegende, Sozialarbeiter:innen, Hospizmitarbeiter:innen und teilweise auch Seelsorgende sind Teil des Teams.

Leuchtturmprojekt

Andreas Köck leitet die Koordinationsstelle, die bei der KAGes angesiedelt ist und in enger Abstimmung mit dem Land und dem Gesundheitsfonds Steiermark arbeitet. „Wir stimmen uns mit den Trägern ab und treiben den Aus- und Aufbau voran. Wir sind Servicestelle für sämtliche Anfragen für die Hospiz- und Palliativversorgung sowie den laufenden Betrieb und zuständig für Qualitätssicherung, Fortbildung und Öffentlichkeitsarbeit.“

Leuchtturmprojekt ist die flächendeckende mobile Palliativversorgung in der Steiermark. Ausbaubedarf gibt es bei stationären Erwachsenenhospizen, Tageshospizen und Kinderhospizen. 18 Hospizbetten sind derzeit in Graz  vorhanden, 30 wären der Planwert laut RSG. Mit dem Hospiz- und Palliativfondsgesetz hat der Bund 2022 eine Finanzierungslücke in diesem Bereich geschlossen – die Gelder in diesem Fonds sind zweckgewidmet und stehen den Ländern für den Aus-und Aufbau zur Verfügung.

Lebensqualität

Ärzt:innen, die nicht im Palliativbereich tätig sind, müssen bestmöglich unterstützt werden hinsichtlich Symptomlinderung und Schmerztherapie am Lebensende, Zeitressourcen für Gespräche und rechtliche Sicherheit in Bezug auf Therapiezieländerung und Dokumentation des Patientenwillens. Im Vordergrund steht immer die Lebensqualität.

Vorsorgegespräch

Doch wie soll ein gutes Vorsorgegespräch aussehen? „Man muss die Patient:innen in ihrer Situation sehen und anhören – sie müssen das Gefühl haben, dass sie in ihrer Gesamtheit wahrgenommen werden, nicht nur in der Diagnose. Wichtig ist auch das Miteinbeziehen der An-und Zugehörigen“, erklärt Köck. Medizinische Wünsche, persönliche Werte, sind wichtiger Teil eines guten Vorsorgegesprächs, aber auch der Wert von Vorsorgeinstrumenten wie Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht müssen erklärt werden.  Nach dem Ableben von Patient:innen werden in der spezialisierten Versorgung die Angehörigen in ihrer Trauer begleitet und Nachsorgethemen besprochen.

Mehr Bewusstsein

„Die drei wichtigsten Punkte im Zusammenhang mit der Palliativmedizin sind Kommunikation, Kommunikation und Kommunikation“, betont der Arzt. „Dafür braucht es aber auch Zeit und die muss den Hausärzt:innen auch abgegolten werden.“ In der Ärzteausbildung wünscht sich Köck mehr palliativmedizinische Inhalte, mehr Offenheit für die Geriatrie und mehr Ärzt:innen für die Palliativbetreuung. Insgesamt brauche es in unserer Gesellschaft mehr Bewusstsein: „Wir müssen Leben, Tod und Sterben immer wieder als Themen reinholen und uns damit auseinandersetzen: „Was will ich, und was will ich nicht mehr.“ Denn im Endeffekt geht es um ein würdevolles Leben.“

 

Webinare

Die Themen Hospiz und Vorsorgevollmacht werden am 21. Oktober (17.30 Uhr) und am 5. November (18.15 Uhr) in den neuen Webinaren der Ärztekammer für Steiermark behandelt.


Foto: KAGes, envato_Simona Pilolla