AERZTE Steiermark 03/2026

 

Update zum neuen Versorgungskonzept für „Long Covid“ und ME/CFS in der Steiermark

Ende 2025 wurde vom Land Steiermark ein Versorgungskonzept für Betroffene von „Long Covid“ und ME/CFS beschlossen. Wir haben mit Josef Smolle, dem ehemaligen Rektor der Med Uni Graz, über Details, den aktuellen Stand und die Auswirkungen auf die Allgemeinmedizin gesprochen.

Wie sieht die Versorgung bei Krankheitsbildern wie dem Post-COVID-19-Syndrom oder Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS), die unter dem Begriff PAIS (postakutes Infektionssyndrom) zusammengefasst werden, künftig aus? Ende November 2025 wurde in der Steiermark dafür ein Konzept beschlossen. Dessen Ziel ist es, Betroffene schneller, strukturierter und somit besser zu versorgen. Ausgearbeitet wurde es von Josef Smolle, dem ehemaligen Rektor der Med Uni Graz, gemeinsam mit Vertreter:innen der Steirischen Akademie für Allgemeinmedizin und des Instituts für Allgemeinmedizin. Aktuell wird die zentrale Person für die Umsetzung gesucht.

Dreistufiges Versorgungskonzept

Das PAIS-Versorgungskonzept baut auf bestehenden Strukturen auf und will einen klaren Versorgungspfad über 3 abgestufte Ebenen schaffen. Der Aufbau der ambulanten Einheit (Versorgungsebene 2) ist für das heurige Jahr geplant und die weiteren Maßnahmen sollen damit Hand in Hand gehen.

Versorgungsebene 1

Allgemeinmedizin bzw. Primärversorgung sind die erste Anlaufstelle sowie die kontinuierliche, zentrale Betreuung der Betroffenen. Hier werden standardisierte Instrumente verwendet, um die Diagnose zu erstellen und den Schweregrad zu erheben. Begleitend sollen Fortbildungsprogramme, digitale Dokumentationsinstrumente und telemedizinische Rücksprachemöglichkeiten mit Spezialist:innen eingeführt werden.

Versorgungsebene 2

Als weitere Ebene soll eine ambulante Einheit und ein interprofessionelles Netzwerk geschaffen werden. Dieses wird in bestehende Spitals-ambulanzen eingebettet, etwa an der Universitätsklinik für Innere Medizin des LKH-Univ. Klinikums Graz. Hier soll das Kern-Team tätig sein, das aus einer Ärztin oder einem Arzt und administrativem Fachpersonal besteht. Es soll mit anderen, in die Versorgung der Patient:innen eingebundenen, Berufsgruppen zusammenarbeiten.

Aktuell: Personensuche

Zurzeit ist man genau an diesem Punkt, um alles aufzubauen und in Bewegung zu bringen, erklärt Josef Smolle: „Derzeit läuft die Personensuche, also die Suche nach der zentralen Person, die die Akkordierung mit der Allgemeinmedizin einschließlich der strukturierten Ersteinschätzung implementieren soll. Außerdem wird diese Person dann die unmittelbare Ansprechperson für Patient:innen in der Versorgungsebene 2 sein.“ Abschließen will man die Suche noch im Quartal 1.

Ansprechpartner:in und Netzwerker:in

Finden will man jemanden mit einer einschlägigen fachlichen Qualifikation, der/die zudem auch bereit ist, sich in den nächsten Jahren genau dieser Personengruppe zu widmen, betont Smolle: „Neben der Fachkompetenz geht es außerdem darum, dass man die Fähigkeit besitzt, einerseits Netzwerke aufzubauen und andererseits dann auch in solchen Versorgungsnetzwerken aktiv zu sein.“ Auch wenn diese Ärztin bzw. dieser Arzt Ansprechpartner:in für die Patient:innen sein wird, werde es immer wieder Patient:innen geben, die wegen der Komplexität ihres Krankheitsbildes weitere Spezialexpertise brauchen würden, ist sich Smolle sicher: „Diese wird dann per Konsiliar- und Liaisondienst zugezogen.“ Aus diesem Grund ist im ersten Schritt auch die Versorgung durch „nur“ eine Person angedacht, „denn wir gehen davon aus, dass zwar viele andere Expertisen gebraucht werden, diese aber von den anderen Kliniken zur Verfügung gestellt werden können.“

Zentrale Anlaufstelle

Für die Patient:innen sei es wesentlich, dass sie nicht im Kreis geschickt werden, sondern eine zentrale Anlaufstelle haben, die wiederum einschlägige Expert:innen hinzuzieht. Zugänglich sei diese Stelle nur über die Allgemeinmedizin und Primärversorgung, führt Smolle aus: „Viele Patient:innen werden ohnehin durch die Allgemeinmediziner:innen gut betreut werden können – nur wenn mehr nötig ist, erfolgt durch sie eine strukturierte Zuweisung an die Versorgungsebene 2.“ Wichtig ist dem Experten auch, dass von dieser zweiten Ebene eine Rücküberweisung der Patient:innen an die Versorgungsebene 1 erfolgen werde – aber eben mit einer zusammenfassenden Einschätzung und Empfehlung: „Wir wollen damit erreichen, dass sich die Allgemeinmediziner:innen nicht mit einem Wust einzelner Befunde konfrontiert sehen, sondern von der Expertisen-Ebene konkrete Behandlungsempfehlungen erhalten und diese umsetzen können“, erklärt er.

Versorgungsebene 3

Die dritte Versorgungsebene laut Konzept ist schließlich ein interdisziplinäres spezialisiertes Netzwerk der Universitätskliniken, wobei stationäre Aufnahmen nur in Ausnahmefällen vorgesehen sind. Patient:innen mit besonders komplexem Krankheitsverlauf werden einer definierten Abteilung der Universitätsklinik für Innere Medizin zugewiesen, wo hochspezialisierte Diagnostik und Therapie erfolgen.

Diagnose und Ersteinschätzung

Für die Allgemeinmediziner:innen soll in Zukunft eine Plattform für eine telemedizinische Rücksprache und auch eine Ausbildung geschaffen werden. „Wenn wir die zentrale Person gefunden haben, wird an sie der Auftrag ergehen, aus den vorhandenen Angeboten für die Mediziner:innen, die sich zu diesem Thema committen, ein sinnvolles Paket zu schnüren. Denn österreichweit und international gibt es viel an Expertise zu ME/CFS – sollte in der Steiermark etwas fehlen, muss man das ergänzen.“ Auch Diskussionen, wie dieser Bereich im Honorarsystem abgebildet ist und ob Anpassungen notwendig sind, werde es noch geben, ist sich Smolle sicher.

International abgesicherte Instrumente für eine Ersteinschätzung gebe es, sagt Smolle, doch man müsse dies in Strukturen gießen, um den Umfang auch praktikabel zu halten. Das Interesse bei den Ärzt:innen sei auf jeden Fall vorhanden: „Ich spüre von Seiten der Allgemeinmedizin eine große Aufgeschlossenheit, denn diese Patient:innen gibt es ja jetzt auch schon, sie kommen zu ihnen, verursachen einen Aufwand, aber man kann sie nicht passend versorgen, wie man möchte, oder die Patient:innen haben den Eindruck, dass sie nicht an der richtigen Stelle sind. Übergeordnetes Ziel dieses neuen Versorgungskonzeptes ist es, dass die Patient:innen innerhalb des solidarischen Gesundheitssystems Verständnis und Betreuung finden.“

Bereitschaft auf Situation einzugehen

Eine Heilung gebe es für Krankheitsbilder wie das Post-COVID-19-Syndrom oder ME/CFS derzeit nicht, „aber viele kleinere und mittelgroße Schritte, mit denen man Symptome lindern und den Patient:innen helfen kann“, so Josef Smolle. Dazu braucht es ebenso die ärztliche Erfahrung wie auch die Bereitschaft, tatsächlich auf die Situation der einzelnen Patient:innen einzugehen.

Eine Verbesserung der Situation für die Betroffenen erhofft sich Smolle auch hinsichtlich des Pflegegeld-Themas: „Man hat immer wieder gehört, dass Befunde, die aus privat- oder wahlärztlicher Hand stammen, von den Versicherungen nicht das Gewicht bekommen, das vielleicht gegeben wäre, wenn eine solche Einschätzung von einer Stelle der öffentlichen Hand kommt.“ Und er betont abschließend: „Ich glaube auch angesichts der Tatsache, dass diese Erkrankung vielfältig und komplex ist und nicht an einem einzelnen Laborbefund festgemacht werden kann, brauchen die Patient:innen eine verständnisvolle und kompetente Aufnahme in unserem Gesundheitssystem. Die Forschung schreitet voran – in einigen Jahren hoffe ich, dass wir auf einem besseren Versorgungsstand sind. Doch die Patient:innen gibt es hier und jetzt – und die brauchen uns.“

 

Foto: Schiffer, ÖVP-Klub Sabine Klimpt, Deutsche Gesellschaft für ME-CFS