AERZTE Steiermark 03/2026

 

Orthopädie und Önologie: Zwei Welten mit vielen Parallelen

Tagsüber Ordination, abends Rebschnitt – für Martina Freigassner ist das die ideale Ergänzung. Neben der Verantwortung und der Präzision ist die Fähigkeit, Prozesse zu begleiten, statt zu kontrollieren, in beiden Bereichen zentral.

Schon als Kind erlebte Martina Freigassner selbst, „wie sich Angst und Machtlosigkeit durch ärztliche Zuwendung in Sicherheit und Geborgenheit verwandeln können“. Diese Erfahrung wurde der Fachärztin für Orthopädie und orthopädische Chirurgie zum Leitmotiv: Menschen in schwierigen Situationen ernstnehmen, auffangen und begleiten. Der Wein kam erst später in ihr Leben hinzu. Auslöser war der geplante Verkauf des slowenischen Familienweingartens.

Weingut mit Geschichte

„Rational hätte das Entlastung bedeutet, emotional jedoch nicht“, so Martina Freigassner, denn „in dem Moment wurde mir bewusst, dass ich etwas verlieren würde, das zu mir gehört.“ Seit 2016 bewirtschaftet sie daher das traditionsreiche Gut selbst – was zunächst als arbeits- und kostenintensives Hobby begann, hat sich in den letzten Jahren zunehmend professionalisiert. Für die Hobby-Winzerin geht es dabei um weit mehr als Ertrag: „Der Weinbau steht für Philosophie, Kulturgut und ein altbewährtes Heilmittel.“ Schließlich befindet sich das Weingut seit 1789 in Familienbesitz und hat Enteignungen, Restitutionen und mehrere Neubeginne überstanden. Viele Rebstöcke sind bis zu 60 Jahre alt und tragen viel Geschichte in sich. Der Weingarten ist für Martina Freigassner ein Ort der Verbindung – zur Natur, zur Geschichte und zu einer Haltung, die auf Achtsamkeit und Verantwortung basiert.

Unsicherheiten akzeptieren

Die Werte, die ihren medizinischen Alltag prägen, finden sich auch im Weinbau wieder: Handeln nach bestem Wissen und Gewissen, ein bewusster Umgang mit Ressourcen und ein klares Verantwortungsgefühl. Beide Tätigkeiten verlangen Präzision und Aufmerksamkeit – und zugleich die Fähigkeit, Unsicherheit zu akzeptieren. „Man begleitet Prozesse und wünscht sich den bestmöglichen Ausgang, hat aber keinen Anspruch darauf, alles kontrollieren zu können.“

Handeln heißt im Weingut auch richtig mitanpacken: „Ich versuche, jede freie Minute im Weingarten zu verbringen.“ Besonders der Reb-schnitt sowie die Erntezeit sind für Martina Freigassner etwas Besonderes. „Diese Arbeiten erden mich, geben mir Ruhe und lassen mich neue Energie schöpfen. Zu sehen, wie widerstandsfähig Rebstöcke sind und wie sich Beständigkeit anfühlt, wirkt für mich sehr stärkend.“

Geduld und Vertrauen

Ein guter Wein beginnt für die Ärztin im Weingarten. „Die Sonne des gesamten Sommers soll sich im Wein widerspiegeln.“ Im Keller braucht es dann vor allem Zeit, Gefühl und Zurückhaltung. Ein bewusster Umgang mit Schwefel ist ihr wichtig – weniger Absicherung durch Überdosierung, mehr Vertrauen in Natur und Erfahrung. Der Chardonnay 2023 markiert für sie diesbezüglich einen besonderen Schritt als erster dieser Sorte und gestalterischer Neuanfang. Mitarbeitende hätten ihr gespiegelt, dass sich darin ihre Persönlichkeit zeige – „Ruhe, Genauigkeit und das Dranbleiben, ohne laut zu sein“. Für die Hobby-Winzerin ein besonderes Kompliment.

Tradition und Innovation

Tradition bedeutet für die Ärztin nicht, stehen zu bleiben, sondern eine solide Basis zu haben, von der aus Entwicklung möglich ist. Ein sehr schönes Beispiel dafür ist für Freigassner ihr erster Frizzante aus Muscaris und der Gewürztraminer – spritzig, eigenständig und Ausdruck eines kleinen, rein weiblichen Teams mit unterschiedlichen Kompetenzen. Er steht für diesen Mut, Neues zu denken, ohne die eigene Haltung zu verlieren.

Fordernde Doppelrolle

Neues zu denken, steht auch im Zentrum ihrer medizinischen Tätigkeit. Derzeit strebt die Fachärztin eine orthopädisch-traumatologische Zusatzausbildung und den Aufbau einer Lehrpraxis an. Denn die Stärkung der konservativen Orthopädie in Forschung und Ausbildung liegt ihr besonders am Herzen – „dieser unglaublich wichtige, bescheidene und notwendige Teil der Versorgung“, wie sie betont.

Auch im Weingut stehen Neuerungen an: Im Frühjahr 2026 beginnt ein Bauvorhaben, das „all unsere Visionen und unsere Verbundenheit zur Natur aufzeigen wird.“ Neben der Wiederverwendung bestehender Materialien und dem Erhalt des historischen Kellers soll kein Baum seines Platzes verwiesen werden.  Der Alltag verlangt damit viel Organisation und Vertrauen. Ohne ein eigenverantwortliches Team, offene Kommunikation und die Unterstützung der Familie wäre diese Doppelrolle nicht möglich.

Synergien und Genuss mit Maß

Jungen Menschen, die zwischen zwei Leidenschaften stehen, rät sie, nicht zu wählen, sondern zu verbinden – eine Brücke zu bauen und das Spannungsfeld bewusst zu nutzen. Oft entstünden genau dort unerwartete Synergien. Was sie noch gelernt hat: „Die Weinstöcke lehren mich Geduld und Respekt vor der Natur – und die Kunst, aus prägenden Erfahrungen etwas Wertvolles entstehen zu lassen.“

 

Als Ärztin betrachtet sie Wein übrigens differenziert – entscheidend sei der bewusste Umgang. Einerseits gilt Wein seit der Antike als Genuss- und Heilmittel, ausschlaggebend seien aber Maß, Zeitpunkt und Kontext. Bewusster Genuss beginne bei Lagerung, Temperatur und einem guten Glas – und ende bei Paracelsus: Die Dosis macht das Gift.

 

Foto: privat