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Das große Leiden

Die Menschen leiden – nicht nur unter der COVID-19-Krise, sondern auch unter den Maßnahmen gegen die Krise.

Martin Novak

Der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie Psychotherapeut Univ.-Prof. Michael Musalek, Vorstand des Instituts für Sozialästhetik und psychische Gesundheit der Sigmund Freud Privatuniversität, ist in einer Studie der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen die COVID-19-Epidemie auf die psychische Gesundheit hat. Die Ergebnisse sind so, dass er von einer psychosozialen Epidemie spricht.

Befragt wurden für die nach Alter, Geschlecht, Beruf, Einkommen und Wohnort repräsentative Studie 1.000 Österreicherinnen und Österreicher – und zwar von 15. bis 26. Mai 2020.

Demnach fühlen sich 25 Prozent durch die Krise psychisch belastet, 24 Prozent wirtschaftlich und finanziell sowie 14 Prozent körperlich. Am stärksten trifft die psychische Belastung die Wienerinnen und Wiener, gefolgt von Oberösterreich und Salzburg. Am schwächsten ist die psychische Belastung in der Steiermark und in Kärnten.

 

Abhängig von der Größe des Wohnortes

Eine wichtige Rolle für die wirtschaftliche Belastung spielt offenbar die Wohnortgröße. In kleinen Gemeinden bis 5.000 Einwohner liegt sie bei etwas über 18 Prozent, in größeren Orten (bis 50.000 und über 50.000 Einwohner) um die 25 Prozent und in der Bundeshauptstadt Wien gar bei 29 Prozent.

 

Frauen stärker betroffen als Männer

Erhebliche Unterschiede gibt es auch zwischen den Geschlechtern: „Nur“ 30,3 Prozent der Männer, aber 39,5 Prozent der Frauen sagen, sie hätten unter den Restriktionen (der Bundesregierung) gelitten. Ebenso stimmen Alleinstehende in höherem Ausmaß (+8 Prozent gegenüber anderen) dieser Aussage zu.

Geschlechtsunterschiede findet man auch bei anderen Antworten. So sagen etwa 75 Prozent der Frauen, aber nur knapp 54 Prozent der Männer, dass ihnen Treffen mit Familienmitgliedern abgehen.

Gleichzeitig hat die Krise zu einem stark reduzierten Gefühl, selbstbestimmt leben zu können, geführt: 57,5 Prozent sehen das so. Dabei gibt es auch keine relevanten Geschlechts- und Altersunterschiede, aber eine Korrelation mit der psychischen Belastung.

 

Erhöhte Reizbarkeit

39 Prozent der Gesamtbevölkerung wollen laut Studie eine erhöhte Reizbarkeit bei sich festgestellt haben. 23 Prozent sprechen sogar von einer grundlegenden Gereiztheit („schon Kleinigkeiten bringen mich aus der Fassung“). 15 Prozent nennen gar eine „Dysphorie“ („ich befinde mich den größten Teil des Tages in gereizter und schlecht gelaunter Stimmung, bin dementsprechend aufbrausend, vorwurfsvoll oder beleidigend im Kontakt mit meinen Mitmenschen“). Unterschiede nach Geschlecht sind bei der Gereiztheit (aber die Dysphorie trifft Frauen etwas stärker als Männer) nicht feststellbar, jedoch nach Alter: 50+Jährige sind demnach gelassener. In Haushalten mit Kindern unter 18 Jahren sind die Erwachsenen um 10 Prozent gereizter als in kinderlosen Haushalten.

 

Zukunftsangst

Verbunden mit der Krise ist eine Zukunftsangst („ich habe gegenwärtig Angst, dass es nie wieder so wird, wie vor der Corona-Krise“). Darunter leiden knapp 41 Prozent der Gesamtpopulation, fast 62 Prozent der psychisch Belasteten, aber nur etwas über 25 Prozent derjenigen, die sich psychisch nicht belastet fühlen.

 

Alkohol als Medizin

Fast 15 Prozent sagen, ihr Alkoholkonsum sei durch die Krise gestiegen. Die Ergebnisse zeigen erhebliche Parallelen zu einer deutschen Studie, über die das Deutsche Ärzteblatt unter dem Titel „Die COVID-19-Pandemie als idealer Nährboden für Süchte“ berichtete. Die Autoren Ekaterini Georgiadou, Thomas Hillemacher, Astrid Müller, Anne Koopmann, Tagrid Leménager und Falk Kiefer leiten daraus Maßnahmenforderungen ab: „Es scheint uns daher wichtig, schon während der Akutphase der COVID-19-Pandemie die Bevölkerung über die Risiken und mögliche Langzeitfolgen eines vermehrten Alkohol- und Tabakkonsums während dieser Ausnahmesituation zu informieren und niederschwellige medizinische und soziale Hilfsangebote aufzubauen.“

Musaleks Erkenntnis aus der umfassenden österreichischen Studie: „Das Unwort des Jahres ist die vielerorts noch immer verordnete ‚soziale Distanz‘; ganz im Gegenteil: Wir brauchen zwar körperliche Distanz, aber psychosoziale Nähe, um die Krise bewältigen zu können – nur gemeinsam können wir diese Krise zum Besseren wenden.“

 

Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek, Mag. Dr. Oliver Scheibenbogen:  Was haben wir aus der COVID-19-Krise bisher gelernt? Und was können wir in Zukunft besser machen?

Eine Studie zur psychosozialen Pandemie in Österreich des Instituts für Sozialästhetik und Psychische Gesundheit der Sigmund Freud Privatuniversität Wien.

 

AERZTE Steiermark 10/2020

Fotos: Adobe Stock, Medizinische Universität Wien/Matern




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