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„Eine gute Lösung gibt es nicht“

Martina Schmidhuber, Professorin für Health Care Ethics an der Grazer Moraltheologie, sieht durch COVID-19 eine neue Wertschätzung des Zwischenmenschlichen im Gesundheitsbereich gekommen, warnt vor Altersdiskriminierung und nimmt jeden Einzelnen in die Verantwortung.

Ursula Scholz

Der ärztliche Albtraum schlechthin: Man wüsste, wie man helfen könnte, aber die Ressourcen reichen nicht aus. Als Ende März in Frankreich beschlossen wurde, Über-80-Jährige, die durch COVID-19 an Atemnot litten, nicht mehr zu beatmen, war der Albtraum mitten in Europa Wirklichkeit geworden. „Eine gute Lösung gibt es da nicht“, betont die Grazer Health-Care-Ethics-Professorin Martina Schmidhuber. „Aber am Alter allein darf man die Entscheidung über eine medizinische Intervention nicht festmachen, das ist diskriminierend. Am besten wäre, wenn sich jeder und jede überlegen würde, was er oder sie im Fall einer benötigten Intensivbetreuung möchte und das mittels Patientenverfügung festlegt.“ Wo es keine derartige Verfügung gibt, sollen die Erfolgsaussichten der Behandlung sowie die zu erwartende Lebensqualität nach deren Abschluss als Entscheidungskriterien dienen. Zudem seien nahestehende Personen zu befragen, was der- oder diejenige selbst gewollt hätte.

Berührung zählt

Nach (der ersten Welle von) COVID-19 erhofft Schmidhuber, dass mahnende Worte von MedizinethikerInnen nun Gehör finden werden, wenn es um den Wert menschlicher Betreuung von Pflegebedürftigen geht. „Ein Roboter kann vorsortierte Medikamente in die Pflegeheim-Zimmer bringen, aber bei der Körperpflege braucht es die direkte Berührung. Das ist vielen gerade in dieser Zeit bewusst geworden.“ Und auch das neben dem Waschen geführte Gespräch verbessert die Lebensqualität und kann nicht von künstlicher Intelligenz übernommen werden.

Schmidhuber ruft die Bevölkerung dazu auf, klare Vereinbarungen zu treffen, was mit ihr im Falle einer Knappheit von Intensivbetten zu geschehen habe, nicht nur, aber auch in Zeiten von COVID-19. „Ich würde nicht wollen, dass die Ärzte für mich entscheiden“, stellt sie klar. Parallel dazu müssten im Gesundheitssystem Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Menschen, die zugunsten des Kollektivs auf eine Intensivbehandlung verzichten, eine optimale Palliativversorgung erhalten. Nicht ganz einfach in einem akut überlasteten Gesundheitssystem.

Armut bringt Leid

Den Zeitpunkt für das nunmehr erfolgte Hochfahren des Systems hält sie trotz gesundheitlicher Bedrohung für dringend gekommen, „denn ich würde das Leid nicht nur an der Gesundheit festmachen – wir müssen auch an den Erhalt der Arbeitsplätze und der Kleinunternehmen denken und an jenes Leid, das durch wirtschaftliche Einbrüche entsteht“. Gleichzeitig fordert sie von gefährdeten Gruppen Eigenverantwortung ein und die autonome Entscheidung, wie sehr sie sich durch konsequentes Daheimbleiben selbst schützen. „Die Gesellschaft war lange – und wenn man auf die Erkrankungszahlen schaut, sehr erfolgreich – solidarisch mit den vulnerablen Personen. Jetzt ist es an der Zeit, auch an die anderen zu denken.“ Als Aufruf zur Lebensweise von „davor“ zurückzukehren, will sie diese Aussage jedoch nicht verstanden wissen. „Ältere Menschen sollen weiterhin mit den Enkelkindern eher skypen und sich mit den Nachbarn über den Gartenzaun hinweg unterhalten.“ Dass nicht alle die technischen Voraussetzungen und die geistige Offenheit mitbringen, noch skypen zu lernen, ist ihr bewusst. „Aber ältere Menschen sind lernfähiger als man oft denkt.“

Bescheidenheit keimt auf

Für höchst an der Zeit hält Schmidhuber auch die ärztliche Sorge um alle Nicht-COVID-19-Patientinnen und -Patienten. Kritisch merkt sie an, wie sehr sich Europa im Bereich der medizinischen Ausstattung – von Masken bis zu Medikamenten – vom Ausland abhängig gemacht hat. „Bei der Auslagerung der Produktion spielen rein wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle, der Gedanke der Eigenversorgung bleibt auf der Strecke. Ich erhoffe mir durch die Corona-Krise eine Rückbesinnung und dass wieder mehr Bescheidenheit einkehrt. Nicht nur bei den Lebensmitteleinkäufen, sondern auch in der medizinischen Versorgung sollten wir viel regionaler denken.“ Eine mögliche positive Auswirkung der Krise sieht Schmidhuber bereits: „Von politischer Seite hat man sich viele Gedanken über den Schutz der Älteren gemacht. Es hat mich sehr positiv überrascht, dass diese so einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft haben.“

Den Dialog suchen

Ebenso sehr liegen ihr – neben den überlasteten Eltern im Homeoffice – die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Gesundheitsbereich am Herzen: „Gerade jetzt sieht man, wie wichtig sie sind. Ich habe mich schon lange vor Ausbruch der Krise für mehr Wertschätzung im Pflegebereich eingesetzt – und für die 35-Stunden-Woche bei gleichem Gehalt.“

In der Kooperation zwischen den einzelnen Gesundheitsberufen erhofft sie sich flachere Hierarchien und einen intensiveren Dialog. „Dass das möglich ist, habe ich in Norwegen erlebt. Dort findet viel mehr Austausch zwischen dem ärztlichen und dem Pflegepersonal statt – und auch das ist eine Form der Anerkennung, die Pflegeberufe attraktiver macht.“

Die Überlastung vieler Menschen in Gesundheitsberufen in Zeiten der Pandemie sieht sie ebenso als Anlass für Veränderungen: „Menschen in helfenden Berufen gehen oft sehr idealistisch an ihren Job heran und sind auch hart im Nehmen – siehe die Ärzte in Italien. Umso mehr muss man ihnen Rahmenbedingungen bieten, unter denen sie auf sich selbst achten können.“

Gerecht verteilen

Vorsichtig reagiert Schmidhuber auf die Frage, inwieweit die Länder einander bei Versorgungsengpässen aushelfen sollen. „Was wir übrig haben, sollten wir teilen.“ Aber wann ist es übrig? Wenn COVID-19-Patienten zwei bis drei Wochen Intensivversorgung benötigen und die Erhöhung der Fallzahlen in Österreich bloß zwei Wochen hinterherhinkt? „Durch die Hilfe dürfen nicht die Menschen im eigenen Land benachteiligt werden“, betont Schmidhuber. „Jedenfalls muss darauf geachtet werden, dass sich nicht die Reichen anderer Länder einfliegen lassen, wenn in einem Land noch Intensivbetten frei sind.“

Verteilungsgerechtigkeit wird auch beim erhofften Impfstoff ein Thema werden. „Vielleicht entschärft sich die Situation, wenn die Impfgegner und alle Skeptiker, die einer derart schnellen Impfstoffentwicklung misstrauen, die Impfung ohnehin verweigern“, stellt Schmidhuber in den Raum. „Ein hochwertiger Impfstoff wäre natürlich toll. Ich hoffe nur, dass bei der Verteilung dann alles geregelt abläuft.“

Es wäre nicht die erste schwierig umzusetzende Regelung in der Corona-Zeit.

Martina Schmidhuber hat an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Salzburg Philosophie studiert und sich an der Universität Erlangen-Nürnberg in Medizinethik habilitiert. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Demenz, Ethik und Alter(n) sowie Menschenrechte in der Medizin. Unter anderem war sie Gastforscherin am National Norwegian Center for Aging and Health.

Seit Oktober 2019 arbeitet sie als Professorin für Health Care Ethics an der Karl-Franzens-Universität.

AERZTE Steiermark 06/2020


Fotos: beigestellt, Adobe Stock




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