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„Es fehlt die körperliche Nähe“

Vor drei Jahren war Stefanie Essl Österreicherin des Jahres – als Landärztin und jüngste steirische Allgemeinmedizinerin mit eigener Kassenordination. Nun managt sie die Praxis neben einem Kleinkind, bildet Ärztenachwuchs aus – und erlebt mit COVID-19 einen komplett veränderten Berufsalltag.

Ursula Scholz

„Meine Erwartungen und Hoffnungen wurden weitgehend erfüllt.“ Stefanie Essl, Hausärztin im oststeirischen Passail und seinerzeit von der Tageszeitung „Die Presse“ zur Österreicherin des Jahres gekürt, bilanziert positiv.

Mitten in der Facharztausbildung für Innere Medizin hat sie diese unterbrochen, um in ihrem Heimatort die zweite allgemeinmedizinische Praxis zu übernehmen. Um der Region die Versorgung zu erhalten und somit zur Lebensqualität beizutragen. In dieser Mission ist sie heute noch Mitglied der „Marktentwicklungsgruppe Passail“, die durch regionale Verbesserungen der Abwanderung zuvorkommen möchte.

Die Ordination ist gut angelaufen – einziger Wermutstropfen ist die bisher vergebliche Suche nach einem neuen Standort, um Platz und Komfort zu gewinnen. „Nicht alle Räume verfügen über Tageslicht; außerdem haben sich Patientenstock und Team vergrößert und wir brauchen einfach mehr Platz“, erzählt Essl.

In Zeiten von COVID-19 wurde ein weiterer Nachteil evident: „Die Wände sind so dick, dass es bei der Videoordination trotz Internet-Verstärkers zu Übertragungsproblemen kommt.“


Hygiene und Einsamkeit

In anderer Hinsicht hat sich Essls Ordination als gut gerüstet für die Corona-Krise erwiesen: Eine Ordinationsassistentin hat erst kürzlich die neue Ausbildung abgeschlossen, die auch ein modernes Hygienemanagement umfasst. „Wir haben damals schon vieles verbessert und desinfizieren jetzt ganz gleich, nur öfter.“ Und das, obwohl nur wenige Menschen direkt in die Praxis kommen. Für diese und für die Visiten genügend Schutzausrüstung zu erhalten, funktioniert mit Ach und Krach, mit Hilfe der Ärztekammer, von der sich Essl auch Unterstützung bei der Implementierung der Videoordination wünschen würde. „Denn die wird uns wohl noch länger begleiten.“

Viele ärztliche Kontakte lassen sich per E-Mail, Telefon oder Videotelefonie erledigen. Hautausschläge werden fotografisch dokumentiert, Rezepte direkt an die Apotheke gemailt und Krankschreibungen am Telefon gecheckt.

„Bedenken habe ich wegen des fehlenden Patientenkontakts, weil oft die körperliche Nähe fehlt, der direkte Eindruck vom Zustand der Patienten, aber auch die Berührung.“ Essl berichtet von alten Menschen, die aus Einsamkeit extra lange mit der Ärztin telefonieren. Von Kindern, die verzweifelt anrufen und sagen: „Die Mama trinkt wieder.“


Kooperation hilft

Auch sie selbst ist als Mutter zurzeit besonders gefordert, weil sie die Betreuung ihres zweijährigen Sohnes komplett umstellen musste. Trotz all dieser Herausforderungen bewahrt Essl die Ruhe.

Noch vor acht Wochen, meint sie, hätte sie sich nicht vorstellen können, eine derartige Situation zu meistern. Jetzt laufe es „ganz gut“. Die Kommunikation und Kooperation mit dem Kollegen vor Ort, aber auch allen anderen Einsatzkräften funktioniert reibungslos. Alles ist so vorbereitet, dass beim Ausfall des einen Hausarztes der andere einspringen kann. Auch fahren beide die nichtakuten medizinischen Leistungen zeitgleich hoch.

Völlig verstummt ist hingegen die Kommunikation mit den chinesischen Arztkolleginnen und -kollegen, die Essl bei ihren Auslandsfamulaturen kennengelernt hatte und mit denen sie danach in Mailkontakt geblieben ist. Die Vermutung, dass Ärzte nach dem Corona-Ausbruch in China mundtot gemacht worden seien, liegt für sie nahe.


Fernziel Lehrpraxis

Für ihre Ordination plant die junge Landärztin mit ungebrochenem Elan: „Es wird sich leider nicht ausgehen, dass wir noch heuer umziehen können, aber wir bleiben dran.“ Und dann wird es endlich die räumlichen Voraussetzungen für einen wichtigen Aspekt ihres ärztlichen Selbstverständnisses geben: die Lehrpraxis.

Die ersten Meduni-Studierenden hatte Essl schon in ihrer Praxis; der zweite Ordinationsraum für die Lehrpraktikanten ist ein erklärtes Ziel.

 

AERZTE Steiermark 05/2020

Foto: Andrea Zöhrer




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