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„Ich bin im Herzen eine Praktikerin“

Die neue Stiftungsprofessur für Health Care Ethics an der Karl-Franzens-Universität wurde mit einer Philosophin besetzt: Martina Schmidhuber. Sie ist Expertin für Ethik und Demenz und bringt spannende Erfahrungen aus Norwegen mit.

„Medizin und Pflege brauchen eine ethische Reflexion“, ist Reinhold Esterbauer , Professor am Institut für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität, überzeugt. Während seines Dekanats von 2013 bis 2017 initiierte er die neue Stiftungsprofessur für Health Care Ethics, die am Institut für Moraltheologie der KFU angesiedelt ist.

In Österreich ist eine derartige Professur ziemlich einzigartig; abgesehen vom Wiener Institut für Ethik und Recht in der Medizin gibt es nichts Entsprechendes. „In Deutschland wird Medizinethik an jeder medizinischen Fakultät gelehrt und ist ein selbstverständlicher Teil des Curriculums“, erzählt die in Salzburg geborene Philosophin Martina Schmidhuber, seit Anfang Oktober Inhaberin des neu geschaffenen Lehrstuhls. Sie selbst hat vielfältige Erfahrungen in Deutschland gesammelt, war an der Medizinischen Hochschule Hannover wissenschaftliche Mitarbeiterin, hat an der Universität Bielefeld gelehrt und an der Medizinischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg geforscht, wo sie sich auch habilitiert hat.

Nach einem Aufenthalt als Gastforscherin am National Norwegian Center for Aging and Health und dem University Hospital Oslo – bei dem hochrangigen Demenzexperten Knut Engedal – wurde sie Dozentin für Medizinethik an der Fachhochschule Gesundheit Tirol, bevor sie nach Graz berufen wurde.

Partnersuche

In Graz war die Medizinethik zuvor Domäne des Moraltheologen und Arztes Walter Schaupp gewesen. Für die Zeit nach seiner Emeritierung wurde entsprechender Ersatz in Forschung und Lehre benötigt. Reinhold Esterbauer wollte das Thema Medizinethik zudem noch stärker verankern. Er habe an mehrere Türen geklopft, um Kooperationspartner zu finden. Die beiden heutigen Partner MUG und FH Joanneum verhielten sich zunächst zögerlich, weil sie primär Pläne für eigene derartige Projekte verfolgten.

Bezüglich Finanzierung fühlte Esterbauer bei den Krankenanstaltenträgern vor und stieß sowohl bei KAGes-Vorstand Karlheinz Tscheliessnigg als auch bei den fondsfinanzierten Nicht-KAGes-Häusern auf offene Ohren. Letztlich kam es zu einer kombinierten Finanzierung der auf fünf Jahre begrenzten Professur, unter wesentlicher Beteiligung des Landes Steiermark. Eine der Auflagen des Landes besteht darin, dass von der Health Care Ethics-Professur innovative Lehrveranstaltungen angeboten werden, offen sowohl für Studierende der KFU als auch der MUG und der FH Joanneum.

Fokus Lebensende

Ihr erstes Forschungsprojekt ist schon im Entstehen: eine Kooperation mit Regina Roller-Wirnsberger von der MUG mit einem ernährungsmedizinischen Fokus.

Die Themenpalette der laufenden universitären Lehrveranstaltungen von Schmidhuber reicht vom Seminar zum Lebensanfang bis zur Vorlesung „Perspektivenpluralismus in der Bioethik“. Für das Sommersemester plant Schmidhuber neben „Grundlagen der Medizin- und Pflegeethik“ ein Seminar zu Fragen des Lebensendes. Denn Schmidhuber ist ausgewiesene Expertin in ethischen Fragen betreffend Demenz. Sie plädiert für größtmögliche Autonomie von Demenzkranken, denn schon kleine eigenständige Entscheidungen könnten die Lebensqualität deutlich erhöhen. „Auch wenn jemand in manchen Belangen des Lebens die Orientierung verloren hat, möchte er selbst entscheiden, ob er jetzt lieber einen Spaziergang machen will oder einfach sitzen bleibt.“ Menschen mit Demenz würden derzeit zu sehr paternalisiert. Autonomiefragen, etwa „Wie will ich sterben?“ oder „Wie will ich noch leben?“, stellen sich vielen Menschen. „Recht und Ethik decken sich dabei nicht immer“, gibt Schmidhuber zu bedenken.

Sie beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Patientenverfügung, zu deren äußerst vorsichtiger Formulierung sie rät. „Was viele nicht bedenken: In der Demenz ist nicht einfach ein Widerruf möglich, obwohl Betroffene dann manchmal offensichtlich Anderes wollen, als sie seinerzeit verfügt haben.“

Rolle der Ärzte

Eine äußerst wichtige Rolle, so Schmidhuber, komme dabei den Hausärzten zu, die Menschen bei der Erstellung einer Patientenverfügung beraten: „Da braucht es gute Aufklärungsarbeit, damit die Patientenverfügung wirklich eine Autonomieverlängerung bringt.“ Dabei sollte auch über demenzspezifische Vorgaben gesprochen werden.

Das „Antizipationsproblem“, wie sie es ausdrückt, bleibt allerdings bestehen. Niemand kann sich vorstellen, wie er oder sie sich in der Situation der Pflegebedürftigkeit wirklich fühlen wird.

Schmidhuber hat aber auch die Bedürfnisse der pflegenden Angehörigen im Visier und möchte mit ihrer Arbeit neben der wissenschaftlichen Community und den professionellen Pflegekräften jenen Teil der Bevölkerung erreichen, der Angehörige daheim versorgt. Diesbezüglich wird sie ihre Expertise auch in die kürzlich gegründete interdisziplinäre Age & Care Research Group einbringen.

Was das Beste für Menschen mit Demenz ist, wird derzeit intensiv diskutiert. Während in den Niederlanden und in Deutschland erste Demenzdörfer als sichere Räume für Demenzkranke entstehen, hat Schmidhuber in Norwegen integrative Ansätze kennen gelernt. „Dort werden Menschen mit Demenz von zu Hause abgeholt und mit dem Bus in ein Tageszentrum gebracht. Abends kehren sie wieder zurück, aber untertags sind die Angehörigen entlastet.“ Besonders inspirierend fand Schmidhuber das norwegische „ Green Care “-Konzept, bei dem Menschen mit Demenz tagsüber auf Bauernhöfen mitleben.

Was sie selbst unter „Sterben in Würde“ versteht, erklärt die heute 38-Jährige folgendermaßen: „Wichtig ist es, von Menschen umgeben zu sein, die man gern hat, damit man das Gefühl hat, gut aufgehoben zu sein. Dann kann man in Frieden sterben.“ Sie propagiert, ein verständnisvolles Umfeld zu schaffen für Menschen, deren Orientierung im Leben schon brüchig geworden ist. „In der Demenz ist der Wert der Wahrheit nicht mehr so hoch. Es ist den Betroffenen extrem unangenehm, andauernd korrigiert zu werden. Vielmehr brauchen sie das Gefühl, verstanden zu werden.“

Kein Elfenbeinturm

Auf die Frage, warum sie als Philosophin im Bereich der Medizinethik gelandet ist, antwortet Schmidhuber spontan: „Ich bin im Herzen eine Praktikerin, keine Elfenbeinturm-Philosophin.“

Zunächst hätten sie auch Fragen zur Wirtschaftsethik und zur Armutsforschung interessiert. Schließlich kam sie, als sie im zweiten Bildungsweg mit ihrem Philosophie-Studium begonnen hat, aus der Privatwirtschaft. Da hätten sich derartige Fragen manchmal aufgedrängt. Nach der Promotion sei aber die Medizinethik in den Fokus gerückt. Heute sei sie froh über ihre damalige Richtungsentscheidung.

Noch ist nicht klar, ob ihre Professur über die fünf Jahre hinaus Bestand haben wird. In dieser Zeit möchte Schmidhuber jedenfalls als persönlichen Fingerabdruck in der Grazer Bevölkerung und Gesundheitslandschaft eine „erhöhte Sensibilität für Fragen zum Lebensende“ erreicht haben.

AERZTE Steiermark 12/2019


Fotos: beigestellt, Shutterstock




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