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Spitalsärzteversammlung Marienkrankenhaus Vorau
16.01.2020, 14:00 Uhr

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„Mich reizt, was nicht einfach ist”

Kurärztin Lisa Veith-Gruber braucht in der Freizeit ein Board unter ihren Füßen. Welche Materie sich unter dem Board befindet – Wasser, Schnee oder Beton – ist da schon zweitrangig; siegreich ist sie in allen drei Sparten.

Ursula Scholz

Im Anfang eroberte Lisa Veith-Gruber das Wasser. „Zum Surfen, damals noch Windsurfen, haben mich meine Eltern mit zehn Jahren im Urlaub gebracht. Die anderen Boards sind vergleichsweise spät dazugekommen: Mit 17 das Snowboard, mit 20 dann das Skateboard. Die meisten fangen zwar früher an – aber ich bin immer noch dabei“, erzählt die heute 42-Jährige, deren Fitness wohl nur wenige Gleichaltrige erreichen. Für eine Boarderin ist 42 schon ein biblisches Alter, aber Veith-Gruber steht nicht nur noch präsentabel auf den diversen Brettern, sondern gewinnt dabei auch noch Wettbewerbe. So wurde sie im heurigen Sommer, nur drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter Lea, vom Bowl Riders Club zum „Best female Skater“ des Jahres 2019 gekürt. Den Preis hat sie gleich dem gesamten „Mädels-Team“ gewidmet. Den aktiven Boardsport auch für Frauen zu öffnen – „nicht nur als Deko der skatenden Burschen“ – war ihr immer schon ein Anliegen, und so lag sie beispielsweise den Münchener ISPO Miniramp-Contest-Veranstaltern immer wieder in den Ohren, bis es eine eigene Wertung für Skaterinnen gab.

Kunst in der Medizin

Ärztin wollte sie schon immer werden – und hat in der Volksschule den Freundinnen diverse „Cremchen“ verordnet. Ihr Vater, niedergelassener Radiologe in Graz, hat leise hinterfragt, ob sie sich das wirklich antun wolle. Sie wollte. Nur ein kurzes Zögern, ob sie sich nicht der Malerei widmen sollte, „aber ich habe mir gedacht, Kunst geht auch nebenbei, Medizin nicht“. Doch dann ist der Sport dazwischengekommen – die drei Boards – und heute meint Veith-Gruber, die Zeit für die Kunst könne ja später noch kommen, wenn sie zu alt für die Boards geworden sei. Einstweilen bemalt sie das eine oder andere Board.

Bis zum Studienende hin wollte sie Plastische Chirurgin werden, Kunst in der Medizin machen sozusagen, jedenfalls „etwas mit den Händen“. Doch dann kam der Turnus. „Ich habe auf vielen Chirurgien gearbeitet und dabei ist mir der Wunsch vergangen. Die Nachtdienste auf der Unfallchirurgie ... Ich habe schon nach fünf Monaten gemerkt, wie man abstumpft, wenn man im Nachtdienst allein ist und die Ambulanz übervoll. Dann werden aus den Menschen Nummern – und so wollte ich nie Ärztin sein.“

Im Anschluss an den Turnus waren ohnehin sechs Monate Bali angesagt – mit ganz, ganz viel Surfen. Dass sie danach eine Stelle als Kurärztin in Köflach antreten würde, war nicht unbedingt Teil ihres Lebensplans. „Ich habe zunächst primär einen Job gesucht, wo ich auch genügend Zeit für meine Hobbies haben würde“, erzählt Veith-Gruber. „Erst im Laufe der Zeit ist mir bewusst geworden, wie viel Veränderung in diesen drei Wochen Kur möglich ist und dass die Kurmedizin ja gänzlich unterschätzt wird.“ Und so wurde aus Veith-Gruber eine leidenschaftliche Kurärztin mit großer Innovationskraft.

Nur nicht halbherzig

Denn lauwarm und halbherzig funktioniert so gar nicht bei Lisa Veith-Gruber. Was sie macht, geht sie mit Passion an, egal ob es der Boardsport ist, bei dem sie anfangs auch Niederlagen überwinden musste, oder die Kurmedizin, wo es ihr nicht nur gelungen ist, vor vier Jahren zur ärztlichen Leiterin aufzusteigen, sondern auch ihr eigenes Lifestyle-Modifikationsprogramm zu implementieren. An der Kurmedizin schätzt sie die Gelegenheit, den gesamten Menschen zu behandeln, nicht nur das Knie, und das über volle drei Wochen. „Da lässt sich so viel gegen die klassischen Neuzeit-Erkrankungen tun. Auch präventiv. Die meisten Menschen wüssten ja ohnehin, was gesund ist, aber man muss ihnen ein Aha-Erlebnis bieten, dass sie dieses Wissen auch auf sich persönlich beziehen.“

Zwei Drittel der Kurgäste sind übergewichtig, doch damit konfrontiert sie Veith-Gruber nicht gleich bei der Erstuntersuchung. In Kooperation mit den Therapeutinnen und Therapeuten lässt sie die Menschen lieber an konkreten Bewegungen spüren, wo sie das überschüssige Gewicht einschränkt. Oder dass der Blutdruck nach dem Nordic Walking wirklich niedriger ist.

Was sie predigt, lebt sie selbst konsequent vor, und darum war es ihr auch so wichtig, für die Zeit ihrer Elternkarenz eine Nachfolgerin zu finden, die ebenso sportbegeistert ist wie sie selbst: Alena Aigelsreiter. Damit diese die Karenzvertretung übernehmen konnte, mussten allerdings erst vertragliche Änderungen vorgenommen werden, denn davor waren Neurochirurgen und -chirurginnen nicht als Kurärzte zugelassen. „Aber wieso soll jemand, der bei Kreuzschmerzen an der Wirbelsäule operieren kann, nicht auch Leute mit Kreuzweh behandeln dürfen?“, fragte Veith-Gruber. So hartnäckig, bis der Vertrag angepasst war.

Profi nebenberuflich

Grenzen zu überschreiten gehört für Lisa Veith-Gruber ganz einfach zum Leben. „Mich reizt alles, was nicht so einfach ist“, bekennt sie. Beharrlichkeit hat sie auch auf dem Skateboard gebraucht: „Da misslingt ein Trick 50 Mal, bevor er einmal gelingt, dann funktioniert er wieder 20 Mal nicht, bevor er wieder geht. Man muss einfach dranbleiben, weil auf dem Skateboard ist die Lernkurve extrem flach.“ Veith-Gruber ist heute nicht nur Präsidentin des Grazer Skateboardvereins, sondern auch bei den Austrian Bowl Masters meist unter den ersten Dreien. „Bowl“, also das Skaten in runden Vertiefungen (ursprünglich trockengelegten Swimmingpools), mag sie lieber als „Street“, weil dabei die Gelenke nicht so strapaziert werden.

Auf dem Surfbrett – beim Wellenreiten – war sie dreimal österreichische Meisterin und einmal Vize; auf dem Snowboard bei den Wettbewerben als zumeist Älteste oft unter den ersten Dreien. „Die Sponsoren sind dann einfach so auf mich zugekommen“, erinnert sie sich an den Beginn ihres Quasi-Profidaseins. „Und ich hatte es dabei immer leicht, weil ich nie vom Sport leben musste.“

Die Frage, welches Board ihr nun das liebste sei, beantwortet sie mit einem Lachen. „Immer das, auf dem ich gerade stehe. Zum Surfen muss man ja weit reisen, da weiß man die Möglichkeit, den Sport auszuüben dann mehr zu schätzen. Aber ich mag alle drei gleich gern.“ Das schätze sie besonders am Leben in Österreich, dass es hier Jahreszeiten gibt und man zwischen den Sportarten switchen könne.

Ausbildnerin für Surfärzte

Die optimale Synthese zwischen ihrem Arztsein und zumindest einer Art von Boardsport ist Lisa Veith-Gruber als Surfärztin und Mitinitiatorin und -organisatorin der internationalen Surfärzte-Ausbildung gelungen. Alljährlich – abgesehen von ihrer heurigen Babypause – fährt sie eine Woche nach Portugal, wo der Ausbildungslehrgang stattfindet. Wenn sie davon erzählt, springt der Funke der Begeisterung sofort über: von den praktischen Lernszenarien am Strand, der intensiven Zusammenarbeit mit den Lifeguards, den im Team erarbeiteten Standards und Guidelines für typische Surfverletzungen wie Riff Cuts oder Haibisse … Zudem haben die Surfärzte viele Anregungen aus der Wilderness medicine übernommen – wie man in der Einöde mit primitivsten Hilfsmitteln ärztliche Hilfe leistet. Lisa Veith-Gruber selbst ist beim Surfarzt-Kurs immer live dabei, unter anderem als Schauspielerin, um verunfallte Surfer zu mimen – nur eine der vielen Rollen in ihrem actionreichen Leben.

AERZTE Steiermark 10/2019
 

Fotos: Christian Riefenberg, Klaus Listl, Jakob Polacsek




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