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Im Takt von Puls und Metrum

Lange bevor er Kardiologe wurde, hat Dieter Pätzold schon Saxophon studiert. Beim Grazer Saxophon-Quartett ist ihm pünktlich zum 30-Jahr-Jubiläum eine nachhaltige Reanimation geglückt.

U. Jungmeier-Scholz

„Pfarrer, Rechtsanwalt oder Arzt wirst du eh nicht, also musst du auch nicht ins Gymnasium gehen“, erklärte Dieter Pätzolds Großmutter seinerzeit. Es sollte anders kommen. Der Volksschuldirektor hatte den ausgezeichneten Schüler beauftragt, daheim zu fragen, in welche Schule er weitergehen würde. Den Auftrag hat er folgsam erfüllt, die oben zitierte großmütterliche Antwort erhalten und am nächsten Tag – wahrheitsgemäß und taktisch klug formuliert – verkündet: „Ich habe daheim gefragt und ich möchte ins Gymnasium gehen.“ Die Aufnahmeprüfung bestand er mit Leichtigkeit. Widerstände säumten ab diesem Moment seinen Ausbildungsweg. Als 1959 unehelich geborenem Kind, die Großeltern Reichsdeutsche, wehte ihm in seiner Heimat Lienz nicht nur Sympathie entgegen: Einer wie er hätte am Gymnasium nichts zu suchen, meinten manche Eltern der Mitschüler – ungeachtet seiner offenkundigen Intelligenz. Doch Widerstand scheint ihn erst recht zu beflügeln.

Etwas Handfestes

Nachdem Pätzold in seiner Geburtsstadt Lienz die Unterstufe abgeschlossen hatte, übersiedelte er zu seiner Mutter nach Salzburg und absolvierte die HTL für Elektrotechnik. Etwas Handfestes solle er lernen, empfahlen die Großeltern. Der Großvater, selbst Berufsmusiker und Musiklehrer, hatte zwar die musikalische Begabung seines Enkels gefördert – dieser lernte Klavier und Akkordeon –, aber gleichzeitig unmissverständlich klargemacht, dass aus der Musik kein Beruf werden dürfe. Noch ein Widerstand, den Pätzold letztlich überwunden hat. Denn nach der Matura mit Auszeichnung ging Pätzold zum Studium nach Graz, obwohl er sofort mehrere Jobangebote bekommen hatte. „40 bis 45 Wochenstunden in der Industrie zu arbeiten bei nur vier Wochen Urlaub – da hätte mir die Zeit für die Musik gefehlt“, begründet Pätzold seine damalige Entscheidung. Also inskribierte er Verfahrenstechnik, denn die Technik war ihm vertraut und er wollte etwas Strukturiertes angehen.

„Struktur“ ist generell ein Wort, das im Gespräch mit Dieter Pätzold häufig auftaucht – und wohl auch eines seiner Lebensziele. Wäre er nicht so strukturiert, könnte er wohl kaum aus dem Effeff aufzählen, wann er in den kommenden Jahren bei welchen Events musizieren wird …

Aber zurück zu seinem Werdegang: Neben dem Technikstudium spielte er am Konservatorium Klarinette – damals war es einfach üblich, nicht „nur“ Saxophon zu lernen. Am Grazer Konservatorium gab es überhaupt noch keinen Saxophonlehrer, also folglich Klarinettenunterricht. Bis Pätzold durch Zufall ein Jahr später den frisch nach Graz berufenen Saxophonisten Oto Vrhovnik kennenlernte, der ihm Lehrer und Mentor wurde. Endlich einer, der klassisch Saxophon spielte und nicht nur Jazz … Pätzold lernte bei Vrhovnik, legte sogar die Lehrbefähigungsprüfung für Saxophon ab und wurde Gründungsmitglied des Grazer Saxophonquartetts, dem er noch heute angehört.

Vom Schulterpräparat zum Standesamt

Die Troika seiner Ausbildungen komplettierte die Medizin. „Ich hatte an der HTL wenig in den Naturwissenschaften gelernt – das wollte ich ändern.“ So inskribierte er nach der eilig nachgeholten Biologie-Matura in der Nachfrist auch noch Medizin. Am Programm stand der erste Sezierkurs und zur Section eines Schulterpräparates wurden in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen: Dieter Pätzold und Ursula Petermichl. „Es hat geklungen wie am Standesamt“, erzählt er rückblickend. Und so sollte es auch kommen: Die einstigen Studienkollegen wurden ein Paar und heirateten. Ursula Petermichl wollte unbedingt Ärztin werden – heute betreibt sie eine allgemeinmedizinische Ordination in Kainbach – Pätzold selbst hielt sich „nur zu zehn Prozent für geeignet“. „Aber meine Frau hat mich immer mitgezogen und motiviert. Als ich dann im Medizinstudium Licht am Ende des Tunnels gesehen habe, gab ich das Technikstudium auf.“ 1987 wurde Dieter Pätzold zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert. Von Kardiologie war da noch keine Rede: Er ging nach Wien an das dortige Institut für Immunologie , wo er sein technisches Wissen in der neuen HIV-Diagnostik einbringen konnte. Aber er wäre wohl nicht Dieter Pätzold, wenn er nicht daneben auch noch Werkverträge mit der Medizintechnik der AVL List laufen gehabt hätte. „Ich war zufrieden, ich hatte meine Arbeit und daneben das Saxophonquartett.“ Doch dann folgte ein Schlüsselerlebnis: „Ein älterer Kollege aus der AIDS-Forschung warnte mich, dass mich – wie es ihm geschehen sei – die Entwicklung der Methoden einmal überholen würde und ich dann nicht mehr benötigt werden würde. Mit einem jus practicandi hätte ich doch viel mehr Möglichkeiten, meinte er.“

Zurück in Lienz

Also bewarb er sich um eine Turnusstelle. Die damaligen Wartezeiten betrugen oft Jahre und Pätzold hatte sich nirgendwo vormerken lassen. Doch als Osttiroler bekam er kurz darauf die Chance, in Lienz den Turnus zu beginnen. Das erste seiner vier Kinder – Sohn Sascha, mittlerweile ebenfalls Kardiologe am Grazer Klinikum – war da bereits auf der Welt. Auf Dauer bot Lienz dem wissensdurstigen Pätzold jedoch zu wenig Entwicklungsmöglichkeiten und er wechselte nach Graz an die II. Med, wo er sich zum Facharzt für Innere Medizin ausbilden ließ. Erst im Jahr 2002 wechselte er auf die Kardiologie des Grazer Universitätsklinikums und arbeitete sich nochmals in ein völlig neues Themengebiet ein. Daneben betreibt er eine internistische Wahlarztpraxis in der Ordination seiner Frau.

Kontinuität bot ihm in all dieser Zeit – neben der wachsenden Familie – die Musik: das Grazer Saxophonquartett, das Saxophon-Orgel-Duo mit dem ehemaligen Domorganisten Emanuel Amtmann , die Bühnenmusik im Grazer Schauspielhaus, das Trio Medici, das Austrian Art Orchestra und das Grazer Tangoensemble. Zusammen mit seinen Kindern Valentina, Raphael und Nikodemus, die auf der Violine, am Kontrabass und am Klavier oder der Orgel brillieren, tritt der Vater seit dem Jahr 2009 als „ Camerata Pätzold “ auf. Mit den genannten Ensembles tourt(e) Pätzold durch Österreich, Europa und durch viele Länder zwischen Chile und den Philippinen, wirkte bei Radiosendungen mit und spielte zahlreiche CDs ein.

Vom Kulturministerium gab es Förderungen – weil schwerpunktmäßig zeitgenössische österreichische Werke, unter anderem von Franz Cibulka, Viktor Fortin, Johann Sengstschmid , Karl Haidmayer , Franz Zebinger und Georg Arányi-Aschner, aufgeführt wurden.

Altsaxophonist in zweierlei Hinsicht

So wird das Grazer Saxophonquartett auch heuer anlässlich des 90. Geburtstages von Haidmayer zu hören sein, allerdings in verjüngter Form. Denn dass Pätzold der Altsaxophonist des Quartetts ist, bezieht sich seit der Neuaufstellung im Vorjahr nicht nur auf die Tonlage seines Instruments, sondern auch auf einen Generationenwechsel: Kurz vor dem 30-Jahr-Jubiläum des Quartetts zeichnete sich aufgrund unterschiedlicher Interessen der Mitspieler dessen Zerfall ab. Als es für einen Auftrag vor zwei Jahren dann nicht mehr spielbereit war, kontaktierte Pätzold den Grazer Saxophonprofessor Gerald Preinfalk, ebenfalls Absolvent von Oto Vrhovnik. Dieser schickte drei Studierende – allesamt jünger als der Name „Grazer Saxophonquartett“ –, die zusammen mit Dieter Pätzold dann die Bruder-Klaus-Friedensmesse für Saxophonquartett, Orgel und Chor aufführten. In der neuen Konstellation mit Stephanie Schoiswohl, Simon Sirec und Florian Bauer fand letztlich aber nicht nur das Jubiläumskonzert zum 30jährigen Bestehen des Grazer Saxophonquartetts statt; das Ensemble hat nun schon bis zum Jahr 2019 weitere Aufträge angenommen. Eine geglückte Reanimation sozusagen.

Fotos: beigestellt




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