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Was am Ende wirklich zählt

Der amerikanische Chirurg Atul Gawande rüttelt mit seinen Büchern die medizinische Welt auf. Jetzt hat er es wieder getan.

PETER MRAK

Mit dem Bestseller „The Checklist Manifesto“ und sieben Millionen verkauften Exemplaren untermauerte  Atul Gawande 2009 eindrucksvoll die Notwendigkeit der Verwendung von Checklisten in der Medizin und das auf sehr lesbare und  unterhaltsame Art. Atul Gawande bleibt ein unverbesserlicher Wiederholungstäter. Auch sein neuestes Buch legt wieder den Finger in eine Wunde, die aktueller nicht sein könnte.
In seinen zahlreichen  menschlich bewegenden und literarisch anspruchsvollen short stories, die regelmäßig im „New Yorker“ veröffentlicht werden,  berührt  er als kundiger Insider und erfolgreicher Chirurg die Grenzzonen der ärztlichen Profession und deren ethische  Dimensionen.
Jedenfalls ist er ein exzellenter Schriftsteller, zudem  ein brillanter Redner. Wovon man sich auch auf Youtube überzeugen kann.

Er unterbrach  sein Medizinstudium für ein Jahr, um Bill Clinton zum Präsidenten der Vereinigten Staaten zu verhelfen, nach Studien an Stanford, Oxford schloss er sein Studium 1995 erfolgreich an der Harvard Medical School ab. Aktuell ist er Professor of Surgery, Harvard Medical School, General and Endocrine Surgeon, Brigham and Women’s Hospital sowie Executive Direktor von Ariadne Labs,  wo er unter anderem  mit der WHO an Programmen arbeitet, um die globale Versorgungslandschaft in der Chirurgie, aber auch in der Geburtshilfe zu  verbessern.
Und dieser Atul Gawande hat es, wie gesagt, wieder getan: diesmal mit einem neuerlichen Bestseller über … ja diesmal die Geriatrie! Damals Checkliste, diesmal Geriatrie!  – tickt der noch richtig, oder ist er einfach seiner Zeit voraus? Es heißt schlicht „Being mortal: Illness, Medicine and what matters in the End“.

Aus der Tatsache heraus, dass wir alle sterblich sind („decline remains our fate“), stellt Gawande grundlegende Überlegungen zur medizinischen Betreuung alter Menschen an, zitiert Studien, die eindeutige  Ergebnisse liefern:  Es macht einen großen Unterschied, ob man als älterer,  multimorbider Mensch einem geriatrisch gebildeten team approach begegnet (Intervention) oder nur einer  sogenannten „usual care“. In ersterem Fall entgeht man 25 Prozent häufiger dem Schicksal, als Pflegefall zu enden. (Boult et al. JAGS 2001).

Atul Gawande  schwärmt in dem Buch von einer  wunderbaren Erfindung, dem „automatic  defrailer“, einem  intelligenten  electronic device, welches,  minimal invasiv unter das Schlüsselbein implantiert und elegant zum Herzen geleitet, vielerorts eingesetzt werden könnte … es verhindert hocheffektiv Stürze, Pflegebedürftigkeit, Frailty (Gebrechlichkeit), Depression … aber nur ist dieser hocheffektive „defrailer“ gar kein faszinierendes technisches Gerät, sondern  „nur“ das Geriatrische Basis Assessement“ … instead it was just geriatrics ...

2001 interessierte das auch in den USA niemanden. Studienautor Chad Boult musste nach seiner spektakulären Publikation zusehen, wie seine Division of Geriatrics an der Minnesota University  mangels Finanzierungsmöglichkeit geschlossen wurde.
Das  empfehlenswerte neue Buch Atul Gawandes endet mit der  berührenden Schilderung der Totenfeier von Gawandes Vaters, ebenfalls Arzt, nach hinduistischem Ritus. Dabei durfte er als ältester Sohn,  nachdem er zuvor drei Löffel Ganges-Wasser zu sich genommen hatte,  die Asche über die rechte Schulter in den Ganges streuen … ohne sich umzublicken.

Prim. Dr. Peter Mrak ist Ärztlichen Direktor und Leiter der Abteilung für Innere Medizin und Akutgeriatrie/Remobilisation des LKH Voitsberg.

Atul Gawande: Being Mortal: Illness, Medicine and What Matters in the End, Profile Books 2014. Deutsche Fassung: Sterblich sein: Was am Ende wirklich zählt. Über Würde, Autonomie und eine angemessene medizinische Versorgung, Fischer Verlag, 2015. Sowohl die englische als auch die deutsche Fassung sind als E-Book erhältlich.


Foto: Creative Commons/ John D. and Catherine T. MacArthur Foundation, S. Fischer




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