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„Ich fühle mich bestens integriert“

Nadja Bieder aus Deutschland studiert seit 2009 in Graz Medizin. Die 24-Jährige kann sich vorstellen zu bleiben, wünscht sich dafür aber Veränderungen in der Ausbildung.

Von Robert Ernst-Kaiser

„Noch so ein Numerus-Clausus-Flüchtling“, bekam die aus dem deutschen Hettstedt stammende Nadja Bieder, die sich im vorigen Sommersemester als eine von insgesamt 457 Studierenden aus Deutschland an der Med-Uni Graz eingeschrieben hatte, gleich am ersten Tag von ihrem Sitznachbarn an der Uni in Graz zu hören. „Das war aber das einzige Mal, dass ich Derartiges gehört habe. Ich fühle mich hier in Graz bestens integriert“, schmunzelt die 24-Jährige und sieht in der „Flucht“ vor dem Studium nach Graz nichts verwerfliches. Im Gegenteil: „Ich verstehe, wenn sich jemand ärgert und sagt, dass man nur zur Ausbildung hierher kommt und dann wieder geht. Das ist aber nicht nur ein Problem der Medizin. Fachkräfte zu halten, ist in ganz Europa in vielen Branchen ein Problem. Daher ist jeder gezwungen, die Attraktivität der Ausbildung und Arbeitsplätze zu sichern. Außerdem: Mein Freund und ich können uns gut vorstellen, dass wir in Österreich bleiben.“ Dafür muss sich für Bieder in der Ausbildung aber Einiges ändern. Sie selbst tendiert zur Fachärztin für Allgemeinmedizin, und genau darin sieht sie ein großes Problem. „Nachdem es im Moment dafür hier keine Ausbildung gibt, ist es für mich auch schwierig zu bleiben. Diese Ausbildung kann der Turnus einfach nicht ersetzen.“ Zum Vergleich: In Deutschland sind in der Ausbildung zum/zur Allgemeinmediziner/in 18 Monate in einer Lehrpraxis Pflicht.

Auch für den umgekehrten Weg, dass Studierende aus Österreich nach der Ausbildung ins Ausland tendieren, zeigt Bieder vollstes Verständnis. Der Mangel an Ärztinnen und Ärzten, vor allem in ihrem Heimat-Bundesland Sachsen-Anhalt, ist eklatant. Bieder: „Es musste ein komplettes Kreisklinikum zugesperrt werden. Nicht weil es keine Patienten gibt, sondern weil es am Personal mangelt. Weit mehr als die Hälfte der Assistenzärzte kommt mittlerweile aus dem fremdsprachigen Ausland. So muss im ersten Jahr erst die Sprache gelernt werden.“ Bieder absolvierte vor kurzem ein Praktikum in ihrer Heimat und hätte schon jetzt, mit Beginn des 5. Fachsemesters, eine Facharztausbildung für Innere Medizin in der Tasche. „Auch dort hatte ich eine Kollegin aus Österreich. Sie bekam hier einfach keine Stelle und sah sich gezwungen, nach Deutschland zu gehen. Dort arbeitet sie nun als Assistenzärztin.“

Den Entschluss, Medizin zu studieren, fasste Bieder bereits im Alter von elf Jahren. Der Mensch hat sie schon immer interessiert und sie will in Notfällen einfach „handeln und nicht schauen“. Das Studium in Österreich und nicht in Deutschland zu absolvieren, ergab sich bei ihr eher durch Zufall. Sie bekam in Deutschland nicht auf der Stelle einen Studienplatz und machte in der Zwischenzeit die Ausbildung zur Rettungssanitäterin sowie ein freiwilliges Jahr in einem Altenpflegeheim. Erst durch ein Gespräch mit ihrer Fachärztin, die aus Österreich stammt, wurde sie auf die Möglichkeit aufmerksam, südlich der Alpen das Studium zu absolvieren.

Seit September 2009 geht Bieder nun der Ausbildung in Graz nach. „Ich habe mir die Unis in Österreich angesehen und bin aufgrund des Bio-Psycho-Sozial-Modells und der ganzheitlichen Medizinausbildung in Graz gelandet. Im Kenntnistest, der ja in Graz verlangt wird, sah ich vor allem durch meine bisherigen Ausbildungen eine große Chance, hier einen Platz zu bekommen. Mir hat gefallen, dass mein Wissen entscheidet, ob ich einen Platz bekomme und nicht irgendeine Warteliste, wie in Deutschland.“ Neben ihrem Job in der Bib¬liothek der Med-Uni am Zentrum für medizinische Grundlagenforschung, arbeitet Bieder auch an der Vorbereitung ihrer Diplomarbeit über die „gesundheitliche Situation für MedizinstudentInnen“. Diese erarbeitet sie in Kooperation mit einer deutschen Klinik. Und dabei kann sie Gemeinsamkeiten beider Länder entdecken: „Wir sind stärker gefährdet als andere Gruppen. Das belegen die bisherigen Zahlen ganz klar. In unserem Beruf muss man Einiges aushalten können.“

 

Fotocredit: Schiffer

Symbolbild 1
 



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