AERZTE Steiermark 10/2026
„Ich will das Universitätsklinikum zukunftsfit machen“
Bernd Leinich verstärkt seit Ende Juni das Direktorium des LKH-Univ. Klinikum Graz als neuer Betriebsdirektor. Im Interview spricht er über große Motivation, klare Fokussierung und offene Türen am Dienstagnachmittag.
Sie waren am LKH-Univ. Klinikum bereits als Unternehmensberater tätig und sind jetzt quasi zurückgekehrt. Was war für Sie der Beweggrund, nun als Betriebsdirektor von der beratenden in die aktive Rolle zu wechseln?
Bernd Leinich: Ich glaube, es ist eine Chance, einen operativen Beitrag zu leisten, das Klinikum, das der Spitzenversorger Südösterreichs ist, zukunftsfit zu machen und all die Herausforderungen unserer Zeit in die Realität umzusetzen. Ich wurde eingeladen, mich einzubringen und es ist mir eine Freude und eine Ehre.
Einer Ihrer Schwerpunkte ist die Paatientensteuerung. Wo kann man aus Sicht des Klinikums ansetzen?
Wir wollen, dass die Versorgung im ZAM schneller wird und allgemeine medizinisch zu behandelnde Patienten in einer Portalordination bzw. in Zusammenwirkung mit dem extramuralen Bereich versorgt werden. Bei chronischen Versorgungsfällen versuchen wir genau zu prüfen, ob Patient:innen für die Nachsorge im extramuralen Bereich besser aufgehoben sind – siehe Onko-Mobil. Die dritte Dimension ist, dass wir bestimmte Patient:innen vielleicht nicht in einem Spitzenklinikum, sondern mit unseren Versorgungspartnern GGZ, Barmherzige Brüder und Elisabethinen besser versorgen können. Wenn wir diese Priorisierung auf das Wesentliche durchsetzen können, haben wir auch mehr Kapazität für die kritischen Fälle, die dann weniger lange auf der Warteliste stehen. Diese Dynamik will ich gemeinsam mit dem ärztlichen Direktor Dr. Köhle in die Umsetzung bringen.
Wie können wir dem entgegenwirken, dass die Menschen zu früh in die Notaufnahme statt in den niedergelassenen Bereich gehen?
Ein Thema ist die junge Generation – die 20- bis 29-Jährigen haben keinen Hausarzt mehr und halten sich nicht an das Versorgungsschema. Wir können gesetzlich keine Patient:innen abweisen, daher werden sie in der ZAM behandelt. Es steht mir nicht zu, die Politik oder den Gesetzgeber zu kritisieren, es ist meine Verantwortung zu versorgen. Zusätzlich schließen wir mit der extramuralen Versorgung Kooperationen. Zum Beispiel gibt es in der Ambulanz der Augenklinik den klaren Hinweis, dass bestimmte Leistungen hier nicht erbracht werden. Wir können Patient:innen vielleicht ein wenig erziehen oder auf die Versorgungspfade hinweisen, aber wir können sie nicht abweisen.
Sie waren lange im Ausland, inwieweit fließen diese Erfahrungen in Ihre aktuelle Tätigkeit ein?
In Deutschland und Australien, wo ich im Gesundheitswesen gearbeitet habe, ist man stringenter. Allerdings kommt dort manchmal die Patientenversorgung zu kurz. Österreich zeichnet sich durch ein sehr hochwertiges Solidarsystem aus. Wir weisen Menschen im Akutfall nicht ab, auch wenn sie nicht an der richtigen Stelle sind. Da ist mir das Ausland kein besonderes Vorbild. Ich will kein Gatekeeping-System wie in Holland. Wir wollen und werden Menschen, die hier nicht am richtigen ,Point of Care‘ sind, trotzdem versorgen und dann versuchen, die Folgeversorgung im richtigen Versorgungspfad fortzuführen.
In der „Kleinen Zeitung“ haben Sie gesagt, dem Patienten versprechen Sie kürzere Wartezeiten, bessere Organisationen und Steuerung. Hier haben Sie die Latte natürlich hoch gelegt ...
Ich stehe jeden Tag früher auf und gehe später heim und kämpfe mit Leidenschaft dafür, diese Versprechen einzuhalten.
Wann gibt es also frühere Katarakt-Operationstermine?
Ich bin für meine geringe Geduld bekannt. Wir möchten bereits 2027 die Wartezeiten in der ZAM und bei Augenkatarakt-OPs deutlich reduziert haben. Daran arbeiten wir seit dem ersten Tag intensiv – das Direktorium mit einem sehr kompetenten Management-Team. Das ist mir ein ehrliches Anliegen und auch eine der Hauptmotivationen für meine Tätigkeit hier.
Was sind weitere Herausforderungen in den nächsten Jahren?
Dass wir die besten Köpfe und sehr motivierte Mitarbeiter:innen haben, die mit uns diesen Weg in die Zukunft gehen wollen. Daher ist mir sehr, sehr wichtig, dass wir eine Mischung aus Wertschätzung und Teamgeist entfalten können. Da bin ich in sehr intensivem Austausch mit den Vertreter:innen der Ärztekammer, wie wir das bewerkstelligen und ein attraktiver Arbeitgeber sind.
Sie haben gesagt, viele junge Ärzt:innen würden leider nur mehr in Teilzeit arbeiten.
Ich möchte als Arbeitgeber einen Beitrag leisten, dass es attraktiv ist, in Vollzeit zu arbeiten. Vollzeit soll Teil eines Karrieremodells und eines sinnerfüllten Berufslebens sein, aber auch mit dem ehrlichen Zusatz, dass wir Teilzeitverhältnisse natürlich zeitlich befristet weiterhin anbieten werden. Schlussend-lich ist es der Mitarbeiter, der das entscheidet. Aber wir setzen auf Anreizmotivation.
Stichwort Mitarbeiter:innen. Sie haben gesagt, Sie reservieren den Dienstagnachmittag für Gespräche mit den Mitarbeiter:innen. Hat das schon begonnen?
Ja, aber ich gestehe, das beginnt zögerlich. Diese Kultur, wie ich sie in den USA und in Australien gelernt habe, gab es früher nicht und es braucht eine gewisse Zeit, die Scheu abzulegen, das Direktorium direkt anzusprechen. Aber ich will ein zugänglicher Betriebsdirektor sein und abseits der Hierarchien eine Diskussionszone ermöglichen, in der sich Mitarbeiter:innen direkt äußern und Vorschläge bringen können. Sie sind im operativen Tagesgeschäft tätig und wissen ja oft viel besser, was die Klinik braucht. Jeder Dienstag ab 15 Uhr ist eine Einladung.
Sie haben die kritischen Punkte, die das Klinikum betrifft, aus Sicht des Zahlers erlebt. Stichwort Wirtschaftlichkeit. Wie setzen Sie hier an?
Wir haben ein sehr gut finanziertes, solidarbasiertes System, das mit einigen Herausforderungen nicht mehr klarkommen kann. Mir geht es darum, die bestehenden Mitarbeiter:innen und Kapazitäten produktiver vor allem für die wesentlichen Patientengruppen zu nutzen. Und es geht hier nicht um Kosten-Nutzen-Diskussionen, sondern um das Patientenwohl, das wir effektiver fördern wollen. Und als Betrieb mit einer hochwertigen Infrastruktur schulden wir der Öffentlichkeit auch, dass wir diese sehr, sehr wirtschaftlich nutzen.
Foto: Schiffer