AERZTE Steiermark 10/2026
Ein Arzt auf der Erfolgswelle zu WM-Gold
Doppelweltmeister mit 78 Jahren: Herwig Edlinger, Primarius in Ruhe und Leistungsschwimmer, holte WM-Gold im Freistil. Ein Porträt über Disziplin, Ausdauer, Archäologie und die unbändige Freude an der steten Bewegung.
Wer rastet, der rostet? Für Herwig Edlinger ist das keine Option. Mit 78 Jahren beweist der Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Kopf- und Halschirurgie eindrucksvoll, dass man in jedem Alter ganz vorne mitschwimmen kann. Bei den Weltmeisterschaften der Gesundheitsberufe in Pula (Kroatien) ließ er die Konkurrenz aus 42 Nationen hinter sich und kürte sich in seiner Alterskategorie über 50 und 100 Meter Freistil zum zweifachen Goldmedaillengewinner und Doppelweltmeister. Ein gutes Gefühl: „Es ist ja auch eine erstmalige Erfahrung, seit ich vor 14 Jahren mit dem Leistungsschwimmsport begonnen habe. Ich bin zwar mehrfacher österreichischer und steirischer Meister in meiner Altersklasse, aber die Weltmeistertitel sind natürlich eine Klasse für sich.“
Leistungsschwimmer
Dabei fand der Mediziner erst über Umwege zu seiner heutigen Paradedisziplin: „Als Jugendlicher habe ich Fußball gespielt und war auch in weiterer Folge als Fußballtrainer bei mehreren Clubs tätig. Später bin ich dann allerdings meinen Knien zuliebe aufs Schwimmen umgestiegen.“ Beim Schwimmen fasziniert ihn der ästhetische Aspekt des Freistils, der gleichzeitig zu seiner Lieblingsdisziplin geworden ist.
Hinter den internationalen Erfolgen steckt ein penibel durchstrukturierter Trainingsalltag. Sechsmal die Woche zieht er vor Wettkämpfen unter den wachsamen Augen seines ungarischen Trainers seine Bahnen im Wasser. Ein anspruchsvolles Pensum, das auch nach dem Doppeltriumph in Kroatien keineswegs heruntergeschraubt wird: „Ich trainiere weiter, als ob schon nächste Woche der nächste große Wettkampf anstünde. So könnte ich jederzeit auch spontan an den Start gehen.“ Sport bedeutet für ihn weit mehr als bloße Resultate: „Sport bewegt ungemein viel in mir. Das sind nicht nur die sportlichen Erfolge, es ist einfach ein unverzichtbares Lebensgefühl.“
Spitzenmedizin
Dieselbe Akribie und Zielstrebigkeit prägten stets auch Edlingers jahrzehntelange ärztliche Laufbahn. Über viele Jahrzehnte hinweg leitete er in Feldbach äußerst erfolgreich eine HNO-Praxis sowie eine renommierte Privatklinik. Diese deckte das gesamte Fachgebiet ab und erarbeitete sich im deutschsprachigen Raum eine viel beachtete Anerkennung, unter anderem auch in der Otoneurologie (mit dem Schwerpunkt Tinnitus). Dies wird durch den hohen Anteil an Patient:innen belegt, die von außerhalb der Steiermark anreisten – fast 70 Prozent. Für sein umfangreiches Lebenswerk und das 50. Jubiläum seines medizinischen Doktorats wurde Edlinger 2024 mit dem Goldenen Doktordiplom geehrt.
Auch nach dem Rückzug aus dem klinischen Alltag im Juli 2015 denkt der Mediziner nicht an Stillstand. Die Faszination für das Fach bleibt ungebrochen, nicht zuletzt durch Sohn Stefan, der ebenfalls als HNO-Arzt in Wien praktiziert: Neben Kongressteilnahmen und medizinjournalistischer Tätigkeit, publizierte Edlinger 2022 bereits sein zwölftes medizinisches Fachbuch.
Motoren
Parallel dazu begleitete ihn über Jahrzehnte hinweg eine weitere Passion: der automobile Motorsport. Schon während der Studienzeit feierte er nationale wie internationale Rennerfolge. 2017 verabschiedete er sich im Rahmen der Ferrari-Trophy nach langen Jahren mit seinem eigenen Rennteam – das in der Jahreswertung stets unter den Top 3 rangierte – mit einem fulminanten Sieg vor 15.000 Zuschauern: „Ein überaus emotionaler Moment. Dennoch war ich froh, diese intensive Laufbahn physisch und materiell völlig unbeschadet überstanden zu haben.“
Römische Spurensuche
Die freigewordene Zeit nutzt Edlinger für ein weiteres wissenschaftliches Steckenpferd: Sechs Semester lang studierte er an der Universität Graz Klassische Archäologie – für ihn das perfekte geisteswissenschaftliche Gegengewicht zur Medizin. Sein derzeitiger Fokus liegt dabei auf der provinzialrömischen Archäologie der Provinzen Pannonikum, Noricum und Rätien sowie auf den Phänomenen der Bernsteinstraße im Osten und des obergermanisch-rätischen Limes im Nordwesten, was ihn im Rahmen zahlreicher Exkursionen und Veranstaltungen quer durch historische Stätten führte.
Mit dem Königsberg Research Verein engagiert er sich zudem intensiv bei einem Forschungsprojekt am Königsberg bei Tieschen, der höchsten Erhebung im Klöcher Bergmassiv. Seit sechs Jahren finden dort jeden Sommer Ausgrabungen statt, um der Siedlungsgeschichte vom Neolithikum bis zur römischen Epoche, die bis ins 4. Jhd. nach Chr. andauerte, nachzuspüren. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen schließlich unter Federführung von Wolfgang Neubauer, dem wissenschaftlichen Leiter des Projekts und Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie Wien, in einem neu errichteten Museum vor Ort präsentiert werden.
Disziplin als Erfolgsrezept
Wie sich Schwimmsport, Motorsport, Fachbuchpublikationen, Kongresse und archäologische Grabungen ohne Reibungsverluste vereinen lassen? „Ich war immer schon ein Meister der Einteilung. Mir ist es wichtig, stets vorausschauend an Dinge heranzugehen. Bei mir passiert nichts unter Hektik oder Druck, ich brauche eine klare Vorlaufzeit, um alles bestmöglich zu erledigen“, verrät Edlinger und betont, sein ausgeprägter Ehrgeiz richte sich dabei ausschließlich auf die eigene Weiterentwicklung und niemals gegen andere. Dabei lässt er sich auch immer einige Freiräume für spontane Ereignisse.
Und so zieht der Doppelweltmeister sein persönliches Resümee mit Stolz und Dankbarkeit: „Mein ganzes Leben ist immer nach Programm verlaufen.“
Foto: privat