AERZTE Steiermark 06/2026
„Als Patient denke ich mir: Wer will mich noch?“
Ein Drittel der Patient:innen, die in die Notfallambulanz kommen, wären woanders besser aufgehoben. Viele jüngere Menschen haben keinen Hausarzt. Und wer einen hat, wartet auf Facharzttermine oft so lange, dass der Leidensdruck ihn doch in die Ambulanz treibt. Die Fakten sind bekannt – diskutiert wurde darüber aktuell beim Symposium der Ärztekammer.
„Man könnte meinen, die Patient:innen sind schuld daran, dass die Kosten im System davongaloppieren, wenn man sich die Presse anschaut“, sagte Michaela Wlattnig in ihrer Keynote beim Symposium „Wege aus Sicht der Patient:innen“ in der Ärztekammer für Steiermark. Vor dem Hintergrund der zahlreichen Vorschläge und Ideen, die rund um unser Gesundheitssystem diskutiert werden, stellte sie weitere Überlegungen in den Raum: „Als Patient denke ich mir: Wer will mich überhaupt noch? Ist der Patient zum Störfaktor geworden?“
Es herrscht Unzufriedenheit, und fehlende Orientierung ist dabei ein wesentlicher Faktor, weiß Wlattnig aus ihrer Arbeit. Bei den Beschwerden, die in der PatientInnen- und Pflegeombudsschaft laufend bearbeitet werden, sehe sie, dass es meist darum gehe, dass die Patient:innen mit ihren medizinischen Anliegen extrem lange gebraucht haben, an die richtige Stelle zu gelangen – nicht immer waren sie allerdings selbst daran schuld.
Empowerment statt Entmündigung
Beim Symposium stellte Michaela Wlattnig klar: „Das Ziel ist: Wir brauchen eine klare Datenlage und klare Versorgungspfade für notwendige medizinische Leistungen im Kassensystem und daneben das ,Nice to Have‘, das ,Wunschkonzert‘ als private Leistung. Es geht darum, die Patient:innen nicht zu entmündigen, sondern zu empowern.“ Und sie appellierte, das System nicht an einige anzupassen, die „falsch“ sind, sondern nach objektiven Maßstäben der medizinischen und pflegerischen Notwendigkeit.
Patientenorientierung
Statt von Patientenlenkung – „Wer lenkt wen wohin?“ – spricht Wlattnig von einer Patientenorientierung, die konsequent und transparent erfolgen müsse. Die Allgemeinmediziner:innen sieht sie dabei als Case-manager:innen. „Dafür brauchen sie natürlich ein Drittel mehr Zeit, wenn sie managen sollen, statt auf Anfrage Überweisungen auszustellen.“
Die oft langjährige Arzt-Patient-Beziehung ist ein Grund, warum es in der Allgemeinmedizin, bei den Hausärzt:innen wenige Beschwerden gebe: „Unsicherheiten entstehen bei medizinischen Laien bei der Einordnung von Symptomen und auch bei langen Wartezeiten auf Operationen. Da braucht es eine medizinische Auskunftsperson, die ihnen die Sorgen nimmt. Auch wenn Menschen unterschiedliche Auskünfte bekommen, ist das problematisch.“ Gebraucht würden außerdem gemeindenahe Vor- und Versorgungsstrukturen, betonte die Patientenanwältin.
Niedergelassenen Bereich stärken
Erich Schaflinger, Vorsitzender des Landessanitätsrats, wies bei der Veranstaltung vor allem auf einen Punkt hin: „Es hapert vor allem in der Primärversorgung, im niedergelassenen Bereich, zum Beispiel bei den Öffnungszeiten. Auch bei den Augenärzt:innen gib es sehr lange Wartezeiten und die Gynäkolog:innen sind überhaupt eine aussterbende Rasse … Es ist daher wichtig den niedergelassenen Bereich zu stärken.“ So passiere es immer öfter, dass die Ambulanzen überlaufen würden – mit Themen, die im niedergelassenen Bereich abgeklärt werden sollten.
„Haben keinen Hausarzt“
Eva Fichtinger, Oberärztin am ZAM des LKH Klinikum Graz, kennt das Phänomen aus ihrem Alltag: „Ein Drittel der Patient:innen, die zu uns in die Notfallambulanz kommen, wären woanders besser aufgehoben, weil sie eigentlich nur reden wollen oder eher Hilfe bei der Pflege brauchen.“ Aber sie ortet auch ein anderes Problem: „Viele jüngere Menschen haben überhaupt keinen Hausarzt.“ Auch lange Wartezeiten beispielsweise auf orthopädische Untersuchungen oder Endoskopien sorgen für eine Druck auf die Ambulanzen: „Viele wollen früher drankommen, weil ihr Leidensdruck hoch ist.“
Akut-Slots und Oma-Wissen
Die hausärztliche Perspektive brachte Beatrice Gruber, Kassenfachärztin für Allgemein- und Familienmedizin in Kirchberg an der Raab, ein: „Bei denen, die zu uns Allgemeinmediziner:innen kommen, haben wir kein Problem mit der Lenkung, sondern bei denen, die nicht zu uns kommen.“ Was sie sich konkret wünscht: Akut-Slots bei Fachärzt:innen für Überweisungen aus der Hausarztpraxis und mehr Gesundheitswissen in der Bevölkerung. Und sie wies auf einen Punkt hin, den auch Erich Schaflinger schon betont hatte: das fehlende Patientenwissen sei ein Thema. „Die Oma hat bei Fieber noch Essigpatscherl gemacht.“ Dieses „Oma-Wissen“ müsse weitergegeben werden, Erwachsene müssten in Gesundheitsfragen Vorbild sein. Wlattnig stimmte zu: „Wir haben es jetzt mit einer anderen Eltern-Generation zu tun. Als sechsfache Mutter liegt bei mir heute noch alles für Topfenwickel bei Sportverletzungen bereit. Aber bei der Elternkompetenz muss man auf jeden Fall auch ansetzen.“
Hausarztzentriert funktioniert
Als 1. Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (ÖGAM) lieferte Stephanie Poggenburg den wissenschaftlichen Befund: „Wenn es richtig gemacht wird, funktioniert die hausarztzentrierte Versorgung perfekt. Die Patient:innen leben länger und sind gesünder, das sieht man an der Untersuchung in Baden-Württemberg. Und die Fachärzt:innen bekommen nicht weniger, aber besser sortierte Patient:innen. Es sollte der Output unseres Jobs sein – der Output und nicht das Ziel –, dass weniger Menschen ins Spital gehen. Schließlich ist es ja auch nicht der Wunsch der Patient:innen, in die Klinik zu gehen. Sie wollen nur eine Versorgung.“
Wo ansetzen – und wann?
Am Ende des Symposiums stand eine konkrete Frage: An welcher Schraube würden die Diskutant:innen zuerst drehen, um in drei Jahren einen Effekt zu sehen? Eva Fichtinger nannte die hausärztliche Versorgung an Randzeiten, Erich Schaflinger ebenfalls die Stärkung des niedergelassenen Bereichs und betonte den großen Kostenunterschied zwischen der Versorgung im niedergelassenen Bereich und im Spital. Beatrice Gruber sieht einen wichtigen Punkt in der Verringerung der Verwaltungs- und Organisationsarbeit für Allgemeinmediziner:innen – „die Patient:innen könnten beispielsweise schon mit einem Termin aus dem Krankenhaus zurückkommen“. Und Michaela Wlattnig betonte, man müsse das System als Gesamtes flexibler denken und mehrere Bereiche wie Sozialarbeit in PVEs berücksichtigen, weil Ärzt:innen auch viele soziale Probleme sehen würden, die keine medizinischen Probleme seien.
Foto: Schiffer