AERZTE Steiermark 05/2026

 

Ultramarathon: Was „Kilometer 80“ den Arzt lehrt

Tagsüber Orthopäde und Traumatologe, Sportarzt, Notarzt und Coach, in der Freizeit Extremsportler. Für Wolfgang Winterheller beginnt die Herausforderung dort, wo sie für andere längst endet.

Laufen ist für Wolfgang Winterheller weit mehr als Ausgleich. Es ist Trainingsfeld für Resilienz, Selbstbeobachtung und Authentizität im Umgang mit Patient:innen – und damit erstaunlich nah an dem, was auch den ärztlichen Alltag prägt.

50, 80, 100 Kilometer

Die Herausforderung beim Laufen beginnt für Winterheller dort, wo sie für die meisten längst endet. Bei Ultramarathons, die üblicherweise ab einer Distanz von 50 Kilometern beginnen und bis zu mehrtägigen Etappen gehen, oder sogenannten Swimruns, bei denen sich Trailrunning und Freiwasserschwimmen auf einer Strecke mehrfach abwechseln, beginnt der Sportmediziner warmzulaufen. Aber was treibt jemanden dazu, 50 oder gar 100 Kilometer zu laufen?

Grenzen verschieben

Für Winterheller ist es nicht Selbstquälerei, sondern eine Schule der mentalen Resilienz. „Es ist der Reiz, die Grenzen im Kopf zu verschieben, dies als persönliche Norm in sich abzuspeichern.“ Extrembelastungen relativieren für ihn vieles, was im Alltag zunächst groß erscheint, ob berufliche oder persönliche Herausforderung. Für den Orthopäden ist die mentale Resilienz deshalb kein Nebenschauplatz, sondern trainierbar und mindestens genauso wichtig wie das körperliche Training. Davon profitiert er natürlich auch im Arztberuf: Wer in der Medizin Verantwortung trägt, braucht Ausdauer, Frustrationstoleranz und die Fähigkeit, unter Druck ruhig zu bleiben.

Schmerz als Signal

Als Facharzt für Orthopädie und Traumatologie begegnet er täglich Menschen, die Sport, Belastung und Schmerz falsch einordnen. Ein häufiger Fehler: Beschwerden zu lange zu ignorieren. „Der menschliche Körper ist perfekt, die Tatsache, dass bei nur geringer Abweichung davon, der Körper unmissverständlich Signale gibt, sollte als Hinweis erkannt werden, um anzupassen, gegenzusteuern oder zu ruhen“, betont Winterheller. Die Grenze zwischen Ehrgeiz und Selbstüberforderung sieht er dort, wo Warnsignale systematisch übergangen werden. „Der Körper spricht immer mit einem, zunächst leise aber dann immer lauter.“ Wer diese Hinweise ignoriert, betreibt nicht Training, sondern Raubbau. Das gelte umso mehr im Ausdauersport. „Der Körper braucht Monate und Jahre, sich vernünftig auf derartige Distanzen vorzubereiten.“ Aber er kann es, wie auch sein Trainingspartner und Schwager Michael Winterheller gezeigt hat, der zuletzt die 100 Kilometer gemeistert hat.

Eigene Erfahrung

Erfahrung und Wissen, die ihm als Teamarzt des größten Laufvereins der Steiermark – runninGraz – sehr zugute kommen. Eigene Erfahrungen helfen bei der Behandlung ambitionierter Läufer:innen Beschwerden nicht nur biomechanisch, sondern auch emotional zu verstehen. Wer selbst Überlastung, Zweifel und Rückschläge erlebt hat, spricht mit Patient:innen anders über Trainingspausen, Belastungssteuerung und Regeneration. „Dadurch wird man authentisch“, sagt er, „und kann während des Heilungsprozesses durch die medizinische Betreuung noch mehr beitragen.“

Umfeld und Notbremse

So sehr der Extremsport reizt – Grenzen kennt auch Winterheller und ist sich bewusst: Hochleistung braucht Korrektiv. Niemand sollte nur auf das eigene Durchhaltevermögen vertrauen. „Man braucht Vertrauenspersonen, die einem sagen, wann genug ist.“ In seinem Fall sind das Familie und Freunde. So ist er in der Vorbereitung auf einen alpinen Extremtriathlon „während des Mittagessens über einem Teller Spaghetti eingeschlafen“. Die Familie zog die Notbremse. Im Gegenzug steht sie auch auf der Prioritätenliste klar an erster Stelle, soviel ist für Winterheller klar: „Das Hobby sollte gut geplant und – mit der Familie – abgesprochen sein, es sollte öfters zu den Tagesrandzeiten trainiert werden, damit man seinen familiären Aufgaben priorisiert nachgehen kann.“

Was bei Kilometer 80 zählt

Was lernt ein Arzt auf Kilometer 80, das in keinem Lehrbuch steht? Winterheller ist überzeugt, dass Leistungsfähigkeit niemals nur eine Frage des Körpers ist: „Es ist die Erkenntnis, dass man alles schafft, was sich der Mind vorstellen kann. Die mentale Unterstützung von Familie oder Freunden gibt übermäßig Kraft bis zum Ziel weiterzumachen.“

Große Ziele vor Augen

Und so gibt es natürlich auch bereits neue Ziele für die nächsten Wettbewerbe. „Ich liebäugle mit einem Ötillö Swimrun-Bewerb in Engadin, in der Schweiz. Abwechselnd läuft bzw. schwimmt man am höchstgelegenen Bergsee Europas mit Neoprenanzug, Schuhen etc.“ Dabei gilt es insgesamt 5,8 Kilometer zu schwimmen und 36,8 Kilometer mit einer Steigung von 1,3 Höhenkilometern zu laufen. Die Sprintdistanz bei diesem Bewerb habe ihm im letzten Jahr schon großen Spaß und Lust auf mehr gemacht.

 

Foto: Leopold Winterheller, Ötillö Swimrun