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Bezirksärzteversammlung Südoststeiermark
10.10.2022, 19:30 Uhr

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AERZTE Steiermark 04/2022

 

Vom Totenkopf zur Lebensfreude

Frederike Reischies-Meikl ist nicht nur kunstbegeisterte Ärztin, sondern auch staatlich geprüfte Tätowiererin. Das Handwerk hat sie von der Pike auf gelernt und dabei anfangs auch Totenköpfe gestaltet. Ihre eigentliche Mission sieht sie jedoch in der Verbesserung von Lebensqualität von Patient*innen: durch Brustwarzenrekonstruktionen und Narbenkorrekturen.

Ursula Scholz

Muskelbepackte, langbärtige Männer mit martialischer Körperbemalung auf ihrem ausgeprägten Bizeps – so stellt man sich Tätowierer vielleicht vor. Frederike Reischies-Meikl ist anders: eine zarte Frau mit (derzeit noch) gänzlich untätowierter Haut. Auch sie hat das ungewöhnliche Handwerk erlernt, zunächst in einem klassischen Grazer Tattoo-Studio, von der Pike auf. „Ich habe am Anfang meiner Ausbildung Blumen, Elefanten und Totenköpfe tätowiert, wie alle anderen auch“, erzählt die 35-Jährige. Ungewöhnlich an ihrer Laufbahn ist, dass sie sich erst nach Abschluss ihres Medizinstudiums und parallel zu ihrer Arbeit am Grazer Universitätsklinikum für Tattoos zu interessieren begonnen hat. „An der Abteilung für Plastische Chirurgie habe ich Patientinnen nach Brustrekonstruktionen getroffen, die entweder überhaupt nicht oder sehr schlecht tätowiert worden waren. Da ich Fotos von beeindruckenden Tattoo-Ergebnissen kannte, wusste ich: Das geht auch besser.“


Zweierlei Familientradition

Reischies-Meikl begann Brustwarzen in 3D zu zeichnen, um Möglichkeiten und Effekte zu studieren. Schließlich lautet die Devise: Was du zeichnen kannst, kannst du auch tätowieren. Mit ihrer künstlerischen Ader knüpft  Reischies-Meikl ebenso an die Familientradition an wie mit der Heilkunst: „Schon meine Großmutter hat viel gezeichnet, meine Tante ist Künstlerin – und vor dem Abitur hätte ich mir auch ein Kunststudium gut vorstellen können.“

Letztlich hat sich die Tochter zweier Ärzte jedoch für das Medizinstudium entschieden, womit sie heute sehr zufrieden ist. In ihrer Heimat – sie ist Berlinerin – hätte sie allerdings fünf Jahre auf einen Studienplatz warten müssen. So inskribierte sie zunächst in Brüssel Medizin, bevor sie ein Jahr danach zur Aufnahmeprüfung in Graz antrat, wo sie das Studium in ihrer Muttersprache absolvieren konnte. Nach Studienende dissertierte Reischies-Meikl auf der Abteilung für Infektiologie und begann anschließend eine Facharztausbildung auf der plastischen Chirurgie, die sie nicht abgeschlossen hat.

Vor fünf Jahren, in der Schwangerschaft zum ersten Kind, reifte dann der Entschluss, sich parallel zur ärztlichen Tätigkeit auf medizinische Tattoos zu spezialisieren. „Ich hätte nie gedacht, dass die Ausbildung zum Tätowierer so aufwendig und umfassend ist, finde das aber gut. Schließlich geht es dabei auch um Sicherheit und Gesundheit.“


Lehr- und Wanderjahre

Nach der Grundausbildung in klassischem Tätowieren und der staatlichen Abschlussprüfung ging und geht Reischies-Meikl noch immer weltweit in die Lehre: bei Tätowierer*innen, die sich auf medizinische und kosmetische Aspekte spezialisiert haben. In Stacie-Rae Weir in Austin, Texas, beispielsweise fand sie eine Expertin für tätowierte Brustwarzen. „Man glaubt nicht, wie störend eine fehlende oder missgestaltete Brustwarze wirkt – nicht nur auf andere Menschen, sondern vor allem auf die Betroffenen selbst.“

Weitere Stationen ihrer Lehr- und Wanderjahre waren Toronto und Beverly Hills für die Narbenkorrektur, Vancouver für das Haarfollikel-Tätowieren sowie Warschau und Vancouver für die Rekonstruktion von Augenbrauen. Heuer plant Reischies-Meikl noch ein Praktikum in Asien. Möglich ist dieses große zeitliche Engagement nur aufgrund ihrer derzeitigen Elternkarenz und weil für ihren Partner, einen Chirurgen, die gleichberechtigte Rollenverteilung selbstverständlich ist.

Einige ihrer Lehrenden sind selbst Betroffene, die durch einen eigenen Unfall die Notwendigkeit einer Narbenkorrektur erkannt haben. Bei jeder und jedem Einzelnen von ihnen muss sich Reischies-Meikl mit einem Katalog von Zeichnungen bewerben. „Mein medizinischer Hintergrund wirkt in dieser Branche eher abschreckend, punkten kann ich nur mit meinen graphischen Fähigkeiten.“


Risiko-Bias

Die medizinischen Aspekte des Tätowierens stehen für Reischies-Meikl selbst aber durchaus im Fokus. „Ich bin nicht unkritisch gegenüber Tätowierungen! Im Bereich der Tattoo-Sicherheit ist noch viel zu tun.“ In den Medienberichten über die gesundheitlichen Risiken von Tattoos ortet Reischies-Meikl einen erstaunlichen Bias: „Eine – übrigens nicht bestätigte – mögliche Kanzerogenität der Farben wird aufgebauscht, ohne ausreichende Belege. Unzureichend behandelt wird hingegen das Risiko einer schweren allergischen Reaktion.“ Diese sei nicht einfach mit zwei Wochen Cortisoncreme zu behandeln, sondern ziehe im Ernstfall ein Entfernen des gesamten Tattoos inklusive Hauttransplantation nach sich. Wo ursprünglich ein ästhetisch gestaltetes Kunstwerk zu sehen sein sollte, präsentiert sich dann eine auffällige Narbe. Deren Aussehen man dann nicht mehr mit einem Tattoo verbessern kann …


Idee für eigenes Tattoo

Sich selbst hat Reischies-Meikl noch nicht tätowieren lassen, obwohl sie schon eine Idee im Hinterkopf trägt: Sobald ihr älterer Sohn seinen Namen selbst schreiben kann, würde sie sich diesen in seiner Handschrift tätowieren lassen. „Aber derzeit interessiert er sich ausschließlich für Lego“, erzählt sie.

Vor den klassischen Tätowierer*innen und deren Handwerkskunst hat sie ebenso viel Respekt wie vor ihren Lehrmeister*innen in medizinischem und kosmetischem Tätowieren. „Jeder fertig ausgebildete Tätowierer könnte eine Brustwarze tätowieren“, ist sie überzeugt. „Aber Menschen nach so einem gravierenden medizinischen Eingriff brauchen eine vollkommen andere Atmosphäre als ein Tattoostudio. Sie brauchen einen geschützten intimen Rahmen.“ Diesen finden sie bei Reischies-Meikl  in einem ärztlichen Ambiente. Zu den schönsten Erfahrungen von Reischies-Meikl zählen jene Momente, in denen die (zumeist) Frauen ihre neue Brustwarze im Spiegel sehen. „Da kommen manchen schon die Tränen.“

Alle Kund*innen profitieren von Reischies-Meikls ärztlichem Hintergrund. „Ich weiß, was die Frauen hinter sich – und oft noch vor sich – haben. Ich kenne Narben im Zeitverlauf und kann entscheiden, ab wann eine Tätowierung möglich ist“, erklärt Reischies-Meikl. Sie sieht aber auch, wenn der Hautmantel über dem Silikonpolster zu dünn für eine Tätowierung ist oder erklärt Betroffenen überzeugend, warum nach manchen hautonkologischen Operationen keine Narbenkorrektur möglich ist: „Die Narbe muss beurteilbar bleiben, um dermatologische Rezidiv-Kontrollen zu ermöglichen.“


Zweites Standbein

Reischies-Meikl sieht es als Privileg, in dieser Nische zu arbeiten und sich die Arbeit selbst einteilen zu können. „Daneben brauche ich nicht viel Entspannung – und wenn doch, finde ich sie im Zeichnen.“

Neben ihrem kreativen Potential sind es Empathie, aber auch Ehrgeiz, die sie selbst als ihre wesentlichen Charaktereigenschaften ansieht. Beim Tätowieren schöpft sie aus dem Vollen ihrer künstlerischen Begabung: vom richtigen Gefühl bei der Auswahl der zum Hauttyp passenden Farbe bis zum Gespür für die Symmetrie im Körperbild.

Sie setzt sich aber auch für die Rechte ihrer Patient*innen ein und verhandelt mit den Krankenkassen über die Kostenübernahme ihrer Behandlungen. Und noch ein Lebensziel strebt sie an: „Mittelfristig möchte ich auch in meiner Heimatstadt Berlin medizinisches Tätowieren anbieten.“

 

Fotos:  Nikola Milatovic, beigestellt




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