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AERZTE Steiermark 01/2022

 

„Ein riesiges Meer nur für mich“

Mihael Rudes, Primar der HNO-Abteilung am LKH Hochsteiermark, entdeckte in der Weite des Meeres seine Leidenschaft für die Welt unter Wasser. Acht Jahre lang betrieb er das Schwimmen als Leistungssport – neben Schule und Studium. Heute schwimmt und taucht er, um sein Leben in Balance zu halten.

Ursula Scholz

Mihael Rudes´ Kindheit in Mostar, im Süden Bosnien-Herzegowinas, endete abrupt, als die Familie vor dem Krieg fliehen musste. Die erste Zwischenstation führte ihn mit noch nicht einmal elf Jahren nach Dalmatien, wo er vorübergehend eine Heimat und langfristig seinen Traumsport gefunden hat: das Schwimmen. „Ich hatte dort das Gefühl, ein riesiges Meer nur für mich zu haben“, erzählt der heute 40-Jährige. Wann immer es möglich war, ging er noch vor der Schule schwimmen und widmete sich danach geistig und körperlich umso wacher dem Lernen. Und Lernen hat in Rudes´ Leben eine mindestens so große Bedeutung wie die körperliche Ertüchtigung. Daher – und aufgrund seiner für Schwimmer (!) mangelnden Körpergröße von 1 Meter 81 – kam eine Karriere als Profisportler selbst in seinen besten Schwimmerjahren nicht in Frage. Als Junior erreichte er in nationalen Bewerben mehr als einmal das Finale und erfüllte auch ein Jahr lang die Voraussetzungen für einen Antritt bei den Olympischen Spielen. Seine Lieblingsdisziplinen waren dabei der Delfin- und der Freistil.

Letzterer charakterisiert Rudes wohl nicht nur in seiner Sportler-Persönlichkeit. Zwar hält er Selbstdisziplin und Selbstreflexion für die beiden wichtigsten Eigenschaften überhaupt; typisch für ihn ist allerdings auch der Drang nach Freiheit, nach eigener Gestaltungsmöglichkeit und Grenzüberschreitung. Nicht von ungefähr hat er als Motto für seinen WhatsApp-Account „breaking some rules …“ gewählt.

 

Sanft aufbegehrt

Eine sanfte Form des Aufbegehrens bestand schon in der Wahl der bevorzugten Sportart. „Mein Vater wollte einen Tennisspieler aus mir machen, aber die einseitige körperliche Beanspruchung war nichts für mich.“ Rudes blieb beim Schwimmen („da arbeitet der ganze Körper“), auch noch, als die Familie nach drei Jahren in Dalmatien nach Zagreb übersiedelte. Dort schrieb er sich in einen Schwimmclub ein und trainierte mit gleich bleibendem Eifer weiter. Als Facharzt und schließlich als Primar der HNO-Abteilung in Leoben blieb und bleibt Rudes keine Zeit für konsequentes Training, vielmehr erfüllt das Schwimmen nun eine rekreative Funktion: „Es erfrischt mich und hält mich in Balance.“ Mehr Zeit für den sportlichen Ausgleich zu finden, war einer seiner Neujahrsvorsätze für das Jahr 2022. Aber da Rudes ambitionierte Pläne für sein neues berufliches Aufgabengebiet schmiedet, wird er es sportlich gesehen wohl eher bescheiden geben müssen.

Die Funktion des HNO-Primars am LKH Hochsteiermark hat Rudes erst mit Juni vorigen Jahres übernommen; seine bisherige internationale Karriere erklärt aber, warum das Schwimmen in den letzten Jahren ein wenig in den Hintergrund gerückt ist. Dabei war er sich nach der Matura am wissenschaftlich-mathematischen Gymnasium Zagreb nicht einmal sicher, ob er Medizin oder Architektur studieren sollte. Kurzerhand inskribierte er beides. Als seine Noten dann nicht mehr seinen (extrem hohen) Eigenansprüchen genügten, fokussierte er sich auf die Medizin und schloss sein Studium als Jahrgangsbester ab.

 

Lachen ermöglichen

Jeden Bereich seines Lebens gestaltet Rudes gerne eigenständig und kreativ, am liebsten in 3D-Strukturen. Dazu passt seine Passion für Zeichnen und Architektur, der schwimmerische Erfolg im Freistil, aber auch die Wahl seiner medizinischen Fachrichtung. Da richtet er nicht nur Nasenscheidewände auf, sondern hat sich besondere Expertise in der Gesichtsrekonstruktion nach schweren Traumata und großen Tumoren erworben. „Am befriedigendsten ist es für mich, ein gelähmtes Gesicht zu reanimieren. Es ist wunderbar, einem Menschen wieder das Lachen zu ermöglichen.“ Die entsprechende Technik hat Rudes in den USA erlernt.

Nach Beendigung seiner Facharztausbildung, die in Kroatien neben der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde auch die Kopf- und Halschirurgie umfasst, absolvierte er schon im darauffolgenden Jahr die Europäische Facharztprüfung sowie eine Weiterbildung an der University of Texas in Houston: Kurz darauf übersiedelte er nach Deutschland, wo seine Stationen München, Homburg an der Saar, Erlangen und Frankfurt am Main waren. Dazwischen verfeinerte er seine Kenntnisse im Rahmen zahlreicher Fellowships der Europäischen Akademie für plastische Gesichtschirurgie (EAFPS) von Istanbul über Regensburg und London bis New York und Baltimore.

 

Von Kigali nach Wien

Ein besonderer Meilenstein seiner beruflichen Tätigkeit war die Teilnahme an einer internationalen Humanitären Mission der Face the Future Foundation in Kigali/Ruanda im Jahr 2018. Hier bestand seine Aufgabe in der plastischen Gesichtschirurgie; die Patient*innen waren hauptsächlich Kinder mit Gesichtsdeformationen und erwachsene Tumorpatient*innen. „Die Zusammenarbeit unter den Kollegen und Kolleginnen fand auf höchster Ebene statt, und das in einem schwierigen medizinischen Umfeld mit sehr beschränkten Ressourcen. Ich bin sehr dankbar, diese Erfahrung gemacht zu haben.“

Von Kigali ging es dann gleich nach Österreich, zunächst ans Wiener Hanusch-Krankenhaus und dann nach Leoben. Mit großem Enthusiasmus plant er, an der dortigen HNO noch individuellere personalisierte Medizin anzubieten, besonders im Bereich der Rekonstruktionsmedizin und Lappenchirurgie. Ab Mitte des Jahres möchte er mit seinem Team fit für die Roboterchirurgie am Da Vinci sein, weiters den Fokus stärker auf die Ausbildung junger Ärzt*innen legen, aber auch ein Weiterbildungsnetzwerk für alle (ober)steirischen niedergelassenen HNO-Ärzt*innen etablieren.

 

„Mit Optimismus“

In die Zukunft blickt Rudes „immer mit Optimismus“, auch wenn seine Arbeit in Leoben durch die Pandemie einigen Einschränkungen unterworfen ist. „Man muss mit den Karten spielen, die man in der Hand hat – auch wenn es ein besseres Blatt gäbe“, lautet sein Credo. Neben seiner Zielstrebigkeit kennzeichnet Rudes auch eine große Offenheit und die Freude daran, andere zu begeistern.

Beruflich hat er nun eine Karriereebene erreicht, in der es ihm möglich ist, seine Freude am Gestalten auszuleben. Im Organisatorischen wie im Chirurgischen: „Es gilt natürlich, im OP bestehende Prinzipien zu respektieren. Aber ich möchte auch im gegebenen Rahmen experimentieren, um die Methoden noch zu verbessern.“

Dass er im Zuge dieses Karrieresprungs ausgerechnet in Leoben gelandet ist, weiß er zu schätzen. So zwischen dem heimischen Meer und den Bergen, in einem Land, dessen Ökosystem relativ gut erhalten ist. Ans Meer zieht es Rudes aber durchaus auch in weiter entfernte Gefilde: Da locken ihn die Galapagos-Inseln und das Great Barrier Reef – mittlerweile mehr als Taucher denn als Schwimmer. „Die Welt unter Wasser ist sehr still und gleichzeitig sehr aktiv.“ Gerne taucht er nachts, wenn die Fische und Oktopusse auf der Jagd sind, und beobachtet die komplexe Dynamik zwischen den einzelnen Tiergruppen. Im Meer kommt auch der stets Aktive einmal zur Ruhe.

 

Fotos:  beigestellt, Jakub Antoniuk




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