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Bezirksärzteversammlung Leoben
19.09.2022, 19:30 Uhr

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AERZTE Steiermark 06/2022

 

Den Gehirnnebel per App lichten

Ein Grazer Konsortium um das Joanneum-Research-Spin-off DigitAAL Life hat sich zum Ziel gesetzt, seine bereits am Markt befindliche Trainings-App zur Aktivierung der kognitiven Leistungsfähigkeit für Long-COVID-Patient*innen zu adaptieren. Ärzt*innen können ihre Behandlungserfahrungen mit Long-COVID-Patient*innen noch per Online-Umfrage einbringen.

Wie soll eine optimale Trainings-App für Long-COVID-Patient*innen aussehen, welche Wünsche zur Minderung welcher Beschwerden haben die Betroffenen? Im Projekt CogniReha werden die Betroffenen nach ihren Bedürfnissen gefragt. Zudem wird Grazer Expertise gebündelt, um eine evidenzbasierte Trainings-App gegen kognitive Störungen in Folge einer Corona-Erkrankung zu kreieren. Die Basis für die geplante App bildet das bereits im Vorjahr von DigitAAL Life am Markt eingeführte Trainingsprogramm für ältere Menschen – BRAINMEE –, das nun im Forschungsprojekt CogniReha speziell an die Bedürfnisse von Long-COVID-Patient*innen angepasst wird. Die auf zwei Jahre ausgelegten Arbeiten werden von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG im Rahmen des Programms „Fast Track Digital“ mitfinanziert; die restlichen Mittel bringen die Projektpartner ein. Das Konsortium besteht neben dem Joanneum-Research-Spin-off DigitAAL Life aus der Abteilung für Neurogeriatrie an der Universitätsklinik für Neurologie der Med Uni Graz, der Grazer Studien-Plattform Probando sowie aus dem Institut DIGITAL der Joanneum Research Forschungsgesellschaft, an dem seit mehr als einem Jahrzehnt Expertise im Bereich des Active and Assisted Living (AAL) aufgebaut wird.

Ärztliche Erfahrung erwünscht

Um das Angebot bestmöglich an die Zielgruppe anzupassen, startete das Projekt CogniReha mit einer anonymen Umfrage unter Betroffenen, Angehörigen, aber auch jenen Berufsgruppen, bei denen Long-COVID-Patient*innen Hilfe suchen. „Der Zulauf war mit mehr als 500 Teilnehmenden groß, wobei mit Abstand die meisten Rückmeldungen von den Patientinnen und Patienten selbst kamen“, berichtet Projektleiterin Maria Fellner, Geschäftsführerin von DigitAAL Life. Gefragt sind aber auch Erfahrungen von Ärzt*innen mit der Behandlung von Betroffenen. Daher besteht für ärztliches Fachpersonal noch bis 15. Juli 2022 die Möglichkeit, unter https://survey.digitaal.life/ an der Befragung teilzunehmen. „Von den Ärztinnen und Ärzten möchten wir gerne wissen, welcher Fachrichtung sie angehören, wie viele COVID-19-Patientinnen und -Patienten sie behandelt haben, ob auch Long-COVID-Patient*innen zu ihnen kommen und wenn ja, mit welchen Hauptsymptomen und ob nach einem leichten oder schweren Verlauf der akuten Erkrankung. Zudem bitten wir die Ärztinnen  und Ärzte um ihre Einschätzung, welchen Effekt das Training daheim haben kann und in welcher Intensität und Frequenz sie mit den besten Ergebnissen rechnen“, erklärt Marisa Koini. Sie ist habilitierte Psychologin an der Neurogeriatrie des Grazer Universitätsklinikums und für die inhaltliche Konzeption und nachfolgende Evaluierung des Trainings zuständig.

Randomisierte Feldstudie

Neben der Online-Befragung (deren Bias bezüglich Bildungsstandard der Teilnehmenden den CogniReha-Partner*innen bewusst ist) dienen auch Expert*innen-Interviews als Basis für die Gestaltung der Trainings-App. Ab Herbst 2022 soll das Trainingsprogramm dann in einer Feldstudie erprobt werden. „Es wird eine Interventionsgruppe und eine Kontrollgruppe geben“, so Koini. „Vor und nach einer dreimonatigen Trainingsphase führen wir mit den Probanden neuropsychologische Tests durch, danach erfolgt eine dreimonatige Pause, bevor wir nochmals testen, ob der erwartete Trainingseffekt auch nachhaltig ist.“

Anmeldungen zur Teilnahme an der Feldstudie sind unter cognireha.at möglich. Ärzt*innen sind dazu eingeladen, ihre Long-COVID-Patient*innen auf die Möglichkeit einer Teilnahme aufmerksam zu machen.

Modulares Training

Einige notwendige Veränderungen an der aktuellen Trainings-App zeichnen sich bereits ab: Neu eingeführt werden Atem- und Entspannungsübungen; die Trainingsdauer pro Lerneinheit wird hingegen verkürzt. „Während das Aktivierungstraining für ältere Menschen für 50 Minuten Übungszeit konzipiert ist, soll die Zeitspanne bei Long-COVID-Patientinnen und -Patienten nur 20 Minuten betragen“, erklärt Projektleiterin Fellner. „Es ist eine Gratwanderung zwischen Fordern und Überforderung.“

Die CogniReha-App ist aufgrund der Diversität des Krankheitsbildes von Long COVID nicht für alle Betroffenen geeignet. Menschen mit dem Chronischen Fatigue Syndrom sind nicht die primäre Zielgruppe, aber jene mit Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten sowie Sprachstörungen könnten davon profitieren.

„Das Training ist modular aufgebaut“, erläutert Neuropsychologin Koini. „Neben den Übungen zur Verbesserung der Kognition, also der Gedächtnisleistung, Konzentrationsfähigkeit und des Sprachverständnisses, sind auch Entspannungsübungen vorgesehen. Atem- und Bewegungsübungen sind ein fakultatives Angebot, denn nicht jeder Betroffene hat pulmonale oder motorische Defizite.“

Nebeneffekt: Long-COVID-Daten

Die Umfrage zur Adaption der Trainings-App hat quasi als Nebeneffekt einige Daten zur Lebenssituation von Long-COVID-Patient*innen geliefert, wobei klar ist, dass die Ergebnisse aufgrund der Erhebungsmethode als nur bedingt repräsentativ anzusehen sind. Von den 416 Rückmeldungen von Patient*innen kamen fast drei Viertel von Frauen. Das Durchschnittsalter lag bei 44 Jahren (Range 16 bis 80 Jahre), das Bildungsniveau war im Vergleich zur Gesamtbevölkerung hoch.

Bei den Hauptsymptomen stand die Fatigue mit 63,5 Prozent an erster Stelle, vor der Abgeschlagenheit (54,6 %), der Gedächtnisschwäche (53,8 %) und dem Gehirnnebel (50,2 %). Mehr als die Hälfte der Befragten fühlte sich von ihrer Fatigue (sehr) stark betroffen, rund vier von zehn waren es in puncto Abgeschlagenheit. Im Median waren die Befragten in der Akutphase 16 Tage im Krankenstand gewesen und bei 41 Prozent hat sich die berufliche Situation seit der Infektion verändert; sei es durch reduziertes Stundenausmaß, veränderte Tätigkeit oder einen noch andauernden Krankenstand. Vier von zehn Befragten berichten von akuten finanziellen Einbußen, fast neun von zehn von einer veränderten (fast immer verminderten) Stressbelastbarkeit und knapp drei Viertel von einer (überwiegend zum Negativen) veränderten Stimmungslage.

Diese schwerwiegenden Folgen waren jedoch nur in den wenigsten Fällen einem dramatischen Krankheitsverlauf geschuldet: 74,2 Prozent gaben einen leichten Verlauf der akuten C-19-Erkrankung an, 6 Prozent gar einen asymptomatischen. Gut 45 Prozent waren vor der Infektion bereits gegen SARS-CoV-2 geimpft gewesen.

 

Link für Ärzte zur Befragung (bis 15. Juli 2022)

Link zur Anmeldung für die Feldstudie und weitere Projektinfos

 

Fotos: DIGITAAL life/Kubin




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