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24.09.2021 um 16:00 Uhr

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„Jeder Mensch muss eine Linde haben“

Die ersten beruflichen Meriten verdiente sich Johann Kainz, Anästhesie-Primar am LKH Hochsteiermark, als Assistent im Holzschläger-Unternehmen seines Vaters. Seinen Christbaum fällt er heuer trotzdem nicht selbst, dafür pflanzt er eine Linde.

Ursula Scholz

Durch seine Adern zieht Waldluft. Bildlich gesprochen. Mit 15 Jahren begann Johann Kainz im Holzschlägerunternehmen seines Vaters in St. Stefan im Lavanttal mitzuarbeiten, parallel zur Schule. Bäume kennzeichnen, Trassen in den Wald messen, mit zu den Bauern fahren zum Holzpreis-Verhandeln – all das gehörte zu seinem Alltag ebenso wie zu dem seiner vier Geschwister. „Im Betrieb mitzuarbeiten war bei uns selbstverständlich – immerhin zählte dieser damals mehr als hundert Mitarbeiter an Einsatzorten verteilt über ganz Österreich und es war immer etwas zu tun“, erzählt Kainz. „Dafür konnte ich mir mit dem selbst verdienten Geld großteils mein Studium finanzieren.“

 

Nach der Matura hatte er erwogen, an der Universität für Bodenkultur zu inskribieren, doch sein Vater und der ältere Bruder, der diesen Weg davor gegangen war, rieten ihm davon ab. Wien wurde trotzdem sein Studienort, nur dass er stattdessen die Humanmedizin wählte. „Seit meinem 17. Lebensjahr bin ich im Rettungsdienst mitgefahren, also war die Medizin meine zweite mögliche Berufswahl. Sprachen hätten mich aber auch noch interessiert …“, erklärt er rückblickend. Den Sommer und viele unterjährige Wochenenden verbrachte er nach wie vor im Wald.

 

Für alle fünf Sinne

„Das Schönste am Wald ist die Ruhe. Dann kommt das Erleben mit allen Sinnen: vom Vogelgezwitscher über den unvergleichlichen Geruch, die Haptik der Baumrinde, das Gustatorische von Schwammerln und Beeren bis hin zur Augenweide des gefärbten Herbstlaubs.“ Auch in stressigen Zeiten wie der Corona-Pandemie achtet er darauf, „jedes Wochenende eine Portion Natur in mein Leben zu bringen“. Sein derzeitiger Berufsalltag als Doppelprimar der Anästhesie und Intensivmedizin der Häuser in Bruck und Leoben sowie als Mitglied des regionalen Krisenstabs am LKH Hochsteiermark fordert ihn gerade jetzt besonders. „Beide Standorte sind gut ausgelastet. COVID-19 ist der zusätzliche Schöpfer Suppe, der eigentlich nicht mehr in den Teller passt.“

Seinen eigenen Suppenteller stellt er am liebsten auf einen Holztisch, am besten einen, dessen Maserung deutlich sichtbar ist. Denn auch noch als Möbelstück verarbeitet beruhigt ihn Holz. Sein zukünftiges Refugium, ein Haus im Murtal, soll soweit wie möglich aus Holz bestehen. Ganz abgesehen davon, dass es am Waldrand steht. „Wenn ich von dort eine Viertelstunde bergauf gehe, bin ich schon im Hochalmgebiet.“

 

Neue Herausforderung

Seinen Christbaum wird er heuer trotz fortbestehender Wald-Affinität und trotz einschlägiger Kenntnisse nicht selbst fällen – weil ihm schlichtweg der eigene Wald dazu fehlt. Zuchtwälder für Christbäume hingegen sind für ihn wie Fleisch aus Massentierhaltung: nicht natürlich gewachsen und nicht mit Besonnenheit genutzt – ihnen fehlt das Ursprüngliche, Wesensimmanente. „In meiner Kindheit sind wir immer gemeinsam mit dem Vater in den Wald gegangen, um den Christbaum auszuwählen, zu schlagen und nach Hause zu bringen. Aufgeputzt hat ihn dann unser Vater.“ Direkt vor Weihnachten, wenn die aufwendigen Schlägerarbeiten des Dezembers beendet waren, denn da endet für die Holzbetriebe die Hochsaison. Auch Johann Kainz war in seiner Jugend im Advent stark im Einsatz: mit einem Freund gemeinsam als Christbaumverkäufer in Klagenfurt und Wolfsberg. „Daran erinnere ich mich gerne. Es war uns eine Ehre, die Christbäume zu verkaufen, das ist schon etwas Besonderes. Außerdem haben wir uns auch ganz gerne am Glühwein gewärmt …“ Dass die Weihnachtsbäume heute weniger gut riechen würden als damals, glaubt der knapp 50-Jährige aber nicht. „Den Geruchsunterschied zwischen einem Baum aus echtem Wald und einem aus der Zuchtwald-Monokultur gab es damals auch schon.“ Mittlerweile kauft er den eigenen Christbaum wie damals seine Kunden – und die neue Herausforderung besteht darin, einen zu finden, der allen drei Kindern gefällt. Tricks sind erlaubt. Sobald sich die beiden Brüder einig sind, bekommt die kleine Schwester einen zusätzlichen Mini-Baum und alle sind zufrieden.

 

Baum der guten Geister

Könnte Johann Kainz sich in seinem Lebensbaum einen Ort aussuchen, würde er die Baumkrone wählen. „Dort habe ich immer den Überblick und das ist mir wichtig.“ So gern er in komplexen Situationen den Überblick behält, so sehr achtet er auf Phasen der Ruhe zum Ausgleich. Ruhe ist das Wort, das immer wiederkehrt, wenn er vom Wald, von seinem Zweitwohnsitz oder von seiner künftigen Pensionierung spricht. Ein Urbedürfnis.

In seiner Oase der Ruhe im Murtal ist die Zeit der Baumpflanzungen angebrochen – und damit auch die Zeit der Entscheidung, welche Bäume dort wachsen sollen. Unverzichtbar: eine Linde. „Jeder Mensch muss eine Linde haben“, lautet seine spontane Erklärung. „Ein schöner, großer Baum, der beruhigend wirkt – in der Mythologie wohnen dort die guten Geister.“ Aber auch ein kanadischer Ahorn, der sich im Herbst dann von ocker bis kirschrot in leuchtenden Farben präsentiert, wird sein Grundstück zieren, eine Ulme – und ein Marillenbaum. „Ich habe ja geglaubt, dem sei es da oben viel zu kalt, aber mein Gartenberater hat mir erklärt, welchen Vorteil das rauere Klima hat: Kommt der Spätfrost, hat die Marille dort oben noch gar nicht ausgetrieben.“

 

Mensch bleiben

Nicht nur seine „arborischen“ Wünsche, sondern auch seine musikalischen lassen sich im alpinen Refugium vielleicht wieder leichter erfüllen: „Früher habe ich gerne Schlagzeug gespielt, aber derzeit ist das nicht möglich und ich besitze nur ein Cajón.“ Besitzen im wahrsten Sinne des Wortes, denn es handelt sich dabei um ein Percussionsinstrument in Form eines hohlen Kubus, auf dem man sitzt und darauf mit den Händen oder den Schlagzeug-Besen Rhythmen klopft.

Auch Kainz‘ Lebensrhythmus ist durch einen starken Beat gekennzeichnet, daher schließt er nicht aus, dass auch sein beruflicher Weg noch ungeahnte Stationen bereithalten wird. „Ich denke dabei an eine Vertiefung in den betriebswirtschaftlichen Bereichen des Gesundheitssystems sowie das Qualitäts- und Risikomanagement – darin habe ich auch Ausbildungen absolviert.“

 

Und sein Weihnachtswunsch? „Besinnung auf allen Ebenen. Mensch sein und Mensch bleiben.“ Jeder möge sich in sein eigenes kleines soziales Umfeld zurückziehen. Dann kehrt vielleicht auch auf den Intensivstationen wieder mehr Ruhe ein.

 

AERZTE Steiermark 12/2020

Fotos: beigestellt




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