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Gewaltopfer: Ärzte sind oft erste Ansprechpartner

Nicht selten suchen Gewaltopfer zunächst Hilfe bei Ärztinnen und Ärzten. Wenn auch zunächst nur, um körperliche Verletzungen versorgen zu lassen. Natalija Cokić, Anästhesie-Primaria und daneben Sprecherin der Opferschutzgruppe der steirischen Region Süd-West, hat gelernt, behutsam Gesprächs- und Hilfsangebote zu machen.

Die Toilettenanlage, so Natalija Cokić, sei der wirkungsvollste Ort, um Opfer von Gewalt mit einem ersten Hilfsangebot zu erreichen. Was im ersten Moment ungewöhnlich klingt, erklärt sich bei weiterem Nachdenken: „Auf die Toilette geht man allein, auch wenn man in Begleitung ins Spital gekommen ist. Man sperrt sich ein und hat kurz Zeit für sich. Klebt in der Kabine ein Sticker mit einer Notrufnummer für Gewaltopfer, erhalten die Betroffenen ganz niederschwellig und unauffällig die Möglichkeit, sich Unterstützung zu holen.“

Auch in den Wartebereichen der Ambulanzen verteilt die neue Primaria der Anästhesie im LKH West zahlreiche Folder und war anfangs erstaunt, wie schnell sie die Ständer nachfüllen musste. Frauenhäuser, Selbsthilfegruppen, das Frauengesundheitszentrum und die Polizei – sämtliche Institutionen, die Hilfsangebote machen, geben eigene Folder heraus und erreichen damit Menschen, die von sich aus keine Erkundigungen einholen würden.

Verpflichtend ab 2011

Seit dem ersten KAGes-Projekt „Gewalt gegen Frauen“, das im Jahr 2007 startete, engagiert sich Cokić im Bereich des Opferschutzes. Ihr damaliger Vorgesetzter hatte sie nominiert und mit großem Engagement widmet sie sich seither dieser Aufgabe – zunächst vor allem, um Fortbildung zum Thema auf die Beine zu stellen und selbst zu besuchen. Sie ist aber auch Ansprechpartnerin für Kolleginnen und Kollegen, wenn diese ein mutmaßliches Gewaltopfer medizinisch versorgen.

Zum Schutz von Kindern gibt es schon seit Jahrzehnten zuständige Gruppen, für erwachsene Opfer wurden sie erst spät eingerichtet. Seit 2011 sind die Rechtsträger von Krankenanstalten allerdings dazu verpflichtet, Opferschutzgruppen für volljährige Betroffene von häuslicher Gewalt zu schaffen. Denn 90 Prozent der Gewalttaten werden innerhalb der Familie oder im Freundeskreis verübt. „Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs“, ist Cokić überzeugt.

Mit dem Jahr 2016 wurde Cokić zur Sprecherin der Opferschutzgruppe der steirischen Region Süd-West ernannt. Zu dieser Region zählen das LKH Graz II inklusive der Standorte Enzenbach und Hörgas sowie das LKH Weststeiermark mit den Standorten Deutschlandsberg und Voitsberg. Die Gruppe besteht aus 12 Personen verschiedenster Berufsgruppen von der Pflege bis zur Psychologin, bildet sich gemeinsam fort und trifft sich zweimal jährlich zum Austausch und zu Fallbesprechungen. Zudem bietet die KAGes ein- bis zweimal im Jahr eine Opferschutz-Fortbildung für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an und verteilt eine Opferschutzmappe, eine Leitlinie für Ärzte zum Umgang mit potentiellen Opfern. Zusätzlich zur KAGes-Opferschutzgruppe Süd-West gibt es auch KAGes-Opferschutzgruppen in den Regionen Nord, Süd-Ost und Graz.

Raum schaffen

Mit Gewalt konfrontiert sind Menschen aller Altersgruppen, aller sozialen Schichten – und auch beide Geschlechter. „Zwar trifft es deutlich mehr Frauen, aber auch Männer werden zu Opfern“, betont Cokić. Die wenigsten davon sprechen über die wahren Gründe ihrer Verletzungen, zu sehr hindern sie Angst und Scham davor, sich zu offenbaren.

Manche werden vom Täter ins Spital begleitet, oder von Familienmitgliedern, denen sie misstrauen. Andere brauchen einen Dolmetscher für die medizinischen Gespräche, vor dem sie niemals etwas so Privates aussprechen würden. „In solchen Fällen habe ich mir angewöhnt zu fragen, ob es noch etwas gibt, das der Patient oder die Patientin mit mir unter vier Augen bereden möchte“, erzählt Cokić. Darin sieht sie ihre Aufgabe: Raum zu schaffen für vertrauliche Gespräche und Mut zu machen, die wahre Geschichte hinter den Verletzungen zu erzählen.

Alarmzeichen

Ärztinnen und Ärzte, so Cokić, lernen zu erspüren, bei welchen Patienten eine Gewalterfahrung dahinterstecken könnte. „Bei skurrilen Verletzungsmustern, aber auch, wenn jemand immer wieder an derselben Stelle eine Verletzung aufweist. Einmal kann man ja im Dunkeln gegen einen Kasten laufen, aber dreimal hintereinander ist schon sehr unwahrscheinlich.“ Auch alte Brüche, die sich im Röntgen zeigen, oder Hämatome unterschiedlichen Datums machen sie besonders aufmerksam. Gleichzeitig betont sie, wie sensibel das Thema ist und warnt auch vor Überinterpretation. „Viele ältere Menschen nehmen blutverdünnende Medikamente ein. Die holen sich naturgemäß immer wieder wo blaue Flecken.“ Zuhören hält sie für das Wichtigste. „Manche reden wie ein Wasserfall, andere sagen nur zwei Wörter. Nach meiner Erfahrung muss man umso genauer hinschauen, je weniger jemand spricht.“ Locker zwei Stunden verbringe sie dann mit einem Patienten. Im Gespräch biete sie auch Hilfestellung, wenn jemand nach der Klinikentlassung eine alternative Übernachtungsmöglichkeit benötigt. Weiters organisiert sie die Dokumentation der Beweise.

„Bei schweren Verletzungen – und die sind als solche klar definiert – besteht ohnehin Anzeigepflicht. Aber auch in den anderen Fällen dokumentieren wir Misshandlungsspuren. Selbst für jene, die sich noch nicht sicher sind, ob sie den Vorfall überhaupt anzeigen wollen.“ Dabei arbeitet sie mit dem Ludwig- Boltzmann-Institut und der Gerichtsmedizin zusammen, wo das Material bis zur Verjährungsfrist gelagert wird.

Manchmal, so Cokić, beginnen Opfer auch ganz unerwartet, über ihr Martyrium zu sprechen. „Einmal wurde ich als Notärztin von der Polizei zur Versorgung einer Frau gerufen, die das Opfer sexueller Gewalt geworden war. Aber das wusste noch niemand, denn äußerlich wies sie keine schweren Verletzungen auf. Sie wirkte nur irgendwie verwirrt. Es war nach Mitternacht, als mich die Frau gebeten hat, das Licht im Rettungswagen auszuschalten, denn dann könne sie reden.“

AERZTE Steiermark 11/2020

Foto: Fotolia

 

Seit Oktober Primaria am LKH Graz II

Natalija Cokić ist seit Anfang Oktober 2020 Primarärztin der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin des LKH Graz II am Standort West.

Sie wurde 1968 im serbischen Sombor geboren, studierte in Novi Sad Medizin. 1992 legte Cokić die Staatsprüfung zur Ärztin für Allgemeinmedizin in Belgrad ab, 1995 wurde ihr Abschluss an der Karl-Franzens-Universität Graz nostrifiziert. Von 1998 bis 2004 absolvierte sie am Grazer Universitätsklinikum die Facharztausbildung für Anästhesie und Intensivmedizin. Ihr medizinisches Portfolio erweiterte sie durch Ausbildungen zur (leitenden) Notärztin, das ERC-Diplom, Ausbildungen zur Risikomanagerin und zur Flugrettungsärztin sowie durch den Universitätslehrgang für Führungskräfte.

Seit 2004 arbeitet sie als Oberärztin am LKH Graz II, Standort West, seit 2009 leitet sie an der dortigen Abteilung für Anästhesie die studentische Ausbildung, ein Jahr darauf übernahm sie die Führung des Notarztdienstes am LKH Graz West, seit 2013 fliegt sie als Notärztin mit dem Christophorus 12. Mit 2016 übernahm sie auch die Rolle der Sprecherin der Opferschutzgruppe in der Region Süd-West der Steiermark. Natalija Cokić ist verheiratet und Mutter eines erwachsenen Sohnes.

 

AERZTE Steiermark 11/2020

Foto: Bohn




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