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Grazer COVID-19-Studie: Vielfache Organschäden

Sigurd Lax, Leiter der Pathologie im LKH Graz II und Professor an der Medizinischen Fakultät der Johannes-Kepler-Universität Linz, hat mit seinem Team in den Annals of Internal Medicine als einer der ersten zu COVID-19 publiziert. Bei den Obduktionen stieß er auf deutliche Schäden an den Lungen und anderen Organen.

Ursula Scholz

Pulmonary Arterial Thrombosis in COVID-19 with Fatal Outcome: Results from a Prospective, Single-Center, Clinicopathologic Case Series – so lautet der Titel der am 14. Mai in den Annals of Internal Medicine publizierten Studie. Basis der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts für Pathologie am LKH Graz II waren die Obduktionsergebnisse von elf an COVID-19 Verstorbenen. Diese, acht Männer und drei Frauen, waren zwischen 66 und 91 Jahre alt (im Schnitt 81,5 Jahre).

Mit dieser Studie liegen Sigurd Lax und sein Team – ergänzt um Harald Kessler vom Forschungszentrum für Molekulare BioMedizin an der Med Uni Graz, Klaus Vander vom Institut für Krankenhaushygiene und Mikrobiologie der KAGes (IKM) und den Wiener Gastroenterologen Michael Trauner – im Spitzenfeld der internationalen Forschercommunity. „Bis Anfang Mai gab es kaum Publikationen zu COVID-19“, erklärt Lax. „Bei den chinesischen Arbeiten handelte es sich um Einzelfälle, meist mit Teilobduktionen.“ Als sich das Virus in Europa rasant zu verbreiten begann, erschienen dann Mitte Mai innerhalb weniger Tage die ersten Forschungsergebnisse von Teams aus Hamburg, Basel – und eben aus Graz – mit kleinen Serien mit mehr als 10 Fällen. Aus den USA gab es nur eine Publikation zu drei Fällen.

Schutz wie am Bett

Die Grazer Publikation fußt auf elf Obduktionen, die von Lax eigenhändig durchgeführt wurden – mit Hilfe eines Obduktionsassistenten und eines jungen Kollegen in Ausbildung, Dr. Kristijan Skok. Damit wurde einerseits die umfassende Erfahrung von Lax genutzt, andererseits blieben alle übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschützt. „Noch vor der ersten Obduktion haben wir die Schutzmaßnahmen genau durchgeplant“, erzählt Lax. Die Schutzmaßnahmen wurden mit dem Leiter des IKM, Klaus Vander, abgestimmt. Für die Obduktionen wurde die gleiche Schutzkleidung verwendet, die die Kollegen und das Pflege-Personal am Krankenbett trugen. Weiters wurden Maßnahmen ergriffen, um die Aerosol-Bildung zu minimieren. Die Ansteckungsgefahr, so Lax, sei beim toten Patienten überdies wesentlich geringer als beim lebenden, insbesondere weil er nicht mehr atme. Ein spezieller Seziersaal sei nicht vonnöten, betont Lax.

Die Studie basiert auf systematischen makroskopischen und histopathologischen Untersuchungen und auf PCR-Analysen zum Nachweis der Virus-RNA. Zudem wurden die klinischen Daten einschließlich Komorbiditäten, Komedikation und die Ergebnisse der klinischen Laboruntersuchungen genau analysiert.

Nicht bagatellisieren!

Das Ergebnis zeigt, dass alle elf Patienten klar an den Folgen von COVID-19 verstorben sind, auch wenn sie Vorerkrankungen aufwiesen. „Wer heute mit 80 und mehr Jahren an Diabetes mellitus oder arterieller Hypertonie leidet, kann unter einer adäquaten Therapie noch jahrelang gut leben. Eine schwere Erkrankung wie COVID-19 im Vollbild übersteigt allerdings die Reservekapazität der meisten Organsysteme“, erläutert Lax. Eines ist ihm noch wichtig festzuhalten: „Das Bagatellisieren dieser Erkrankung halte ich nicht für gerechtfertigt.“

Vorschläge zur Prävention lassen sich aus der Grazer Studie nicht ableiten, weder zur Vermeidung einer Ansteckung noch zur Verhinderung eines schweren Verlaufs. „Wir wissen immer noch nicht, warum die einen schwer erkranken und die anderen nicht.“ Jüngere würden die körperliche Belastung durch die Krankheit bloß besser kompensieren können – durch ihre „organische Reserve“, wie es Lax ausdrückt. Selbst rüstige ältere Menschen können kaum genügend Ressourcen für den Kampf gegen COVID-19 im Vollbild mobilisieren.

Auch andere Organe

Äußerst bemerkenswerte Einblicke gibt die Studie in die Zerstörungsarbeit des Virus. Längst ist die Anfangshypothese, das SARS-CoV-2-Virus greife hauptsächlich die Lunge an und verursache dort in erster Linie auffällige Pneumonien, nicht mehr haltbar. Vielmehr ist davon auszugehen, dass bei einem schweren Verlauf neben der Lunge auch Nieren, Leber, das lymphatische System und in einigen Fällen auch das Pankreas betroffen sind. In der Lunge lassen sich neben Alveolarschäden sowie hyalinen Membranen vor allem Mikro- und Makrothrombosen nachweisen. Zumindest Mikrothrombosen hatten sämtliche obduzierten Patienten, einige auch solche in den größeren Gefäßen. Das Ausmaß der pulmonalen Kreislaufstörungen konnte nur durch eine systematische Aufarbeitung der Lungen entdeckt und dargestellt werden. Infolge der pulmonalen Gefäßverschlüsse kam es zur pulmonalen Hypertonie und zur konsekutiven Herzinsuffizienz. Zehn von elf Patienten hatten zur Thromboseprophylaxe Antikoagulantien erhalten– trotzdem wiesen sie Thromben in den Lungengefäßen auf. „Unsere Hypothese ist, dass die Ausbildung von Thromben in der Lunge durch die entzündlichen Veränderungen und die verlangsamte Blutzirkulation begünstigt wird“, sagt Pathologe Lax. Ein Teil der Verstorbenen wies auch eine bakterielle Bronchopneumonie als Komplikation auf. In den Nieren fanden sich Zeichen einer akuten Insuffizienz. Die Anzahl der Lymphozyten war bei allen Untersuchten dramatisch verringert. In fünf von elf Fällen fand sich auch eine leichte Pankreatitis.

Den Mitkämpfern gewidmet

Die Grazer Studie wurde in der Zeitschrift Annals of Internal Medicine einem strengen Reviewverfahren unterzogen, mit 4 Reviewern und zwei Editoren. Bewusst hat Lax darauf verzichtet, vorab in die Medien zu gehen oder seine Ergebnisse so schnell wie möglich online zu stellen. Lediglich genauestens durch die Fachcommunity überprüfte Erkenntnisse sollten publiziert werden, damit Fakten und nicht nur Erfahrungen berichtet werden.

Gewidmet ist die bereits mehrfach in anderen Publikationen zitierte Studie übrigens allen Kolleginnen und Kollegen am Krankenbett sowie dem Pflege-Personal, die gemeinsam um das Leben der COVID-19-Patientinnen und -Patienten kämpfen.

AERZTE Steiermark 07-08/2020

Fotos: KAGes/LKH Graz II, beigestellt




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