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„Die klare Schlagzeile war oft nicht möglich“

Jan Thies, Redaktionsleiter der Rechercheplattform Addendum, über die Coronakrise als Datenkrise, fehlende Transparenz in der österreichischen Seuchenbekämpfung und Verlautbarungsjournalismus.

Ludmilla Reisinger

AERZTE Steiermark : Addendum ist ein Medienprojekt und eine Rechercheplattform – wie ist man hier an die Berichterstattung über die Coronakrise herangegangen?

Jan Thies : Wir haben schnell erkannt, dass die Datenbasis, auf der die Entscheidungen in dieser Krise getroffen und gerechtfertigt wurden, äußerst unzureichend war – und leider auch noch immer ist. In Zeiten, in denen die massivsten Einschränkungen seit dem Zweiten Weltkrieg verhängt werden und sich viele wissenschaftliche Erkenntnisse zum Pandemiegeschehen von heute auf morgen ändern, ist es wichtig aufzuzeigen, warum sich Politiker für oder gegen eine bestimmte Maßnahme aussprechen. Genau diesen Prozess haben wir versucht, kritisch und fundiert zu begleiten und – so gut es ging – auf eine transparente Datenbasis zu stellen.

Ein Artikel auf Addendum zeigt, wie viele Anfragen an Behörden während der Krise nicht beantwortet wurden. Was bedeutet diese fehlende Transparenz für den Journalismus?

Thies : Es frustriert natürlich, wenn man staatliche Maßnahmen nur bedingt nachvollziehen kann. Umso mehr, wenn es daran liegt, dass Anfragen entweder sehr lange ignoriert werden oder ohne Erkenntnisgewinn beantwortet werden. Das, was uns der Staat nicht sagen kann oder will, bilden wir bei Addendum bestmöglich ab, so dass sich der Leser selbst eine Meinung über das staatliche Handeln bilden kann. Die Frage ist vor allem: Wissen es die Behörden nicht oder wollen sie es uns nicht sagen? Sind die Behörden aufgrund föderaler, personeller und struktureller Schwächen nicht in der Lage, diese Fragen zu beantworten? In der Coronakrise war es oft eine Mischung aus beidem.

In den letzten Monaten war der Wissenschaftsjournalismus gefragt: Wie geht man als Journalist an solche komplexen Themen heran?

Thies : Wenn man eine Studie vor sich liegen hat, ist es entscheidend, sich die Originalstudie genau anzuschauen – und nicht nur die Executive Summary. Man sollte sich mit dem Studiendesign, Sample und den Handlungsempfehlungen genau auseinandersetzen und überlegen, wie gesichert das Wissen ist, das hier präsentiert wird. Und vor allem: was sich auf der Basis dieser Studie tatsächlich ableiten lässt. Wissenschaft ist die systematische Wahrheitssuche, aber sie bildet auch immer nur einen kleinen Teil der Realität und der Wirklichkeit ab. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind stets nur vorläufig, und oft gibt es auch gegenteilige Erkenntnisse. In der Corona-Pandemie wurde dies oft nicht deutlich genug transportiert. Die klare Schlagzeile war eigentlich nicht möglich, und damit hatten viele zu kämpfen.

Jakob Augstein, Herausgeber der deutschen Wochenzeitung „Freitag“, hat im Falter gesagt, dass die österreichische Berichterstattung viel zu lange „seuchenembedded“ gewesen sei. War es so?

Thies : Es ist das das A und O des Journalismus, jegliches Regierungsgeschehen kritisch zu begleiten. Es gibt den berühmten Satz des deutschen Nachrichtensprechers, Hanns Joachim Friedrichs, der einmal gesagt hat: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“ Gerade zu Beginn der Coronakrise wurde dieses journalistische Grundprinzip nicht sehr beachtet. Es gab nicht nur einen politischen Schulterschluss, sondern auch einen medialen. Diese Nähe zwischen Medien und Politik fand ich sehr befremdlich. Das war eher Verlautbarungsjournalismus: Teilweise haben sich einige Medienberichte wie eine Zusammenfassung von Pressekonferenzen gelesen. Erst gegen Ende der Pandemie hat sich das langsam wieder geändert.

Im Gegensatz zu anderen Ländern gab es in Österreich keinen „Chefvirologen“ – waren Fachleute bei uns auch medial unterrepräsentiert?

Thies : Sie sind medial zumindest nicht gemeinsam mit der Regierung auf Augenhöhe aufgetreten. Medial unterrepräsentiert waren auf jeden Fall kritische Stimmen, die den Lockdown und seine Folgen anders beurteilten als die Regierung. Was den Chefvirologen betrifft: Dazu hat Kanzler Kurz im Interview mit Addendum dargelegt, dass er sich stets mit vielen Fachleuten ausgetauscht hat, aber eben nicht einen speziellen Virologen zur wissenschaftlichen Instanz des Landes machen wollte. Das war in Deutschland und besonders in Schweden anders. Egal für welchen Weg man sich entscheidet, wichtig ist, dass transparent gemacht wird, warum man diesen Weg geht. Das war in Österreich leider sehr oft nicht wirklich nachvollziehbar. Hier geschah zu viel hinter verschlossenen Türen.

Zu Krisenhochzeiten schlug die österreichische Bundesregierung eine Rhetorik an als befänden wir uns im Krieg gegen das Virus. Wie berichtet man über solche Aussagen?

Thies : Diese Rhetorik der „Freund-Feind-Einteilung“ war fatal, weil jeder, der an den Maßnahmen Kritik äußerte, sofort als Lebensgefährder hingestellt wurde. Mit dieser Rhetorik wurden Kritiker schnell mundtot gemacht und diskreditiert. Es wurde in der ganzen Zeit zu wenig an die Kollateralschäden gedacht: Man hat sich ausschließlich darauf konzentriert, dass das Gesundheitssystem nicht überfordert wird. Gleichzeitig hat man sich allerdings nur wenig Gedanken darüber gemacht, wer unter diesem Lockdown und einem System im COVID-Modus physisch und psychisch leidet, wer seine OP nicht rechtzeitig bekommt, wer zuhause Gewalt erfährt. Vieles davon hat man einfach weggewischt. Man wollte nicht über die Verhältnismäßigkeit reden. Das ist ein Versäumnis, das hätte früher kritisch diskutiert werden müssen. Wer das tat, wurde schnell als Lebensgefährder bezeichnet, das war ein Fehler.

Addendum berichtet über „das, was fehlt“ – was hat in der Berichterstattung rund um die Krise vor allem gefehlt?

Thies : Thies: Es wurde zu selten transparent aufgezeigt, auf welcher Basis und auf wessen Empfehlung welche Entscheidungen getroffen wurden. Die Coronakrise war die Datenkrise schlechthin. Addendum hat viel dazu beigetragen, das, was man wissen konnte, aus den verschiedensten Bereichen zusammenzutragen. Was über Wochen auch gefehlt hat, war ein kritischer Blick auf das Handeln der Regierung. Politische Maßnahmen sind nie ohne Alternative. Doch genau das wurde uns in dieser Corona-Pandemie immer wieder gesagt. Wäre der Lockdown vermeidbar gewesen, wenn man früher reagiert und systematisches Containment betrieben hätte? Hätte man früher die vielen Kollateralschäden berücksichtigen müssen? Hätte man den Lockdown früher lockern müssen? Alle diese Fragen müssen jetzt im Nachhinein analysiert werden, damit wir bei einem zukünftigen Pandemiegeschehen besser vorbereitet sind.

Jan Thies arbeitete als Journalist für den Bayerischen Rundfunk, das ZDF und Servus-TV, ehe er zu „ Quo vadis veritas “ stieß. Die Privatstiftung finanziert unter anderem die Website addendum.org , auf der journalistische Rechercheprojekte veröffentlicht werden. Als Leitspruch hat Addendum: „Wir suchen das, was fehlt“.

 

Die Autorin, Ludmilla Reisinger, ist Studierende an der FH Joanneum (Journalismus und Public Relations).

AERZTE Steiermark 07-08/2020

Foto: Nicole Heiling/Quo vadis veritas




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