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„Der Vergleich bietet sich an“

Harald Salfellner , Arzt und Autor, hat ein Buch über die Spanische Grippe 1918 in der zweiten Auflage um einen Kapitel ergänzt, in dem er die historische Pandemie mit der globalen Corona-Krise vergleicht. Zurecht, wie er meint.

Martin Novak

AERZTE Steiermark: Sie haben ein Buch über die „Spanische Grippe“ geschrieben. Warum eigentlich?

Harald Salfellner : Bei den Vorarbeiten zu meiner Hans-Kloepfer-Biographie „Aber Arzt bin ich geblieben“ stieß ich auf die Grippeopfer von Köflach, wo die Influenza vor allem zu Weihnachten 1918 und zu Beginn des Jahres 1919 wütete. Ich versuchte weitere Informationen zu dieser Seuche zu finden, um Hans Kloepfers Lebenswelt zu rekonstruieren. Dabei zeigte sich, dass dieses in Amerika gut bearbeitete Thema in Österreich und Böhmen weitgehend Neuland war. Auch Franz Kafkas Grippeerkrankung anno 1918 hatte viele Fragen offen gelassen. Diese zu beantworten war dann der Anlass zu einem jahrelangen Forschungsprojekt an der Prager Karlsuniversität und letztlich auch zu meinem Buch. Dabei lag mir viel an der Verknüpfung der ärztlichen und der historischen Sichtweise, was gerade für die Erforschung der Spanischen Grippe unabdingbar ist.

AERZTE Steiermark: Sie sagen in Ihrem Buch, dass diese Pandemie zu einer Randnotiz der Geschichte wurde, obwohl es viele Millionen Tote gab. Was ist Ihre Erklärung für dieses Vergessen?

Salfellner : Die Pandemie 1918 fiel zufällig ins Epizentrum politischer Ereignisse, die für die damalige Generation mit ungeheuren Veränderungen verbunden waren, vor allem: das Ende des schon vier lange Jahre währenden Weltkrieges und damit einer beispiellosen Zeit des Hungers und des Sterbens, eine ferne, archaische und harte Welt, durch die nun wie ein fahles Gespenst die Spanische Grippe huschte. Zunächst nur wenig bedrohlich und damit kaum der Rede wert, zeigte sie im Oktober 1918 ihr wahres Gesicht. Aber die Zeit der hochschießenden Mortalität dauerte nur wenige Wochen, wenn die Pandemie auch in weiteren Wellen und in höherer Saisonsterblichkeit bis tief in die 1920er Jahre nachwirkte. Um ihre Familien irgendwie durchzubringen, krempelten die Menschen nach dem Abflauen der Pandemie die Ärmel auf, beerdigten die Toten und legten die Grippe ad acta. Vor dem hellen Schein der weiteren politischen Brände verblasste die Spanische Grippe schließlich im kollektiven Gedächtnis.

AERZTE Steiermark: Ihr Buch haben Sie quasi zum 100jährigen Jubiläum der Spanischen Grippe, also 2018, veröffentlicht. Jetzt gibt es eine Neuauflage, in der Sie ein Kapitel zum Vergleich mit der aktuellen Corona-Pandemie ergänzt haben. Ist dieser Vergleich angemessen?

Salfellner : Er bietet sich an wie mit keinem anderen Leiden, zumal die Influenza eine große Bandbreite aufweist, von der harmlosen saisonalen Krankheit bis zur pandemischen Geißel. Mit der Methode des Vergleichs lassen sich nicht nur Gemeinsamkeiten und Unterschiede benennen, es lässt sich auch Unbekanntes begreifbar machen. Schließlich hat jeder eine Vorstellung von der Grippe.

AERZTE Steiermark: Wo sind in der Kommunikation die Parallelen?

Salfellner : Die Kommunikation mit der Öffentlichkeit erfolgte auch 1918 vorwiegend über das seinerzeit erst kurz zuvor eingerichtete Gesundheitsministerium. Der damalige Minister für Volksgesundheit, Iwan Horbaczewski , war erst kurz im Amt – wie sein heutiger Nachfolger Minister Rudolf Anschober. Horbaczewski hatte sich als Arzt, Biochemiker, Professor an der deutschen Universität in Prag verdient gemacht und war ein ausgewiesener medizinischer Fachmann, nur leider nicht im Bereich der Infektionskrankheiten. Ihm zur Seite stand der Wiener Oberstadtphysikus August Böhm .

Zu den in der Öffentlichkeit wirkenden Experten in der Zeit der Grippe-Pandemie 1918 zählte Julius Hochenegg , Vorstand der II. Chirurgischen Universitätsklinik in Wien und Mitglied des Obersten Sanitätsrates. Diese drei medial exponierten Personen wandten sich wiederholt über die Zeitungen an die Bevölkerung, auch wurden Flugblätter gedruckt und etwa über die Bezirkshauptmannschaften verteilt. Im Reichsrat fand die Spanische Grippe keine Behandlung, anders als etwa im englischen Parlament. Die erforderlichen Maßnahmen wurden meist auf regionaler Ebene abgewickelt.

AERZTE Steiermark: Und wo liegen die Unterschiede, abgesehen davon, dass es 1918 noch kein Internet und keine Sozialen Medien gab?

Salfellner : Tatsächlich ist die Rolle der Medien in den Jahren 1918/19 nicht mit den Verhältnissen während der COVID-19-Pandemie vergleichbar. Zwar wurde 1918 wiederholt von der Spanischen Grippe berichtet, aber die Artikel waren recht kurz und knapp und fast immer unbebildert. Nicht ein einziges Mal schaffte es die Spanische Grippe in Österreich auf die Titelblätter. Und trotz dieser eher unterkühlten Presseberichterstattung zuckten Gerüchte und wilde Theorien durchs Land – vor allem musste die Obrigkeit ständig das Gerücht von der Lungenpest zurückweisen, das die Menschen verängstigte. Die Pest war ja damals noch ganz tief in der kollektiven Erinnerung verankert. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zu heute ist dies: Vonseiten der Gesundheitsbehörden bemühte man sich, die Grippe eher harmlos darzustellen, trachtete man doch eine Verunsicherung der Gesellschaft zu vermeiden. Dafür, und natürlich auch für die Tatenlosigkeit der Regierung, erntete der Minister für Volksgesundheit heftige Kritik. Zu Unrecht, wie mir scheint, denn Horbaczewski und den Behörden waren in dieser außergewöhnlichen Situation der letzten Kriegstage und der auseinanderbrechenden Monarchie die Hände praktisch gebunden.

AERZTE Steiermark: Ein Punkt fällt auf: 1918 gab es eine ähnliche weltweite Panik wie jetzt 2020. Offenbar haben die Menschen vor mehr als 100 Jahren nicht viel anders reagiert, wie sie es heute tun?

Salfellner : Panik herrschte besonders im Oktober 1918. Wie heute war die „Spanische Krankheit“ geheimnisumwittert – die Blauverfärbung der Haut, die Blutungen aus der Nase und die vielen Toten mit 15, 20 oder 25 Jahren. Aber nach der Wellenspitze im Oktober fanden die Menschen sehr schnell zurück zur Normalität. Man hatte so viele Opfer beerdigt, fast jede Familie beklagte einen gefallenen Bruder, Vater oder Sohn – da wollte man vom Sterben nichts mehr hören und die Sache nur noch hinter sich lassen.

AERZTE Steiermark: Auch die Bilder sind ähnlich. Menschen mit Masken, geschlossene Vergnügungseinrichtungen, weitreichende Hygienemaßnahmen. Haben wir uns in diesem Jahrhundert nicht weiterentwickelt?

Salfellner : Die Bilder gleichen sich frappierend, und doch hat uns der allgemeine Wohlstand zu anderen Menschen gemacht. Der Tod ist heute weitgehend aus dem Bewusstsein geschwunden – noch zu Kloepfers Zeiten war es gang und gäbe, die Verstorbenen im Haus aufzubahren. Man hatte viele Kinder und musste es hinnehmen, dass einige an Diphtherie oder Masern oder Tuberkulose starben. Das alles ist uns fremd geworden, zwischen 8-Stunden-Tag im komfortablen Büro und dem Sommerurlaub auf Kreta. Vielleicht sind wir deshalb auch ein bisschen wehleidiger geworden, was man bei der COVID-19-Erfahrung manchmal zu erkennen meint.

AERZTE Steiermark: Auch damals beschuldigten Staaten einander, der Auslöser gewesen zu sein oder die Maßnahmen verschleppt zu haben. Brauchen wir diese Schuldzuweisungen?

Salfellner : Die Ursachenforschung, insbesondere nach einer Natur- oder Gesundheitskatastrophe, führt nur allzu leicht in eine moralisch oder politisch aufgeladene Schulddiskussion. Das dürfte auch nach COVID-19 nicht ausbleiben. Jedenfalls wurde der Gesundheitsminister Horbaczewski 1918 mit Kritik und Schuldvorwürfen konfrontiert und es half ihm wenig, dass er seine Entscheidungen durchaus nachvollziehbar in Zeitungsbeiträgen erklärte.

AERZTE Steiermark: Sie sprechen im letzten Satz einen aus Ihrer Sicht gravierenden Unterschied an: Es gelang unseren Urgroßeltern erstaunlich gut, die tödliche Grippeseuche zu meistern. Warum glauben Sie, dass das diesmal nicht gelingen wird?

Salfellner : Im Gegenteil, ich bin zuversichtlich, dass wir die nunmehr schwierige Situation meistern werden. Jedoch sollten wir die völlig verschiedenen Lebenswelten von 1918 und 2020 nicht außer Acht lassen – anders als zu Beginn des Jahrhunderts leben wir meist behaglich und sozial gesichert in weitgehend artifiziellen, betreuten Plastikwelten. So vom Schicksal verwöhnt und wohl auch verweichlicht, wird es uns schwerfallen, wenn der zivilisatorische Bruch einmal kommt. Zum Glück ist COVID-19 dieser Bruch nicht, so bleibt noch Zeit, sich auf vielleicht schlimmere pandemische Ereignisse vorzubereiten.

AERZTE Steiermark: Trotzdem werden sich die Menschen in 100 Jahren an die COVID-19-Pandemie auch nur mehr so vage erinnern wie wir heute an die Spanische Grippe?

Salfellner : Ja, in hundert Jahren ist die Corona-Pandemie nur mehr eine Fußnote der Geschichte. Aber die Pandemie könnte als Lehrstück für die Öffentliche Gesundheitspflege in Erinnerung bleiben, als erster Großversuch, in dem nicht nur die Infizierten oder stark Gefährdeten isoliert wurden, sondern aus Solidarität auch die Gesunden. Schade irgendwie, dass ich die medizinhistorischen Rückblicke des Jahres 2120 nicht mehr lesen kann.

Zur Person:

Der gebürtige Grazer Dr. med. Harald Salfellner, Ph. D.,studierte Medizin in Graz und Medizingeschichte in Prag. In der Steiermark wurde er besonders durch seine umfangreiche Bildbiographie zum Dichterarzt Hans Kloepfer „Aber Arzt bin ich geblieben“ bekannt. Seit vielen Jahren erforscht Salfellner die Spanische Grippe in den böhmischen und österreichischen Ländern. Er veröffentlichte dazu nicht nur eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten, sondern im Jahr 2018 auch das Werk „Die Spanische Grippe“. Jüngst erschien das Buch in einer erweiterten Ausgabe mit einem Vergleich zu COVID-19. Harald Salfellner lebt und arbeitet in Prag.

„Fast vergessene Pandemie“ 1918 forderte mehr Todesopfer als der Erste Weltkrieg

Maler Egon Schiele und Präsident Trumps Großvater gehörten zu den Opfern der „Spanischen“ Grippe.

Die „Spanische“ Grippe hat ihren Namen von der fehlenden Grippe-Zensur im neutralen Spanien, wie der Youtube-Kanal „Arbeit-Wirtschaft“ in einer Doku berichtet. Andere Staaten – auch die Österreichisch-Ungarische Monarchie – waren da strenger. Am Ende des Ersten Weltkriegs gab es hierzulande daher nur sehr bescheidene Medienberichte, auch wenn die Influenza-Pandemie nach WHO-Schätzungen weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Tote forderte. Andere Quellen sprechen sogar von bis zu 100 Millionen.

Ein prominenter Pandemie-Toter aus österreichischer Sicht war der Maler Egon Schiele. Weitere Opfer waren der deutsche Sozialökonom Max Weber („Es gibt zwei Arten, aus der Politik einen Beruf zu machen. Entweder: man lebt für die Politik, – oder aber von der Politik.“), das Staatsoberhaupt des Osmanischen Reiches, Sultan Mehmed V., und der Großvater des amtierenden US-Präsidenten, Friedrich/Frederick Trump. Ob die Spanische Grippe auch zum Tod Franz Kafkas beitrug, ist strittig – offizielle Todesursache war Lungentuberkulose.

Dass die Spanische Grippe „Die fast vergessene Pandemie“ (Pharmazeutische Zeitung 2018) wurde, lag aber nicht nur an der Medienzensur. Auch als diese in Österreich mit der Monarchie fiel, galt das öffentliche Interesse mehr der neuen Staatsgründung als der alten Pandemie. Und natürlich war der Weltkrieg zuvor das bestimmende Thema – gleichzeitig trug er zur Verbreitung der Viren bei. Es wurde viel gereist damals, wenn auch nicht zu friedlichen Zwecken, die Menschen waren geschwächt und hungerten, die hygienischen Verhältnisse waren prekär.

Zu neuen Ehren kam die „spanish flu“ Ende der 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Aus dem „Ewigen Eis“ Alaskas konnten Verstorbene geborgen werden. Dem amerikanischen Pathologen Jeffery K. Taubenberger und seiner Kollegin Ann H. Reid vom Armed Forces Institute of Pathology in Washington DC gelang die vollständige Sequenzierung des Virus.

AERZTE Steiermark 06/2020
 

Fotos: Creative Commons, beigestellt




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