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Raum und Zeit für menschliche Medizin

Fast zeitgleich sind zwei kritische Analysen des österreichischen Gesundheitssystems erschienen: beide geschrieben von Ärzten. Das eine hat der Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Landesklinikum Klagenfurt, Rudolf Likar, gemeinsam mit Kollegen geschrieben, das andere der langjährige niederösterreichische Kassen-Allgemeinmediziner Günther Loewit. Beide vermissen Augenmaß, Hausverstand und Menschlichkeit im System. Dadurch sei es unnötig teuer, ohne dass dadurch Nutzen entstehe.

Martin Novak

Als Günther Loewit zum „Vikerl“ kam, war er das, was er ein Vierteljahrhundert gewesen war, nicht mehr: Kassenallgemeinmediziner und Gemeindearzt. Dennoch vertrauten die Umstehenden Loewits Einschätzung: Der Alkoholiker liege nicht im Sterben, das „viele Blut“ um ihn herum sei nur Folge einer harmlosen Rissquetschwunde. Als „Therapie“ empfahl der erfahrene Arzt daher, den am Boden Liegenden heimzubringen, seine Wunde zu versorgen und ihn seinen Rausch ausschlafen zu lassen.

Zu spät: Der Rettungshubschrauber war bereits gelandet, ein ebenfalls angeforderter Notarztwagen vor Ort. Das „Gesundheitssystem“ handelte (es könnte ja auch eine lebensbedrohliche Hirnblutung sein), der ehemalige Hausarzt blieb ausgebootet. Statt rund 100 Euro kostete der Vorfall daher mehrere tausend Euro. Rettungseinsätze mit schwerem Gerät kosten halt. Diese bezeichnende Anekdote leitet das Buch „ 7 Milliarden für nichts “ des niederösterreichischen Arztes Günther Loewit ein. Darin legt er die Systemfehler aus seiner Sicht mit klaren Worten offen.

Aber: Schon das Wort Notarzt klingt einfach besser, weiß Loewit.

Die Buch-Veröffentlichung hat Öffentlichkeit gebracht, Medienberichte, TV- und Radioauftritte, aber auch ein ausführliches, per Presseaussendung dokumentiertes Gespräch mit Gesundheitsminister Rudolf Anschober. Aber nicht nur Loewit war dabei. Auch Rudolf Likar, Klagenfurter Anästhesie-Primarius und gemeinsam mit Kollegen ebenfalls Autor eines aufrüttelnden Buches. „ Im kranken Haus “ heißt es. Darin geht es ebenfalls um die Fehler im System. Aus anderer Perspektive zwar, aber mit sehr ähnlichen Therapievorschlägen.

„Empathie“ ist ein Wort, das beide Autoren verwenden. „Empathie muss man lernen“, sagte Likar bei seiner Buchpräsentation in Graz am 11. Februar. Sie wieder stärker in die Beziehung zwischen Arzt und Patient einzubringen, ist auch Loewit wichtig, der sein Buch übrigens am selben Tag wie Likar präsentierte, nur nicht im Grazer Styria Center wie Likar, sondern in der Wiener Thalia. Als Einfühlungsfähigkeit oder Einfühlungsvermögen definieren Wörterbücher die zutiefst ärztliche Eigenschaft, die einem „System“, also auch dem Gesundheitssystem, naturgemäß nicht zu eigen sein kann. Ein System braucht Quantifizierbarkeit und Berechenbarkeit statt Einfühlung. Aber es hat eben auch Systemfehler (Loewit), die es krank machen. Was beide Ärzte wollen, ist, diese Fehler aufzuzeigen, aber auch Vorschläge zu machen, wie man sie beheben kann. Dieses Buch soll versuchen, Wahrheit auf Rezept zu liefern, heißt es im Likar-Buch klar und selbstbewusst.

Kranke Ökonomie

Gesundheitsökonomen und Politiker versprechen der Bevölkerung die Neuerfindung des Rades und sichern sich ganz nebenbei den ersehnten Beliebtheitsbonus, schreibt Loewit. Und zur Demontage der hausärztlichen Strukturen: Nach dem Grundsatz „divide et impera“ wird ein jahrzehntelang gut funktionierendes kostengünstiges System einer wohnortnahen Basisversorgung systematisch zerschlagen. Und durch ein ähnliches System ersetzt. Bei Likar liest sich das so: Die Medizin muss die Ökonomie berücksichtigen, aber die Ökonomie darf nie die Medizin dominieren.

„Die Ökonomen gibt es nur, weil es die Ärzte gibt, nicht umgekehrt“, ist sein Credo. Im Gesundheitssystem laufe es aber de facto zu oft umgekehrt, lautet seine Kritik. Die Ökonomen hätten „keine Ahnung von der Heilkunst“, kritisiert Loewit trocken.

Medikamente statt Verständnis

Medikamente ersetzen längst menschliches Verständnis, kritisiert Loewit. Und nimmt vor allem die Angehörigen der Patientinnen und Patienten in die Pflicht: Die medikamentöse Neueinstellung als Lösung zwischenmenschlicher Probleme ist in den vergangenen Jahrzehnten schleichend ein Reflex von Angehörigen geworden.

Likar und Kollegen fordern, die Hersteller mehr zu fordern: Wenn sie eine Richtlinie herausgeben kann, wie die Banane gebogen ist, dann kann sie sicher auch Richtlinien herausgeben, nach welchen Kriterien Preise von den Pharmafirmen bestimmt werden können, lautet sein klarer Appell nach Brüssel an die Europäische Kommission.

Notarzt-Dilemma

Die Notarzt-Alarmierung ist zentralisiert. Dadurch sind die Hausärzte ausgeschaltet, stehen außen vor. Sie können sich an der Grundversorgung ihrer Patienten nicht mehr beteiligen, heißt es im Likar-Buch. Und weiter: Je zentralistischer das Alarmierungssystem angelegt ist, desto anonymisierter wird es. Entscheidungen werden mehr nach abstrakten Kriterien getroffen, nicht nach Erfahrung. Das führt zu einer großen Zahl von Fehleinsätzen, da die Information nicht ausreichend selektiert erfolgt, sondern die Abfrage nur nach gewissen Symptomen durchgeführt wird.

Hausärzte können das

Ein gut ausgebildeter Hausarzt behält Weit- und Überblick, meint Loewit in seinem Buch. Und Nicht-Hausarzt Likar: Bei der Allgemeinmedizin braucht es weniger den finanziellen Anreiz als vielmehr eine Qualitätssteigerung. Dem Arzt muss genug Zeit gewährt werden, um seine Patienten entsprechend zu betreuen und zu behandeln. Und an die Adresse der Sozialversicherung: Die Krankenkasse … vergütet die Ärzte in Österreich nach einem alten Entlohnungsschema, erwartet aber eine zeitgemäße medizinische Leistung. Loewit lässt auch ärztliche Selbstkritik anklingen: „Zum kleinen Teil haben wir uns selbst aus dem Rennen genommen. Das System sagt, das brauchen wir nicht.“

Helfen Bücher?

„Beim heutigen sehr konstruktiven Treffen mit den beiden Ärzten Dr. Loewit und Prof. Dr. Likar habe ich einen guten Einblick in die alltäglichen Herausforderungen von ÄrztInnen in Österreich erhalten. Besprochen wurden unter anderem die verschiedenen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung unseres Gesundheitssystems für die kommenden Jahre sowie konkrete Vorschläge, um den Beruf des Allgemeinmediziners wieder zu attraktivieren.“ So kommentierte Gesundheitsminister Rudolf Anschober eher gedrechselt sein Gespräch mit den beiden Systemkritikern. Aber es wird wohl nicht bei zwei Büchern und einem Gespräch bleiben: „Wir sind hartnäckig, wir schaffen das“, ist Likar überzeugt.

Wissen vermitteln

Ein Schlüssel sind die künftigen Ärztinnen und Ärzte: „Die Lehrpraxis simpel machen, um Wissen besser weitergeben zu können“, ist ein Rezept von Loewit. Oft führt ein Mangel an Wissen und Perspektiven zu Mythen und Machbarkeitsfantasien, die einem religiösen Zugang zu existenziellen Fragen entsprechen, schreibt Likar mit seinen Co-Autoren.

Perspektive wechseln

Damit die Erneuerung funktioniert, wird aber wohl auch ein Perspektivenwechsel in der Gesellschaft nötig sein. Likar kritisiert auch das vielgebrauchte Bild vom „Patienten im Mittelpunkt“: Der kranke Mensch steht im Mittelpunkt, rund um ihn herum die Behandler. Welcher Eindruck wird von der Handlungsfähigkeit dieses Patienten vermittelt? Es wird ihm zwangsläufig eine passive Objektrolle zugewiesen, als Patient, Leidender, Duldender, Ertragender. Wie soll er erfolgreich mit wem und wie im Sinn seiner Krankheitsbehandlung kooperieren?

Krankheit im Mittelpunkt

Likar hält ein anderes Bild für sinnvoller: Lässt man … die Krankheit und ihre Behandlung im Mittelpunkt stehen und um sie herum die Behandler gemeinsam mit dem Patienten, wird ein ganz anderer Eindruck vermittelt: Der Patient wird automatisch ein gemeinsam mit den Behandlern dynamisch Handelnder, hat eine aktive Subjektrolle und ist mitverantwortlich bei der Behandlung seiner Krankheit.

Das letzte Wort hat Günther Loewit: „Wir sollten mehr Zeit lassen, wir sollten mehr Zeit geben, wir sollten uns mehr Zeit nehmen.“

 

Dr. Günther Loewit

wurde 1958 in Innsbruck geboren. Er wuchs in Innsbruck, Wien und New York auf. 1982 schloss er das Medizinstudium ab.

Als niedergelassener Kassenarzt für Allgemeinmedizin war er ab 1987 Gemeindearzt in Marchegg/Niederösterreich. 2011 legte er seinen GKK-Vertrag zurück, später auch die Verträge mit den Sonderversicherungsträgern. Er schrieb mehrere Romane und Sachbücher, zuletzt „7 Milliarden für nichts“, das im Jänner 2020 in der „edition a“ erschien.

 

Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar

wurde 1959 in Kärnten geboren, schloss 1985 das Medizinstudium in Graz ab, ist Arzt für Allgemeinmedizin sowie Facharzt für Anästhesiologie u. Intensivmedizin, Generalsekretär der Österreichischen Schmerzgesellschaft und Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie, allgemeine Intensivmedizin, Notfallmedizin, interdisziplinäre Schmerztherapie und Palliativmedizin und des ZISOP, Klinikum Klagenfurt am Wörthersee.

Er ist Autor und Co-Autor mehrerer Fachbücher. Im Jänner 2020 erschien das Buch „Im kranken Haus“ (Ueberreuter), das Likar gemeinsam mit dem Internisten Dr. Georg Pinter (Vorstand des Zentrums für Altersmedizin am Klinikum Klagenfurt), dem Herzchirurgen Univ.-Prof. DDr. Ferdinand Rudolf Waldenberger (Universitätsprofessor für Gesundheitsökonomie und Organisationsethik an der Sigmund-Freud-Universität) und dem Psychologen Univ. Prof. Dr. Herbert Janig (Prof. i.R. an der Alpen Adria Universität Klagenfurt) verfasst hat.

 

Zitate aus den beiden Büchern sind ohne Anführungszeichen in kursiver Schrift gesetzt. Aussagen der Autoren stehen in Anführungszeichen.

„Biblische“ 7 Milliarden

Ob es genau 7 Milliarden sind, die im Gesundheitssystem ohne Verluste für die Patientinnen und Patienten, aber auch die Ärztinnen und Ärzte einzusparen wären, weiß auch Günther Loewit nicht. „Es ist eine biblische Zahl“, sagt er. Es könnten auch 6 oder 8 sein. Aber die Größenordnung stimmt. Und wo liegen die Schätze, die zu heben wären? Für Loewit bei den Medikamenten, die nicht eingenommen werden, bei den Spitalsbetten, die es geben muss, weil die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte nicht so versorgen dürfen, wie sie können, bei überflüssigen Befundungen, bei der Notfall-Industrie (siehe „Vikerl“).

Es gibt noch eine andere Rechnung. Laut Wirtschaftsforschungsinstitut „ EcoAustria “ ließen sich in der stationären Versorgung knapp 2,4 Milliarden Euro dadurch einsparen, dass alle Bundesländer so effizient werden wie das effizienteste. Ohne Qualitätsverlust. Eine zu einfache Rechnung? Vielleicht. Aber eine, die es in sich hat.

Wir reden von immer engeren ökonomischen Vorgaben, von ungeniert versuchten Einflussnahmen, von sinnlosen Therapien, von hierarchischen Eitelkeiten, aber wir reden auch von Patienten, die keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen wollen, weil sie nur ein Medikament verschrieben haben möchten, ein Allheilmittel, das alles löst, und zwar sofort. So fassen Likar und Kollegen die Verschwendung aus ihrer Sicht zusammen.

AERZTE Steiermark 03/2020


Fotos: Pixelkinder.com, Wilke/Mediendienst.com, Shutterstock,Jürgen Fuchs/Kleine Zeitung




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