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Spitalsärzteversammlung Marienkrankenhaus Vorau
16.01.2020, 14:00 Uhr

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Grazer Impftag: Von Rechten und Pflichten

Masern in Österreich sind (auch) die Folge zu geringer Impfbeteiligung. Ebola in Westafrika ist die Folge unzureichender Behandlungsmöglichkeiten.

Am Eingang zum Hörsaalzentrum der Medizinischen Universität Graz prangte am Grazer Impftag ein Plakat. Es zeigte die fröhlichen Gesichter von 18 Babies, die eines gemeinsam haben: Sie durchlitten die Masern und wurden dank der Behandlung an der Grazer Kinderklinik wieder gesund. „Schützt uns! Lasst Euch gegen Masern impfen!“, so die schlichte, aber eindringliche Botschaft. Was (zu) viele aber nicht tun. Andere Fotos dieser Kinder sah man deswegen im Vortrag von Kongressleiter Werner Zenz: dieselben Kinder, aber mit schweren Masernsymp­tomen.

Im scharfen Kontrast dazu stand das Referat der britischen Ärztin Nathalie MacDermott . Die junge Pädiaterin berichtete vom Ebola-Ausbruch speziell im afrikanischen Sierra Leone, wo sie viele Monate gearbeitet und geforscht hat. Dort wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, auf eine Schutzimpfung zu verzichten, hätte es sie nur gegeben. (Mittlerweile gibt es zwar Impfstoffe und auch experimentelle Medikamente zur Behandlung – aber in begrenztem Umfang und mit begrenzter Wirkung.) MacDermott erzählte von vielen Toten, vielen Überlebenden mit bleibenden Schäden. Und von mehr als 28.000 Kindern, die einen oder sogar beide Elternteile durch Ebola verloren haben. Denn das ist die Gemeinsamkeit von Masern und Ebola: Die beiden Krankheiten treffen sehr oft Kinder, aber eben auch Erwachsene. Nur in Afrika unter völlig anderen, weit prekäreren Rahmenbedingungen als in Österreich.

Impfpflicht?

In einer Diskussion mit der Kärntner Landeshauptmann-Stellvertreterin Beate Prettner, der ehemaligen Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein, dem früheren Vorsitzenden des Impfausschusses und Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, Prof. Ingomar Mutz, und Steirerkrone-Redakteur Gerald Schwaiger (moderiert von AERZTE Steiermark-Chefredakteur Martin Novak) ging es dann wieder um das österreichische „Luxusproblem“, die Impfpflicht. Freiheit versus Schutz lautete die Frage. Und beide Politikerinnen neigten eher der Freiheit zu, obwohl sie beide vom Sinn der Schutzimpfung überzeugt sind. Mutz und Schwaiger plädierten für den Schutz, weil die Freiheit dort enden sollte, wo sie andere in Gefahr bringt. Was für die Masern schon deswegen gilt, weil die nur als „Kinderkrankheit“ verharmloste Erkrankung hochansteckend ist, weit infektiöser als alle anderen Krankheiten, gegen die Impfungen im österreichischen Gratisimpfprogramm vorgesehen sind. Minimalkonsens: Die Pflicht zur Impfung könnte zumindest für manche Berufsgruppen ausgesprochen werden – nicht nur für Angehörige von Gesundheitsberufen, sondern auch für solche, die aufgrund ihrer beruflichen Sozialkontakte viele Menschen anstecken können – etwa in pädagogischen Tätigkeiten, aber nicht nur. In Kärnten wurde wegen eines an Masern erkrankten Busfahrers für einen Tag der öffentliche Verkehr in Klagenfurt eingestellt. Eine Supermarktkassierin sorgte ebenfalls für Angst, weil sie viele Kundinnen und Kunden angesteckt haben könnte.

Ärztin und Arzt überzeugen

Einigkeit gab es auch in einem anderen Punkt: Am überzeugendsten ist für die meisten das persönliche Impfgespräch mit der eigenen Ärztin oder dem eigenen Arzt. Allerdings ist es derzeit noch keine strukturierte Leistung – was sich allerdings bald ändern soll.

Die politische Skepsis gegenüber der Impfpflicht wird von der Bevölkerung weitgehend nicht geteilt. Das bestätigen Umfragen in Deutschland und in Österreich. Allerdings gibt es in vielen Ländern teils sehr lautstarke Proteste von impfskeptischen Minderheiten, die durchaus beeindruckend wirken. Man denke nur an die italienischen Impfgegner. Italien ist eines von einem Dutzend EU-Ländern mit Impfpflicht. Die Bioethikkommission beim österreichischen Bundeskanzleramt hat allerdings im Juni bereits festgestellt, sie sähe „für die gegenwärtige Situation die Verhältnismäßigkeit bei Masern gewahrt und spricht sich daher für eine allgemeine Impfpflicht aus“. Gleichzeitig fordert sie dazu auf, „eine allfällige Ausweitung der Impfpflicht evidenzbasiert und regelmäßig zu überprüfen“.

Der steirische Ärztekammerpräsident Herwig Lindner und Gerhard Kobinger, Präsidiumsmitglied der Österreichischen Apothekerkammer, plädierten am Impftag beide für den politischen Mut zu einer Impfpflicht, letzterer mit dem Hinweis, dass die Pocken-Impfpflicht im letzten Jahrhundert zur Ausrottung der Krankheit geführt habe.

Kongressorganisator Werner Zenz, ein überzeugter Befürworter der Impfpflicht, zog den Vergleich zwischen Österreich und dem von der Bevölkerungszahl her etwas größeren Impfpflicht-Land Ungarn. Dort gab es von 2012 bis August 2019 40 Masernfälle, in der Alpenrepublik dagegen die fast 17-fache Zahl, nämlich 665.

Währenddessen sind die immer wieder gegen das Impfen ins Treffen geführten „Impfschäden“ offenbar ein minimales Problem, wie Maria Paulke-Korinek vom Sozial- und Gesundheitsministerium ausführte. Von 2008 bis 2018 gab es 13 anerkannte Vorfälle bei 8,2 Millionen im öffentlichen Bereich abgegebenen Dosen. Jeweils zwei betrafen Polio, Hepatitis und Kombinationsimpfstoffe und einer die Pneumokokken-Impfung – sechs Pocken und Tuberkulose. Dagegen gab es in der WHO-Region Europa allein im Jahr 2018 72 durch Masern bedingte Todesfälle.

Gute Nachrichten gibt es aber auch: Die Berichte über die Masernfälle im Februar 2019 haben kurzfristig zu einer immensen Steigerung der Impfzahlen geführt. Bei den 10- bis 18-Jährigen ist laut „ Kurzbericht Masern “ die 95-prozentige Impfbeteiligung bei der MMR-Impfung erreicht, bei Jüngeren – die Zahlen stammen noch aus dem Jahr 2018 – gilt das zumindest für die erste Teilimpfung. Größere Lücken gibt es dagegen bei den jüngeren Erwachsenen.

Eine Überlegung wurde in diesem Zusammenhang beim Impftag auch debattiert. Nämlich die Impfempfehlung für die zweite Teilimpfung zu adaptieren. Denn wie sagte es eine Mutter: „Alle meine Kinder wurden selbstverständlich geimpft, aber keines zum empfohlenen Zeitpunkt …“

Infos: https://www.aekstmk.or.at/434

AERZTE Steiermark 11/2019
 

Fotos: Conclusio




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