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Spitalsärzteversammlung Marienkrankenhaus Vorau
16.01.2020, 14:00 Uhr

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Gut, besser, Zentrum?

Ursula Scholz, Martin Novak

Die Zukunft liegt im Zentrum, so der Grundtenor gesundheitspolitischer Planung. Ein Blick auf bestehende steirische Ärztezentren offenbart ein Bild von Diversität und zeigt auch die Grenzen des (derzeit) Machbaren auf.

Auf die Wunde des Ärztemangels kleben Gesundheitspolitiker ein Pflaster, das Erstaunliches können soll: die Versorgung am Land sichern, die Patienten aus den Ambulanzen in die Ordinationen locken – und das auch noch am Abend, den jungen Ärztinnen und Ärzten die Scheu vor der Arbeit im niedergelassenen Bereich nehmen, das modernste medizinische Wissen an einem Ort vereinen und mancherorts das aufgelassene oder aufzulassende Spital ersetzen. Im Zentrum, so die Vision, arbeiten Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachrichtungen zusammen, in Kooperation mit weiteren Gesundheitsberufen, die Infrastruktur wird billiger, die Öffnungszeiten kundenorientierter, kurz: Alles wird besser.

Das Pflaster trägt das Label Ärztezentrum, Primärversorgungszentrum, Primärversorgungseinheit, Facharztzentrum oder Gesundheitszentrum und umfasst nicht immer dieselben Leistungen. Aber denselben Traum: Wo Ärztinnen und Ärzte gemeinsam arbeiten, profitieren alle, auch die Patientinnen und Patienten.

Gründer und Grundgedanken

Da die bereits bestehenden steirischen Ärztezentren von äußerst unterschiedlichen Gründern mit durchaus unterschiedlichen Grundgedanken initiiert wurden, sind sie auch sehr divers ausgerichtet.

Im Leibnitzer Kindermann-Zentrum beispielsweise, das seit mehr als 20 Jahren in mehreren Bauabschnitten heranwächst, war der Bauherr Johann Kindermann der Initiator: „Ich wollte ein Zentrum schaffen und ein Ärztezentrum gab es noch nicht in Leibnitz. Mein Ziel war es, möglichst viele Ärzte an einem Standort zu versammeln und so eine Symbiose der vielen Angebote zu schaffen.“ Kindermann, eigentlich Fachmann für Sanitäres, Heiz- und Kühltechnik, legte Wert auf ökologisches Bauen, das niedrige Betriebskosten und ein angenehmes Raumklima garantiert. Der Orthopäde, der Kinderarzt und der Gynäkologe, „die waren meine ersten drei Ärzte“, erzählt er. Mit ebendiesem Possessivpronomen. Anfangs begab er sich auf die Suche nach mietwilligen ÄrztInnen, „heute kommen die Mieter zu 99 Prozent auf uns zu“. 15 Ärztinnen und Ärzte der verschiedensten Fachrichtungen, mit und ohne Kassenvertrag, sind mittlerweile im Kindermann-Zentrum eingemietet; „HNO und Lunge würden wir noch brauchen“, meint Kindermann.

Vernetzt sind diese ÄrztInnen nur in Eigeninitiative; es gibt keine Dachorganisation und keinen Sprecher, keine gemeinsame Ausrichtung. Davon, dass alle in einem Zentrum ordinieren, profitieren in erster Linie die Patientinnen und Patienten. Initiator Kindermann könnte sich durchaus eine engere Kooperation vorstellen: „Wir haben zumindest bei der EDV die Möglichkeit für ein Netzwerk geschaffen.“

„Normales Geschäft“

Ebenfalls auf Initiative eines Geschäftsmanns aus einer medizinfremden Branche wurde das Ärztezentrum Seiersberg gegründet: Gerald Kozmuth, Inhaber einer Firma für Berufskleidung, musste sein Unternehmen auf einem neuen Grundstück neu aufbauen und wurde von der Gemeinde dazu animiert, ein größeres Gebäude zu errichten. „Der ansässige Internist unserer Gemeinde, Manfred Großschädl, war der erste Arzt, der zu meinem gedanklichen Projekt, Ärzte in einem Gebäude zu vereinigen, Ja sagte und den Weg mit mir bis heute geht“, so Kozmuth. Kooperation steht für den „Gründungsarzt“ in Seiersberg weiterhin im Vordergrund: Er betreibt mittlerweile eine „ Internisten-Gemeinschaft “ mit Michael Kremser-Pirz. Auch die beiden Kinderärzte arbeiten in einer Praxis zusammen. Ansonsten sind auch in Seiersberg die Ärztinnen und Ärzte nur auf Eigeninitiative vernetzt: „Jeder macht sein eigenes Ding“, resümiert Daniel Scheidbach, Allgemeinmediziner mit Fokus auf ayurvedischer Medizin. Für ihn habe es keine Vorteile, weitere ÄrztInnen im selben Haus zu haben; nur hin und wieder nutze er die Möglichkeit, einen Patienten zum Notfall-EKG zu den Internisten vor Ort zu schicken. Er hat die Immobilie, die er per Zufall über ein ausgehängtes Schild gefunden hat, aus anderen Gründen gewählt: „Ich habe hier eine große Fläche bekommen, es gibt genügend Parkplätze und eine Autobahn-Anbindung.“

Drei von sieben Ordinationen sind mittlerweile wieder aus dem Seiersberger Ärztezentrum abgewandert, unter anderem, weil der jeweilige Arzt andernorts einen Kassenvertrag bekommen hat. Zentrumsinhaber Kozmuth sieht die Fluktuation gelassen: „Ärzte kommen und gehen, dies ist wie ein normales Geschäft zu sehen. Dort, wo sie mehr verdienen können, dorthin ziehen sie weiter.“ Es sei, so Kozmuth, auch nicht einfach, neue ÄrztInnen zu finden, er vermisse „Unterstützung und Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand“. Trotzdem versuche er, die leerstehenden Räume an ÄrztInnen weiterzugeben.

Zu mieten sind auch noch Räumlichkeiten im Ausmaß von 200 Quadratmetern im gerade entstehenden Kumberger Geschäfts- und Gesundheitszentrum, das mit Jahresende fertiggestellt werden soll – bevorzugt an ÄrztInnen oder TherapeutInnen. Explizit wird darauf hingewiesen, dass ein Room-Sharing möglich sein soll.

Zentrum oder Gruppe

Oft waren und sind es wirtschaftliche Überlegungen von Besitzern einer Immobilie (Private oder Gemeinden), die zum „Ärztezentrum“ führen. Das ist nicht unvernünftig: Ärztinnen und Ärzte sind in der Regel verlässliche Mieter, ein Gebäude mit dem Schild „Ärztezentrum“ macht sich gut in der Gemeinde. Auch wenn mancherorts Verwirrungen auftreten. Unter die Ärztinnen und Ärzte können sich auch Lebensberaterinnen und -berater mit teils esoterisch anmutenden Angeboten mischen, bisweilen werden Bezeichnungen „erfunden“, die es eigentlich gar nicht gibt – wie eine Fachärztin „für ästhetische Chirurgie“. Begriffe wie Gemeinschaftspraxis (mehrere Ärztinnen und Ärzte ohne wirtschaftliche Verbindung), Gruppenpraxis (gemeinsames Unternehmen mit oder ohne Kassenvertrag von zumindest zwei Ärztinnen und Ärzten), Gesundheitszentrum oder Ärztezentrum werden mehr oder weniger beliebig verwendet. „In der Gesundheitspolitik gibt es den Begriff „Primärversorgungszentrum (PVZ)“ bzw. „Primärversorgungseinheit (PVE)“. Da man wohl zurecht der Meinung ist, dass niemand versteht, was das denn bedeuten soll, bevorzugt man in der Steiermark den Allerweltsbegriff „Gesundheitszentrum“. Das geht zwar leichter über die Lippen, sagt aber auch nichts aus.“ So steht es auf der Website einer der beiden jüngsten „Primärversorgungseinheiten“ der Steiermark, der Gruppenpraxis Andrea Braunendal und Björn Zeder in Gratwein-Straßengel. Diese neue PVE ist übrigens gleichzeitig eine der ersten, wenn nicht die erste allgemeinmedizinische Gruppenpraxis der Steiermark, gegründet von den Vorgängern Heribert und Harald Lischnig, zwei altgedienten Allgemeinmedizinern.

Im „Zentrum“ (und es ist tatsächlich eines) sind auch eine weitere Allgemeinmedizinerin ohne Kassenvertrag, eine Wahl-Kinderfachärztin, eine Internistin und Kardiologin, ein Orthopäde und ein Neurologe tätig. Dazu kommen weitere Gesundheitsberufe, eine Psychotherapeutin, Physiotherapie, Heilmassage …

Um ihr Service zu erweitern, haben Braunendal und Zeder mit Oktober noch eine weitere Ärztin als Vertretung „ins Boot geholt“: „Wir wollen unser Angebot erweitern und dazu braucht es einen weiteren Arzt. Damit haben wir dann die besten Öffnungszeiten weit und breit“, erklärt Zeder.

Nest für Junge

Mit einem durchdachten Branchenmix kann auch das am 4. Oktober offiziell eröffnete Ärztezentrum in Mureck aufwarten: Neben dem Augenarzt gibt es einen Optiker, neben dem Orthopäden den Orthopädietechniker/Bandagisten, der als Sanitätshaus auch noch Patienten anderer Ärztinnen und Ärzte als Kunden gewinnt. Die Palette reicht von zwei Kassen-AllgemeinmedizinerInnen mit alternierenden Öffnungszeiten über eine TCM-Ärztin, den Augenfacharzt (die Kassenstelle wurde unter Protest der dortigen Bevölkerung von Bad Radkersburg her verlegt), die Wahlärztin für Innere Medizin, den Orthopäden, den Radiologen bis hin zur Neurologin. Das Nest gemacht ist bereits für den Kinderarzt, der sich noch in Ausbildung befindet, aber fix die Ordination übernehmen möchte. Auch die Neurologin hat erst im heurigen Jahr ihre Facharztprüfung abgeschlossen – entgegen allen gegenteiligen Berichten scheinen sich doch auch frische Absolventinnen und Absolventen die Gründung einer eigenen Ordination zuzutrauen. Das Interesse der Ärztinnen und Ärzte war so groß, dass beide geplanten Bauabschnitte des Zentrums schon heuer fertiggestellt wurden; die Gemeinde hat ein weiteres Grundstück erworben, auf dem eine Erweiterung angedacht ist. „Zuerst habe ich Ärzte gesucht, aber jetzt dreht es sich und die Ärzte kommen auf mich zu“, erzählt Bürgermeister Anton Vukan.

Per Bürgerbefragung

Bemerkenswert ist die Entstehungsgeschichte des Murecker Ärztezentrums, denn hier fungierten nicht private Immobilienbesitzer oder -errichter, sondern Gemeinde und Bürgermeister als Kristallisationskeime. In einer Bürgerbefragung konnten die Einwohner der nach der Strukturreform vereinten Gemeinden Mureck, Eichfeld und Gosdorf angeben, welches sie für das dringlichste Problem in der Gemeinde hielten. Es war der Bau eines Ärztezentrums, weil viele Murecker Ordinationen nicht optimal erreichbar und vor allem nicht barrierefrei waren. (An zweiter Stelle der Wunschliste stand übrigens der Ausbau der Kinderbetreuung, an dritter die Altenbetreuung.)

Der politische Hintergrund der Zentrumsgründung hat allerdings auch dazu geführt, dass es mehrere Anläufe im Gemeinderat gebraucht hat, um das Projekt zu verwirklichen. Das Grundstück befindet sich im Eigentum der Gemeinde, für das Gebäude hält die ennstal-Wohnbaugenossenschaft einen Baurechtsvertrag, die Ärztinnen und Ärzte mieten sich ein. Die gemeinsam genutzte Infrastruktur beschränkt sich auch hier auf öffentlich genutzte Räumlichkeiten; jede Ordination hat ihre eigene Fläche und ihr eigenes Personal. Bürgermeister Vukan möchte das Ärztezentrum unbedingt als Primärversorgungszentrum anerkennen lassen und überlegt auch bereits, welche Aufgaben es in der ambulanten Versorgung übernehmen könnte, um den LKH-Standort Radkersburg zu entlasten. „Man darf die Augen nicht vor den Fortschritten der Medizin verschließen – mittlerweile können viele Behandlungen ambulant durchgeführt werden.“

Statt Spital

Denn mit der Primärversorgung sind neben wirtschaftlichen auch gesundheitspolitische und versorgungstechnische Aspekte zum Thema der „Zentren“ geworden. Nicht nur bei Braunendal-Zeder. Das „Gesundheitszentrum“ Mariazell ist an die Stelle des obsolet gewordenen Spitals getreten und hat mit einer gewissen Verzögerung auch eine stabile Gruppenpraxis-Struktur bekommen. In Hörgas werden die Räumlichkeiten des ehemaligen LKH seit dem Sommer für ein von der KAGes betriebenes Facharztzentrum genutzt, das sich auf interne Erkrankungen spezialisiert hat, aber auch Wundversorgung, Röntgen und Labor anbietet. Ähnlich wie in Mariazell ist es in Eisenerz, wo zwei Einzelpraxen am gleichen Ort mit zusätzlichen Angeboten bereichert als Gesundheitszentrum fungieren.

Dass nicht immer alles ganz gesetzeskonform abläuft, weiß auch der verpflichtende Monitoringbericht Zielsteuerung-Gesundheit 2018 für das österreichische Parlament. Er spricht (Stand Ende 2018) von Gesundheitszentren, die „im Sinne der Primärversorgung arbeiten“. Denn nicht alle dieser in der Steiermark Gesundheitszentren genannten Primärversorgungseinheiten entsprechen wortgetreu den Vorgaben des 2017 beschlossenen und 2018 adaptieren Primärversorgungsgesetzes. In der Steiermark ist auch der bundesweite Primärversorgungs-Gesamtvertrag (noch) nicht in Kraft, man behilft sich mit gesetzlich möglichen „Primärversorgungs-Sonderverträgen“ für die einzelnen Betreiber. Das führt aber dazu, dass jeder einzelne Vertrag penibel geprüft werden muss, um zu erreichen, dass nur realistisch erbringbare Leistungen vereinbart werden und keine Passagen enthalten sind, die anderen Bestimmungen widersprechen (Beispiel: die freiwillige Teilnahme am Bereitschaftsdienst, die durch die Hintertür des Primärversorgungsvertrages zur Verpflichtung wird). Solche Fallstricke können in der Gründungsphase, in der es für die Beteiligten viel zu tun gibt und die Euphorie groß sein kann, leicht übersehen werden. Die Fachleute in der Ärztekammer Steiermark prüfen deswegen auch jeden Vertrag, den ihnen die gründenden Ärztinnen und Ärzte zukommen lassen, ganz gewissenhaft und gründlich. „Je früher wir den Vertrag bekommen, desto genauer können wir ihn auch prüfen“, sagt Horst Stuhlpfarrer, Jurist in der Kurie niedergelassene Ärztinnen und Ärzte in der Ärztekammer Steiermark.

Sieben PVE

Aktuell gibt es sieben „Gesundheitszentren“, die entweder echte oder zumindest annähernd Primärversorgungseinheiten sind. Bis 2021 sollen es laut Planung 11 werden, der RSG 2025 weist als Planungsziel 30 aus. Umso erstaunlicher ist es, dass einige ambitionierte Zusammenarbeitsformen sich bisher vergeblich bemühen, den Status einer Primärversorgungseinheit bzw. eines Gesundheitszentrums (Formel: Gruppenpraxis/selbständiges Ambulatorium/Netzwerk mit Rechtspersönlichkeit, z. B. Verein + zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter + Primärversorgungsvertrag) zu erhalten.

In Hartberg etwa bilden fünf Ärztinnen und Ärzte ein Netzwerk, haben andere Gesundheitsberufe eingebunden und mit tatkräftiger Hilfe der Österreichischen und steirischen Ärztekammer sowie des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger ein salopp aber nicht ganz korrekt „Mini-ELGA“ bezeichnetes IT-Netzwerk zum Austausch von Behandlungsinformationen mit Zustimmung der Patientinnen und Patienten realisiert. Dennoch sind sie keine „PVE“. Dafür ist eine der beteiligten Ordinationen im „Ärztezentrum Hartberg“ untergebracht, das aber im Prinzip nur ein größeres Gebäude mit mehreren Praxen ist.

In Birkfeld wurde vor zwei Jahren das erste steirische Hausarztzentrum gegründet, das kein Spital ersetzen sollte; Initiator war der Birkfelder Hausarzt Michael Adomeit. Er arbeitet – so wie die Hausärzte in Mureck – alternierend mit einer weiteren Allgemeinmedizinerin, Ursula Eichberger, zusammen, sodass an jedem Wochentag sowohl am Vormittag als auch am Nachmittag einer der Ärzte Dienst hat und das Zentrum rund 40 Stunden pro Woche geöffnet ist.

Adomeit hat auch eine DGKS mit Zusatzausbildung in Intensivpflege angestellt. Die beiden Allgemeinmediziner kooperieren mit sämtlichen umliegenden Fach- und Allgemeinärzten, aber auch mit der Physio- und Ergotherapie, der Hauskrankenpflege, der Heilmassage und der örtlichen Apotheke, von denen einige sich auch im selben Gebäude befinden.

Norbert Meindl, Vizepräsident der Ärztekammer Steiermark, lobte das Modell Birkfeld seinerzeit mit den Worten: „Primärversorgung in Reinkultur, möglich gemacht durch Menschen, nicht durch Gesetze“.

AERZTE Steiermark 10/2019

 

Fotos: Shutterstock, beigestellt, Braunendal, Bernhard Bergmann, beigestellt, Schiffer




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