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Spitalsärzteversammlung Marienkrankenhaus Vorau
16.01.2020, 14:00 Uhr

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Handwerker – „im feinsten Sinne“

Über 30 Jahre lang war Rainer Walland Landarzt in Murau – wie zuvor seine Mutter. Im „Erzählcafé“ des Murauer Handwerksmuseums berichtete er über den Wandel seines Berufes von den 1940er-Jahren bis heute. Ein paar seiner alten Utensilien werden bald auch zu den Museumsstücken zählen.

Ursula Scholz

Erst der Fleischhauermeister, dann der Landarzt. Im Murauer Handwerksmuseum präsentieren lokale Größen im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Erzählcafé“ die Geschichte ihres Handwerks. So auch Rainer Walland, seit 2016 Landarzt in Ruhe. Er selbst hat kein Problem damit, seinen Beruf in die Riege der Handwerke einzureihen: „Der (Land-)Arzt ist durchaus ein Handwerk – eigentlich im feinsten Sinne. Auch wenn nicht gerade chirurgisch tätig, ist seine BeHANDlung der Sensor zum Patienten.“ Dieser werde in mehrerlei Hinsicht vom Arzt berührt und dadurch gestärkt, während der Arzt gleichzeitig einen Tastbefund erhalte.

Das Interesse der Bevölkerung an Wallands Auftritt war enorm: Der Saal war bis auf den letzten Sessel besetzt, und einige Zuhörer verfolgten seinen Auftritt sogar vom Nebenraum aus. „Es war einer der schönsten Tage meines Lebens“, resümiert Walland. „Einerseits meiner Mutter diese Ehre zukommen zu lassen, andererseits die Resonanz der Leute zu spüren, wie Vergangenes neue Bilder und Erinnerungen zu wecken mag.“ Denn Walland sprach nicht nur über seine ärztliche Zeit in Murau, von der Ordinationseröffnung 1982 bis zur Pensionierung im Juni 2016, sondern auch über das Wirken seiner Mutter Erika Walland-Zwicknagl, die von 1944 bis 1986 eine Planstelle in Murau innehatte. „Sie war und bleibt für mich Vorbild als Landärztin, Haus- und Familienärztin mit höchstem medizinischem Können und größter menschlicher Integrität.“

Visite auf Pferd Fanny

Wallands Mutter betreute die Menschen in der Stadt Murau, aber auch von der Stolzalpe bis in die Krakau und von Frojach bis Stadl. Sie begleitete Geburten im Stall, nähte bei Kerzenlicht, kochte daheim ihre Spritzen aus und rückte während der Diphtherie-Epidemien aus. Unterwegs war sie mit dem Fahrrad, auf Pferd Fanny, mit dem Zug oder am Sozius ihres Motorrad fahrenden Mannes – und, wo es anders nicht mehr weiterging, zu Fuß. Einen seiner ersten Hausbesuche absolvierte Rainer Walland selbst im März 1950, dem Jahr seiner Geburt, wie ein Erzählcafé-Besucher im Anschluss anmerkte. Auf dem Motorrad, in utero. Von Mutterschutz war da noch keine Rede und so kam der kleine Rainer zusammen mit seiner Zwillingsschwester schon im siebenten Schwangerschaftsmonat zur Welt.

Für seine „Mutti“ war es immer klar, dass ihr einziger Sohn in ihre Fußstapfen treten sollte. Der Wunsch der Mutter entsprach auch Rainer Wallands Willen. Erschüttert wurde dieser erst durch eine Berufsberatung in der siebenten Klasse Gymnasium. Wissenschafter solle er werden, lautete der Ratschlag der Experten, für die Praxis sei er nicht so geeignet. „Ich kenne dich besser“, soll seine Mutter geantwortet haben. Den Lehrberuf hätte sich Walland auch noch vorstellen können und später im Studium eine Facharztausbildung. „Bei jedem neuen Fach hatte ich das Gefühl, das wäre das richtige. Aber dann erschien es mir doch zu eng. Ich wollte immer den Menschen im Ganzen sehen.“ So wurde es doch die Allgemeinmedizin.

Über die Muttermilch

Walland hat die Feinheiten des Landarzt-Alltags schon mit der Muttermilch eingesogen und auch das manchmal Bittere des unermüdlichen Arbeitens und der ständigen Erreichbarkeit geschmeckt. Bereits als Mittelschüler begleitete er seine Mutter – inzwischen Autofahrerin – auf Visite und legte im Winter die Schneeketten an. Nahm sich die Ordinationsassistentin Urlaub, vertrat sie der noch in Graz Studierende. Ab 1982 führte er nach dem Turnus in Judenburg und Leoben seine eigene Praxis – mit einem abwechslungsreichen Alltag von der Grippe über Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen (Gynäkologen gab es in der Nähe noch keinen) bis hin zur „kleinen Chirurgie“. Daneben war er Bezirksfeuerwehrarzt und widmete sich mehr und mehr den Heilungsformen abseits der klassischen Schulmedizin: Sauerstoffionentherapie, Ultrarotlicht, orthomolekulare Medizin …

Seine eigenen, mittlerweile erwachsenen Kinder beobachteten den Arbeitseinsatz ihres Vaters ebenfalls bewusst, allerdings zogen sie daraus einen anderen Schluss: „Das tun wir uns sicher nicht an, um zwei in der Nacht aufzustehen“, lautete ihr Fazit. Auch Walland selbst sieht heute, welchen privaten Preis er für sein berufliches Engagement gezahlt hat.

Die Patienten jedoch wissen seinen unermüdlichen Einsatz zu schätzen. So stand nach seiner Präsentation beim Erzählcafé ein 95-jähriger Besucher auf, um sich vor dem versammelten Publikum für die aufmerksame hausärztliche Betreuung während der vergangenen Jahrzehnte zu bedanken. Es folgte lang anhaltender Applaus.

Aktiver Geiger,
Arzt fürs Museum?

Als Ausgleich zum fordernden Berufsalltag widmete sich Walland sowohl dem Sport („Laufen und Tennis, was halt in kurzer Zeit möglich ist“) als auch als aktiver Geiger der Musik. Mit zehn Jahren hatte er seinen ersten Geigenunterricht erhalten; mit fünfzig kaufte er sich eine neue Geige und nimmt seitdem wieder Stunden. Nun macht er bei den Murauer Operettenspielen mit, ist Mitglied einer Kammermusikgruppe und Teil einer Familienmusik. Außerdem spricht er fünf Sprachen.

Ob er selbst den Beruf des Landarztes als museumsreif ansehe, beantwortet Walland differenziert: „Also so wie meine Mutter ihn betrieben hat, gibt es den Beruf des Landarztes jetzt schon nicht mehr. Und die Zukunft sehe ich eher in der Vernetzung mit der fachärztlichen Medizin, die womöglich nur mehr in Schwerpunktspitälern oder Fachambulanzen konzentriert sein wird.“ Weil all das neue medizinische Wissen auch für keinen Allrounder mehr überschaubar sei. Besonders wichtig erscheint ihm weiterhin die Mittlerfunktion des Hausarztes zwischen den Fachärzten und den Patienten, als Übersetzer der Arztbriefe, aber auch als Umweltmediziner.

Exponate vom Arzt

Walland hat das Murauer Handwerksmuseum nicht nur mit seinen Erzählungen bereichert, sondern wird auch ein paar historische ärztliche Hilfsmittel spenden, die sich in seiner Familie angesammelt haben. Beispielsweise ein hölzernes Otoskop und einen Stirnspiegel. Weiters wird er das Museum dabei unterstützen, bereits vorhandene ärztliche Schenkungen in ihrer Funktionsweise zu erklären. Denn es ist geplant, auch dem „Handwerk“ Arztberuf den Teil eines Ausstellungszimmers im alten Kapuzinerkloster zu widmen, in dem das Museum untergebracht ist.

Gefragt, ob er aus heutiger Sicht wieder denselben Beruf ergreifen würde, antwortet Walland: „Ja, ich würde den Arztberuf auch heute wieder wählen. Schön wäre es, die Erfahrung meines medizinischen und privaten Lebens schon am Anfang der Lebenslaufbahn mitzubekommen. Vielleicht würde ich auch wieder Landarzt werden – aber ohne die Zügel der Gebietskrankenkasse.“ Die Zukunft, meint Walland, werde den Wahlärztinnen und -ärzten gehören, wenn sich das derzeitige System nicht grundlegend ändere. Noch gibt er die Hoffnung nicht auf: „Es müsste auch künftig möglich sein, auf dem Zug der allgemeinen Versicherung mit einer günstigen Karte zu fahren“, drückt er sein Plädoyer für ein solidarisches Gesundheitssystem metaphorisch aus. Den Arzt sieht er darin als Lokführer.

AERZTE Steiermark 09/2019
 

Fotos: beigestellt




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