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Wissenszuwachs trifft Anwenderschwund

Der aktuelle Wissenszuwachs im medizinischen Bereich macht Diagnosen und Behandlungen möglich, an die vor zehn Jahren noch nicht zu denken war. Den Patientinnen und Patienten hilft diese Entwicklung aber nur, wenn es auch genügend Ärztinnen und Ärzte gibt, die das Wissen anwenden.

U. Jungmeier-Scholz
Martin Novak

Es mangelt. An Ausbildungsstellen oder Interessenten. Am Nachwuchs wie an fertigen Oberärztinnen und Oberärzten. Nicht nur am Land und nicht nur im Bereich der Kassen(fach)arztstellen. Von manchen Fachärztinnen und Fachärzten gibt es einfach zu wenige; schon jetzt oder höchstwahrscheinlich in naher Zukunft.

Zufriedenstellendes Datenmaterial dafür gibt es nicht wirklich. Als Basis vieler Überlegungen diente die Ärztebedarfsprognose „ Ärztinnen und Ärzte: Bedarf und Ausbildungsstellen 2010 bis 2030 “ vom Juni 2012, deren Erkenntnisse mittlerweile teils von der Realität überholt werden. Illustrieren lässt sich das am Beispiel der Chirurgie: „Auffallend ist die Entwicklung u.a. in der CH (Chirurgie; Anm. d. Verf.). Hier dürfte sich die Situation in den kommenden Jahren sogar eher verbessern als verschlechtern (…)“, steht in der GÖG-Prognose. Die Presseaussendung von ÖÄK-Vizepräsident und Kurienobmann der Angestellten Ärztinnen und Ärzte, Harald Mayer, vom 21. März 2019 spricht da eine völlig konträre Sprache. Mayer sieht durch die bevorstehende Pensionierungswelle von Allgemeinchirurgen sogar „das Spitalswesen in seinen absoluten Basisleistungen bedroht“.

Wieder andere prospektive Studien, wie die „Bedarfsstudie zur radioonkologischen Versorgung (Strahlentherapie)“, die die GÖG 2015 im Auftrag der Bundesgesundheitskommission erstellt hat, wurden nie veröffentlicht.

Mangelfach bis 2021

Eines der beiden bisher offiziell anerkannten Mangelfächer ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie, ein Fach, das erst im Jahr 2007 geschaffen wurde. Es gilt (bereits in Verlängerung) vorerst bis 31. Mai 2021 offiziell als Mangelfach. Das bedeutet, dass gemäß § 10, Absatz 5 Ärztegesetz das Gesundheitsministerium nach Anhörung der Kommission für die ärztliche Ausbildung verordnet hat, dass in diesem Bereich in einer Ausbildungsstätte zwei Fachärztinnen und -ärzte bis zu vier Assistenzärztinnen und -ärzte ausbilden dürfen. Das zweite anerkannte Mangelfach ist die Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin.

Mit dem Mangel an Ausbildungsstellen und der späten Einführung des Faches Kinder- und Jugendpsychiatrie allein lässt sich allerdings nicht erklären, warum die Steiermark so eklatant unterversorgt ist. Und unterversorgt ist sie.

„Wir behandeln derzeit vielleicht 30 Prozent jener Kinder und Jugendlichen, die es brauchen würden“, sagt Thomas Kröpfl, Fachgruppenobmann der Kinder- und Jugendpsychiater in der Steiermark und Inhaber einer Wahlarztordination in Graz. Knackpunkt ist: In der Steiermark gibt es 12 Jahre nach Einführung des Sonderfaches noch immer keine einzige kinder- und jugendpsychiatrische Kassenstelle, was zur paradoxen Situation führt, dass die dringend benötigten und in unserem Bundesland ausgebildeten Fachärzte und -ärztinnen in andere Bundesländer abwandern oder, wie kürzlich geschehen, eine Praxis eröffnen, die auch eine allgemeinmedizinische Tätigkeit umfasst.

„Ohne Zukunftsperspektive“

Das Abwandern in andere Bereiche resultiert sicher nicht aus bedarfsübersteigender Ausbildung: Diese ist derzeit nur im LKH Graz II und – als Dependance in der dortigen Ambulanz – in der entsprechenden Ambulanz in Leoben möglich, obwohl das prinzipielle Interesse groß ist. „Aber die Steiermark bildet ohne Zukunftsperspektive in der Niederlassung aus“, kritisiert Kröpfl. Politik, Gesundheitsfonds und GKK favorisieren nämlich eine Versorgung in Zentren, was Kröpfl ambivalent sieht: „Wir haben nichts gegen Zentren, wollen aber auch klassische Ordinationen als niederschwelliges Angebot.“ Die bereits installierten Zentren (unter anderem in Graz, Leibnitz, Weiz, Feldbach mit kinder- und jugendpsychiatrischer Versorgung) werden zudem oft von Psychologen geleitet; der Facharzt oder die Fachärztin wird nur im Bedarfsfall hinzugezogen. Was nicht unbedingt zur Attraktivierung der dortigen Arzt-Stellen beiträgt.

Die Gründung einer Wahlarztordination stelle für viele ein zu großes finanzielles Risiko dar, meint Kröpfl, und auch um die Attraktivität der §2-Kassenstellen müsse man sich kümmern, sobald sie geschaffen seien. Derzeit wird noch mit GKK und Gesundheitsfonds verhandelt. „Sehr zäh“ nennt Kröpfl das Vorankommen.

Unterschätztes Fach

Reich an Ausbildungsstellen ist hingegen die Klinische Pathologie und Molekularpathologie. Österreichweit, so eine Aussendung der ÖGPath, seien jedoch von 144 genehmigten Ausbildungsstellen nur 37 besetzt; in der Steiermark 8 von 36. „In zehn Jahren werden 48 Prozent aller heute in Österreich aktiven Pathologen das Pensionsantrittsalter erreicht haben“, warnt Peter Niedermoser, Präsident der Oberösterreichischen Ärztekammer und selbst Pathologe.

Der „Pathologen-Mangel gefährdet moderne Diagnosen und Therapien und bedroht die Versorgung“, so der Hilferuf der ÖGPath in ihrer Aussendung. Denn gerade in der Tumordiagnostik – Stichwort intraoperativer Gefrierschnitt oder Liquid Biopsy – läuft die Pathologie aktuell gerade zur Höchstform auf. Um den Jungen dieses oft unterschätzte Fach schmackhaft zu machen, entwickelte die ÖGPath die „Pathology Future Academy“ für den Nachwuchs und für die älteren Semester ein „Productive Ageing Programm“ mit Sonderverträgen für die Weiterarbeit in Teilzeit nach der Pensionierung.

In der Steiermark sieht Fachgruppenobfrau Ariane Aigelsreiter die Situation differenziert: „Bei uns am Klinikum haben wir immer gute Leute in der Pipeline, die oft schon als Tutoren am Institut tätig waren und hier ihre Diplomarbeit geschrieben haben. Wird eine Stelle vakant, haben wir auch genügend Bewerber.“ Rekrutierungsprobleme, so Aigelsreiter, gebe es vor allem in kleineren Häusern. „Pathologen arbeiten mittlerweile hochspezialisiert; ein Arzt deckt vielleicht zwei oder drei Subfächer ab. Aber die Ausbildung muss breit sein und ist daher an großen Instituten mittels Rotation durch die einzelnen Gruppen leichter durchzuführen.“ Ein Manko der Pathologie sei der Entfall der Nachtdienste und der damit verbundenen Verdienstmöglichkeiten. „Da sind die Entscheidungsträger gefragt, die Gehälter anzupassen.“ Erfahrene Pathologen hingegen können schon jetzt durch die Rufbereitschaft für die Transplantationschirurgie ihr Einkommen aufbessern.

Zentrallabore auf Achse

Aigelsreiters wichtigster Lösungsvorschlag zur Beseitigung des drohenden Pathologenmangels setzt bei den Strukturen an: „Am besten wären wenige große Labore, die die kleinen Standorte mitversorgen würden, indem Spezialisten beispielsweise zum Tumorboard oder intraoperativen Gefrierschnitt hinfahren.“ Wie sie das heute zum Teil auch schon tun. „Meine Vision ist eine steirische Zentralpathologie 2030, aber es ist natürlich nicht sinnvoll, die derzeitigen funktionierenden Einheiten zu zerstören.“ Ergebe sich im Zuge von Pensionierungen die Möglichkeit einer Umstrukturierung, möge man die Gelegenheit jedoch nutzen. „Das Fach wächst so rasant an den neuen Fragestellungen und Therapiemöglichkeiten, dem muss Rechnung getragen werden.“

Wichtig ist für Aigelsreiter auch, den Jungen die klinische Ausrichtung des Faches näherzubringen, schon in Famulaturen und als Studienassistenten in Anbindung an das Kernteam. „Wir müssen sie in die Tumorboards mitnehmen, damit sie wissen, worin die Arbeit der Pathologen besteht.“

Ruhe vor dem Sturm

Gilt der Entfall der Nachtdienste bei den Pathologen als Manko, sieht der Chirurgie-Fachgruppenobmann, Gerhard Wolf, unter anderem die Belastung durch die Nachtdienste als Faktor, der junge Ärztinnen und Ärzte von der chirurgischen Fachausbildung abhält. „Die Einstellung hat sich gewandelt. Stand die Chirurgie früher noch für Action und das Heroische, suchen die jungen Ärztinnen und Ärzte heute eine gute Work-Life-Balance und empfinden die Nachtdienste als anstrengend.“ Und so komme es schon jetzt zu einem Interessentenmangel, wenn Ausbildungsstellen ausgeschrieben werden. Aufgrund des fehlenden Nachwuchses sei die abzusehende Pensionierungswelle nicht so einfach abzufangen. „Man muss ja fairerweise sagen, dass die Stellen derzeit noch gut besetzt sind, aber schon in zwei bis drei Jahren steht eine Pensionierungswelle bevor. Ich schätze, dass in ein paar Jahren 30 bis 40 Prozent der Chirurgenstellen nicht zu besetzen sein werden“, warnt Wolf.

Ähnlich wie Wolf argumentiert ÖÄK-Vizepräsident und Kurienobmann Harald Mayer in einer Presseaussendung : Die Altersstatistik „zeigt, dass die Pensionierungswelle das Spitalswesen in seinen absoluten Basisleistungen bedroht. Umso wichtiger ist es, jetzt noch Gegenmaßnahmen einzuleiten.“ Mayers Ansatzpunkte lauten: mehr Ärzte in Ausbildung und die Allgemeinchirurgie attraktiver gestalten. „Es braucht eine bessere Work-Life-Balance und eine Ausbildung, in der das Wissen der älteren Generation adäquat an den Nachwuchs weitergegeben werden kann.“

„Dissonanz im Einsatz der Kräfte“

Fachgruppenobmann Wolf sieht von Seiten der MUG und der KAGes noch zu wenige kreative Ansätze, um dem durch Pensionierungen bevorstehenden „Brain Drain“ entgegenzuwirken. Dadurch erwartet er sich in ein paar Jahren auch einen „erheblichen Mangel an Expertise“, nicht nur an Personal. „Gut versorgt sind die Notfall- und Intensivmedizin sowie die Onkologie. Aber die normale Versorgungschirurgie wird sukzessive ausgedünnt.“ Wolf hält es für sinnvoll, vorerst nicht zusätzliche Ausbildungsstellen zu schaffen, sondern zunächst die Assistenzärztinnen und -ärzte von nichtmedizinischen Tätigkeiten zu befreien. „Ich sehe eine Dissonanz im Einsatz der Kräfte, vor allem der Turnusärzte, die nicht ordentlich Arzt sein können.“

In kleineren Häusern könne wegen mangelnder Fallzahlen nicht mehr so umfassend ausgebildet werden. Von Rotationen durch die Häuser, wie sie Österreichs Gefäßchirurgen angesichts eklatanten Nachwuchsmangels auf der Plattform nextdoc vorschlagen, hält Wolf dennoch wenig: „Das wäre sinnvoll, ist in der Praxis aber nicht durchführbar, wie einige erfolglose Anläufe gezeigt haben.“ Seine Lösungsvorschläge beinhalten strukturelle Ansatzpunkte: Der Backoffice-Bereich möge delegiert werden, um die jungen Ärztinnen und Ärzte von der Administration zu entlasten. Und für die vielen nachrückenden Chirurginnen brauche es bessere Konzepte für Karenz und Wiedereinstieg. „Der selbstaufopfernde Chirurg ist aus der Mode gekommen.“

Beliebt – und doch bedroht

Aber auch in äußerst begehrten Fächern wie der Anästhesie sind Engpässe zu erwarten – und das, obwohl sich die Anzahl der in Österreich tätigen AnästhesistInnen in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt hat. „Wir durchwandern ein Tal. Es fehlt der Mittelbau“, präzisiert der steirische Fachgruppenobmann Johann Kainz. „Die Älteren gehen in Pension und es kommen zu wenig schnell Junge nach.“ Wird eine Stelle für fertige Anästhesisten und Anästhesistinnen ausgeschrieben, gehe die Resonanz nicht selten in Richtung Null. Für die Anästhesie hat auch die Bedarfserhebung der GÖG in ihrer Gegenüberstellung von Angebot und Bedarf eine negative Bilanz – je nach Berechnungsmodell ab dem Jahr 2020 oder 2025 – vorausgesagt.

Kainz ortet die Gründe für den vorherzusehenden Anästhesistenmangel einerseits im Wandel der Gesellschaft: Es sei verabsäumt worden, attraktive Karenz- und Teilzeitmodelle zu etablieren. Außerdem sei das Lebensgefühl der heute jungen Generation nach ausgeglichener Work-Life-Balance (und jenes nach Arbeiten in flachen Hierarchien) nicht in Betracht gezogen worden. Aber auch die Weiterentwicklung des Faches selbst, dessen Einsatzgebiet sich durch technische Errungenschaften deutlich erweitert habe, erfordere mehr Fachärzte als vorab angenommen. „Wir haben eine steile Lernkurve hingelegt, die das Fach auch so attraktiv macht. Wir sind mittlerweile Patientenmanager und in der präoperativen Ambulanz wichtige Anlaufstelle für multimorbide Patienten.“ Vorteile sieht Kainz einerseits in der neuen Facharztausbildung, mit der die jungen Ärztinnen und Ärzte in kürzerer Zeit fertig seien, und andererseits in der Zusammenlegung der Spitäler, durch die die Kräfte besser gebündelt werden könnten.

Im Gegensatz zu seinem Kollegen von der Chirurgie setzt Kainz stark auf Rotation und lässt schon jetzt seine Assistenzärztinnen und -ärzte andernorts hospitieren. Dafür kommen Ärzte anderer Häuser zu ihm ins LKH Hochsteiermark am Standort Bruck. Und es ist ihm wichtig festzuhalten: „Im Moment ist die Versorgung gesichert. Wir arbeiten bloß sehr am Limit.“

Zwei Beschlüsse

Limits kennen auch die Ärztinnen und Ärzte der Strahlentherapie – Radioonkologie. „Bereits vor zehn Jahren hat die Fachgruppe darauf hingewiesen, dass wir auf eine prekäre Situation zusteuern und eine Anerkennung als Mangelfach gefordert“, erzählt die Grazer Klinikvorständin Karin Kapp. Paradoxerweise gibt es dazu bereits zwei Beschlüsse der § 44-Kommission ; einen von vor rund zwei Jahren und einen ganz aktuellen. Jedoch haben weder die aktuelle Gesundheitsministerin noch ihre Vorgängerin das Vorhaben bisher umgesetzt.

Über mangelndes Interesse von Seiten des ärztlichen Nachwuchses kann sich die steirische Radioonkologie nicht beklagen. „Auf uns kommen immer wieder junge Ärztinnen und Ärzte zu, die sich für das Fach interessieren. Die laden wir dann zu einem Schnuppertag ein“, so Kapp. Aber auch von jenen, die die Radioonkologie in ihrer Basisausbildung durchlaufen haben, möchten ein paar gerne hier Fuß fassen und eine Facharztausbildung absolvieren. Als einziges klinisches onkologisches Querschnittsfach, das auch noch mit spannenden technischen Entwicklungen in Hard- und Software punktet, wird die Radioonkologie durchaus als attraktiv wahrgenommen.

Trotzdem können nicht alle theoretisch vorhandenen Ausbildungskapazitäten genutzt werden, was unter anderem an der weiblichen Dominanz in diesem Fachgebiet liegt. „Kehrt eine Ärztin in Teilzeit aus der Karenz zurück, müssen die restlichen Prozente ihrer Stelle freigehalten werden, damit sie jederzeit wieder auf Vollzeit aufstocken kann“, erklärt Kapp. Dass in Graz sechs Ärztinnen zu einem ähnlichen Zeitpunkt schwanger geworden sind und dann noch eine Fachärztin verstorben ist, hat die Radioonkologie am Klinikum vor eine unerwartet große Herausforderung gestellt.

Mehr Geräte schaffen Personalnot

Insgesamt gibt es in der Steiermark aktuell 15 Fachärztinnen und -ärzte für Radioonkologie und 12 genehmigte Ausbildungsstellen, von denen allerdings einige nur von Teilzeitkräften besetzt sind. Würde die Strahlentherapie endlich als Mangelfach anerkannt, könnten dadurch drei weitere Ausbildungsstellen geschaffen werden, so Kapp.

Neben der auch in diesem Sonderfach bevorstehenden Pensionswelle kämpft die steirische Radioonkologie paradoxerweise mit einer positiven Entwicklung: Gerade erst wurde in Leoben ein neuer Beschleuniger in Betrieb genommen und im Juni sollen in Graz zwei weitere dazukommen. Zu den bestehenden fünf, von denen einer eigentlich der Wissenschaft dienen sollte, wenn der Versorgungsbedarf nicht so groß wäre. „Der Vorlauf für die Anschaffung eines Gerätes dauert zwei bis drei Jahre; die Fachausbildung aber fünf bis sechs“, rechnet Kapp die Diskrepanz vor. Und selbst diese Gerätekapazität, für deren Erweiterung Kapp dem Spitalsträger KAGes und Landesrat Christopher Drexler große Anerkennung zollt, werde in Hinkunft nicht reichen.

Im Jahr 2014 lag Österreich unter dem europäischen Durchschnitt an Linearbeschleunigern pro Million Einwohner (5,1 zu 5,3) und die Steiermark mit 3,7 sogar deutlich darunter. Dazu kommt, dass der Bedarf stetig steigt: Nicht nur, weil die Menschen älter werden und damit eher eine Krebserkrankung erleben; auch die Verlängerung der Überlebenszeit durch moderne Therapien bewirkt, dass viele zu neuerlichen Bestrahlungsserien kommen. „Rund zwanzig Prozent sind sozusagen Stammgäste. Das hätte es vor zehn Jahren so nicht gegeben.“

Lehrpraxis für die Psychiatrie

Eine deutliche Bedarfssteigerung erwartet auch Christian Böhm, Fachgruppenobmann der steirischen Fachärztinnen und -ärzte für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. „Einerseits nehmen die psychischen Erkrankungen und Krisen zu und andererseits sinkt die Hemmschwelle, zum Psychiater zu gehen.“ Oberarztstellen blieben, so Böhm, oft unbesetzt, wodurch die Attraktivität des Jobs für die im Spital Verbliebenen durch Unterbesetzung leide. An §2-Kassenstellen könnte die Steiermark gut die doppelte Anzahl brauchen „und es hätte noch immer jeder genug zu tun“. Auch bei den Psychiatern steht in den kommenden Jahren eine Pensionierungswelle bevor.

Interessenten für das Fach gebe es genügend, allerdings meint Böhm, sei die Fluktuation groß und die Attraktivität der Stellen durch mangelnde Bezahlung nicht besonders hoch. Die Frage, ob es zu wenige Ausbildungsstellen für angehende Psychiater und Psychiaterinnen gebe, beantwortet er mit „jein“. „Mit einer Verlagerung in die Lehrpraxis könnte es sich ausgehen. Interessenten gäbe es, glaube ich, genug. Man müsste nur den Jungen die schönen Seiten des Faches besser zeigen können – und das geht am besten in einer Lehrpraxis.“ Böhm, selbst Kassenarzt, rät dringend zur Verbesserung der §2-Vertragsbedingungen. Ein Beispiel: „Viele Menschen suchen gerade in Krisen einen Psychiater auf, der aber nur in vier Prozent der Fälle eine Krisenintervention verrechnen darf.“

Niederlassung stärken

Noch unklar sei, so Böhm, wie letztlich die Verrechnungsmodalitäten im Rahmen der Österreichischen Gesundheitskasse aussehen würden. Von dieser Unwägbarkeit würden sich auch Kollegen und Kolleginnen vor der Niederlassung abschrecken lassen. Aktuellen Bedarf gebe es in Liezen; Neubesetzungen in Graz-Umgebung und Leibnitz stünden vor der Tür. „Man darf nicht vergessen, dass der niedergelassene örtliche Psychiater das niederschwelligste Angebot ist. Da trauen sich die Leute am ehesten hin.“ Auch hätten sich die Behandlungsmöglichkeiten in der Niederlassung erweitert – etwa durch Depotspritzen für schizophrene Patientinnen und Patienten, wodurch viele stationäre Aufenthalte vermieden werden könnten.

„Die Kernarbeit eines Psychiaters ist schön“, betont Böhm. „Man sollte ihn aber nicht mit Bürokratie zudecken.“ Auch wünscht er sich weniger juristische Zwänge: „Als Psychiater ist man ja immer mit einem Bein in der Forensik.“

„Umdenken“ vonnöten

Vergleichsweise harmlos wirkt da schon das Aufgabengebiet der Augenfachärztinnen und -ärzte. Aber auch sie sind vom demografischen Wandel betroffen und die GÖG-Bedarfsstudie prognostiziert je nach Rechenmodell schon für 2025 eine Differenz zwischen Angebot und Bedarf von 89 bis 257 Ärzten pro Jahr – für ganz Österreich. Trotzdem ist die Situation ruhig; die Fachgruppe hat noch keinen Hilferuf ausgesandt, wie etwa die Pathologen oder Chirurgen.

Elisabeth Sochor-Micheler, Fachgruppenobfrau der Fachärztinnen und -ärzte für Augenheilkunde und Optometrie, meint, ein Hilferuf würde wenig helfen. Noch sei auch kein Mangel an ausgebildeten Augenärzten zu verzeichnen. „In den nächsten drei bis fünf Jahren werden wir pensionsbedingt einen Mangel haben.“ Zwei Drittel der steirischen Augenärzte seien über 60 Jahre alt oder knapp darunter. Noch bemerkt Sochor-Micheler auch keinen verstärkten Patientenandrang, trotz der veränderten Altersstruktur der Bevölkerung. „Es kommen nicht eklatant mehr in die Ordination. Was sich geändert hat ist, dass die Menschen heute informierter sind und früher kommen, wenn sie eine Veränderung bemerken.“

Die Fachgruppenobfrau meint, es befänden sich auch genügend Junge in Ausbildung, um die frei werdenden Stellen abzudecken. Eine Verbesserung der §2-Vertragsbedingungen wäre jedoch begrüßenswert, schließlich sei die Bezahlung trotz des enorm investitionsreichen apparativen Aufwands nicht besonders hoch. Mit echter Besorgnis beobachtet sie allerdings das Phänomen, dass kein Junger mehr bereit sei, in die Peripherie zu gehen. „Sie wollen in der Stadt leben und pendeln nicht einmal nach Voitsberg oder Köflach hinaus und nehmen nicht einmal eine Vertretung außerhalb von Graz an. Hier braucht es ein Umdenken.“


„Thema entideologisieren“

Der steirische Ärztekammerpräsident Herwig Linder zum Thema Mangel.

Was ist Ärztemangel eigentlich?

Lindner: Auf diese Frage gibt es viele Antworten. Vom Landärztemangel und vom Hausärztemangel wird viel gesprochen. Dass es eigentlich ein Kassenärztemangel ist, der am Land früher auffällt als im städtischen Bereich, rückte erst in letzter Zeit ins Bewusstsein. Der Fachärztemangel in der Niederlassung und in den Spitälern ist bis heute kein wirklich breit diskutiertes Thema.

Wird zu wenig Überzeugungsarbeit gemacht?

Lindner: Bekämpfen kann man den Mangel am besten zu einem Zeitpunkt, wo er zwar absehbar, aber noch nicht wirklich spürbar ist. Niemand kann Ärztinnen und Ärzte aus dem Hut zaubern. Breites Interesse findet das Thema Ärztemangel erst dann, wenn die Patientinnen und Patienten darunter leiden. Dann kommen gute Maßnahmen schon zu spät. Daran ändert auch intensive Überzeugungsarbeit nichts. Früh-, und damit rechtzeitig findet sie aber kaum Widerhall.

Was ist die Ursache für den Mangel?

Lindner: Es gibt ganz sicher nicht nur eine. Deswegen gibt es auch nicht die eine Maßnahme, die alle Probleme löst. Eine ordentliche Bezahlung ist natürlich nötig. Aber Geld allein genügt nicht. Ärztliche Freiheit spielt eine ganz wichtige Rolle. Damit meine ich, dass Ärztinnen und Ärzte ihren Beruf möglichst unbehindert von bürokratischen Hürden ausüben wollen. Die Wertschätzung für ein Fach und die Reputation sind wichtige Faktoren. Einige Fächer leiden auch unter fehlender Bekanntheit ihrer Arbeit.

In einigen Fächern gibt es zu wenig Ausbildungsstellen, in anderen fehlen die Interessenten für die Ausbildungsstellen …

Lindner: Dahinter steckt ein ganz wichtiges Problem – das schlechte Human-Ressources-Management. Wenn eine Oberärztin das öffentliche Gesundheitswesen verlässt, gibt es wenig Ursachenforschung. Kaum jemand blickt über den Tellerrand des eigenen Bereichs. Nehmen wir ein Beispiel: Fachärztinnen für Kinder- und Jugendheilkunde. Wenn wir wollen, dass es in zehn Jahren genug davon für die Praxen und die Spitäler gibt, muss heute in der Ärzteausbildung etwas geschehen. Für dieses Fach hätten die Maßnahmen aber schon vor zehn Jahren gestartet werden müssen.

Gibt es eine Maßnahme, die nicht hilft?

Lindner: Etwas, das immer wieder politisch gefordert wird, sind mehr Studienplätze an den Universitäten. Diese Maßnahme ist aber extrem teuer und überhaupt nicht zielgerichtet. Wenn im Wasserversorgungssystem einer Stadt Rohre lecken oder verstopft sind, kann man natürlich oben immer mehr Wasser hineinschütten. Es wird trotzdem zu wenig in den Haushalten ankommen, weil das Wasser unterwegs versickert. In der Ärzteausbildung ist es so ähnlich. Wenn uns in der Steiermark Anästhesisten fehlen und wir bilden deswegen an den Universitäten mehr Mediziner aus, werden viele davon als Internisten in deutschen Spitälern landen.

Ein Vorwurf ist auch, dass die Qualitätsstandards zu hoch sind.

Lindner: Ein syrischer Arzt muss in einem steirischen Spital Deutsch können. Eine Ausbildungsstelle muss in der Lage sein, die gesamten Inhalte eines Faches zu vermitteln. Das sind einfach Grundlagen. Eine Senkung der Standards wäre ein Armutszeugnis für das österreichische Gesundheitssystem. Dort, wo wir nicht gut genug sind, müssen wir besser werden. Das können wir auch, wenn wir wollen.

Gibt es trotzdem etwas, das über alle Bereiche gilt?

Lindner: Ja, wir müssen das Thema entideologisieren. Es gibt Ärztemangelleugner, so wie es Klimawandelleugner gibt. Wegen der Verleugnung des Ärztemangels wird zu spät gehandelt, nämlich erst dann, wenn es gar nicht mehr anders geht. Und wir brauchen ein allgemein anerkanntes statistisches Frühwarnsystem. Studien, die schubladisiert werden, nur weil die Zahlen nicht genehm sind, sind eine Katastrophe. Die Überbringer der Nachricht werden oft bekämpft, um die Nachricht nicht hören zu müssen. Richtig ist die Nachricht trotzdem.

Wie ein Fach zum Mangelfach wird

Es beginnt mit einer Feststellung der jeweiligen Fachgesellschaft, die konstatiert, dass zu wenig junge Ärztinnen und Ärzte ausgebildet werden, um den zukünftigen Fachärztebedarf in diesem Bereich zu decken. Darauf folgt eine Vorprüfung durch das Gesundheitsministerium, ob es der Einschätzung der Fachgesellschaft zustimmt. Ist dies der Fall, wird das Anliegen in der sogenannten Artikel 44-Kommission des Gesundheitsministeriums bearbeitet. Diese Kommission setzt sich aus Vertretern des Ministeriums, der Länder, der Träger sowohl der Ausbildungsstätten als auch der Sozialversicherung sowie der Österreichischen Ärztekammer zusammen. Letztlich trifft dann das Gesundheitsministerium eine entsprechende Verordnung dazu.

Ist ein Fach als Mangelfach deklariert, kann der Ausbildungsschlüssel so verändert werden, dass beispielsweise in einer Ausbildungsstätte mit nur zwei fachspezifischen Oberärztinnen und -ärzten bis zu vier Assistenzärztinnen und -ärzte ausgebildet werden können. Die Anerkennung erfolgt befristet. Neuerdings ist auch eine regionale Einschränkung auf ein oder mehrere Bundesländer möglich, was der steirische Ärztekammer-Vizepräsident Eiko Meister, als Vorsitzender des ÖÄK-Bildungsausschusses Mitglied der Artikel 44-Kommission, durchaus kritisch sieht.


AERZTE Steiermark 05/2019

Fotos: Adobe Stock, Wolf




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