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Spitalsärzteversammlung LKH Feldbach
25.02.2019, 14:00 Uhr

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10 Jahre ELGA: Zwischen Euphorie und Ignoranz

2009 wurde die ELGA-Gesellschaft gegründet. Heute – zehn Jahre später – wissen viele Österreicherinnen und Österreicher dennoch sehr wenig darüber. Und auch viele Ärztinnen und Ärzte sehen den Nutzen nicht. Aber nicht an allen Problemen, die mit ELGA verknüpft werden, hat ELGA Schuld.

Martin Novak

10 Jahre ELGA, könnte man sagen. Denn 2009 wurde die ELGA GmbH gegründet, jene Gesellschaft, deren Unternehmensgegenstand „die nicht auf Gewinn gerichtete Erbringung von im Allgemeininteresse liegenden Serviceleistungen auf dem Gebiet der Daseinsvorsorge im Bereich von e-Health zur Einführung und Implementierung der elektronischen Gesundheitsakte (ELGA)“ ist.

Heute, 2019, ist ELGA immer noch ein Torso. Es gab euphorische Zustimmung und heftige Ablehnung gleichermaßen. Eine nüchterne Beurteilung traf die ÖÄK bei einer Pressekonferenz im Dezember: Aus ärztlicher Sicht kann ELGA Vorteile bringen – tut es aber (noch) nicht in ausreichender Form. Eine IMAS-Umfrage unter 1.200 Spitalsärztinnen und Spitalsärzten im Herbst vorigen Jahres listet die Probleme auf: Die Usability wird als unzureichend bewertet. Besonders kritisch wird der erhebliche Zeitaufwand gesehen, der notwendig sei, um zu den erforderlichen Informationen zu kommen.

Technikfeindlich

Von ärztlicher Seite gab es immer wieder Kritik an ELGA. „Ärztinnen und Ärzte sind halt technikfeindlich“, so die Reaktion der ELGA-Euphoriker, die von Medien gerne übernommen wird. „Ärztinnen und Ärzte gehören zu den technikbegeistertsten Menschen in der Gesellschaft“, schreibt der amerikanische Arzt Atul Gawande – kürzlich vom Time Magazine in die Liste der 50 einflussreichsten US-Gesundheitsexpertinnen und -experten aufgenommen. Gawandes Essay (erschienen im November 2018 in der Zeitschrift New Yorker) trägt aber den Titel „Warum Ärztinnen und Ärzte ihre Computer hassen“. Nicht, weil sie Computer grundsätzlich nicht mögen, lautet seine Antwort, sondern weil die IT im ärztlichen Alltag (und nicht nur im ärztlichen) Vorteile verspricht, die sie dann nicht liefert. Laut einer Studie kommen auf eine Stunde Patienten-Kontakt zwei Stunden Arbeit am Bildschirm, unabhängig von der verwendeten Software. Gawande zitiert in dem Artikel eine Kollegin, die täglich außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit Zeit am Computer verbringen muss, um alle Daten einzugeben: „Zusätzlich Zeit aufzuwenden, ärgert mich nicht. Die Sinnlosigkeit [dieser Arbeit] tut es.“ Das Fazit der Ärztin: Die Software habe „ein Monster an Unverständlichkeit“ produziert.

„Natürlich schreitet die Digitalisierung rasend schnell voran. Wir sind auf diesem Weg als verlässlicher Partner dann dabei, wenn Projekte sinnvoll sind, den Patienten nützen und uns Ärztinnen und Ärzten die Arbeit erleichtern. Nicht alles, was als innovativ daherkommt, ist brauchbar. Manches gefährdet das Arzt-Patient-Verhältnis oder bedroht die ärztliche Freiberuflichkeit, manche Technologien wollen Ärzte nicht unterstützen, sondern ersetzen“, so Johannes Steinhart, ÖÄK-Vizepräsident und Bundesobmann der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte.

ELGA ist nicht schuld

„ELGA wird für viele Probleme verantwortlich gemacht, die bei den Anwendungen liegen“, gibt Dietmar Bayer, ÖÄK-IT-Referent und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Telemedizin, zu bedenken. Die Vollständigkeit der Daten, die Gebrauchstauglichkeit der Anwendungen, die Struktur – und damit die Lesbarkeit – der gespeicherten Daten und die Hilfe durch eine qualifizierte Dokumentationsassistenz, die dafür sorgt, dass Computer nicht zwischen Ärztin/Arzt und Patientin/Patient stehen, sind die drängendsten Wünsche. Im Prinzip wäre das alles möglich, aber es gibt Hürden. Die beginnen bei der unzureichenden Verfügbarkeit von Breitband-Ressourcen, was die Computer-Arbeit verlangsamt; das sind wenig ergonomische Software-Lösungen am Frontend und es ist wohl generell das gesundheitspolitische Ziel, durch IT-Lösungen Kosten zu senken, statt die Qualität der Arbeit zu verbessern. Rein technisch wäre etwa die Weitergabe von Gesundheitsdaten nach CDA Level 3 ( Clinical Document Architecture Level 3) bzw. EIS 3 full support als ELGA-Interoperabilitätsstufe jederzeit machbar.

Schutz und Nutzen

Durchaus begründet wurde bei ELGA von Anfang an sehr viel Wert auf Datenschutz gelegt. Patientinnen und Patienten können deswegen die Aufnahme von Gesundheitsinformationen in ELGA verhindern – generell oder nur für einzelne Daten. Einige hunderttausend tun das auch. Nicht viele, bezogen auf die Gesamtzahl der Anwenderinnen und Anwender, aber so viele, dass sich Ärztinnen und Ärzte eben nicht darauf verlassen können, dass die verfügbaren Informationen vollständig sind. Was den Wert in der täglichen Nutzung natürlich senkt. Gleichzeitig sorgt die Aufklärungspflicht beim situativen Opt-out auch für erheblichen Aufwand für die ärztlichen Anwenderinnen und Anwender. Das Problem wurde zwar dadurch entschärft, dass eine persönliche Aufklärung etwa bei psychiatrischen Erkrankungen nur mehr dann vorgeschrieben ist, wenn es sich um die Hauptdiagnose handelt. Aber es besteht.

In der Theorie klingt alles gut: „Die Patientinnen und Patienten sollen in ihrer Selbstverantwortung hinsichtlich der eigenen Gesundheit unterstützt werden. Hierfür stehen uns im Zuge der Digitalisierung verschiedenste Möglichkeiten für mehr Autonomie beim eigenen Gesundheitsmanagement zur Verfügung. Durch ELGA bieten wir allen Österreicherinnen und Österreichern die Möglichkeit, selbstständig die eigenen Gesundheitsdaten einfach und digital einsehen und verwalten zu können“, schreibt Sozial- und Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein im Tätigkeitsbericht der ELGA-Ombudsstelle 2017 .

Viele wissen nicht Bescheid

65 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher haben laut IMAS-Umfrage „schon einmal von ELGA gehört oder gelesen“. Das bedeutet im Umkehrschluss: Trotz intensiver Kommunikationsarbeit wissen 35 Prozent noch immer nicht, dass es ELGA gibt. Und auch nur 43 Prozent meinen, dass bei ELGA die Vorteile überwiegen. 19 Prozent sagen, die Nachteile überwiegen, 38 Prozent sind unentschlossen. Eine gewisse Gleichgültigkeit der Bevölkerung gegenüber ELGA lässt sich auch aus der Zahl der Anfragen bei den ELGA-Ombudsstellen ablesen. Knapp 700 waren es im Jahr 2017. Bei der steirischen Stelle waren es im Berichtszeitraum 2017 gerade 61, im stärksten Monat 11, im schwächsten nur eine. Für das Jahr 2018 könnte das Interesse aber zunehmen, weil es mit der E-Medikation eine praktische Anwendung gibt.

Daher auch die Forderung der Österreichischen Ärztekammer, die Aufklärung der Bevölkerung (und der Ärztinnen und Ärzte) weiter voranzutreiben.

Auch eine Vereinfachung der Strukturen wäre wünschenswert. Drei staatliche Unternehmen arbeiten derzeit an der Entwicklung von E-Projekten im Gesundheitswesen – die ELGA GmbH, die Sozialversicherungs-Chipkarten GmbH ( SVC ) und die ITSV GmbH. Eine Harmonisierung wäre gerade in Zeiten der Vereinfachung der Kassenstrukturen nur logisch – es gibt aber wenig Anzeichen, dass sie tatsächlich geplant ist.

Grafik: ELGA

Fotos: Zinner, Adobe Photostock, Schiffer, Ärztekammer Wien

AERZTE Steiermark 01/2019




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