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„Stärkster Prädiktor für die Lebenserwartung“

Erspart Sport den Gang zum Arzt? „Ja, erwiesenermaßen“, erklärt der Salzburger Sportmedizin-Professor Josef Niebauer. Anlässlich der Grazer Fortbildungstage hat er eine Morgenvorlesung zum Thema gehalten.

„Körperliche Inaktivität verursacht weltweit gleich viele Todesfälle wie Rauchen“, warnt Josef Niebauer, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin und Professor am Institut für präventive und rehabilitative Sportmedizin der Paracelsus Meduni Salzburg.

Die körperliche Leistungsfähigkeit stellt laut internationalen Studien den stärksten Prädiktor für die Lebenserwartung dar. Und da blickt Niebauer in eine düstere Zukunft. „Die körperliche Fitness der Durchschnittsbevölkerung ist mittlerweile so schlecht, dass sie sogar schon durch Zufußgehen oder durch Telefonieren im Stehen verbessert werden kann.“ Nicht einmal ein Kilometer pro Tag wird im Schnitt zu Fuß zurückgelegt; mehr als drei Viertel der österreichischen Bevölkerung erfüllen nicht einmal das Mindestmaß an Bewegung, das die WHO empfiehlt, nämlich an mindestens drei Tagen pro Woche je nach Intensität für 30 bis 60 Minuten, insgesamt aber mindestens 150 Minuten pro Woche körperlich aktiv zu sein und im besten Fall noch zweimal Krafttraining pro Woche. „Die Ausrede, der Job sei zu stressig, um dann auch noch Sport zu betreiben, lasse ich nicht gelten – es handelt sich um eine reine Frage der Priorisierung“, stellt Niebauer klar. „Die meisten Berufstätigen sind nach der Arbeit vielleicht psychisch erschöpft – das glaube ich sofort. Aber gerade in dieser Situation hilft Sport. Nach einer Runde Laufen fühlt man sich wacher als zuvor und ist auch stimmungsmäßig besser drauf.“ Aber viele würden sich abends bloß beim Sitzen vom Sitzen tagsüber erholen, weil ihnen die belebende Wirkung der Bewegung nicht bewusst sei.

Auch Ärzte in der Pflicht

„Auch wir Ärzte machen zu wenig Sport und empfehlen zu wenig Sport“, nimmt er auch seine Kolleginnen und Kollegen in die Pflicht. Niebauer selbst schöpft viel Kraft aus dem Ausdauersport und ist auch Taekwondo-Trainer. Seinen Arbeitsweg sowie Auswärtstermine in der Umgebung – rund 20 Kilometer täglich – legt er bei jedem Wetter mit dem Rad zurück. „Vor Auswärtsterminen rufe ich eben vorher an, ob ich mich dort frisch machen kann – und das war noch nie ein Problem.“ Bei einem Sportmedizin-Professor tut ein derartiges Ansinnen der Seriosität auch keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, zeugt es doch von Authentizität.

Empfiehlt Niebauer seinen Patientinnen und Patienten Sport als Therapeutikum, achtet er gewissenhaft auf die Dosierung. „Ganz wichtig ist, dass die Sport-Neulinge keine Rückschritte erleiden, denn das frustriert sofort. Daher kann die erste Anweisung durchaus lauten, zwei Wochen lang abends bloß um den Häuserblock zu gehen. Dann wird das Pensum sukzessive gesteigert.“

Gerade in der Betreuung der „Sport-Novizen“, wie Niebauer sie nennt, sind Ärztinnen und Ärzte als Begleiter gefordert. Da erfolgt noch vor dem Trainingsbeginn eine sportärztliche Untersuchung inklusive Lungenfunktionstest, Ruhe-EKG und Belastungs-EKG. „Wenn ich mit einem Auto, das 20 Jahre lang in der Garage gestanden ist, bis Sizilien fahren möchte, lasse ich es ja auch zuvor in der Werkstatt überprüfen.“

Aber auch die Erhebung persönlicher Vorlieben, an die der Trainingsplan dann angepasst wird, hat für Niebauer einen hohen Stellenwert. Während zu Beginn oft „Laufen ohne Schnaufen“ angesagt ist, sollte in weiterer Folge zunehmend geschwitzt werden. Die Intensität sei so zu steigern, dass beim Training nur mehr kurze Sätze gesprochen werden können – „aber schon noch ein bisschen mehr als ‚Hilfe!´ oder ‚Arzt!´“.

Überdosis unbekannt

Zu viel Sport ist laut Niebauer kein Thema: „Das betrifft so wenige Menschen, dass ich – überspitzt gesagt – alle beim Vornamen kenne. Prinzipiell kann man alles missbrauchen, auch den Sport. Aber davor zu warnen wäre ähnlich unangebracht, wie für den Gebrauch von Messer und Gabel einen Waffenschein zu verlangen.“ Sorgen macht er sich eher um diejenigen, die nach langer Pause oder überhaupt zum ersten Mal in ihrem Leben Sport treiben möchten und dann gleich einen Marathon anpeilen. Generell würden die sportlichen Aktivitäten, die Menschen unternehmen, eher überschätzt, aber: „Die Hauptsache ist, sie bewegen sich überhaupt, da will ich niemandem seine Lieblingssportart madig machen.“ Eines konstatiert Niebauer allerdings: „E-Bike-Fahren ist kein Sport.“ Beim Golfen sei man zumindest ein paar Stunden im Freien und wer seinen Wagen selbst zieht, ist dabei körperlich aktiv. „Ich freue mich über jeden, der überhaupt draußen ist, weil man mit dem auch darüber reden kann, wie sich das Training noch steigern ließe.“ Denn der Erhalt der eigenen Un-Fitness falle noch nicht in die Kategorie Training. „Was man auch den Patientinnen und Patienten mit Herzkreislauferkrankungen, Bluthochdruck oder Diabetes klarmachen muss ist, dass der Sport, wenn er wie ein Therapeutikum wirken soll, in Häufigkeit und Intensität deutlich hochgefahren werden muss.“

Verantwortung des Staates

Neben der Selbstverantwortung, die jeder und jede für den Körper trägt, mahnt Niebauer auch die Verantwortung des Staates ein: „Sport als Therapeutikum muss finanziert werden – und nicht nur die Reparaturkosten für Menschen, die von der wichtigsten Form der Prävention keinen Gebrauch machen! Wieso ist die sportärztliche Untersuchung selbst zu bezahlen, wenn doch aktive Sportler der Gesellschaft nachweislich Behandlungskosten ersparen?“

Ein weiteres großes Anliegen ist Niebauer die Bereitstellung von Infrastruktur für jene, die Sport treiben wollen – auch für diejenigen mit einer Vorerkrankung. „Da braucht es Präventionszentren zum Trainieren, denn kaum ein Sportverein hat Sportangebote beispielsweise für Bypass-Operierte. Auch ist die ambulante Reha vergleichsweise günstig und hat den Vorteil, dass dort im Idealfall lebenslänglich und wohnortnah weitertrainiert werden kann, sofern im Anschluss an die Reha ein weiteres Angebot erfolgt. Beispielsweise in einem Präventionszentrum.“

Klar sei die medizinische Begleitung kostenintensiv – aber beileibe nicht so teuer wie die Reparaturmedizin. Niebauer war in Heidelberg einer der ärztlichen Begleiter einer Herzsportgruppe, die dreimal wöchentlich Fußball und einmal in der Woche Wasserrugby gespielt hat. Dabei zeigte sich auch die Ausdauer der Betroffenen. „Wer nach einem Jahr noch dabei war, hat auch nach sechs Jahren noch mitgemacht.“

Herzsport auf Rezept

Die begleitenden universitären Studien konnten die Verbesserungen im Fettstoffwechsel und die Verlangsamung der Progression der Herzerkrankungen auch wissenschaftlich belegen. „Warum gibt es bei uns nicht Herzsport auf Rezept? Und wann wird der Bewegungscoach Teil der Diabetikerschulung – analog zur angebotenen Ernährungsberatung. Bei einer Verhaltensänderung braucht es Unterstützung – und die könnte in Präventionszentren unter ärztlicher Beteiligung geboten werden. Aber diese Zentren sollten den Betroffenen nicht im Nachhinein eine Rechnung schicken, ganz im Gegenteil. Regelmäßiges Training sollte mit Bonuspunkten belohnt werden, schließlich sind wir im Grunde unseres Herzens noch Jäger und Sammler.“ Die Bonuspunkte könnten dann gesundheitsbezogene Erleichterungen bringen: Rezeptgebührenbefreiung oder ein günstigerer Krankenkassentarif fallen Niebauer spontan als mögliche Belohnungen ein. Es gibt nur eine Situation, in der Niebauer keinen Sport empfiehlt, nämlich im Krankheitsfall. „Geübte Sportler spüren das ohnehin sofort, wenn sie nicht fit genug für ihre Trainingseinheit sind.“ Und dann heißt es nicht „Sport statt Arzt“, sondern „Arzt statt Sport“.


AERZTE Steiermark 10/2018

Foto: Fotolia, SALK - Wild & Team




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