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Lehrpraxis: „Hätte ich auch gerne gemacht“

Kurt Weber heißt der erste steirische Jungarzt in einer Lehrpraxis nach der neuen Ausbildungsordnung. Schon nach gut zwei Monaten sind er und sein Lehrpraxisinhaber Thomas Zorn ein eingespieltes Team.

Ursula Jungmeier-Scholz

„Ich wollte in Zeiten zunehmenden Ärztemangels etwas dazu beitragen, das Interesse der Jungärzte für die Hausarzt-Praxis zu fördern“, erklärt Allgemeinmediziner Thomas Zorn seine Motivation, einen Lehrpraktikanten zu beschäftigen. „Ich möchte ja schließlich, wenn ich dann in Pension gehe, auch einen Nachfolger finden.“ Bis dahin werden wohl noch mehrere Lehrpraktikanten und -praktikantinnen seine Kassenpraxis in Haus im Ennstal bereichern, denn Zorn macht gerade sehr positive Erfahrungen.

Natürlich bedeute die Lehrpraxis anfangs einen Mehraufwand, möchte Zorn seinen Kolleginnen und Kollegen als Erfahrung mitgeben. Aber ungefähr ab der Hälfte der Lehrpraxis sei der junge Arzt oder die Ärztin so weit eingearbeitet, dass er oder sie einen spürbar entlaste.

Gut für beide Seiten

Kurt Weber ist Zorns erster Arzt in Ausbildung und steiermarkweit der erste Lehrpraktikant nach der neuen Ausbildungsordnung. Seit Anfang Juli arbeiten Zorn und Weber im Team und beide ziehen deutlich positiv Bilanz. „Mir tut es leid, dass ich vor 20 Jahren so etwas noch nicht habe machen können“, sagt Ausbildner Zorn. „Ich habe wohl zwei Jahre als Wahlarzt und Vertretungsarzt gebraucht, um mir das anzueignen, was mein junger Kollege in sechs Monaten lernen wird.“

Er habe sich damals von erfahrenen AllgemeinmedizinerInnen Tipps geben lassen. „Ich bin auch froh über die Möglichkeit der Lehrpraxis“, bekennt Jungarzt Weber. „Sie ist für beide Seiten eine gute Sache.“ Der eine lernt „Medizin ohne viel Technik“, wie es Zorn ausdrückt. „Wir sind technisch gut ausgestattet, arbeiten aber trotzdem ohne Ultraschall, Röntgen und Akutlabor – da lernt man, mit den Händen weiterzukommen.“ Der andere wird nach der Einarbeitungsphase in seiner täglichen Arbeit entlastet – und bekommt auch aktuelle Informationen über den Usus in Spitälern.

100 pro Jahr

Seit Inkrafttreten der neuen Ausbildungsordnung zählt das halbe Jahr Lehrpraxis im Anschluss an die drei Turnusjahre im Spital zu den verpflichtenden Voraussetzungen zur Erlangung des jus practicandi. In der Steiermark, so die Prognosen, werden jährlich um die hundert Ausbildungsplätze dafür benötigt.

Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte dürfen Turnusärzte und -ärztinnen nach der ÄAO 2015 ausbilden, sobald sie über eine entsprechende bescheidmäßige Anerkennung der ÖÄK als Lehr(gruppen)praxis verfügen (die Anerkennung nach ÄAO 2006 allein genügt nicht).

Die TurnusärztInnen sind dann für 30 Wochenstunden direkt beim Lehrpraxisinhaber angestellt, die Förderabwicklung und Auszahlung der Fördersummen übernimmt die Ärztekammer; ein steirisches Sondermodell , weil hier nicht wie in den meisten anderen Bundesländern üblich, die LehrpraktikantInnen über die Landes-Spitalsträger ihre Verträge erhalten. Zwar war im ursprünglichen Kooperationsmodell mit der KAGes vorgesehen, dass die Jungärztinnen und -ärzte weiterhin die Gelegenheit haben sollten, Dienste im Spital zu übernehmen, derzeit ist das aber nicht möglich.

„Dienste wären Pluspunkt“

„Dienste im Spital übernehmen zu können, wäre schon ein Pluspunkt“, hält Weber fest. Denn die Lehrpraktikanten erhalten lediglich das Gehalt für 30 Wochenstunden – auf Basis des Turnusarzt-Grundgehalts. Das ist aber auch schon der einzige Verbesserungsvorschlag, der Weber zur Lehrpraxis einfällt. Ansonsten lobt er das familiäre Arbeitsklima im Fünfer-Team der Praxis, weiß aber auch die Geduld und Dankbarkeit der Patientinnen und Patienten zu schätzen. Und nicht zu vergessen: das breite fachliche Spektrum, mit dem er in Kontakt kommt. Als Herausforderung hingegen empfindet er vor allem die nichtärztlichen Tätigkeiten. „Was pro Quartal wie oft verrechnet werden darf, aber auch Anträge für Heilbehelfe und Kuraufenthalte – damit hatte ich im Spital nie etwas zu tun“, so Weber.

Lehrpraxis-Arzt Zorn hatte anfangs eher die Befürchtung, den Praktikanten durch den Zeitdruck und nie abreißenden Patientenstrom in der Kassenpraxis zu desillusionieren. „Es kann schon stressig werden, wenn das Wartezimmer voll ist und ich habe mehr Zeitdruck als im Spital. Aber da muss ich mich eben beeilen und besonders fokussiert schauen“, meint Weber nur dazu. Abgeschreckt hat es ihn nicht.

Eher Land als Stadt

Er könne sich schon vorstellen, in Zukunft eine ländliche Kassenpraxis zu übernehmen, erklärt der gebürtige Liezener Weber. „Eher als in der Stadt.“ Die Entscheidung wird auch davon abhängen, wie leicht in seiner Heimatregion ein Kassenvertrag zu bekommen sein wird. Für den Fall einer baldigen Praxisübernahme liebäugelt Weber mit dem neuen Modell des Jobsharings, das ab April 2019 möglich sein soll.

Noch macht er seine Arbeit mit seinem Ausbildner als Teampartner, denn die beiden schauen sich die PatientInnen grundsätzlich zusammen an, fahren zu zweit zu den Hausbesuchen und sind wochenends manchmal auch zusammen in Bereitschaft. „Es gibt nur ganz wenige Patienten, die den Doktor allein sehen wollen – und das verstehe ich auch. Meist möchten sie dann etwas Privates besprechen“, erklärt Weber. „Fast alle Patienten sehen es gerne, dass sich ein junger Arzt für die Arbeit bei uns am Land interessiert“, betont Allgemeinmediziner Zorn. Er hat die Bevölkerung aber auch einfühlsam darauf vorbereitet, dass in seiner Ordination nun für ein halbes Jahr ein weiterer Arzt vor Ort sein würde: In der Gemeindezeitung erschien ein Artikel darüber, samt Foto, in dem die Menschen auch dahingehend beruhigt wurden, dass selbstverständlich auch der „Neue“ der ärztlichen Verschwiegenheitspflicht unterliegt.

Über die Ärztekammer

Zueinander gefunden haben die beiden Ärzte, die mittlerweile so gut harmonieren, ganz einfach: Zorn hatte über eine Aussendung der Ärztekammer von der neuen Verpflichtung zur Lehrpraxis erfahren und sich entschlossen, um eine Anerkennung anzusuchen. „Ich habe – auch von der Ärztekammer – eine Liste mit den zur Auswahl stehenden Lehrpraxen gemailt bekommen“, erzählt Turnusarzt Weber. Von dieser Liste hat er sich dann jemanden gesucht, dessen Praxis in der Nähe seiner Heimat liegt. Einen Anruf und zwei vorbereitende Besuche im Ennstal später konnte Weber schon den weißen Mantel anziehen und mit der Arbeit beginnen.

Das neue Lehrpraxis-System

Seit 01.06.2015 ist die Lehrpraxis in der Allgemeinmedizin-Ausbildung obligatorisch. Damit hat auch Österreich das, was andere Ländern schon weit länger praktizieren. Mit der fixen Lehrpraxis gibt es auch eine fixe Finanzierung: Bund, Länder und Sozialversicherungen übernehmen 90 Prozent der Kosten.

Jahrzehnte lang forderten vor allem Ärztekammer, Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) und die Jungen Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner Österreichs ( JAMÖ) etwas, das es in anderen Ländern Europas schon längst gibt: dass ein Teil der Allgemeinmedizin-Ausbildung ganz selbstverständlich auch in der Lehrpraxis stattfindet und nicht nur im Spital.

Die Möglichkeit der Lehrpraxis gibt es zwar schon seit gut zwei Jahrzehnten, aber nur auf freiwilliger Basis und mit ungenügenden Förderungen, die immer wieder beklagt wurden. Das ist nun anders: Seit Mitte des Jahres 2018 ist die Lehrpraxis neu Wirklichkeit. Die Lehrpraxisinhaberinnen und -inhaber müssen nur mehr zehn Prozent der Kosten tragen, 25 Prozent (allerdings gedeckelt) übernimmt der Bund, je 32,5 Prozent Länder und Sozialversicherungen.

Diese endgültige Vereinbarung (sie gilt für drei Jahre) wurde im Februar dieses Jahres präsentiert. „Die Lehrpraxen sind ein Teil unserer Maßnahmen, das österreichische Hausarztsystem zukunftsfit zu machen“, sagte Hauptverbandschef Alexander Biach bei dieser Präsentation.

Der österreichische Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres sprach von einem wichtigen Schritt, „um dem Hausärztemangel langfristig entgegenzuwirken“. ÖÄK-Vizepräsident und Bundeskurienobmann Johannes Steinhart bezeichnete die Lehrpraxis als „Hebel, um mehr Ärzte in den niedergelassenen Bereich zu bringen“ und als Beitrag „zu besser ausgebildeten Allgemeinmedizinern“.

Gesundheitsministerin Hartinger-Klein wies darauf hin, dass es gelungen sei, „Sozialversicherung, Länder und Ärztekammer als Systempartner mit ins Boot zu holen“.

Ein spezielles Problem in der Steiermark war, dass die ursprüngliche Idee, die jungen Ärztinnen und Ärzte während der Lehrpraxisausbildung beim Spitalsträger weiterzubeschäftigen, nicht verwirklicht werden konnte. Das bedeutet: Ärztinnen und Ärzte in Lehrpraxisausbildung werden in den sechs Monaten von den Lehrpraxisinhaberinnen und -inhabern beschäftigt. Allerdings mit einem Sicherheitsnetz im Hintergrund. Der „Systempartner“ Ärztekammer Steiermark erklärte sich im Juni bereit, das Fördermanagement für die Lehrpraxis zu übernehmen.

Das bedeutet, dass sich Lehrpraxisinhaberinnen und -inhaber nicht darum kümmern müssen, wie sie zu den Fördermitteln von Bund, Ländern und Sozialversicherungen kommen – und sie müssen auch die Zwischenfinanzierung nicht tragen. Dafür sorgt die Ärztekammer.

Glücklicherweise muss man aus Sicht der Lehrpraxisinhaberinnen und -inhaber sagen.

Denn die öffentliche Fördermaschinerie lief nur langsam an. Das versprochene Förderportal war nicht von Anfang verfügbar.

Durch das Fördermanagement, zu dem auch die Zwischenfinanzierung gehört, wurden die Auswirkungen in den Lehrpraxen aber abgefedert. Die Inhaberinnen und Inhaber müssen die Gehälter ihrer jungen Kolleginnen und Kollegen nicht vorfinanzieren, die Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung erhalten ihre Gehälter in den Lehrpraxismonaten ohne Verzögerung.

Eine gute Nachricht gibt es jedenfalls: Es ist eine ausreichende Zahl von Ärztinnen und Ärzten vorhanden, die die Voraussetzungen als Lehrpraxisinhaberinnen und -inhaber erfüllen, und es spricht auch vieles dafür, dass genug Ärztinnen und Ärzte tatsächlich dazu bereit sind, junge Ärztinnen und Ärzte auszubilden. Von denen andererseits auch gute Impulse für die Praxis kommen.

Mitten im medizinischen Leben

Lehrpraktikantin Elke Steinecker liebt die Medizin – weniger die indirekte, wo Laborwerte nur so über den Bildschirm sausen, sondern viel mehr die direkte, gute alte 5-Sinne-Medizin Aug in Auge mit den Menschen, die ihre Hilfe suchen.

In der Birkfelder Praxis von Michael Adomeit findet Steinecker die perfekten Voraussetzungen, diese Leidenschaft voll auszuleben. „Die Allgemeinmedizin fasziniert mich total – vor allem, weil sie so offen und so vielfältig ist“, schwärmt Steinecker. „Wir machen hier sehr viel selbst, weil das nächste LKH ja doch ein Stück weg ist. Deshalb kann ich hier wirklich breite Erfahrungen sammeln, vom Säugling bis zur Sterbebegleitung. Beim Turnus im Spital habe ich weniger direkt mit Patienten arbeiten können.“

Besonders ansprechend findet Steinecker, dass sie ihre PatientInnen nicht nur in der Ordination betreut, sondern auch auf Hausbesuchen. „Das ist ein ganz anderes Arbeiten, wenn man den familiären Bezug der Patientinnen und Patienten mitbekommt – ich arbeite ganz nahe an den Menschen und bin oft auch sehr berührt, wie gut sie das annehmen und wie dankbar sie dafür sind. Das ist echt schön.“

Wobei Steinecker nicht als „geborene Hausärztin“ auf die Welt gekommen ist: Die 42-Jährige hat ihr Studium 2004 abgeschlossen – und war dann 15 Jahre zuhause bei ihren drei Kindern. „Ich habe lange nicht genau gewusst, für welches Fach ich mich entscheiden soll – bis mir klar geworden ist, dass ich das pralle medizinische Leben am Patienten am liebsten mag. Und das finde ich hier am Land und in der Allgemeinmedizin.“

Lehrpraxis-Chef Michael Adomeit bekommt von seiner motivierten und begeisterten Praktikantin auch Einiges zurück: „Fortbildung ist mir ohnehin ein Herzensanliegen. Und wenn man dann jemand mit frischem Wissen aus der Klinik in der Ordination hat, ist das nochmal eine zusätzliche gute Motivation, sich das eine oder andere Neue genauer anzuschauen. Hinzu kommt: Neue Sichtweisen und Blickwinkel, die die Kollegin einbringt, empfinde ich als sehr wertvolle Bereicherung.“

 

Die Liste der Lehrpraxen finden Sie hier

 

AERZTE Steiermark 10/2018

Fotos: Fotolia, beigestellt




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