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„Ich laufe einfach los“

Lebensstiländerung statt Medikation, das ist das Heilmittel, das die Assistenzärztin und Marathon-Siegerin Elisabeth Smolle ihren Patientinnen und Patienten gerne verschreiben würde. Sich selbst verordnet sie Laufen in hoher Dosis.

Zart – so lässt sich der erste Eindruck von Elisabeth Smolle beschreiben. Und zerbrechlich, läge da nahe. Doch auf die angehende Lungenfachärztin passt eher das Epitheton „zäh“. Gerade eben ist sie einen Bergmarathon gelaufen, bei dem sie österreichische Vizemeisterin geworden ist. Fünf Stunden bergauf, 44 Kilometer und 2.100 Höhenmeter. Drei Stunden davon, so Smolle, habe sie unheimlich gefroren. Durchgehalten hat sie trotzdem.

Mit 14 Jahren, mitten in ihrer Trainingszeit für Sportakrobatik, hat Elisabeth Smolle zu laufen begonnen. „Weil ich mir diesen Sport neben der Schule gut einteilen konnte.“ Keim der neuen körperlichen Ertüchtigung war zudem das Ergründen mentaler Mechanismen. „Es hat mich einfach interessiert, warum es so vielen Menschen schwerfällt, beim Laufen länger durchzuhalten.“ Ihre Antwort darauf fiel relativ einfach aus: „Man muss nur üben, nach zwei Monaten geht es dann leicht.“ Als sie sich nach einer Meniskus-Operation mit 17 von der Sportakrobatik verabschieden musste, wurden ihre Laufdistanzen immer größer, und als sie dann im Studium gleichgesinnte Sportbegeisterte kennenlernte nochmals.

Statt Zirkusartistin

Die Medizin lag ihr zwar von mütterlicher wie väterlicher Seite im Blut – trotzdem wäre sie als Kind gerne Zirkusartistin geworden. Oder auch Tierärztin. Die letztliche Entscheidung für die Humanmedizin hat sie aber noch nie bereut: „Ich habe so viel über die Komplexität des Körpers gelernt – und das hat mich sofort fasziniert.“ Ihren in der Grazer Arztszene wohlbekannten Namen hat sie auf ihrem Berufsweg auch manchmal als Bürde empfunden; schließlich absolvierte sie ihr Studium unter dem Rektorat ihres Vaters. Widerstand bedeutet für sie aber stets zugleich Ansporn. „Klar gab es Vorurteile und die wird es immer geben. Aber ich kann nur mein Bestes geben und tagtäglich unter Beweis stellen, dass ich mir alles selbst erarbeitet habe.“

Dieses ausgeprägte Durchhaltevermögen – sie selbst bezeichnet sich als stur – lässt erahnen, wie Smolle trotz ihres zierlichen Körperbaus einen Marathon bewältigen kann. Und zwar siegreich. Beim vorjährigen Graz Marathon im Oktober kam sie als schnellste Frau ins Ziel, und das als Hobbyläuferin ohne professionelles Training. Als dann der LTV Köflach Interesse an ihrer Mitgliedschaft bekundete, ging Smolle erstmals in einen Verein. Aber nur unter einer Bedingung: „Ich lasse mich nicht einteilen und brauche auch keinen Trainingsplan. Für andere mag das passen, aber ich hätte ein Autoritätsproblem damit“, erklärt sie mit einem Augenzwinkern.

Einfach loslaufen

Ein Utensil hat jedoch Einzug in ihr Läuferinnen-Leben gehalten: die Pulsuhr. Aber selbst die nutzt sie auf ihre individuelle Weise. „Ich nehme mir nichts vor und schaue während des gesamten Trainings nie darauf. Ich will mich nicht unter Druck setzen, ich gehe einfach vor die Haustüre und laufe los.“ Erst im Nachhinein sichtet sie die während des Laufens gesammelten Werte. Auch ihr Equipment bleibt bewusst einfach, Barfußschuhe müssen es sein; das übrige Sportgewand wird bei einer Modekette für junge Menschen gekauft. „Laufen ist eine spartanische Sportart“, so ihre Überzeugung.

Der Erfolg gibt ihr recht: Smolle wurde seit dem heurigen Frühjahr schon steirische Vizemeisterin im Crosslauf, Vizemeisterin im Berglauf, österreichische Vizemeisterin und steirische Meisterin beim Salzburg Marathon. Die 3 Stunden 13, mit denen sie in Graz gesiegt hat, sind längst unterboten, in Salzburg waren es nur mehr 2 Stunden 53.

Das Lauftraining ist Teil ihres Morgenrituals: Vor Dienstbeginn dreht sie mindestens eine 15-Kilometer-Runde, gerne auch bergauf, ausgehend von ihrem Domizil in der Ragnitz. Hausstrecke hat sie keine, sondern sucht sich jedes Mal einen anderen Weg. „Wenn mich jemand fragt: ͵Welche Strecke läufst du immerʹ, frage ich gerne zurück ͵Welches Buch liest du immer?ʹ. Ich habe Tausende Laufstrecken, und wenn man dann 30 Kilometer läuft, landet man immer irgendwo draußen am Land.“ Winters läuft sie – für ihre Verhältnisse – langsam, dafür rund 150 Kilometer pro Woche. Sommers sinkt die Distanz auf 100 Wochenkilometer, die sie dafür schneller absolviert. Selbst vor dem Nachtdienst geht sie zwischen vier und sechs Uhr früh zum Training – und nach dem Dienst gleich noch einmal. „Am frühen Nachmittag werde ich dann müde.“

Medikament Bewegung

„Bewegung ist für mich ein Medikament“, sagt Smolle. Eines, das sie ihren Patientinnen und Patienten gerne öfter verschreiben würde. Aus dieser Mission resultiert auch ihr Fokus auf die Innere Medizin, wo ja aus der Perspektive der Pulmologin eine Lebensstilmodifikation wichtiger Teil des Heilungsprozesses ist. „Mit den Jahren der ärztlichen Tätigkeit“, so die erst 28-Jährige, „kommt zunehmend Hilflosigkeit auf, denn Medikamente können einen schädlichen Lebensstil nicht wirklich wettmachen.“

Zwei medizinische Spezialisierungen erscheinen Smolle daher attraktiv: Sportmedizin und Rehabilitation. Sowohl ein Verbleib im intramuralen Bereich als auch eine eigene Ordination kommen für sie in Frage. „Aber jetzt habe ich noch zweieinhalb Jahre Facharztausbildung vor mir, dann entscheide ich weiter.“ Mit dem ÖÄK-Diplom für
Sportmedizin hat sie jedenfalls schon begonnen.

Dass beim Marathonlaufen die Grenze des gesunden Sports bereits überschritten wird, ist der passionierten Läuferin durchaus bewusst. Und ihre weniger sportaffine Herkunftsfamilie sieht ihre intensiven Aktivitäten daher durchaus mit Besorgnis.

„Aber ich bin lieber auf dieser Seite des Spektrums von ungesund als auf der anderen, wo sich 80 Prozent meiner Patienten befinden.“ Und sie vergleicht einen Marathon mit einer Nacht Fortgehen im Univiertel. „Beides ist nicht wirklich gut für den Körper, aber wenn man es nur hin und wieder macht, ist nichts dagegen einzuwenden.“

Zeit für Kinder

Zwar läuft Smolle für ihr Leben gern – trotzdem ist Laufen nicht das Wichtigste in ihrem Leben. Ihr berufliches Fortkommen zählt ebenso viel, und ein Tag in der Woche bleibt für die Forschung reserviert. Und sie möchte unbedingt mit ihrem Verlobten, der ebenfalls Assistenzarzt ist, eine Familie gründen und sich auch als aktive Ärztin viel Zeit für die Kinder nehmen.

Welche Art von Selbstmanagement das erfordern wird, kann sie als Erstgeborene einer Vierkindfamilie mit zwei berufstätigen Elternteilen durchaus erahnen. Eine Herausforderung? Ja, aber für jemanden, der erst in der Überforderung sein volles Potential ausschöpft, eine durchaus verlockende.

 

AERZTE Steiermark Juli-August 2018

 

Fotos: Graz Marathon/GEPA-Riedler, LTV Köflach/Stefan Mayer




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