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25.11.2017, ab 09:30 Uhr

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Vollblut-Ärztin verschreibt eine Dosis Pferd

Allgemeinmedizinerin und Verhaltenstherapeutin Ursula Eichberger findet bei ihren Pferden Distanz zum Arbeitsstress. Aber auch Patientinnen und Patienten empfiehlt sie zur Heilung manchmal eine Dosis Pferd.

U. Jungmeier-Scholz

Schon als Kind entdeckte Ursula Eichberger jene beiden großen Leidenschaften, die ihr späteres Berufsleben bestimmen sollten: die Medizin und die Pferde. In ihrer Heimatstadt Kapfenberg wohnte sie direkt neben einer Hausärztin. „Sie ist mein großes Vorbild.“ Gleich angrenzend an den Hof, in dem Eichberger in ihrer Freizeit oft in einer Baumkrone saß, lag ein Reitstall. Bereits als Sechsjährige überredete sie ihre Eltern dazu, ihr Reitunterricht zu ermöglichen. Ab da durfte sie ein- bis zweimal im Monat reiten. Viel öfter saß sie im Baum und studierte das Verhalten der Tiere – wovon sie heute noch profitiert.

Bereits vor dem Ende ihres Medizinstudiums in Graz kaufte sie sich ihr erstes eigenes Pferd, das noch heute in ihrer Herde lebt. „Diese Stute war anfangs so schwierig im Umgang, dass ich mich entscheiden musste, sofort etwas zu unternehmen oder sie gleich wieder zu verkaufen.“ Eichberger gab dem Pferd eine Chance und vertiefte sich in „ Natural Horsemanship “ – in das, was man als Pferdeflüsterei bezeichnet. Auf diesem Weg ist sie auch beim Westernreiten gelandet: weil in dieser Disziplin mehr Reiter zu finden sind, die sich eingehend mit der Pferdeseele beschäftigen. Mittlerweile verfügt sie über abgeschlossene Übungsleiter-Ausbildungen im Westernreiten und Voltigieren und ist zudem geprüfte Wanderreitführerin.

Dosis Pferd gegen Burnout

Doch ihr Brotberuf sind nicht – oder nicht unmittelbar – die Pferde: Eichberger ist Allgemeinmedizinerin mit Diplom für psychotherapeutische Medizin sowie ausgebildete Verhaltenstherapeutin. In ihrer therapeutischen Arbeit allerdings verbindet sie häufig ihre medizinische mit ihrer hippologischen Kompetenz.

Während der Therapiestunden dürfen Patientinnen und Patienten der Reha-Klinik St. Radegund mit Eichbergers mittlerweile sechs eigenen Pferden – drei Ponys und drei Großpferde – ganz spezielle Erfahrungen machen. „Viele sind aufgrund eines Burnouts in der Rehabilitation und kommen im Kontakt mit dem Pferd zur Ruhe. Andere knüpfen in einer schwierigen Lebensphase, in der sie nach einem gesundheitlichen Ereignis Rehabilitation benötigen, im Umgang mit den Tieren an positive Kindheitserfahrungen an“, erzählt Eichberger. „Aber auch Menschen mit Angst- und Panikattacken profitieren von der Arbeit mit Pferden. Sie lernen, sich ihrer Angst zu stellen.“

Die Gabe der Pferde

Eichberger betont, auch ihr selbst hätten die Pferde dabei geholfen, den richtigen Weg zu finden – oder beizubehalten. „Nach besonders herausfordernden Arbeitstagen fällt es nicht immer leicht, abzuschalten. Sobald ich aber bei den Pferden bin, muss ich mich voll aufs Hier und Jetzt konzentrieren.“ Denn die nehmen feinste menschliche Signale wahr und können sogar Adrenalin riechen. Das ist ein Talent, über das Eichberger selbst gerne verfügen würde. „Wenn ein kranker Mensch die Ordination betritt, wüsste ich auch gerne so schnell und treffsicher, worauf ich mich einstellen muss.“

Zudem hilft die Sensibilität der Tiere, die Persönlichkeit jener Menschen weiterzuentwickeln, die sie führen (wollen). Wer da nämlich nicht ganz bei der Sache ist, erlebt, wie es sich anfühlt, von einem Pony spazieren geführt zu werden, das sich kurzerhand zum besten Grasplatz begibt. „Da müssen meine Patienten oft über sich selbst schmunzeln und können sich danach wesentlich besser konzentrieren, als wenn ich sie auf ihre Zerstreutheit hingewiesen hätte.“

Pferde sind auch erstaunlich versiert darin, die menschliche Körpersprache zu interpretieren. Im Umgang mit ihnen lässt sich daher ein ruhiges, sicheres Auftreten trainieren. Auf diese Kompetenz wird Ursula Eichberger in naher Zukunft mehr als sonst zurückgreifen, denn ihr steht eine gravierende berufliche Veränderung bevor – wenn sie mit Oktober ihre Kassenarztstelle in Birkfeld antritt.

Für alle Fälle gerüstet

Den Weg dorthin hat sie nicht im Galopp, sondern wie einen Wanderritt in Etappen genommen: Nach dem Medizinstudium in Graz startete sie mit einer internistischen Facharztausbildung an der Grazer Stoffwechsel-Ambulanz , wo sie häufig – auch im wissenschaftlichen Kontext – mit Adipositas-PatientInnen und Menschen mit Typ 2-Diabetes zu tun hatte. „Dieses Wissen ist für die hausärztliche Tätigkeit von unschätzbarem Wert.“ Doch auch das Interesse an der Psyche ließ Eichberger nicht los und sie begann mit einer verhaltenstherapeutischen Ausbildung. Parallel dazu absolvierte sie dann doch den Turnus, um sich später selbständig machen zu können. Zusätzlich erwarb sie im Krankenhaus der Elisabethinen Grundkenntnisse in Anästhesie. „Ich habe 500 Intubationen gemacht und einige Kindernarkosen durchgeführt, somit fühle ich mich auch sicher, wenn ich in der Praxis draußen mit Notfällen konfrontiert bin.“

In den vergangenen zehn Jahren lag Eichbergers Fokus neben ihrem Engagement in der Rehabilitation auf Praxisvertretungen. Diese flexible Form der Arbeit hat ihr ermöglicht, wovon viele Jungärztinnen und -ärzte träumen, nämlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Tochter Johanna wird demnächst zwölf Jahre.

Innovatives Hausarztzentrum

Eine dieser Praxisvertretungen führte Ursula Eichberger in die Ordination von Michael Adomeit in Birkfeld. Erst kurz zuvor hatte der Allgemeinmediziner dort seine Praxis eröffnet, aus der nun auf seine Initiative hin ein innovatives Ärztezentrum wird. Adomeit sprach die Kollegin im Anschluss an eine Vertretungsphase an, ob sie sich nicht eine Kooperation vorstellen könne. Sie konnte. „Als Einzelkämpferin wäre ich wohl nicht in eine Ordination gegangen – aber dieses Modell passt sehr gut für mich“, resümiert Eichberger. Die beiden Allgemeinmediziner mit jeweils eigenem §2-Kassenvertrag koordinieren ab Oktober in denselben Räumlichkeiten ihre Arbeitszeiten so, dass das Ärztezentrum von Montag bis Freitag jeweils mindestens 8 Stunden geöffnet ist, in der Urlaubszeit zumindest am Vormittag. Bei Bedarf vertritt der eine den anderen, was beiden Ärzten viel Stress nimmt und ihnen eine freiere Zeiteinteilung erlaubt.

Optimale Ergänzung

„Wir ergänzen einander optimal – mein Kollege verfügt über Expertise im chirurgischen Bereich und ich bringe das vertiefende Wissen in Innerer Medizin und meine psychotherapeutische Kompetenz ein.“ Auch der vereinbarte kollegiale Austausch im Team ist für Eichberger ein großer Pluspunkt der Kooperation. Als Erfolgsbarometer, hat sie sich vorgenommen, sollen nicht nur Patientenzahlen des Zentrums dienen. „Wichtig ist, dass ich mit einem Lächeln aufstehe und gerne zur Arbeit fahre. Nicht jeden Tag, aber ganz oft.“

Eichbergers Pferdetherapie läuft daneben weiter – das hat sie gleich von Anfang an so organisiert. Versorgt werden die Tiere auf einem Bauernhof, zwei Gehminuten von Eichbergers Haus entfernt. Gepflegt und bewegt werden sie weiterhin von Eichberger. „Ich empfinde die Pferde nicht als Arbeit – im Gegenteil: Sie bereiten mir Freude“, betont sie. Die Arbeit in der Kassenordination wird Eichberger sicher vor die eine oder andere Herausforderung stellen. Aber sie weiß ja, wo sie nach einem stressigen Tag Ruhe findet.

 

Fotos: Furgler, beigestellt




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