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„Mein eigenes Traumschiff“

Arzt zur Luft, zur Erde und zu Wasser wollte Berthold Petutschnigg schon immer sein. Seit 2009 leistet er – als Teil seines Urlaubs – zweimal jährlich als Schiffsarzt seinen Dienst und ist dabei ganz in seinem Element.

U. Jungmeier-Scholz

Schon als Kleinkind empfand Berthold Petutschnigg den Krankenhausgeruch als wohltuenden Duft – wenn er seinen Vater, einen Chirurgen, begleitete. Vor der Arbeit spielte der Vater oft noch bei der Frühmesse in der Krankenhauskirche die Orgel, während sein Sohn, das jüngste von vier Kindern, an den geistlichen Schwestern seine ersten Eingips-Versuche durchführen durfte.
Mit seiner olfaktorischen Präferenz zählt Petutschnigg vermutlich zu einer Minorität der Bevölkerung, doch seine berufliche Heimat wurde wirklich das Spital.
Trotz des frühen Interesses am Arztberuf zögerte er nach der Matura kurz, ob er vielleicht Französisch und Geschichte für das Lehramt studieren sollte oder doch Theologie … bis er für sich selbst die ultimative Zauberformel gefunden hat: „Als Arzt kann ich gleichzeitig auch Theologe und Lehrer sein.“ Also studierte der 1954 in Fohnsdorf Geborene in Graz Medizin, wobei er sich seit Ende der Gymnasialzeit bereits beim Roten Kreuz engagiert hatte und gleich mit Studienbeginn Mitglied des Medizinercorps wurde. Damit war sein Weg zur Notfallmedizin vorgezeichnet.

Erkältung statt Seekrankheit

Petutschnigg ließ sich nach dem Studium zum Allgemeinchirurgen ausbilden – inklusive des chirurgischen Intensivfachs – und arbeitet heute an der Abteilung für Transplantationschirurgie am Grazer Klinikum. Daneben ist er Assistenzprofessor an der Meduni – also doch auch Lehrer geworden –, Leiter der Arbeitsgruppe Notfall- & Katastrophenmedizin sowie der Teaching Unit „Katastrophen-  & Spezielle Notfallmedizin“, Leitender Notarzt sowie Vizepräsident und Chefarzt des steirischen Landesverbands des Roten Kreuzes. Auf den ersten Blick wirkt da seine zusätzliche Tätigkeit als Schiffsarzt bei TUI Cruises, wo er mittlerweile als „Chief Senior Doctor“ medizinische Entscheidungen für die gesamte Flotte mitgestaltet, auf den Laien wie ein Kontrastprogramm – sofern man seine Vorstellungen von Schiffsarzt-Tätigkeiten aus TV-Serien wie „Traumschiff“ bezieht. Doch Petutschnigg betont: „Der Kontrast ist gar nicht so groß.“ Zwar sind die häufigsten Probleme an Bord Erkältungen und alltägliche Verletzungen nach Sport- und Arbeitsunfällen. Herzinfarkt, Schlaganfall und Darmverschluss ereilen die Menschen aber auch im Urlaub auf der Kreuzfahrt und bedürfen dann sofortiger notfallmedizinischer Behandlung. Seekrankheit steht übrigens erst an 15. Stelle der „Kreuzfahrer“-Krankheiten, doch wer glaubt, auf derart großen Schiffen (300 Meter mal 40 Meter misst Petutschniggs Lieblingsschiff, das auch seine Handyhülle ziert) sei kein Seegang mehr zu spüren, der irrt. Auf einer stürmischeren Reiseetappe von Teneriffa nach Madeira hatte Petutschnigg auch schon einmal 250 Personen intravenös wegen Seekrankheit zu versorgen.

Erster Einsatz war Zufall

Sein erster – eigentlich eher zufälliger – Einsatz am Schiff bestand aus der Behandlung einer Patientin in der Anfahrt auf Civitavecchia. „Ich war mit meiner Frau als Urlauber auf einer Kreuzfahrt“, erzählt er. „Auf dem Schiff wurden zu Beginn der Tour alle mitreisenden Ärztinnen und Ärzte zu einem Kennenlern-Treffen eingeladen und so war bekannt, dass auch ein Notfallmediziner an Bord ist. Zwei Tage später wurde ich mitten in der Nacht zur Behandlung einer Mitreisenden wegen eines Lungenödems gebeten.“ Aus dem einmaligen Einsatz wurde schließlich eine regelmäßige Tätigkeit. Damit hat sich für Petutschnigg ein lange gehegter Traum erfüllt: „Ich wollte immer schon Notarzt zur Luft, zur Erde und zu Wasser sein.“ Von 1991 bis 2013 flog er als Notarzt mit dem Hubschrauber; ab 2009 heuerte er nach dem Erlebnis vor Rom als Schiffsarzt bei Aida an und wechselte schließlich zu TUI Cruises. Zweimal jährlich fährt er nun – als Teil seines Urlaubs – zur See. Möglich sei das, betont Petutschnigg, nur durch die Unterstützung seiner Vorgesetzten, vor allem Karlheinz Tscheliessnigg und Peter Schemmer, sowie der Kollegenschaft, die großes Verständnis für seine Passion und die daraus resultierenden Terminplanungen zeigen. Privat verbindet er Urlaub und Arbeit: Bei jedem seiner Einsätze kommt seine Frau für eine Tour mit an Bord. Die beiden erwachsenen Kinder, die wie die Eltern Physiotherapeutin und Arzt geworden sind, urlauben selbständig.

Seine Zusatzausbildungen zum Schiffsarzt absolvierte Petutschnigg in Rostock, wobei zur Abschlussprüfung nicht nur medizinische Kompetenzen gefragt waren: „Ein Schiffsarzt muss auch die Sicherheitsrutschen aktivieren können und ein Rettungsboot zu Wasser lassen.“ Und er benötigt ein beachtliches Quantum an Flexibilität. Normalerweise wechseln einander an Bord zwei Schiffsärzte und zwei Pflegekräfte in 24-Stunden-Schichten ab; auch ein „Medical Assistant“ für die Administration steht zur Verfügung. Da bleibt am freien Tag Zeit für einen Landgang und die Möglichkeit, eine Art von Urlaub zu genießen. Garantie dafür gibt es aber keine. „Einmal hatten wir eine Grippeepidemie an Bord und waren zehn Tage hintereinander im Einsatz: Der Arzt, der gerade nicht Ambulanzdienst hatte, hat die Patienten in den Kabinen versorgt.“ An Spitzentagen konsultieren schon auch mal über hundert Menschen den Schiffsarzt – eine Frequenz, die auch Allgemeinmediziner an Land an ihre Grenzen bringt.

Hausarzt für Tausende

Überhaupt ähnelt die Routinetätigkeit des Schiffsarztes jener eines Allgemeinmediziners am Land: Auf „seinem“ Schiff ist Petutschnigg zuständig für sämtliche gesundheitlichen Probleme von mehr als 1.000 Crewmitgliedern und fast 3.000 Passagieren. Der Unterschied zur üblichen Hausarztpraxis am Land besteht darin, dass bei unklaren Beschwerden oder in Notfällen nirgendwohin überwiesen werden kann. Diagnostiziert und behandelt wird an Bord – solange, bis der Patient oder die Patientin gesund ist – oder „ausgeschifft“ werden kann. „Unser Hospital umfasst acht Betten und zusätzlich zwei Intensiveinheiten nach europäischem Standard.“ Diagnostiziert werden kann per Röntgen, Ultraschall und im Labor. Ebenso zum Standard gehört der Zugriff auf eine extrem gut bestückte Apotheke. „Selbst wenn hunderte Passagiere gleichzeitig an Durchfall erkranken sollten, müssen genügend Medikamente vorrätig sein.“ Auch dann, wenn tagelang nicht nachgeladen werden kann und alle an Bord bleiben müssen. Das kommt auch in Notfällen vor, bei instabilem Wetter oder einem ungünstigen Standort: mitten auf dem Atlantik oder umgeben von Krieg führenden Ländern. Bei Petutschniggs jüngster Tour durch die Karibik musste er einen künstlich beatmeten Patienten 30 Stunden lang im Schiffshospital versorgen; eine Herausforderung für alle. Verstirbt ein Passagier an Bord, wird er in einer Kühlkammer gelagert – selbst dafür ist vorgesorgt.

Teamwork zählt mehr als Reiseroute

Auf eine Lieblingsdestination will Petutschnigg sich nicht festlegen, aber nach Indien und Singapur würde er gerne noch fahren. Was er zu schätzen weiß, ist die Vielfalt der Einsatzgebiete: Zuletzt stand die Karibik am Programm und kurz nach der Sommersonnenwende bricht er in Richtung Spitzbergen auf. Aussuchen kann er sich die Einsatzorte nur bedingt. Stehen die Termine für die Reisen fest, gibt er Wünsche bekannt; die endgültige Einteilung erfolgt aber über die Reederei in Hamburg. Mehr als die Reiseroute zählt für ihn jedoch die Teamarbeit innerhalb der medizinischen Crew, aber auch mit dem Kapitän.
Selbst nach so vielen Reisen beobachtet Petutschnigg noch immer gerne die An- und Ablegemanöver des Schiffes, auch von der Brücke aus. Im Gegenzug durfte auch schon einmal der Kapitän auf Wunsch beim Eingipsen eines Beins mithelfen.
Die Serie „Traumschiff“ hat Petutschnigg übrigens nie gesehen. „Ich habe mein eigenes Traumschiff“, meint er lächelnd dazu. Demnächst mit Kurs auf Spitzbergen.

 

Fotos: beigestellt




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