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Gesundheitszentrum? Wir Ärzte können das!

Gerd M. Ivanic

Täglich wird man in den Medien mit dem Thema Ärztezentrum/Gesundheitszentrum konfrontiert. Eine Definition fehlt. Für die Politik ist es ein „Gesundheitsbetrieb“, in dem es auch Ärzte geben wird. Für Immobilienentwickler ist es der krankhafte Versuch, Räume zu füllen. Für Ärzte bedeutet es die Möglichkeit, in einem fächerübergreifenden Team unter Nutzung gemeinsamer Ressourcen zu arbeiten. Bisher waren die Möglichkeiten rechtlich stark eingeschränkt, das Anstellen eines Arztes durch einen Arzt verboten. Verschiedene andere Zusammenschlüsse waren unmöglich oder sinnlos.

Jetzt, wo die Politik aber das enorme Potenzial von Ärztezentren zu erkennen beginnt, soll alles möglich werden. Bloß die Ärzte, die Hauptleistungserbringer und „Namensgeber“, bleiben außen vor. Das ist schade und der Sache nicht dienlich. Wissen sie doch am besten selbst, was sie und „ihre“ Patienten brauchen. Gepaart mit einer wirtschaftlichen Komponente und den entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen könnte hier wirklich Großes und Positives für alle Beteiligten entstehen.


Wie könnte nun eine Weiterentwicklung im Sinne einer Reform aussehen?

Man sollte Bewährtes behalten, Neues hinzufügen und nicht mehr Zeitgemäßes streichen. Eine Dreiteilung in Einzelordinationen, Ärztezentren (besser noch Gesundheitszentren: klingt „gesünder“ und beinhaltet verwandte Berufsgruppen), Krankenhäuser und deren intensive Vernetzung würde Sinn machen.

Einzelordinationen, möglichst wohnortnahe, müssen unbedingt bestehen bleiben. Sie haben sich in den letzten Jahrzenten bewährt und stellen einen „Wissenspool“ über die ihnen anvertrauenden Patienten dar. Entsprechende Abgeltungen der erbrachten Leistungen sind zwingend notwendig, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern. Kein „Gesundheitszentrum“ kann günstiger und sinnvoller vor Ort betrieben werden. Es muss auch nicht in jedem 10-Seelen-Dorf einen eigenen Hausarzt geben, aber eine gute Erreichbarkeit sollte gewährleistet sein.

Die Vernetzung der einzelnen Ordinationen mit Ärztezentren und Krankenhäusern ist Pflicht. Ein niedergelassener Arzt darf kein geprügelter Bittsteller für seine Patienten werden. Es gehören Ressourcen im stationären Bereich für einen effizienten Übergang von ambulant zu stationär vorgehalten.

Spitäler sollten Notfallsambulanzen betreiben. Die Spezialambulanzen sind durch die entsprechenden niedergelassenen Fachärzte zu beschicken. „Allgemeine“ Krankheitsbilder gehören in den niedergelassenen Bereich, in dem die Assistenten während ihrer Ausbildung auch zu arbeiten hätten. Dadurch entsteht ein stetiger Wissensfluss, ein Verständnis füreinander und eine Basis für eine bessere Kommunikation.

Weltweit sind Gesundheitszentren unter der Leitung von Ärzten bereits etabliert und werden erfolgreich betrieben. Idealerweise wären den Spitälern Gesundheitszentren vorgelagert, die die Ambulanzen für diese Spitäler und die tagesklinischen Therapien zum Teil mit übernehmen. Siehe z. B. die USA, wo die Spitalsärzte in einer eigenen Gesellschaft die Ambulanzen der Kliniken betreiben. Nur der „Emergency Room“ (EBA etc.) wird direkt durch die Klinik betrieben. Das ergibt eine WIN (System) – WIN (Arzt) – WIN (Patient) Situation!


Wie sollte ein Ärzte-(Gesundheits-)Zentrum aussehen?

Das Wichtigste in einem Ärztezentrum ist der Patient – der Mensch im Zentrum! Um diesen herum sollte das System aufgebaut sein. Das bedeutet, dass der Arzt nicht minder wichtig ist, da er sich ja um den Patienten kümmern muss. In einem gut funktionierenden Gesundheitszentrum sind Aufgaben und Kompetenzen von Ärzten/Therapeuten/DGKS/Organisationsteam etc. klar verteilt. Der Arzt gehört bestmöglich von nichtmedizinischen Aufgaben freigespielt.

Das beginnt bei einer modernen Terminvereinbarung mit Datenerfassung/-verarbeitung und geht über die Zentrumslage (öffentliche Verkehrsmittel, Parkplätze, Barrierefreiheit) bis hin zu einer guten Computerausstattung.

Je nach Ausrichtung des Zentrums kann es fix zugewiesene Räume für einzelne Ärzte oder Therapeuten geben, oder diese werden zur verbesserten Ausnutzung mehrfach benützt (z. B. Arzt hat eigenes Büro, Behandlungsräume werden gemeinsam genützt – typisch amerikanisches System zur Raumökonomisierung). 

Alle Behandlungsräume haben die gleiche Basisausstattung mit identem PC, Drucker, Schreibtisch, Handwaschbecken, Seifenspender, Desinfektionsmittelspender, Handtuchhalter, Kasten und elektronisch verstellbarer Behandlungsliege. Nur für die Psychiatrie und ähnliche Verwendungen (Aufklärungsgespräche, Patientenverfügungen etc.) wird die Liege durch eine Couch ersetzt. Zusatzausstattungen je nach Fachrichtung (Sonografie, Waage, EKG, Zentrifuge, Blutdruckmessgeräte, Gyn-Stuhl, HNO etc.). Durch z. B. einen absperrbaren Trolley hat jeder Arzt vor Ort Platz für seine persönlichen Utensilien. So ist eine Standardisierung möglich. Alle Räume müssen den ÖQMed-Kriterien entsprechen.
 

Die Vorteile für den Arzt:

  • Möglichkeit, in einem interdisziplinären Team eine eigene Praxis aufzubauen
  • Sehr geringe Anlaufkosten ohne weiteres Risiko
  • Die gesamte Infrastruktur und Logistik werden zur Verfügung gestellt:
    Gemeinsamer Empfang
    Zentrale Terminkoordination
    Gemeinsame Software
    ÖQMed
    Persönlicher und allgemeiner Internetauftritt
    Gerätepool
    Alle Papierwaren, Werbemittel  (Visitkarten, Briefpapier …)
    Corporate Identity m. gemeinsamen Marketingaktivitäten, Eröffnungsfeiern, Vernissagen etc.

Für wen bietet sich ein Ärztezentrum an:

  • Ärzte, die neben einer Anstellung eine eigene Ordination mit bestmöglichen Rahmenbedingungen kostengünstig betreiben wollen
  • Ärzte, die möglichst risikolos den ersten Schritt in die Selbstständigkeit probieren wollen
  • Ärzte, die zu 100 Prozent selbstständig mit oder ohne Kassenvertrag arbeiten, aber die Organisation auslagern wollen (z. B. auch Betreiben von zwei Ordinationen, organisiert vom Zentrumsteam)

Der Ordinationsbetrieb muss für den Einzelnen kostengünstiger als im „Einzelbetrieb“ sein. Der Arzt sollte keinem Kostendruck unterliegen und frei arbeiten können – bei vollkommen eigener medizinischer Verantwortlichkeit und Selbstständigkeit. Die Anlaufkosten müssen überschaubar sein. Die Ärztekammer unterstützt dies bei Erstordinationen z. B. durch eine Reduzierung des Kammerbeitrages in den ersten zwei Jahren nach Gründung.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass ein Gesundheitssystem auf mehreren Stützen stehend Sinn macht:

  • Einzelordinationen, die sich auch in Gesundheitszentren weiterentwickeln können (vom Arzt betrieben)
  • Ärztezentren (Gesundheitszentren) als Zusammenschluss von Ärzten und auch anderen Gesundheitsberufen, die auch tagesklinische Therapien anbieten können
  • Krankenhäuser mit ihren Spezialambulanzen und dem stationären Bereich

Eine Vernetzung der einzelnen Strukturen ist notwendig. Es ist Aufgabe der Politik, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen und nicht die Zentren selbst zu betreiben (Autoversicherungen betreiben ja auch keine Werkstatt). Sinnvolle fließende Übergänge zwischen  Sozialversicherungen (SV), Privatversicherungen und privaten Leistungen gehören definiert und klar ausgesprochen. Je offener und klarer kommuniziert wird, desto eher werden alle Beteiligten und vor allem die Patienten alles verstehen und mittragen.

Es braucht klare Strukturen. Verschiedenste Berufsgruppen wie Psychotherapeuten, Physiotherapeuten, Diätologen bis hin zu Sozialarbeitern etc. sollten in diesen Zentren mitarbeiten.

Die bisherige mediale Berichterstattung glich einem Ständekampf gegen die Ärzte. Dabei geht es hier um die Grundrechte der Patienten wie z. B. die freie Arztwahl (aber vielleicht gibt es ja dann mehrere Telefonnummern oder einen Telefonjoker pro Quartal …). Es geht aber auch um die zukünftigen Berufsausübungsmöglichkeiten der gesamten Ärzteschaft! Oder wollen wir Ärzte als Angestellte in einem unerwünschten System ohne Alternativen arbeiten?

Es ist genug Geld im System vorhanden. Es muss nur entsprechend eingesetzt werden und es müssen die Rahmenbedingungen klar definiert sein.

Wir leben und arbeiten in einem der besten Gesundheitssysteme der Welt. Es sollte nicht „krankgespart“ und nicht „totreguliert“ werden. Es gehört einfach evolutionär weiterentwickelt und den sich ändernden Gegebenheiten angepasst. So wie sich die Medizin selbst Tag für Tag weiterentwickelt.


Prim. Doz. Dr. Gerd M. Ivanic ist Geschäftsführer der Prophy-Docs® Management GmbH.

 

Foto: Furgler

Symbolbild 1
 



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