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„Blick über den Tellerrand“

Hauptverbandsvorsitzende Ulrike Rabmer-Koller will die Leistungskataloge der Krankenkassen harmonisieren, um Ungleichbehandlungen zu reduzieren.

Martin Novak

AERZTE Steiermark: Frau Mag. Rabmer-Koller: Wenn Sie ein wenig zurückblicken, haben Sie sich Ihre Tätigkeit als Hauptverbandsvorsitzende so vorgestellt, wie sie gekommen ist?

Rabmer-Koller: Ich habe diese Funktion mit vollem Engagement übernommen – vor allem deshalb, weil die Zukunft unserer Gesundheitsversorgung eine riesengroße Herausforderung ist und dringend Reformen umgesetzt werden müssen. Wir können diese Herausforderung aber nur gemeinsam bewältigen – das Gesundheitswesen ist in verschiedenste Verantwortlichkeiten, Finanzierungsströme und Kompetenzen zersplittert und als Hauptverbandsvorsitzende bohrt man sehr dicke Bretter auf dem Weg zu gemeinsamen Lösungen. Es würde sehr helfen, wenn der Blick der Player öfter über den jeweils eigenen Tellerrand hinausgehen würde und mehr das im Vordergrund steht, was unsere Versicherten und Patienten benötigen.

AERZTE Steiermark: Aus den Sozialversicherungen ist der Vorstoß gekommen, Wahlarztrückersätze ganz abzuschaffen. Wie erklären Sie das einer Wahlärztin?

Rabmer-Koller: Wahlärzte sind eine legitime Ergänzung in der Gesundheitsversorgung. Es geht deshalb nicht um das Zurückdrängen ihrer Leistungen, sondern um die Frage, wie wir sie bestmöglich integrieren und vor allem den Kassenvertrag wieder attraktiver machen können.

AERZTE Steiermark: Zum Thema Zwei-Klassen-Medizin. Nehmen wir ein nichtärztliches Beispiel: Ein GKK-Versicherter hat in Oberösterreich wesentlich größere Chancen, eine Ergotherapie als Kassenleistung zu bekommen als etwa in der Steiermark, einfach weil das Angebot nicht in allen Bundesländern gleich ist. Ist das für den Steirer gerecht?

Rabmer-Koller: Eine meiner zentralen Forderungen ist die Harmonisierung der Leistungskataloge, um genau solche Ungleichbehandlungen zu reduzieren. Wir müssen die Leistungskataloge genau durchforsten, alte Leistungen, die nicht mehr dem Stand der Medizin entsprechen, durch neue, innovative Leistungen ersetzen. So können wir moderne medizinische Versorgung für ganz Österreich bereitstellen – denn es darf, egal wo in Österreich man lebt, bei gleichen Beiträgen keinen großen Unterschied bei den Leistungen geben.

AERZTE Steiermark: Die Unterschiede bei den Leistungen ziehen sich durch das gesamte Kassensystem. Eine Möglichkeit, um Chancengleichheit zu schaffen, wäre die Anpassung der Leistungskataloge. Man könnte aber auch sagen, diese Unterschiede gibt es. Müsste man sie dann aber nicht auch auf die Beiträge ausdehnen?

Rabmer-Koller: Das österreichische System der solidarischen Krankenversicherung ist ein hoher Wert für uns alle – jede/r Versicherte zahlt einen fairen Beitrag und wird dadurch tragender Teil der Versichertengemeinschaft. Dafür bekommt sie bzw. er die jeweils bestmögliche Leistung – egal, ob es die Vorsorgeuntersuchung beim Hausarzt ist oder die Herz-OP in einer führenden Klinik. Was es braucht, ist mehr Effizienz im System und ein zielgerichteter Einsatz der Mittel, um auch in Zukunft flächendeckend moderne Leistungen bereitzustellen.

AERZTE Steiermark: Bei der Zahl der §2-Kassenvertragsärzte bezogen auf die Zahl der Anspruchsberechtigten gibt es ebenfalls erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Auch hier stellt sich die Frage, ob das gegenüber den Versicherten gerecht ist. Warum gibt es für die Burgenländer mehr Ärzte als für die Vorarlberger?

Rabmer-Koller: Die Unterschiede sind kleiner als es die Fragestellung vermuten lässt. Bei der Gesamtversorgung mit Ärzten liegt der Österreichschnitt bei 84 Ärztinnen und Ärzten pro 1000 Einwohner. Das Burgenland verfügt über 83 und Vorarlberg über 87 Mediziner/innen pro 1000 Einwohner. Bei der Versorgung mit Allgemeinmedizinern liegt das Burgenland mit 50 Ärzt/innen über dem Österreich-Schnitt von 46, Vorarlberg liegt mit 42 etwas unterhalb. Wichtig in dieser Auswertung ist aber nicht nur das reine „Köpfezählen“, sondern auch eine genaue Betrachtung der regionalen Gegebenheiten.

AERZTE Steiermark: Eine scharfe Auseinandersetzung gab es zuletzt um die E-Medikation. Aus dem Hauptverband wurde gesagt, es läuft alles wunderbar. Ich habe hier den authentischen Brief eines Arztes, der sagt, bis Ende September war die Software-Implementierung nicht möglich. Würden Sie angesichts solcher Fakten weiter auf dem Standpunkt beharren, dass Hauptverband und SVC alles richtig gemacht haben?

Rabmer-Koller: Der Sinn des Probebetriebes in Deutschlandsberg war, die Technologie im Realeinsatz auf Herz und Nieren zu testen und wenn erforderlich Korrekturen vorzunehmen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass möglichst viele Ärzte und Apotheken am Probebetrieb teilnehmen und uns ihre Erfahrungen mitteilen. Laufend werden mit den Softwareherstellern die Schnittstellen zu bestehender Software angepasst. Bei optimaler Integration in die bestehenden Software-Landschaften ist die E-Medikation im täglichen Arbeitsablauf nicht spürbar. Unser Ziel ist, dass dies auch so schnell wie möglich passiert, denn so können schwere Wechselwirkungen verhindert und die Patientensicherheit wesentlich erhöht werden. Wenn es Probleme gibt, dann allermeistens bei der Integration von E-Medikation in die bestehende IT-Infrastruktur. Derzeit läuft das Projekt aber beim Großteil der teilnehmenden Ärzte- und Apothekerschaft reibungslos.

AERZTE Steiermark: Samsung oder VW entschuldigen sich, wenn sie fehlerhafte Produkte ausliefern. Warum kann das die Sozialversicherung nicht tun? Denn dass die Ärzte eine funktionierende E-Medikation begrüßen würden, steht ja außer Frage.

Rabmer-Koller: Wir arbeiten mit Hochdruck an der bestmöglichen Umsetzung. Das Problem ist nicht das Softwareprodukt, sondern in den meisten Fällen die Schnittstelle zu bestehenden, im Einsatz befindlichen IT-Systemen der Ärzteschaft. Für uns ist der Probebetrieb die Möglichkeit, die E-Medikation bis ins letzte Detail sicher und benutzerfreundlich auszubauen. Wir sind dazu in intensiver Zusammenarbeit mit den teilnehmenden Ärzten, der Ärztekammer und den Softwareherstellern. Die Vorteile der E-Medikation liegen aber jetzt schon auf der Hand: Schon im Probebetrieb konnten rund 60.000 Verordnungen im System gespeichert werden. Das bringt mehr Behandlungsqualität und Sicherheit für die Patienten und kann auch der Ärzte- bzw. Apothekerschaft administrative Standardtätigkeiten abnehmen.

AERZTE Steiermark: Die Apotheker haben gleich erklärt, dass sie die E-Medikation ohne Ärzte machen würden – allerdings nur, wenn sie sie entsprechend bezahlt bekämen. Halten Sie eine solche Lösung für tragfähig?

Rabmer-Koller: Ich begrüße das Engagement der Apotheker, aber E-Medikation kann ihre volle Leistungsfähigkeit für den Patienten nur entfalten, wenn auch flächendeckend alle Ärzte als Verschreiber teilnehmen. Gemeinsames Ziel muss es deshalb sein, dass der gesamte Medikationsprozess im System abgebildet wird – somit können potenzielle Wechselwirkungen erkannt und verhindert werden. Und das ist ein wesentlicher Beitrag zu Behandlungssicherheit.

AERZTE Steiermark: Kommen wir zu einem großen Reformthema, den Erstversorgungszentren, vormals Primary Health Care Centers. Die wenigen, die es gibt, werden von den Ländern kräftig mitfinanziert. Ist das der Weg – die Länder zahlen auch in die extramurale Grundversorgung ein?

Rabmer-Koller: Wir wollen die medizinische Versorgung ins direkte Lebensumfeld der Menschen bringen und deshalb eine Verlagerung von Spitalsambulanzen in den wohnortnahen niedergelassenen Bereich schaffen. Dazu braucht es neue Versorgungsformen, die eine entsprechende Erreichbarkeit sicherstellen können und auch für die Ärzte mehr Teamarbeit und Kooperation ermöglichen. Das können entweder Primärversorgungszentren oder auch Netzwerke sein. Ich freue mich, dass sich die Länder zur Kofinanzierung in der Primärversorgung entschlossen haben. Nur so können wir auch die Verlagerung der Gesundheitsversorgung zum „Best-Point-of-Service“ und damit eine Entlastung des relativ teuren Spitalsbereichs schaffen.

AERZTE Steiermark: Sie kommen aus der Wirtschaft. In der SVA sind Selbstbehalte selbstverständlich, das Lebensstil-Bonifikationssystem der SVA hat national und international Beachtung gefunden. Für andere Krankenkassen sind solche Modelle eher schwer denkbar. Ist das hinzunehmen oder wollen Sie Überzeugungsarbeit leisten?

Rabmer-Koller: Die SVA hat mit Anreizsystemen in der Prävention sehr gute Erfahrungen gemacht und das Vorsorgesystem erfolgreich ausgebaut. Wir müssen in der Gesundheitsversorgung auf jeden Fall weg von der reinen Reparaturmedizin und einen noch viel stärkeren Fokus auf die Prävention legen. Dazu braucht es innovative Ansätze und gemeinsame Lösungen – das Ziel muss sein, mehr Menschen zur Vorsorge und zu mehr Eigenverantwortung zu motivieren.

AERZTE Steiermark: Ganz generell: Was werden über die nächsten zehn Jahre die größten Veränderungen in der österreichischen Gesundheitsversorgung sein?

Rabmer-Koller: Wir werden vor allem drei große Umwälzungen sehen. Das dominierende Zukunftsthema ist die Demographie: Österreich wird älter und darauf können wir stolz sein. Mit dem Lebensalter muss aber auch die Zahl der gesunden Lebensjahre ansteigen. Das ist eine große Herausforderung für die Bereiche Prävention und Vorsorge sowie für die Finanzierbarkeit des Sozialsystems. Hier wird auch das Thema Migration eine relevante Rolle spielen.
Die zweite Umwälzung ist bereits im vollen Gang: Was in der Industrie als „Industrie 4.0“ Einzug hält, ist im medizinischen Bereich der Begriff E-Health. IT kann hier große Verbesserungen und Vereinfachungen bringen, aber wir müssen hier sehr professionell und umsichtig agieren.
Der dritte große Wandel betrifft die niedergelassene Versorgung, weil sich die Lebenswelten der Patienten und Patientinnen, aber auch die der Ärzteschaft ändern. Immer weniger junge Ärztinnen und Ärzte wollen Einzelordinationen führen, es geht viel stärker um Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie den Wunsch, in Teamstrukturen zu arbeiten und sich auch in den Kompetenzen zu ergänzen. Deshalb brauchen wir neue Rahmenbedingungen und Organisationsformen, wo Ärzte im Team und in Verknüpfung mit anderen Gesundheitsberufen Versorgung aus einer Hand anbieten können.

AERZTE Steiermark: Auffällig ist, dass die eine Institution der anderen immer gerne erklärt, warum sie überflüssig ist. Ich frage anders: Warum ist der Hauptverband nicht überflüssig?

Rabmer-Koller: Historisch bedingt ist die Gesundheitsversorgung in Österreich sehr regional bzw. föderal strukturiert. Eine Dachorganisation der Sozialversicherungen ist dann sinnvoll, wenn sie dabei mitwirkt, Rahmenbedingungen für die optimale Versorgung über alle Grenzen hinaus sicherzustellen. Die Effizienzstudie der Bundesregierung soll wichtige Inputs liefern, wie wir die Sozialversicherung der Zukunft aufstellen können und was es für die optimale Versorgung unserer Versicherten braucht.

Faktencheck: In Vorarlberg kommen auf 323 GKK-Vertragsärzte (AM + allg. FÄ) 310.346 GKK-Anspruchsberechtigte. Das sind 961 pro Arzt. Im Burgenland kommen auf 234 GKK-Vertragsärzte (AM + allg. FÄ) 166.436 GKK-Anspruchsberechtigte. Das sind 711 pro Arzt. Differenz: 250 pro Arzt.
(Parlamentarische Anfragebeantwortung vom 30. 10. 2016)

Faktencheck: „Dass die E-Medikation vom Hauptverband in höchste Medienlobpreisungen gehüllt wird, finde ich befremdlich und irreführend … Meine Computerfirma war erst am Montag, den 3. Oktober 2016, in der Lage, mir die Software-Implementierung zur Verfügung zu stellen …“
(Mitteilung eines Arztes aus Deutschlandsberg)

Mag. Ulrike Rabmer-Koller schloss 1990 das Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Linz ab. Seit 1992 ist sie in unterschiedlichen leitenden Funktionen in der familieneigenen Rabmer Gruppe (Bau und Immobilien, kommunale Dienste, Unternehmensberatung, Umwelttechnologie) tätig. Seit 2015 ist sie Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich und Vorsitzende des Verbandsvorstandes im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.


Foto: Schiffer




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