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„Das personifizierte Magengeschwür“

Der steirische Apothekerkammerpräsident Gerhard Kobinger beklagt sinkende Krankenkassen-Margen, befürchtet amerikanische Drugstore-Verhältnisse, zweifelt, dass der Online-Handel ein Geschäft ist und beschwört die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern.


MARTIN NOVAK

Jede dritte Apotheke sieht rot, heißt es in der aktuellen Apotheken-Information. Warum geht es den Apotheken so schlecht?
Kobinger: Einerseits erodieren uns die Spannen. Wir haben eine Spanne von rund 28 Prozent, das ist für einen Einzelhandelsbetrieb mickrig. Das ist in anderen Branchen – Uhren Schmuck, Leder, Möbel, Textil – deutlich höher. Und die machen keine Nachtdienste, haben keine Akademiker beschäftigt, machen keine nicht-kostendeckenden Dienstleistungen, so wie wir. Wir haben ein degressives Spannensystem, je teurer ein Arzneimittel ist, umso geringer die Spanne. Und im Kassenbereich sind wir bei einer Spanne von 15,6 Prozent. Die lag vor fünf Jahren noch bei 20 Prozent. Der Grund dafür ist, dass das Segment der Hochpreis-Medikamente mit einem Einkaufspreis von mehr als 200 Euro immer mehr ansteigt. Bei denen haben wir eine Spanne von 3,8 Prozent. 3,8 Prozent ist ziemlich wenig. Weil dieser Anteil immer weiter hinaufgeht, steigen zwar die Umsätze, aber die Deckungsbeiträge, aus denen wir unsere Personal- und Betriebskosten finanzieren müssen, bleiben betragsmäßig seit fünf, sechs Jahren immer gleich. Wir haben über alle Apotheken einen Deckungsbeitrag aus dem Kassenbereich von 410 Millionen Euro. Wenn man sieht, wie sich die Personal- und Betriebskosten entwickeln, geht eine Schere auseinander, die bewirkt, dass wir am Ende des Tages in den roten Zahlen landen. Wäre die Apotheke eine GmbH und würde sie ein Geschäftsführergehalt in Rechnung stellen können, würde die Gesellschaft ein Minus schreiben. 31 Prozent der Apotheken verdienen also mit anderen Worten nicht das Gehalt für einen angestellten Apothekenleiter.

Jetzt heißt es in Ihrer Werbung auch, eine neue Apotheke bringt nur Vorteile. Eigentlich müsste man ja sagen, sie bringt nur Nachteile.
Kobinger: Für die Bevölkerung bringt sie durchaus Vorteile …

… aber nicht für die Apotheke.
Kobinger: Das hängt davon ab, wo man sie hinsetzt. Es gibt durchaus Standorte, die sehr gut funktionieren, andere funktionieren nicht erwartungsgemäß.

Da gibt es aber ein Dilemma: Es gibt eine steigende Zahl von Pharmazeutinnen und Pharmazeuten, die Betätigungen suchen, daher rührt das Bestreben, an immer mehr Standorten Apotheken zu gründen. Daher gehen Apotheken immer mehr in Regionen, in denen die wirtschaftliche Situation schwierig ist.
Kobinger: Unser Apothekengesetz kennt ja die Bedarfsprüfung. Die ist ziemlich rigide und stellt sicher, dass nur dort eine neue Apotheke aufsperren darf, wo auch ein Bedarf vorhanden ist. Da sind wir in einem Korsett zwischen umliegenden Apotheken und ärztlichen Hausapotheken. Dieses System gewährleistet aber eine flächendeckende Versorgung. Hätten wir eine Niederlassungsfreiheit, wie in Deutschland seit 1957, hätten wir in jedem größeren Ort am Hauptplatz acht Apotheken und draußen am flachen Land null. Die flächendeckende Versorgung ist in Deutschland nicht mehr gegeben. Der Gebietsschutz, den die Medien den Apotheken zumessen, gilt in meinen Augen für die Bevölkerung. 95 Prozent erreichen in zehn Minuten eine Apotheke.

Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich die Apotheken auf die Füße steigen und zu Italien, wo Apotheken vom Angebot her etwas überspitzt an ein Tchibo-Geschäft erinnern, ist die Situation in Österreich eine etwas andere. Mit dem Versuch großer Drogeriemarktketten, ins rezeptfreie Apothekengeschäft einzusteigen, könnte sich die Lage aber ändern …?
Kobinger: Wir versuchen zu überzeugen, zu argumentieren, zu erklären, dass Arzneimittel keine Hustenzuckerln sind, sondern Waren besonderer Art, deren Vertrieb klare Regeln braucht. Dazu gehört die Rezeptpflicht, dazu gehört der Apothekenvorbehalt, dazu gehört eine wasserdichte Lieferkette vom Erzeuger über den Großhandel bis in die Apotheke und zum Konsumenten, um Fälschungen zu vermeiden. Es gibt ein Selbstbedienungsverbot für Arzneimittel etc. Wenn man nach Amerika schaut, wo Arzneimittel im Drugstore und an der Tankstelle erhältlich sind, gibt es ein paar plakative Beispiele: 60 Kinder pro Jahr müssen in Kalifornien lebertransplantiert werden, weil sie zu viel Paracetamol bekommen. Es gibt in jedem Drugstore einige Laufmeter hoch dosiertes Vitamin A. So hoch dosiert, dass jede Schwangere eine 50-prozentige Chance auf ein missgebildetes Kind hat. Oder: Die Menge Blut, die sich jedes Jahr Aspirin-induziert in amerikanische Mägen ergießt, ist größer als die Menge, die bei Verkehrsunfällen vergossen wird. Es sind 28 Prozent der Spitalsaufenthalte in den USA medikamentengetrieben. Es soll auch ein Fünftel aller Todesfälle in den USA auf den Fehlgebrauch von Medikamenten zurückzuführen sein.
Der unlimitierte Vertrieb über Versandhandel, Ketten-Drugstores und die Auflösung des geordneten Apothekensystems tragen laut Recherchen der New York Times die Hauptschuld. Wollen wir das auch?

Stichwort: Medikamente sind keine Hustenzuckerln. Dennoch verbringen akademisch gebildete Pharmazeutinnen und Pharmazeuten viel Zeit damit, diese und andere Produkte dieser Art zu verkaufen.
Kobinger: Das sind sicher Aufgaben, die eine Pharmazeutisch-kaufmännische Assistenz übernehmen kann, die nicht studiert hat. Aber man sieht nicht jedem Kunden, der hereinkommt, gleich an, was er will. Ich könnte provokant fragen, warum nicht ein OP-Gehilfe, der dreißigmal zugeschaut hat, einen Blinddarm operiert? Wenn eine Komplikation auftritt, gibt es ja eh noch den Chirurgen, der es gelernt hat. Es ist die Frage, wo ich den Sicherheits-Level ansetze. Der ist bei uns sehr hoch. Hustenzuckerln und Badesalz sind nicht die großen Umsatzbringer. Das sind rezeptpflichtige und rezeptfreie Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel, die durchaus Interaktionen auslösen können. Insgesamt ist es ein Package, das eine maximale Arzneimittelsicherheit gewährleistet.

Medikamente aus dem Drogeriemarkt sind eine drohende Gefahr, rezeptfreie Medikamente aus der Online-Apotheke sind die Realität. Als die Online-Apotheken Mitte letzten Jahres in Österreich gestartet sind, war der Markt für österreichische Apotheken schon zu. Deutsche, tschechische und niederländische Anbieter waren schon da. War der Abwehrkampf die richtige Strategie?
Kobinger: Die Etablierung des Fernabsatzes war nicht unser Herzenswunsch …

… aber sie war nicht zu verhindern …
Kobinger: Es wurde „dank“ EU gemacht, um die Chancengleichheit mit ausländischen Versendern herzustellen. Ich frage mich, wo der Lustgewinn ist, wenn ich Kopfweh habe und vier Tage auf mein Medikament warte. Wo ist der Lustgewinn, wenn die Versandkosten den Preisvorteil wegfressen? Wo ist die Arzneimittelsicherheit, wenn ich nicht weiß, was ich da wirklich zugeschickt bekomme. Das Internet ist der Motor für Arzneimittelfälschungen. Das Logo für die sicheren Versandapotheken kann man auch fälschen, denke ich. Das ist wahrscheinlich einfacher,  als ein Arzneimittel zu fälschen.

Das klingt aber ein wenig nach dem verlorenen Kampf des Kleiderhandels gegen Zalando oder dem des Buchhandels und vieler anderer gegen Amazon.
Kobinger: Wenn ich ein T-Shirt bei Zalando kaufe und vor Glück schreie, dann sehe ich gleich, ob es passt, ob es so ist wie abgebildet, ob die Qualität stimmt. Bei Arzneimitteln weiß ich das nicht.

Aber diese Entwicklung dürfte nicht reversibel sein.
Kobinger: Es scheint so. In Deutschland geht man davon aus, dass um die elf Prozent des OTC-Umsatzes im Versandhandel getätigt werden. In Österreich haben wir keine wirklich validen Zahlen, es dürfte aber deutlich weniger sein. Es haben in Österreich derzeit 19 Apotheken eine Versandhandelslizenz gelöst. Die verschicken ein bis zwei Packerln pro Tag. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das kostendeckend für sie ist, aber es gilt das Prinzip Hoffnung.

Im Vergleich zu diesen Themen ist die Auseinandersetzung öffentliche versus ärztliche Hausapotheke quantitativ eher marginal. Es betrifft ja nur recht wenige öffentliche Apotheken. Aber diese Debatte überlagert die anderen fast. Auch wenn ich Ihr Argument, dass Arztpraxen nicht von der Hausapotheke leben müssen sollen, kenne, stellt sich für mich doch die Frage: Wird dem Disput, ob wirtschaftlich schwer lebensfähige öffentliche Apotheken Hausapotheken verdrängen und aus der wirtschaftlichen Balance bringen sollen, nicht ein zu hoher Stellenwert gegeben? Zumal es zwei akademische, freie Gesundheitsberufe betrifft, die viele gemeinsame Interessen haben sollten?
Kobinger: Dass für diese Frage keine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung gefunden werden kann, ist für mich ein personifiziertes Magengeschwür. Arzt und Apotheker sind zwei akademische Gesundheitsberufe, die im täglichen Leben gut zusammenarbeiten. Die müssten eine Lösung finden. Es ist aber nicht so, dass der eine automatisch das kann, was der andere studiert hat. Wenn die Bevölkerung beide will, soll sie beide haben und der Arzt soll von seiner ärztlichen Tätigkeit gut und angemessen leben können. Das ist für mich eine Frage der Tarifgestaltung, die aber nicht mein Thema ist, die ist zwischen Ärztekammer und Krankenkasse zu vereinbaren. Der Verfassungsgerichtshof hat aber entschieden, dass die Arzneimittelversorgung den öffentlichen Apotheken obliegt und dass an den Orten, wo keine öffentliche Apotheke sein kann, diese von der ärztlichen Hausapotheke behelfsmäßig übernommen wird. Die ärztlichen Hausapotheken sind vom Gesetzgeber noch viel mehr geschützt als die öffentlichen Apotheken.

Die jüngste Forderung der Apotheken sind 15 Millionen Euro für die Aufrechterhaltung der Nachtdienste. Macht man sich da nicht selbst die Argumente kaputt, wenn man einerseits die Rund-um-die-Uhr-Versorgung betont und auf der anderen Seite sagt, man braucht mehr Geld, um sie aufrechterhalten zu können?
Kobinger: Wir machen es, bisher unbezahlt von der Öffentlichkeit. Im Unterschied zu den ärztlichen Nachtdiensten und den Spitalsambulanzen, die es von der öffentlichen Hand ersetzt bekommen. Wir haben es so lange selbst getragen, wie es möglich war. Die Forderung nach einer Abgeltung der Nachtdienste war längst überfällig, sie ist meiner Meinung nach zu gering ausgefallen. Wenn es 30 Millionen kostet, warum soll es nicht von der Öffentlichkeit nach dem Verursacherprinzip gezahlt werden? Warum sollen wir es quersubventionieren, wenn auf der anderen Seite die Spannen heruntergehen und alle anderen ihr Stückchen vom Kuchen haben wollen?

 

„Wir haben eine Spanne von rund 28 Prozent, das ist für einen Einzelhandelsbetrieb mickrig.“
„Wir versuchen zu überzeugen, zu argumentieren, zu erklären, dass Arzneimittel keine Hustenzuckerln sind.“
„Arzt und Apotheker sind zwei akademische Gesundheitsberufe, die im täglichen Leben gut zusammenarbeiten.“
„Die ärztlichen Hausapotheken sind vom Gesetzgeber noch viel mehr geschützt als die öffentlichen Apotheken.“
„Wo ist der Lustgewinn, wenn die Versandkosten den Preisvorteil wegfressen?“


Traditionelle Apotheken sind laut Apothekerkammer und Apothekerverband in wirtschaftlichen Schwierigkeiten: 31 Prozent verdienen nicht das Gehalt für einen angestellten Apothekenleiter.

Verkaufsregale einer „Pharmacy“. Sie gehört zur Apothekenkette CVS Caremark – mit mehr als 7.600 Standorten und einem Jahresumsatz von knapp 140 Milliarden US-Dollar die zweitgrößte in den USA. Die größte, Walgreens, betreibt fast 8.200 Stores.

 

Fotos: Mediendienst/Furgler, Shutterstock, mandritoiu/Shutterstock.com, John Foxx




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