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„Es muss mehr drinnen sein“

In der Betreuung alter Menschen fehlt es an vielem. Darüber waren sich die Teilnehmer der Diskussionsveranstaltung „Alte Eisen – neue Wege“ einig. Dem Motto der Reihe „#offeneworte“ wurde der Abend mehr als gerecht.

Wie ist es um die Betreuung älterer, alter und hochaltriger Menschen bestellt? Das war Ende September das Thema einer bewegten Diskussionsveranstaltung im Rahmen der Reihe #offene Worte.

Mit dem ehemaligen Rektor der Karl-Franzens-Universität, dem Manager und Wirtschaftswissenschafter Alfred Gutschelhofer, fand sich dafür ein Keynote-Speaker, der die eigene Erfahrung bei der Betreuung seiner Eltern mit allgemeiner Systemkenntnis zu verknüpfen wusste. „Es ist ein Thema, das in der Gesellschaft schon lange brennt“, sagte Gutschelhofer. Aber es brennt im Verborgenen. Denn die Schuld an der eigenen Krankheit – oder auch nur Einschränkung – werde oft den Betroffenen, und wenn diese aufgrund einer mentalen Beeinträchtigung die Schuldzuweisung nicht mehr wahrnehmen könnten, den Angehörigen gegeben. Dabei müsse „mehr für die Gruppe drinnen sein, die Hilfe am dringendsten benötigt“. Dabei würde die Betreuung und Pflege in einzelnen Bereichen durchaus gut funktionieren, nur gäbe es zwischen diesen einzelnen Bereichen große, teils für Betroffene und Angehörige kaum überwindliche Gräben. „Aber“, so der Referent, „meine Mutter interessiert es nicht, wenn sich Funktionäre jahrzehntelang nicht einigen können“. Mit dieser Bemerkung traf er einen Nerv.

Ähnliche Erfahrungen wie Gutschelhofer hat auch die ehemalige Landtagsabgeordnete Ingrid Gady gemacht, die ihren kürzlich verstorbenen Gatten „liebevoll, würdevoll und wertschätzend“ betreut hat und einen Verein leitet, der ehrenamtliche Hilfe besser zugänglich machen will. Sie habe sich „oft sehr alleingelassen gefühlt“, sagte sie und sprach sich für eine „Wertediskussion“ aus.

Dass es grundlegende Fehler gibt, bestätigte auch der Geschäftsführer des Sozialhilfeverbandes Liezen und Obmann des Dachverbandes der öffentlichen Pflegeeinrichtungen, Jakob Kabas: „Es gibt ausreichend kreative hauptamtliche und ehrenamtliche Menschen in diesem Bereich, aber auch  Fixierungen finanzieller, struktureller, rechtlicher ideologischer, menschlicher Art“, sodass er sich frage, „ob das System insgesamt nicht gegen das Heimaufenthaltsgesetz verstößt“.

Der WK-Obmann der Gesundheitsbetriebe und Arzt Martin Hoff übte Kritik an den geografischen Versorgungslücken, die oft zu einer Entwurzelung alter Menschen führe: „Das ist das Schlimmste, das man einem alten Menschen antun kann.“

Prim. Peter Mrak, ärztlicher Direktor des LKH Voitsberg und Geriatrie-Experte, plädierte für die Stärkung einer auf die Menschen ausgerichteten geriatrischen Versorgung und sprach von einer „wahnsinnige(n) Diagnose­sehnsucht, aber unterbelichtete(n) Refunktionalisierungssehnsucht“. Der Patient, zitierte Mrak den deutschen Psychologen Volker Pudel, wolle immer unbeschadet aus der Situation herauskommen, „aber wir schaffen das nicht“. Mrak wies auch auf die zu wenig beachteten Potentiale der Akutgeriatrie hin, die es laut internationaler Forschung in beeindruckender Dimension schaffe, Menschen nach einem Schicksalsschlag wieder zu befähigen, weitgehend selbstständig zu bleiben.  Und erklärte auch sehr eindringlich die doppelte Bedeutung des Begriffs Akutgeriatrie (AGR): „Wenn Sie einen 70-Jährigen zehn Tage immobilisieren, altert er in zehn Tagen um zehn Jahre – dann soll er nach Hause gehen – das funktioniert nicht.“ Hier könne die AGR erfolgreich eingreifen.

Für den Obmann der niedergelassenen Ärzte in der Steiermark, ÄK-Vizepräsident Jörg Garzarolli, ist zumindest die Struktur für die ärztliche Betreuung im häuslichen Bereich etwas besser geregelt als die in Pflegeheimen – auch wenn es vor allem bedingt durch die tarifliche Situation kaum Anreize für Hausbesuche – vor allem im fachärztlichen Bereich – gebe.

Dass es zu wenig Bewegung und Veränderung gibt, konstatierte die langjährige grüne Mandatarin Ingrid Lechner-Sonnek, die wie Gady heuer aus dem Landtag ausgeschieden ist: „Vor 15 Jahren hat alles gleich ausgeschaut“, kritisierte sie eine „jahrzehntelange politische Laissez-faire-Haltung“. Und forderte ein System ein, das in der Lage sei zu erkennen, was der einzelne Mensch braucht.

Der zuständige Landesrat Christopher Drexler (Gesundheit und Pflege) würdigte die Initiative der Ärztekammer und dankte Gutschelhofer für seine freimütigen Worte. In der Sache war er offen (selbst)kritisch: Viele, viele Jahre habe es einen „Blindflug“ gegeben, bei der Information der Betroffenen – einen Punkt, den mehrere Diskutanten angesprochen hatten – sei die Steiermark „ganz schlecht aufgestellt“, auch wenn es mittlerweile Initiativen wie die Pflegedrehscheibe Graz und ähnliche Projekte in Deutschlandsberg und Leibnitz gebe.
Die Zielrichtung hatte Ärztekammerpräsident Herwig Lindner bereits in seinem Eingangsstatement definiert: Es gehe um einen „Weckruf“ für ein System, das manchmal „menschenblind“ und auch schwerhörig sei. Das ist dem „Rufer“ Gutschelhofer und seinen Mitdiskutanten gelungen. Damit er nachhaltig wird, sind Folgeveranstaltungen sicher notwendig. Darüber wird bereits laut nachgedacht.


Video von der Diskussion: www.youtube.com/aerztenews

Link zur Veranstaltung

 

Fotocredit: Ärztekammer Steiermark / Schiffer




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