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Ein Arzt in Deutschland

Gregor Janezic ging als junger Arzt nach Deutschland. Und ist froh darüber. Eine Rückkehr nach Österreich ist für ihn denkbar. Wenn die Bedingungen passen.

Was waren Ihre Motive?
Janezic: Zum einen fand ich die Kombination aus Unfallchirurgie und Orthopädie beim deutschen Facharzt, der ja aus einer breiten Basisausbildung besteht, sehr interessant. Zum anderen hätte ich nach Beendigung meines Studiums im Jahr 2008 einige Monate auf einen Turnusarztplatz warten müssen. In Deutschland gab es viele freie Assistenzarztstellen, die man sofort antreten konnte. Und so wagte ich diesen Schritt, bevor ich zu Hause sitze und warte.

Und die Bilanz?
Nach sechs Jahren Facharzt¬ausbildung in Deutschland kann ich auf eine solide klinische und patientenorientierte Ausbildung zurückschauen. Meine Erwartungen wurden erfüllt, aber vor allem wurde mir rasch die Sorge genommen, dass aufgrund des Fehlens des Turnus ein Defizit zurückbleibt. Das Curriculum besteht in den ersten beiden Jahren aus einer umfassenden basischirurgischen Ausbildung in der Unfall-, aber auch Allgemein-, Visceral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie. Im Zuge der Stationsarbeit und des klinischen Alltags werden aber auch unvermeidlich die wichtigsten internistischen Aspekte ausreichend abgedeckt. Hinzu kamen sechs Monate durchgehende Assistenzzeit auf einer interdisziplinären großen Intensivstation. Weiters habe ich in meinem dritten Jahr die Ausbildung zum Notarzt abgeschlossen und mache seitdem regelmäßig Notarztdienste an unserem Standort. Wenn ich mich mit meinen „österreichischen“ Kollegen mit abgeschlossener Turnusarztausbildung vergleiche, kann ich keinen wesentlichen Unterschied – für unsere Arbeit als Unfallchirurgen – entdecken.

Die wichtigsten Unterschiede?
In Deutschland wurde der Stellenwert der ärztlichen Weiterbildung von den Verantwortlichen vor Jahren erkannt. Er ergab sich aus einem Mangel an Fachkräften in unattraktiveren Fächern, aber vor allem resultierte er aus der Unzufriedenheit der Auszubildenden. Gut definierte Curricula, eine Weiterbildungsordnung, an die Chefärzte sich zu halten haben, und grundlegender Respekt gegenüber dem Assistenzpersonal sind hieraus entstandene Charakteristika. Die Tatsache, von Beginn an approbierter Arzt zu sein und zugleich seine fachspezifische Ausbildung beginnen zu können, sehe ich als wichtigsten Vorteil an. Kein Anfänger wird angeleitet, Eingriffe durchzuführen oder Entscheidungen zu treffen, zu denen er sich noch nicht reif genug fühlt. Aber die Möglichkeit der rascheren Übertragung von Verantwortung macht es vor allem dem Ausbildner leichter, den Assis¬tenten zielgerecht einzusetzen und individuell praktisch arbeiten zu lassen. Zu erwähnen ist auch eine durch genaue Arbeitszeitenregelungen verbesserte Lebensqualität. Die Tarifverträge sprechen hier eine klare Sprache, Überstunden, sofern sie anfallen, werden exakt dokumentiert, müssen entweder baldigst in Freizeitausgleich abgegolten werden oder ausbezahlt werden. Zum Nachtdienst kommt man zu Mittag, geht danach in der Früh nach Hause und hat einen Tag Erholungszeit. Entscheidend ist auch, dass das Grundgehalt adäquat hoch ist, Jahr für Jahr dem Ausbildungsgrad angepasst wird und ein guter Verdienst nicht über die Menge der Dienste erreicht werden muss.

Was würden Sie jüngeren Kolleginnen und Kollegen raten?
Ich würde ihr oder ihm vor allem empfehlen, sich den großen „Markt“ und seine Möglichkeiten zu Nutze zu machen. In Form von Vorstellungsgesprächen begleitet von Hospitationen über mindestens ein- bis zwei Tage gilt es herauszufinden, ob einem eine Klinik, ein Chefarzt und sein Team sowie die Ausbildungsmöglichkeiten liegen. Das gilt für das Krankenhaus vor der Haustür in Österreich, aber ebenso für eine Option in Deutschland oder anderswo. Die Zeit der demütigen Verneigung, den weißen Mantel tragen zu dürfen und sein Schicksal als medizinische Hilfskraft zu akzeptieren, ist vorbei. Manche Kliniken haben das verstanden und kümmern sich um ihren ärztlichen Nachwuchs und manche eben noch nicht.

Ist es für Sie denkbar, wieder in die Steiermark zurückzukehren? Was müsste sich gegebenenfalls dafür ändern?
Auf jeden Fall ist die Heimkehr nach Österreich – schon alleine aus persönlichen Gründen – mein mittel- bis langfristiges Ziel. Zur Zeit besteht allerdings noch eine große Schwierigkeit in Österreich bei der Anrechnung meiner unfallchirurgischen Ausbildung, da die ÖÄK aufgrund der Gesetzmäßigkeiten meinen Facharzt nicht anerkennt. Das Anerkennungssystem für ärztliche Facharztdiplome im europäischen Wirtschaftsraum ist durch die Berufsqualifikationsrichtlinie 2005/36/EG, die im Ärztegesetz 1998 umgesetzt worden ist, reglementiert. Die Unfallchirurgie wurde hierbei allerdings nicht berücksichtigt. Eine konkrete Vorabinformation ist hier schwer zu bekommen, aber angeblich würden mir Gegenfächer fehlen und somit wären die Ausbildungssysteme nicht vergleichbar. Und so kommt es, dass eine Anerkennung einer akademischen berufsbezogenen Ausbildung zwischen zwei EU Ländern abgelehnt wird, die sich in ihrer grundsätzlichen Struktur von jeher kaum ähnlicher sein könnten.

Angesichts des ständig postulierten Fachkräftemangels könnte dies nicht zuletzt aus volkswirtschaftlicher Sicht fatale Folgen haben. Immer mehr Kollegen in meinem Umfeld ziehen aufgrund besserer Bedingungen und geringerer bürokratischer Hürden einen Umzug in andere EU Länder – v.a. in den skandinavischen Raum – in Betracht. Hier herrscht meines Erachtens massiver Aufholbedarf.

Sollte man sich im Zuge des geplanten „neuen Facharztes“ für eine Harmonisierung der Systeme – und somit für eine Anerkennung entscheiden, würde mir das vermutlich die Türen in meine Heimat wieder öffnen. Ich denke, eine ausreichende Qualifikation ist vorhanden.

 


Fotocredit: beigestellt

Symbolbild 1
 



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