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19.09.2022, 19:30 Uhr

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AERZTE Steiermark 07-08/2022

 

Frauen in der Chirurgie: „Kein rosa Leiberl!“

Auf dem 63. Österreichischen Chirurgenkongress Mitte Juni in Graz sprachen namhafte Chirurginnen über ihre Erfahrungen in einer (ehemaligen) Männerdomäne.

Der 63. Österreichische Chirurgenkongress der Fachgesellschaft für Chirurgie stand heuer unter dem Motto „Bewährtes optimieren – Neues etablieren“. Neu im heurigen Themen-Portfolio war die Sitzung zum Thema „Frauen in der Chirurgie“.

Waren um die Jahrtausendwende rund zwölf Prozent der Chirurg*innen weiblich, steigt ihr Anteil seither stetig. „Im Jahr 2019 sind bei der Facharztprüfung Chirurgie erstmals gleich viele Frauen wie Männer angetreten“, berichtet Martina Lemmerer, Chirurgie-Primaria der Privatklinik Villach und Mitglied der Prüfungskommission. Lemmerer ist auch eine der Chairwomen des Frauen-in-der-Chirurgie-Blocks am Chirurgenkongress. „Das Thema Frau und Chirurgie war schon sehr lange gewünscht – und ist nun endlich salonfähig.“

Trotz Parität bei der Facharztprüfung werden die chirurgischen Abteilungen und Kliniken selten von Primar­ärztinnen geführt. Erfolgreiche Chirurginnen sehen den Faktor, der Frauen in ihrer chirurgischen Berufslaufbahn noch immer häufig bremst, in der Reproduktionsphase: in den eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten während der Schwangerschaft und im Problem der Organisation von wirklich bedarfsorientierter Kinderbetreuung. Für Ärzt*innen muss die Betreuungsmöglichkeit nun einmal sehr spezielle Arbeitszeiten abdecken.

 

Dickes Fell, glückliches Naturell

Jene Frauen, die es in der Chirurgie ganz nach oben geschafft haben, sehen naturgemäß die Voraussetzungen für einen Aufstieg in der Männerdomäne gegeben. Ein dickes Fell, so könnte man es flapsig formulieren, mussten sie sich allemal zulegen. „Ich bin nicht leicht zu beleidigen und ich habe mich schon auch gewehrt“, erklärt etwa Hildegunde Piza-Katzer, die Doyenne der plastischen Chirurgie, erste entsprechende Ordinaria im deutschsprachigen Raum und Haupt-Operateurin der ersten erfolgreichen Hand-Transplantation in Österreich.

„Es gibt sicher blöde Ansagen zu Frauen in der Chirurgie, aber die waren mir immer sowas von egal“, betont Freyja-Maria Smolle-Jüttner, Leiterin der Abteilung für Thorax- und hyperbare Chirurgie am Uniklinikum Graz im AERZTE Steiermark-Interview. „Ich habe diesbezüglich wahrscheinlich ein glückliches Naturell.“ Smolle-Jüttner sieht die Chirurgie generell als ein Fach, das von Ärztinnen und Ärzten besonderes körperliches wie geistiges Durchhaltevermögen und psychische Stabilität erfordert. „Da geht es rau zu, wir gehen nicht immer liebevoll miteinander um. Aber in Notsituationen arbeiten wir wieder Schulter an Schulter.“ In der Chirurgie sei es wie beim Fußball – mit Fouls sei zu rechnen. „Da kann ich mir als Frau kein rosa Leiberl anziehen, auf dem ,bitte nicht foulen´ steht und mich beim ersten Anzeichen von Müdigkeit vom Platz stehlen. Wer nicht voll mitspielt, wird beim nächs­ten Turnier nicht aufgestellt – und braucht sich darüber nicht zu wundern.“

 

Ziel und Zufall

Der Weg der beiden Frauen in die Chirurgie könnte kaum unterschiedlicher begonnen haben: Während Smolle-Jüttner schon ab den ersten Famulaturen vom Fach fasziniert war und nichts anderes erlernen wollte, kam Piza-Katzer eher durch Zufall dazu. „Ich wollte einmal raus aus Graz, wo ich bei den Barmherzigen Brüdern in Eggenberg gearbeitet habe. Ich wollte bei den Salzburger Festspielen Karajan hören und Böhm …“ So ließ sich Piza-Katzer im Turnus zu den Barmherzigen Brüdern in Salzburg versetzen, wurde der chirurgischen Abteilung zugeteilt und durfte in Zeiten akuter Personalnot zeigen, was sie kann. Im wahrsten Sinne des Wortes „zeigen“. „Als nach dem Oberarzt auch der Assistenzarzt krank wurde, hat mich die Oberschwester gefragt, ob ich nähen kann. Daraufhin habe ich ihr mein aktuelles Handarbeitsstück präsentiert. Sie war offenbar zufrieden und hat mich dann im chirurgischen Nähen angelernt.“ Auch nach Rückkehr der Fachärzte sorgte die geistliche Schwester dafür, dass Piza-Katzer ihre Kompetenz einsetzen konnte. „Sie können gehen, Herr Primar, ich näh´s mit der Frau Doktor zu“, soll sie gesagt haben. Als Piza-Katzer jedoch an die Erste Chirurgie in Wien wechseln wollte, erklärte ihr der dortige Vorstand, er stelle prinzipiell keine Frauen ein. Erbost schrieb sie ihm noch auf dem Heimweg im Zug einen Brief voller Widerworte und kündigte an, ihren Weg schon zu machen. So kam es. Auf dem Zenit ihrer eigenen Karriere, als Ordinaria für plastische und Wiederherstellungschirurgie in Innsbruck, förderte Piza-Katzer dann selbst interessierte Studierende und junge Ärzt*innen. „Es zeigt sich schnell, wer wirkliches Interesse hat und bereit ist, auch entsprechend viel Zeit in die Ausbildung zu investieren.“

 

Einander ergänzen

Sind Frauen nun eine andere Art von Chirurgen? „Frauen operieren im Durchschnitt gesehen sorgfältiger“, so die Erfahrung von Smolle-Jüttner. „Dadurch ergeben sich vielleicht unterm Strich weniger Komplikationen.“  Wer jetzt meint, sie würde deswegen eine rein weibliche Chirurgie forcieren wollen, der irrt. „Frauen wagen sich oft nicht so weit vor wie Männer und probieren weniger beherzt Neues aus. Daher ist es immer gut, Frauen wie Männer an der Abteilung zu beschäftigen.“

Unterschiedliche Herangehensweisen ortet Smolle-Jüttner auch beim Netzwerken, wo Frauen sich mehr auf private Themen fokussieren, während Männer die beruflichen Seilschaften suchen. Niemals möchte sie unterstellen, dass Männer unkollegialer handeln würden als Frauen: „Männer wie Frauen tragen das Potential in sich, fies zu sein – und leben es nicht immer aus.“ Zotigen Witzen und derben Ansagen, wie sie bei Männern häufiger vorkämen, sei sie immer auf derselben Ebene begegnet.

„Frauen müssen lernen, für sich zu argumentieren“, fordert Piza-Katzer. Ihren Mann zu stehen, sozusagen. Ihr selbst haben aber durchaus auch typisch weibliche Kompetenzen dabei geholfen, in der Chirurgie und im Krankenhausbetrieb zu reüssieren. Erfolgreich eingebracht hat sie nicht nur ihre im Handarbeiten geschulte Fingerfertigkeit, sondern auch den hausfraulich vorsichtigen Umgang mit Geld, als sie im Krankenhaus Lainz als Leiterin der Abteilung für plastische Chirurgie einen drastischen Sparkurs fahren musste und sich damit den Respekt des Spitalserhalters erarbeitete.

 

Skepsis gegenüber Förderung

Speziellen Frauen-Förderprogrammen begegnen beide erfahrenen Chirurginnen sehr skeptisch. „Derartiges verursacht ein Lager-Denken zwischen Männern und Frauen. Wenn eine gesonderte Förderung nötig ist, damit es Frauen schaffen, sieht es so aus, als wären sie nicht gleichwertig in ihrer Kompetenz“, gibt Smolle-Jüttner zu bedenken. Auch Piza-Katzer wollte keinesfalls im Zuge einer extra Ausschreibung für Frauen an die Innsbrucker Med Uni berufen werden. „Sonst heißt es gleich, man sei nur auf der Frauen-Schiene gekommen.“ Erst als sie persönlich eingeladen wurde, ein Konzept zu erstellen – also auf rein fachlicher Ebene angesprochen wurde –, engagierte sie sich. Unisono betonen Piza-Katzer und Smolle-Jüttner, wie wichtig für sie privat die volle Unterstützung des Partners bei der Verwirklichung ihrer Karrierewünsche und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie war. Beide haben erfolgreiche Ärzte geheiratet. Beide haben aber auch die Herausforderung von Mutterschaft und Chirurgie kennengelernt.

 

Stimmung pro OP

Die Herausforderung beginnt schon während der Schwangerschaft, wo durch die Schutzbestimmungen Ausbildungszeit verloren geht oder Karrieren ins Stocken geraten. In diesem Bereich setzen sich – nicht nur junge – Ärztinnen und Ärzte nun für eine Veränderung ein. Denn derzeit sieht die Gesetzeslage vor, dass ab Bekanntgabe einer Schwangerschaft keine chirurgischen Tätigkeiten mehr durchgeführt werden dürfen.

Daraus resultiert häufig, dass (angehende) Chirurginnen ihre Schwangerschaft erst bekanntgeben, wenn sich diese gar nicht mehr verbergen lässt – oder wenn sie unter körperlichen Einschränkungen leiden, die ihnen das Weiteroperieren verunmöglichen.

„Die Schutzbestimmungen, wonach während einer Schwangerschaft keine invasive ärztliche Tätigkeit ausgeübt werden darf, sind heute nicht mehr alle aktuell“, ist die Grazer Gynäkologie-Assistenzärztin Nadja Taumberger überzeugt. Als stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft „Junge Gynäkologie“ in der gynäkologischen Fachgesellschaft OeGGG war sie federführend an einer Umfrage unter österreichischen Ärzt*innen beteiligt, zu der soeben das Paper „Operieren während der Schwangerschaft? Die Erhebung eines österreichweiten Stimmungsbildes unter chirurgisch tätigen Ärzt*innen“ veröffentlicht wurde. Taumberger gab Einblick in die grundsätzliche Tendenz: „Über 90 Prozent der Befragten haben dafür gestimmt, dass auf Wunsch und risikoadaptiert weiteroperiert werden kann. Und zwar unabhängig vom Geschlecht und von ihrem beruflichen Status.“ Mit „risikoadaptiertem“ Operieren ist gemeint, dass keine Notfall-OPs gemacht werden, nur elektive Eingriffe, vor denen alle Patient*innen auf Hepatitis C und HIV gescreent wurden, dass die Operationen maximal vier Stunden dauern, es eine Sitzmöglichkeit für eine kurze Pause gibt und doppelte Handschuhe getragen werden. Auch in Deutschland, wo schwangere Ärztinnen mittlerweile unter geschützten Bedingungen operieren dürfen, nahm die gesetzliche Neuregelung ihren Anfang mit einer Umfrage, ob eine Änderung von den betroffenen Chirurginnen überhaupt gewünscht sei.

 

Literatur zum Thema:

Volker Klimpel: Chirurginnen. Kaden Verlag 2021. EUR 25,50

ISBN [print] 978-3-942825-87-0, ISBN [eBook] 978-3-942825-88-7

Nadja Taumberger, Philipp Fößleitner, Karin Windsperger: Operieren in der Schwangerschaft? Die Erhebung eines österreichweiten Stimmungsbildes unter chirurgisch-tätigen Ärzt*innen. In: Geburtshilfe Frauenheilkunde 2022; 82(06): S. 44, DOI: 10.1055/s-0042-1750228




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