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Bezirksärzteversammlung Leoben
19.09.2022, 19:30 Uhr

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AERZTE Steiermark 02/2022

 

Hilfe für Gewaltopfer: Hinschauen – Zuhören – Handeln

Ärztinnen und Ärzte sind oft die ersten Mitmenschen, die Spuren von Gewalt an Opfern wahrnehmen. Im Rahmen der Seminare im März erklärt Gerichtsmedizinerin Isabella Klasinc, auf welche Hinweise Ärzt*innen achten sollen und was sie in weiterer Folge tun können.

Hämatome, Brüche, unklare Bauch- oder Kopfschmerzen. Spuren, die Gewalt und sexuelle Gewalt bei den Opfern hinterlassen, sind nicht immer einfach zu lesen.

„Oft geben die Körperregionen, in denen sich die Verletzungen zeigen, einen Hinweis darauf, dass sie durch Gewalt und nicht durch einen Unfall entstanden sind“, erklärt Isabella Klasinc. Sie ist Fachärztin für Gerichtsmedizin und als solche am Diagnostik- & Forschungsinstitut für Gerichtliche Medizin sowie an der klinisch-forensischen Untersuchungsstelle der Med Uni Graz tätig. „Verletzungen an der Körperrückseite, im Genitalbereich, aber auch an den Ohren – wo man sich nicht so leicht verletzt – sollten Ärztinnen und Ärzte wachsam machen. Einen entsprechenden Hinweis geben auch viele blaue Flecken, die unterschiedlich alt sind.“ Zur Interpretation der Hämatome gehört eine Portion ärztliches Gespür. So ist es zum Beispiel normal, dass Kinder an der Vorderseite der Unterschenkel einige, auch unterschiedlich alte, Hämatome aufweisen.

 

Lieber zu oft

Neben dem aktiven Hinschauen braucht es das feine Zuhören. „Passt der erzählte Unfallhergang nicht zum Verletzungsbild oder zur Schwere der Verletzung, sollten Ärztinnen und Ärzte jedenfalls hellhörig werden“, so Klasinc. Oft wird aber auch implizit mehr erzählt als explizit ausgesprochen.

Im Zweifelsfall rät Klasinc jedenfalls dazu, die klinisch-forensische Untersuchungsstelle zu Rate zu ziehen, lieber einmal zu oft als einmal zu selten. Diese untersucht jede Form von Verdacht auf Gewalt an Lebenden, an Erwachsenen wie an Kindern, an Männern wie an Frauen.

Im Schnitt führt die Stelle jährlich 90 bis 100 Untersuchungen durch, je zur Hälfte an Erwachsenen und Kindern; 2021 waren es etwas mehr Erwachsene. Ein etwaiger Peak durch mehr häusliche Gewalt in Pandemie-Zeiten lässt sich derzeit nicht beobachten. Unter den Erwachsenen findet sich, wie zu erwarten, ein deutlicher Überhang an Frauen. Im Jahr 2021 waren 53 von 57 untersuchten Erwachsenen weiblich. „Männliche Gewaltopfer gibt es auch, beispielsweise bei Raufhandel, aber die landen eher in den Spitalsambulanzen als bei uns“, erläutert Klasinc. Von sexueller Gewalt sind deutlich mehr Mädchen und Frauen als Buben und Männer betroffen. Vereinzelt werden aber auch Männer zu Opfern. In der Arbeit mit Opfern sexueller Gewalt kooperiert die klinisch-forensische Untersuchungsstelle eng mit der Universitätsklinik für Frauenheilkunde.

 

Sensibel kommunizieren

Klasinc betont, wie wichtig es sei, gerade bei einem Verdacht auf Gewalt gegen Kinder, jegliche Beschuldigung der Eltern oder anderer Begleitpersonen zu vermeiden: „Ich würde eher formulieren, dass ein Kind, um jeglichen Verdacht auf Misshandlung zu entkräften, zur Abklärung ins Krankenhaus geschickt werden soll.“

Sämtliche Verletzungsanzeigen, die bei Kindern und bei schwerer Körperverletzung von Erwachsenen ja verpflichtend sind, sollten gegen unbekannt erstattet werden. In jeder Hinsicht beruhigt können Ärztinnen und Ärzte sein, die eine Verletzung ihrer Schweigepflicht befürchten, wenn sie mutmaßliche Gewalt anzeigen. „Die Unversehrtheit einer Person ist ein höheres Gut als die ärztliche Schweigepflicht“, präzisiert die Gerichtsmedizinerin.

Auch im direkten Gespräch mit einem erwachsenen mutmaßlichen Gewaltopfer stehen Ärztinnen und Ärzte vor einem kommunikativen Drahtseilakt. „Vielleicht möchten Sie nicht darüber reden, aber mir fällt auf, dass …“, wäre, so Klasinc, ein vorsichtiger Gesprächseinstieg.

Wichtig ist, den Opfern die Möglichkeit aufzuzeigen, sich untersuchen zu lassen und die Spuren der Gewalt dokumentieren zu lassen. Selbst wenn sie in diesem Moment noch keine Anzeige erstatten wollen. „Es steht uns nicht zu, jemandem eine derartige Entscheidung aufzuzwingen. Wir dokumentieren die Verletzungen und asservieren zusätzlich zu den schriftlichen Aufzeichnungen und Fotos auch biologische Spuren. Aber wir drängen niemanden zu einer Entscheidung, sonst kämen die Opfer nicht mehr zu uns.“

 

Gewaltspirale unterbrechen

Präventiv können die behandelnden Ärztinnen und Ärzte nichts gegen Gewalt unternehmen. Aber sie können durch ihre Diagnostik und die Weitervermittlung an Fachleute (die klinisch-forensische Untersuchungsstelle, aber auch an Gewaltschutzzentren, Frauenhäuser etc.) Gewaltspiralen durchbrechen. „Wird nichts unternommen, ist es bei häuslicher Gewalt üblich, dass die Abstände zwischen den Übergriffen immer kürzer und die Intensität der Gewalt immer stärker werden“, betont die Gerichtsmedizinerin. Allein kommt ein Opfer, oft aus emotionaler und/oder wirtschaftlicher Abhängigkeit, nur selten aus dem Teufelskreis heraus.

„Für uns zählt es als Erfolg, wenn jemand über Jahre hinweg immer wieder zu uns gekommen ist – und eines Tages erhalten wir von den Justizbehörden oder vom Opfer selbst die Anfrage, unsere Dokumentation zu übergeben. Dann wissen wir, es ist zu einer Anzeige gekommen und jede Verletzung, die wir festgestellt haben und jede Spur, die wir gesichert haben, wird die Aussage des Opfers stützen und erhöht die Chance, dass der Täter zur Rechenschaft gezogen wird.“

 

Die klinisch-forensische Untersuchungsstelle der Med Uni Graz (Universitätsplatz 4) ist von Dienstag bis Donnerstag von 8.00 bis 16.00 und von Freitag, 8.00 Uhr bis Montag, 16.00 Uhr durchgehend unter der Telefonnummer  0664 84 38 241 zu erreichen, ebenso feiertags ganztägig.

 Mehr zum Thema und Diskussionsmöglichkeit bei den Seminaren im März :

„Tools für die Diagnostik von Gewalt in der ärztlichen Praxis“, am Mittwoch, 30. März 2022, von 16.00 bis 19.00 Uhr, 4 DFP-Punkte, Anmeldung

 

Fotos: beigestellt, Adobe Stock, Shutterstock

 




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